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Barbara: „Die Kinderwunschbehandlung hat mein Verhältnis zu meinem Körper verändert“

Vor 40 Jahren kam das erste Baby zur Welt, das außerhalb des Körpers gezeugt wurde. Auf EDITION F erzählen Frauen von ihrem Weg durch die Kinderwunschbehandlung. Barbara entschied sich nach drei Eileiterschwangerschaften für eine IVF – und hadert trotz ihrer Zwillinge mit ihrem Selbstbild als unfruchtbare Frau.

Barbara Peveling, 43, drei Kinder:

„Und plötzlich war ich eine unfruchtbare Frau. Das war das letzte, womit ich gerechnet hatte. Ich war doch damals, Anfang zwanzig, schon ungewollt schwanger geworden. Jetzt wollte ich und wurde nicht. Schlimmer noch, nach drei Eileiterschwangerschaften hatten mich Mediziner*innen für technisch unfruchtbar erklärt. „Das nächste Mal nehmen wir sie raus!“ Und mit ,sie‘ meinte der Arzt meine Eileiter. Das sind die Dinger im Unterleib, die aussehen wie lange Schlangen und die auf magische Weise die Eier in die Gebärmutter transportieren. Ich stelle sie mir immer vor wie Tiefseetiere.

Bei mir funktionierten die nicht mehr. Die erfolglosen Schwangerschaften waren der Beweis. Denn um das Ei transportieren zu können, besitzen diese Eileiter innen drin feine Härchen, durch die das Ei praktisch in die Gebärmutter klettert. Bei mir musste eine unbemerkte Infektion diese minikleinen Treppchen verklebt haben. Ich war innerlich zu. Verschlossen. Keine Frucht erreichte lebend noch meine Gebärmutter. Ich war eine Mörderin geworden. Ungewollt tötete ich in meinen Gedärmen das kommende Lebende, indem ich es in einem Organ brutal austrocknen ließ, verhungern! Ich, die niemals hatte abtreiben wollen, töte ungeborenes Leben im eigenen Leib! Das fühlte sich schrecklich an. Ich fühlte mich, wie sich Frauen in unserer Gesellschaft fühlen müssen: unfähig. Mein Körper funktionierte nicht. Schlimmer noch, da, wo er Leben schaffen sollte, brachte er den Tod. Wenn ich ein Kind wollte, musste ich eine Kinderwunschbehandlung machen. Das war nicht leicht.

Die Notwendigkeit der Kinderwunschbehandlung akzeptieren

Ich war nicht an meinem Platz. Ich fühlte mich innerlich verrückt. Mein Körper erfüllte seine Funktion nicht. Ich fühlte mich schuldig. Erst versuchte ich es über Therapien. Ich hörte Kinderwunsch-CDs und schluckte Globuli. Ich machte Diäten. Ich machte eine Gesprächstherapie. Ich nahm Antibiotika in der wilden Hoffnung, die alte Infektion doch noch bekämpfen zu können. Aber ich ignorierte, dass ein Teil einfach nur kaputt war. Sowas passiert. Dabei war es nicht mal meine Schuld, sondern die eines Arztes, der mir vor Jahren die Spirale unter schlechten Bedingungen eingesetzt hatte.

Ich unternahm alles Mögliche und noch viel mehr, um die künstliche Befruchtung zu umgehen. Es musste doch irgendwie einen anderen Weg geben, als ein Kind steril in einem Labor zu zeugen? Ich befand mich in einem verzweifelten Kampf um meine Fruchtbarkeit. Anders reagierte mein Mann. Er dachte ganz pragmatisch: Wenn der eine Weg zum Kind verstopft war, dann würde er eben den anderen nehmen. Er war es, der die Adresse eines Spezialisten fand. Ich zögerte.

Der Start der EDITION F-Serie

40 Jahre IVF: Wie Frauen heute eine Kinderwunschbehandlung erleben
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Künstliche Befruchtung? Musste das sein?

Warum ausgerechnet ich? Vor Jahren hatte ich mich gegen einen Schwangerschaftsabbruch entschieden, war also ein paar Jahre alleinerziehend gewesen. Hatte ich es nicht verdient, als glückliche Schwangere meinen gesunden Babybauch durch die Gegend zu schieben? Hatte ich Schuld? Und wenn ja, warum? Aber alle diese Gedanken hatten nur einen Sinn: Sie behinderten meine Energie, die ich brauchte, um den Kinderwunschweg weiter zu gehen. Also weg mit ihnen! Es gab keine Schuld, sondern nur Ursachen.

