Foto: Leah Kunz

Wann hören wir endlich auf, „Lächel doch mal“ zu sagen?

Unsere Kolumnistin Camille Haldner schreibt über alles, was ihr so richtig auf den Keks geht. Dieses Mal: Männer, die Frauen vorschreiben, was sie mit ihren Gesichtsmuskeln anstellen sollen.

Stellt euch folgende Situation vor: Eine renommierte Wissenschaftlerin, Autorin und promovierte Politökonomin ist zu Gast in einer Talkshow. Im Gespräch soll es um gesellschaftlich hochrelevante Themen wie die Klimakrise und nachhaltiges Wirtschaftswachstum gehen. Der Moderator stellt die Gästin vor, zählt Stationen ihres beeindruckenden Lebenslaufs auf und verbeißt sich dann in die Frage, warum die Wissenschaftlerin auf dem Cover ihres Buches nicht lächelt?

So geschehen im „Talk aus Berlin“ des RBB mit Maja Göpel. Mehrere Minuten peinigt der Moderator die Politökonomin mit der Frage nach ihrem Gesichtsausdruck. Er verschwendet wertvolle Minuten des 30-minütigen Gesprächs zu drängenden Themen unserer Zeit mit einer absolut nicht relevanten Frage, die – so scheint es – einfach nur dazu dient, seine Gästin vorzuführen.

Oder könnt ihr euch daran erinnern, wann ein Mann zuletzt zum Lächeln aufgefordert wurde? Nein? Ich auch nicht. Wahrscheinlich, weil das noch nie vorgekommen ist! Wie kommt man also auf die Idee, eine Frau sowas zu fragen? Und dann auch noch bei einem Thema wie der Klimakrise, das so ernst ist, dass uns allen längst das Lachen im Hals steckengeblieben sein sollte. Wir rasen auf eine Klimakatastrophe zu und inhaltlich Relevantem stellt der Moderator die Frage nach der Mimik der Autorin voran? Wirklich?

Der schwache Versuch, eine Person zum Stolpern zu bringen

Was sich in dieser Talkshow abgespielt hat, geht jedoch weit über die irritierende Themengewichtung eines alten, weißen Mannes hinaus. Es wirkt wie ein schwacher Versuch, eine Person zum Stolpern zu bringen und sie mit dem dadurch erzielten Verlust der Contenance zu diskreditieren. Maja Göpel durchschaute das Spiel, parierte gekonnt – übrigens während des gesamten anstrengenden Gesprächs – und zeigte dem Moderator souverän seine Grenzen auf.

Und doch tat die Wissenschaftlerin, wozu sich leider so viele Frauen gedrängt fühlen: Sie erklärte sich. Sie erklärte, dass sie sich bei Fotoshootings nicht sonderlich wohlfühle und mit Lächeln auf Knopfdruck schwertue. Sie reproduzierte also ein Verhaltensmuster, das typisch ist für weiblich sozialisierte Wesen in einer patriarchalen Gesellschaft. 

Von klein auf werden wir dazu erzogen, brav und lieb zu sein, Irritationen zu vermeiden und für Harmonie zu sorgen. Kurz: zu gefallen. Und selbstverständlich gibt es nichts, womit man das besser zum Ausdruck bringen könnte als mit einem netten Lächeln. *Würg*

Ihr diskreditiert euch

Ich frage mich ernsthaft, woher dieser seltsame und immer wieder geäußerte „Wunsch“ von manchen Männern kommt, eine Frau möge doch bitte lächeln? Fühlen sich diese Männer etwa so bedroht, dass sie zumindest ein aufmunterndes Lächeln brauchen? Ein Lächeln, das ihnen signalisiert, dass diese klugen, erfolgreichen Frauen doch nicht ganz so gefährlich, ja eigentlich lieb und harmlos sind?

„Science has proven that you feel better when you smile, unless a man is telling you to do it, in which case – never smile.“

Jane Fonda

Ein gut gemeinter Ratschlag: Ertragt es, dass Frauen euch Konkurrenz machen könnten, liebe Männer. Frauen müssen mit einer ganzen Reihe von Bedrohungen leben, die exklusiv für sie reserviert sind. Da werdet ihr doch mit dieser einen klarkommen: Nämlich mit der ach so schlimmen Bedrohung, eine Frau könnte fähiger sein als ihr und euch dadurch etwas wegnehmen. Lebt damit, dass die letzten Tage des Patriarchats gekommen sind (Shoutout an Margarete Stokowski und ihr gleichnamiges Buch). Was euch nicht dabei helfen wird, euren Status zu sichern: Sexistisches Verhalten an den Tag zu legen. Damit macht ihr euch einfach nur lächerlich. Ihr diskreditiert euch.  

