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Sechs Tipps für den Umgang mit Verschwörungstheoretiker*innen

Verschwörungstheorien haben gerade Hochkonjunktur. Die Journalistin Dana Buchzik ist in einer radikalen Sekte aufgewachsen – seit ihrem Ausstieg beschäftigt sie sich mit den Themen Radikalisierung und Deradikalisierung. Sie erklärt, wie man am besten mit Menschen umgeht, die in eine extreme Richtung abzudriften drohen. 

Wir alle kennen mindestens eine Person, deren Worte uns Bauchschmerzen machen: sei es der Onkel, der gegen Geflüchtete hetzt, die Kusine, die weder sich noch ihre Kinder impfen lässt oder die Schwägerin, die Covid-19 zum Hoax erklärt. Radikalisierung kann zwischenmenschliche Bindungen nicht nur gefährden, sondern auch zerstören, denn Radikalisierte sind für ihr Gegenüber kaum noch wiederzuerkennen: Wer vorher ruhig und zurückhaltend war, tritt plötzlich laut und zornig auf; Hobbys und Freundschaften, die vorher wichtig waren, werden nicht mehr erwähnt; wer reflektiert und kritisch war, sieht plötzlich überall Verschwörung und düstere Mächte.

Permanent wird gepredigt und aufgeklärt, oft in einem abwertenden und aggressiven Tonfall. Familie und Freund*innen missverstehen das oft als persönliche Kränkung, es ist aber „nur“ Ausdruck eines inneren Konflikts: Radikalisierung funktioniert wie eine künstliche Identität, die sich über die eigentliche Persönlichkeit legt und diese zu unterdrücken versucht. Ob am Ende ein*e religiöse*r Fanatiker*in oder ein Neonazi herauskommt: Die Psychologie von Radikalisierungsprozessen ist immer die gleiche.

Radikalisierung erkennen

Ob wir nun über Trolle im Netz sprechen, über Verschwörungstheoretiker*innen, über Anhänger*innen von Wunderheiler*innen oder unseriöse Coaches, über Sektenmitglieder, über politische Extreme: Wir müssen uns klarmachen, dass wir hier nicht von verschiedenen Problemen sprechen, sondern von einem. Und wir müssen verstehen, dass der Schlüssel zur Lösung dieses Problems in unseren Händen liegt. Nur Familienmitglieder und enge Freund*innen haben die Chance, Radikalisierung zu erkennen und zu handeln, bevor Betroffene für sich oder andere zur Gefahr werden. Deswegen arbeiten Akteur*innen wie Women without Borders oder GIRDS (German Institute on Radicalization and De-Radicalization Studies) seit Jahren mit Familien, im Speziellen mit Müttern, als mächtige Allianzen gegen Radikalisierung.

Wenn wir verstehen, wie Radikalisierungsprozesse ablaufen, können wir im Gespräch nicht nur uns selbst besser schützen, sondern auch unserem Gegenüber vermitteln, dass es noch immer einen gemeinsamen Boden humanistischer Werte gibt, auf den sie*er zurückkehren kann.

Sechs Tipps, wie du mit Radikalisierung in deinem direkten Umfeld umgehen kannst

1. Die Erinnerung an den Menschen

Erinnere dich an den Menschen, den du liebst. Schreib auf, was dein Gegenüber ausgemacht hat, bevor sie*er sich radikalisiert hat. Welche Menschen waren ihr*ihm wichtig? Welche Hobbys hatte sie*er? Was wollte sie*er im Leben erreichen? Worauf war sie*er stolz? Was hat ihr*ihm geholfen, wenn sie*er traurig oder verzweifelt war?

2. Das Recht auf Selbstschutz

Mache dir vor dem Gespräch klar, wo deine Grenze liegt (etwa, wenn dein Gegenüber den Holocaust leugnet). Wichtig: Bewerte dein Gegenüber nicht, sondern nutze Ich-Botschaften: „Ich fühle mich überfordert. Ich bin erschrocken und traurig. Ich bitte dich, dass du in meiner Gegenwart so etwas nicht sagst. Ich bitte dich, auf meine Gefühle Rücksicht zu nehmen.“ Das ist keine Zensur, sondern ein Recht auf Selbstschutz, das du zu jedem Zeitpunkt hast – ebenso wie dein Gegenüber.