Eine sehr klassische Ursache, um sich in einer Kinderwunschpraxis wiederzufinden, sind Probleme mit den Eileitern. Tatsächlich wurde die künstliche Befruchtung, bei der eine Eizelle außerhalb des weiblichen Körpers mit der männlichen Samenzelle befruchtet wird, eben für genau den Fall erfunden, in dem die Eileiter der Frau versagen. Darüber zu lesen, half mir sehr. Die künstliche Befruchtung war für Frauen wie mich. Es hatte nichts mit persönlichem Versagen zu tun, ich war nicht alleine.

Vorbereitung und persönliches Ziel setzen

Die beste Vorbereitung war für mich, Berichte von Frauen zu lesen, die auch einen schwierigen Weg gehen mussten, aber am Ende ihr Wunschkind im Arm hielten. Das war das Buch von Claudia Krenn und das Buch von Christine Hélary-Olivier. Diese Frauen mussten auch einen harten Weg gehen, um Kinder zu bekommen. Sie schrieben von jahrelangen Durststrecken. Genau darauf bereitete ich mich vor.

Mein Körper war jetzt kein Geheimnis mehr, der mir jeden Monat eine Überraschung offenbarte, nachdem mein Mann und ich uns in aller Intimität geliebt hatten: schwanger oder nicht. Er wurde ein öffentliches Terrain, eine Spielfläche für Untersuchungen. Genau wie der meines Mannes. Alles ging relativ schnell und routiniert. Die ersten Untersuchungen: Aufnahme des Tatbestandes. Wie sieht es bei meinem Mann aus? Wie hoch ist die Qualität und Anzahl der Spermien? Was sagen meine Hormonwerte? Wir wurden natürlich auch auf Krankheiten wie Aids getestet. Unsere Fähigkeit, Kinder zu bekommen, hing auf einmal nicht mehr von der körperlichen Begegnung, sondern vom Zustand unserer Körperfunktionen ab.

Es wurden keine weiteren Tatbestände ermittelt, bis auf meine nicht funktionierenden Eileiter. Allerdings musste mein Mann sich von dem behandelten Arzt immer wieder negative Bemerkungen über seine Spermienqualität anhören. So, als suche auch der Frauenarzt seine eigene Legitimation in der Geschichte: Denn immerhin würde er den Akt der Befruchtung übernehmen, nicht mein Mann. Vielleicht war es eine Art, sich selbst die Berechtigung zu verschaffen, albern, aber auch ein Arzt ist nur ein Mann. Meiner jedenfalls musste da kräftig was runterschlucken und lächelte in der Sprechstunde oft ziemlich verbissen.

Ein weiteres Protokoll aus der EDITION F-Serie

„Heiraten für die Kinderwunschbehandlung? Ich habe mich so ausgeliefert gefühlt“
 Franziska war erstaunt, dass ungewollte Kinderlosigkeit immer noch ein solches Tabu zu sein scheint – und hat gemeinsam mit ihrem Mann entschieden, offen mit ihrer Situation umzugehen. Weiterlesen

Wie weit würde ich gehen?

Vor unserer ersten künstlichen Befruchtung war es mir wichtig, in den Urlaub zu fahren. Ich machte viel Sport in dieser Zeit, weil ich meinen Körper optimal vorbereiten wollte. Nicht unbedingt auf eine Schwangerschaft. Sondern vor allem auf den Marathon an Spritzen und Untersuchungen, der zu einer Kinderwunschbehandlung gehört. Wie weit würde ich gehen, um ein Kind zu bekommen? Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Und die Antwort war klar: Ich würde bis ans Ende der Welt gehen. Ich würde die mir von der Krankenkasse genehmigten Versuche durchziehen und danach, wenn es zu Hause nicht klappen sollte, ins Ausland gehen. Ich würde kämpfen, bis ich zu alt und klapprig wäre, um noch Kinder zu bekommen. Ich weiß noch, wie ich meiner Mutter sagte, dass ich selbst in ihrem Alter noch versuchen würde, ein Kind zu bekommen, wenn es bis dahin nicht klappen würde. Meine Mutter war damals Anfang sechzig und sie lachte über mich. Mir aber war es wichtig, das gesagt zu haben, wenn auch nur, um mir selbst Mut zu machen.