„Du gehörst einfach mal richtig durchgefickt“

Und für alle, die jetzt entgegnen, dieser Moderator sei einfach ein gekonnter Interviewer und habe Maja Göpel durch seine Fragen Aussagen „entlockt“, die uns sonst nie zu Ohren gekommen wären, habe ich nur ein müdes Lächeln (bad pun intended) übrig. Wer mit so einer Frage die Grundlage für ein gutes Gespräch schaffen will, hat entweder verpasst zu lernen, dass eine Unterhaltung am besten auf Augenhöhe geführt wird, oder sabotiert dieses Gleichgewicht bewusst. Solche Szenen spielen sich ja nicht nur in Interviewsituationen ab, sondern immer dann, wenn Männer sich mächtiger als ihr Gegenüber fühlen wollen.

Jede Frau in meinem Umfeld kann von mindestens einer solchen Situation berichten. Hier ein „Highlight“ aus meiner persönlichen Sammlung: Als ich 16 Jahre alt war und einen ausgelassenen Abend mit Freund*innen verbrachte, setzte sich ein Typ neben mich und forderte mich auf: „Schau doch nicht so ernst, lächel mal.“ Als ich ihm mitteilte, dass ich gerade in Gedanken versunken war und lächle, wenn mir danach ist, meinte er: „Du gehörst einfach mal richtig durchgefickt. Dann würdest du lächeln.“

Diese Szene ist exemplarisch dafür, worum es sich bei der Aufforderung zu lächeln häufig auch handelt: um eine Machtdemonstration, um einen Machtabgleich. Ein Typ, der sich minderwertig fühlt, versucht, die Oberhand zu gewinnen, indem er sein Gegenüber abwertet und kleinmacht. Und das geht natürlich ganz wunderbar, wenn man einer Frau erklärt, dass sie sich falsch verhalten hat – und was sie mit ihrer Mimik zu signalisieren habe.

Keine Lust, das fragile Ego eines Mannes zu streicheln

Frauen zum Lächeln aufzufordern, ist nicht nur herablassend und paternalistisch, es ist Teil eines sexistischen Narrativs: ein misogyner Mechanismus, der dazu dient, die Kompetenz von Frauen in Frage zu stellen und sie auf ihre Körper zu reduzieren. Wir leben in einer Welt, gespickt mit Männern, die im Glauben sozialisiert wurden, dass sie die Kontrolle über die Körper von Frauen haben sollten, da diese in erster Linie zu ihrem Vergnügen existieren. Und genau diese Überzeugungen resultieren in der Aufforderung, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten. Es ist also ein Versuch, wenigstens ein bisschen Kontrolle über das Gegenüber, über den Körper einer Frau zu gewinnen – selbst wenn es nur die Kontrolle über unsere Mimik ist.

Doch wir schulden keinem Menschen der Welt einen bestimmten Gesichtsausdruck. Wir müssen nicht lächeln, wir müssen nicht lieb sein und wir müssen uns auch nicht erklären. Wir dürfen einfach sein. Niemand, wirklich niemand sollte sich dazu gedrängt fühlen, sich ein Lächeln ins Gesicht zu zementieren, insbesondere nicht, um das fragile Ego eines Mannes zu streicheln.  

In ihrer Kolumne „Wann hören wir endlich auf …?“ schreibt unsere Redakteurin Camille Haldner über all die Dinge, die ihr so richtig auf den Keks gehen. Aussagen und Handlungen, die einer gleichberechtigten, feministischen, aufgeschlossenen Gesellschaft nicht würdig sind – und mit denen wir endlich aufhören sollten.

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Seit 2019 schreibt Camille Haldner für EDITION F über gesellschaftspolitische und zwischenmenschliche Phänomene, widmet sich Kultur-, Arbeits- und Körperthemen und trägt Inhalte weiter auf die Social-Media-Kanäle des Magazins.

In ihrer Kolumne „Wann hören wir endlich auf ... ?“ thematisiert die Redakteurin all die Dinge, die ihr in Gesellschaft und Politik so richtig auf den Keks gehen.

Die Wahlberlinerin und Heimwehbaslerin hat vor, während und nach dem Studium (Journalismus & Kommunikation, ZHAW) für verschiedene Schweizer Publikationen und Medien gearbeitet, zuletzt für die Kulturredaktion des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF).

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