Foto: Leah Kunz

Behaltet eure Vorsätze dieses Jahr doch einfach für euch!

Unsere Kolumnistin Camille Haldner schreibt alle zwei Wochen über alles, was ihr so richtig auf den Keks geht. Dieses Mal: Die öffentliche Zurschaustellung von Neujahrsvorsätzen während einer weltweiten Pandemie.

Viel wurde in diesem Pandemiejahr geschrieben über all die Dinge, die Menschen in ihrer Freizeit tun, um sich von Langeweile oder Sorgen abzulenken. Dabei entstanden gute Ideen, die einigen Leuten helfen, besser durch diese herausfordernde Zeit zu kommen. Viel wurde auch darüber gesprochen, wie anstrengend es ist, dass uns von allen Seiten vermittelt wird, wie gut wir unsere Freizeit in der Pandemie dazu nutzen können, uns selbst oder unsere Umgebung zu optimieren: Programmieren lernen, Französischkenntnisse vertiefen, Bauchmuskeln trainieren, den perfekten Sauerteigstarter züchten oder die Wohnung Instagram-tauglich machen.

Dass dieser Wettbewerb um die ausgefallensten Projekte oder die besten Selbstoptimierungsschritte problematisch ist, und wir generell hinterfragen sollten, weshalb selbst Freizeitbeschäftigungen uns irgendwie besser machen sollen, wurde bereits an anderer Stelle besprochen. Eines kann jedoch nicht oft genug gesagt werden: Alle, die gelähmt sind vor Sorge, müde ob all des Stresses und deshalb gerade mal die nötigsten Alltagstasks bewältigt kriegen, sind nicht weniger wert als ihre produktiv-kreativen Mitmenschen. 

Bleibt mir weg mit euren Neujahrsvorsätzen

Warum also buddle ich dieses Thema, über das bereits in den ersten Monaten der Pandemie geschrieben wurde, wieder aus? Ich bin genervt von den Menschen, die uns diese Woche erzählen, was sie sich für das neue Jahr so vornehmen, um dieses und jenes besser zu machen. Ich bin generell überhaupt kein Fan von Vorsätzen. Wer etwas verändern möchte, braucht dafür keine wechselnde Jahreszahl. Neujahrsvorsätze sind häufig nichts weiter als künstlich heraufbeschworener Druck, immer noch mehr aus sich herauszuholen.

„Egal, was unsere Leistungsgesellschaft uns glauben machen will: Wir sind viel mehr als unsere Produktivität.“

Allen, denen so eine Liste wirklich etwas bringt, bitte, tut euch keinen Zwang an. Aber alle anderen bitte auch nicht. Denn egal, was unsere Leistungsgesellschaft uns glauben machen will: Wir sind viel mehr als unsere Produktivität. Sich jede Menge Dinge vorzunehmen, geknüpft an bestimmte Daten, endet meist nur damit, dass man sich bereits Ende Januar wie ein*e Versager*in vorkommt. Und ich bin mir sicher, dass genau dieser Effekt in Zeiten von Shutdown, Stress und Sorgen – wo eh nichts nach Plan läuft – noch multipliziert wird.

Es ist okay, einfach nur zu überleben

Es ist total okay, sich für 2021 nicht noch mehr aufs Tablett zu laden, sondern dieses möglichst durch die kommende Zeit zu balancieren, ohne dass alles herunterfällt oder uns dessen Gewicht in die Knie zwingt. Wem es hilft, psychisch gesund zu bleiben und nicht die Nerven zu verlieren, soll sich unbedingt so eine Liste schreiben. Allerdings würde ich mir wünschen, dass die betreffenden Person ihre Optimierungs-To-dos fürs neue Jahr ausnahmsweise mal nicht auf Social Media breit treten. 

Mit dieser Zurschaustellung von Leistungswillen kurbeln die Vorsatzfans das Hamsterrad nämlich nicht nur für sich selbst weiter an, sondern zwingen indirekt auch viele andere Menschen dazu, schneller zu laufen. Aus Angst, sonst abgehängt zu werden.

Wir rennen bereits das ganze Jahr. Allen, die in den kommenden Wochen, gar Monaten – mutiertes Virus und Shutdown sei „Dank“ – also das Privileg haben, mehr Zeit zuhause zu verbringen und dort einen Gang herunterzuschalten, möchte ich sagen: Es ist okay den Druck rauszunehmen, zu entspannen – oder einfach nur zu überleben. Statt zu denken, dass wir uns wie Rädchen immer weiter drehen müssen, sollten wir innehalten, zulassen, dass das Getriebe zum Erliegen kommt und die dadurch entstandene Stille genießen. 