Die Kinderwunschbehandlung

Mit dem ersten Tag meiner Periode musste ich mir Hormone in den Bauch spritzen. Ich weiß noch, wieviel Angst ich hatte, vor diesen Mitteln, die meine Eierstöcke zur Produktion anregen sollten. Irgendwo hatte ich gelesen, sie könnten Krebs erzeugen. Also las ich den Beipackzettel nicht, um keinen Film im Kopf zu bekommen. Die Spritzen gab mir mein Mann. Dass er die ersten paar Mal einen Fehler machte und kaum etwas aus der Spritze kam, hat er mir erst viel später gebeichtet. Am zehnten Tag nach der Periode fing das Monitoring an, die Follikelbildung am Eileiter wurde per Ultraschall überwacht. Wie stolz war ich auf die vielen kleinen Bläschen, die sich bunt im Ultraschallbild zeigten! Gerade noch davon abhalten konnte ich mich, ihnen Namen zu geben. Ich war doch schon so gut wie schwanger! Hier war der Beweis: In meinem Unterleib wuchs etwas!

Dann kam endlich der Tag, an dem mir die Eizellen entnommen wurden, mein Mann durfte seine Samenzellen in einen Becher spritzen. Für die Follikel-Punktion entschied ich mich nur für eine lokale Anästhesie. Der Grund war sehr banal: die Kinderwunschbehandlung war teuer genug. Diese Entscheidung bereute ich sehr, als die Bläschen entnommen wurden. Es tat sauweh! Den stechenden Schmerz kannte ich von Eisprüngen. Diesmal aber war er sehr viel stärker. Denn die Follikel werden ja abgesaugt. Noch heute habe ich manchmal ähnliche Schmerzen am Eierstock, um die Zeit meines Eisprungs herum.

Danach hieß es warten, bis das Labor uns anrief. Zwei Tage später war es so weit: Wir wurden zum Einsetzen der Embryonen in die Gebärmutter bestellt. Mir waren sieben Eizellen entnommen worden. In Kinderwunschforen hatte ich von Frauen gelesen, die sich mit 20 und mehr reifen Follikeln brüsteten, die auf ihre Befruchtung warteten. Bei mir waren es sieben. Von den sieben waren drei befruchtet worden. Wir hatten drei Versuche. Zwei Eizellen wurden beim ersten Versuch eingesetzt.

Ein Huhn, das brütet

Nach der Übertragung war ich einfach nur glücklich. Ich fühlte mich sofort schwanger. Ich weiß noch, dass ich den ganzen Tag nicht aufs Klo ging, aus Angst, die kleinen befruchteten Zellen, die ich am Morgen in dem Schlauch, den mir der Arzt in die Scheide führte, nicht mal hatte erkennen können, würden einfach aus mir herausfließen. Ich legte mich an diesem Tag ins Bett und stellte mir vor, ein Huhn zu sein, das brütet. Zum Glück war es ein Freitag, so konnte ich drei Tage lang im Bett liegen. Drei Tage später, und das wird mir nie ein Arzt glauben, hatte ich ein seltsames Gefühl in der Gebärmutter. So als würde mich jemand beißen. Zweimal. Zwei Wochen später sollte ein Bluttest feststellen, ob ich schwanger war oder nicht.

Schwanger – und dann?

Ich war schwanger, und wie! Die Hormone schossen sofort in die Höhe und der Arzt vermutete gleich, das müssten Zwillinge sein. Und es wurden Zwillinge. Wir waren sehr glücklich und dankbar für unsere Kinder. Die Kinderwunschbehandlung hat aber mein Verhältnis zu meinem Körper und zur Schwangerschaft sehr verändert. Ich habe mich nie wieder getraut, auf natürliche Weise schwanger zu werden. Heute bereue ich das. Aber ich habe das schon oft von Frauen gehört, die sich nicht mehr trauten, nochmal Kinder zu bekommen oder schwanger zu werden, wenn Ärzt*innen negative Diagnosen gestellt hatten. Uns blieb das Gefühl, nur noch mit ärztlicher Assistenz reproduzieren zu können, was dazu führte, dass jeder für sich Abstand zu dieser biologischen Funktion des Körpers nahm. Das ist vielleicht meine negativste Erinnerung an die Kinderwunschbehandlung und ein Aspekt, auf den wir nicht vorbereitet waren, weil niemand darüber spricht.

Die Kinderwunschbehandlung schafft auf jeden Fall eine seelische Erleichterung, falls sich der Kinderwunsch erfüllt wird – und das ist eine essentielle Erleichterung. Aber der Grund, warum man sich in dieser Behandlung befand, bleibt: Der eigene Körper ist versehrt. Mit diesen seelischen Spätfolgen setzen wir uns gesellschaftlich vielleicht viel zu wenig auseinander. Ich war vor der Kinderwunschbehandlung eine unfruchtbare Frau, die sich Kinder wünscht. Heute habe ich Kinder, bin aber immer noch eine unfruchtbare Frau.“

Text: Barbara Peveling

Hier findet ihr alle Protokolle der Serie

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