3. Die emotionale Verbindung stärken

Setze dir ein erreichbares Ziel. Du wirst dein Gegenüber nicht in einem einzigen Gespräch deradikalisieren können. Das sollte auch nicht dein Anspruch sein. Ein realistisches Ziel für ein Gespräch könnte sein, eure emotionale Verbindung zu stärken. Erinnere dein Gegenüber an gemeinsam erlebte, fröhliche Momente. Frage sie*ihn nach Aspekten seines Alltags, die nichts mit Radikalisierung zu tun haben. Hat sie*er ein Haustier? Pflanzt sie*er Tomaten auf dem Balkon an? Hat sie*er ein neues Lieblingsessen entdeckt? Wenn sie*er unterbricht und radikale Inhalte anspricht, bitte darum, dass ihr später darüber redet, und kehre zum eigentlichen Thema zurück. Wenn sie*er aggressiv reagiert, stelle Fragen: „Was geht gerade in dir vor? Was braucht es, damit du mir vertraust?“

4. Zeige Wertschätzung

Auch wenn dein Gegenüber auf dich fremd und abweisend wirkt: Sie*er ist noch immer der Mensch, der sie*er vor der Radikalisierung war. Bring immer wieder zum Ausdruck, dass sie*er dir wichtig ist. Auch wenn sie*er wirkt, als seist du ihr*m egal: Das Gegenteil ist der Fall. Dieser Mensch hat deine Wärme jetzt dringender nötig als je zuvor.

5. Zeige Respekt

Rede dir nicht ein, dass du „so einen Quatsch“ nie glauben würdest. Radikalisierung ist in den meisten Fällen kein einsamer Prozess, sondern wird über persönliche Kontakte angestoßen und befeuert. Menschenfänger*innen rekrutieren Anhänger*innen zunehmend online, sei es auf Social Media, in Messaging-Apps oder auf Dating-Plattformen. Und Rekrutierung ist Arbeit. Menschenfänger*innen wollen ihre Zeit am liebsten in die Missionierung von gebildeten, gesunden und attraktiven Personen investieren, denn für sie zählen sowohl das Ausbeutungspotenzial als auch die Außenwirkung ihrer Opfer. Missionierung ist eine manipulative Meisterleistung. Jeder Mensch läuft in einer fragilen Lebenssituation Gefahr, zum Opfer zu werden.

6. Frag nach

Versuche, einzuschätzen, wie das Leben deines Gegenübers aktuell aussieht. Gab es berufliche oder private Veränderungen? Könnten ein*e neue*r Partner*in, neue Freund*innen oder neue Internetkontakte sie*ihn beeinflussen? Falls sie*er in einer Gruppe organisiert ist: Welchen Rang hat sie*er, was ist ihre*seine Aufgabe? Hat sie*er persönlichen Kontakt zum*r Anführer*in? Frag nach, was genau damit gemeint ist, wenn sie*er sagt, dass sie*er glücklich ist. Versuche, herauszuhören, welches Bedürfnis die Radikalisierung befriedigt. Möchte dein Gegenüber sich zugehörig fühlen? Möchte sie*er seinen Alltag als sinnvoll(er) erleben? Möchte sie*er sich als Held*in fühlen, der*die die Welt retten kann?

(De-)Radikalisierung im persönlichen Umfeld ist eine ungerechte Aufgabe, die wir nicht gewählt haben. Sie fordert Zeit und Kraft, die wir lieber in unser eigenes Leben investieren würden. Aber es gibt keine Alternative. Laut der aktuellen „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung glauben 46 Prozent unserer Bevölkerung an „geheime Organisationen“, die politische Entscheidungen beeinflussen – und Menschen, die an Verschwörungen glauben, bewerten Gewalt eher als „legitime“ politische Ausdrucksform. Gerade deshalb ist es wichtig, im Gespräch wachsam zu bleiben: Sollte dein Gegenüber Gewalt verherrlichen, kontaktiere Beratungsstellen wie EXIT, MBR (Berlin), der Goldene Aluhut oder die Polizei.


Dana Buchzik ist selbst in einer radikalen Sekte aufgewachsen. Als junge Erwachsene schaffte sie den Absprung. Für die Protokoll-Serie „Alles neu“ hat sie uns erzählt, wie dieser Weg ausgesehen hat, und wie diese Erfahrungen ihr Leben und ihre Arbeit beeinflussen. Weiterlesen

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