„Statt zu denken, dass wir uns wie Rädchen immer weiter drehen müssen, sollten wir innehalten, zulassen, dass das Getriebe zum Erliegen kommt und die dadurch entstandene Stille genießen.“

Und dann lasst uns doch bitte auch noch das toxische Mindset – Pausen seien dafür da, Energie für weiteren Output zu sammeln – zusammen mit dem Restmüll von 2020 in die Tonne werfen.

Pausen sind nämlich dafür vorgesehen, sich den vielen schönen Facetten des Lebens, abgekoppelt von Leistung, zu widmen. Jede andere Vorstellung von Ruhephasen wurde uns eingetrichtert von einer Gesellschaft, die viel zu sehr auf Wachstum, statt auf nachhaltige (persönliche) Entwicklung getrimmt ist.

Die Philosophin Ariadne von Schirach sagte zum zunehmenden Selbstoptimierungswahn in einem Interview: „Die Qualität unseres Lebens lässt sich nicht an dem messen, was wir besitzen, leisten oder darstellen. Sondern an dem, was wir fühlen, erfahren und geben können, wie wir mit anderen verbunden sind, kurz: wie reich unsere innere Welt ist.“

Gesundheit, alles andere kann hinten anstehen

In meinem näheren Umfeld hatten in diesem Jahr gleich mehrere Menschen ein Burnout. Ja, die haben Menschen in einer Leistungsgesellschaft leider laufend (tragisch). Und doch ist es kein Zufall, dass ich in diesem Jahr nicht nur davon lese, sondern rund um mich herum Leute vor lauter Erschöpfung nicht mehr wissen, wo oben und unten ist.

Das betrifft zum einen all jene, die in systemrelevanten Berufen arbeiten und viel zu wenig Unterstützung erfahren (lest dazu auch diesen wichtigen Kommentar von Helen Hahne). Es betrifft aber auch Menschen, die ihrer Arbeit bequem(er) in ihrem Home Office nachgehen können. Eine Studie zu mentaler Gesundheit im Home Office (Quelle: Linkedin) hat beispielsweise ergeben, dass 80 Prozent der Deutschen zuhause Mehrarbeit leisten – fast 30 Prozent von ihnen sogar vier oder mehr Stunden am Tag. Und das macht sich bemerkbar. Bereits im Sommer registrierten Psychiater*innen einen Anstieg an Patient*innen. Wie das nach einem Winter mit wenig Licht, viel Einsamkeit und jeder Menge Ungewissheit aussehen wird, können wir uns ungefähr ausrechnen. 

Wir durchleben ein Jahrhundertereignis, das dank diverser abgefuckter Gründe in die Geschichte eingehen wird. Das macht sich bei uns allen bemerkbar, ob bewusst oder unbewusst. Das wichtigste Ziel sollte also sein, dass möglichst viele Menschen diese Zeit (gut) überstehen. Alles andere, jeder vermeidbare Stress oder Druck, muss meiner Meinung nach hinten anstehen. 

Pause um der Pause Willen

Es einigermaßen mental gesund und körperlich unversehrt ans Ende dieses sehr fordernden Jahres geschafft zu haben, ist in erster Linie ein Privileg. Es ist aber auch eine Herausforderung – eine kollektive sowie individuelle. Wir ahnen jetzt schon, dass zumindest die erste Hälfte von 2021, wenn nicht das ganze neue Jahr genauso herausfordernd werden könnte wie das vorherige.

Zahlreiche Menschen sind weiterhin mit gesundheitlichen, finanziellen, ja existenziellen Sorgen konfrontiert. Und das wird leider nicht nur so lange andauern, bis die Welt einen Weg gefunden hat, dieses Virus erfolgreich zu bekämpfen, sondern bis wir all die durch die Pandemie entstandenen Scherbenhaufen aufgesammelt haben.

Also lasst uns doch bitte durchatmen, Kraft tanken und wenn möglich einfach mal sein. Einfach mal genießen, dass wir – im Gegensatz zu vielen anderen Menschen – überhaupt noch sein dürfen.

In ihrer neuen Kolumne „Wann hören wir endlich auf …?“ schreibt unsere Redakteurin Camille Haldner über all die Dinge, die ihr so richtig auf den Keks gehen. Aussagen und Handlungen, die einer gleichberechtigten, feministischen, aufgeschlossenen Gesellschaft nicht würdig sind – und mit denen wir endlich aufhören sollten.

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Von Basel nach Berlin, vom SRF zu EDITION F, vom Social Media-Job zur Redakteurinnen-Stelle. Als Redakteurin bei EDITION F widme ich mich all den inspirierenden Geschichten und Persönlichkeiten, die mir jeden Tag begegnen. In meiner Kolumne „Wann hören wir endlich auf ... ?“ schreibe ich über all die Dinge, die mir so richtig auf den Keks gehen.

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