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Nimm’s persönlich! Wie Kritik helfen kann, uns selbst besser zu verstehen

Kritik tut dann am meisten weh, wenn sie berechtigt ist. Aber genau dann können wir sie auch sehr gut nutzen, um uns selbst weiterzuentwickeln.

Kritik zwingt uns zur Auseinandersetzung mit uns selbst

Zwei Arten von Kritik treffen uns besonders: wenn sie ungerechtfertigt und wenn sie wahr ist. Welche schmerzt mehr? Meist letztere. Das liegt an der Diskrepanz zwischen Selbstbild und Fremdbild. Das Bild, das wir von uns selbst haben, deckt sich nicht mit dem Bild, das sich andere von uns machen. Und: Nicht alles, was wir tun, tun wir bewusst. Werden wir auf unser unbewusstes Verhalten angesprochen, reagieren wir oft mit Abwehr. Damit verfolgen wir den Zweck, unseren „wunden Punkt“ zu schützen – der Punkt, an dem wir besonders verletzbar sind.

Durch „berechtigte“ Kritik kommen wir in Kontakt mit alten Gefühlen und Glaubenssätzen. Alte Wunden, die längst vernarbt schienen, können aufreißen. Dabei ist es meiner Erfahrung nach unerheblich, wie die Kritik formuliert wurde. Es geht nicht um die Verpackung, sondern um den Inhalt!

Die Macht der intrinsischen Motivation

Unter intrinsischer Motivation verstehen wir den inneren
Antrieb des Menschen. Als Enneagramm-Expertin unterscheide ich zehn unterschiedliche intrinsische Motivationen: Perfektion, Liebe, Erfolg, Individualität, Wissen, Sicherheit, Kampf, Spaß, Macht und Harmonie. Unser Denken, Fühlen und Handeln wird von diesen Motivationen gesteuert. Der Mensch wird sich jeweils bemühen, möglichst perfekt, liebevoll, erfolgreich, individuell etc. zu sein. Dabei sind wir uns dieser Zielrichtung unseres Tun, der Fixierung unserer Persönlichkeit, meist nicht bewusst.

In meiner Coaching-Praxis kann ich beobachten was passiert, wenn sich Kritik auf eben diese intrinsische Motivation bezieht: Klienten können innerlich regelrecht zusammenbrechen. Sie sind dann nicht mehr in der Lage, ihre Gefühle auszuhalten.

„Nun nimm das doch nicht so persönlich!“, kaum ein Satz bringt uns schneller auf die Palme. Doch was einem der Partner oder die Partnerin, die Chefin oder der verhasste Kollege im eskalierenden Streit an den Kopf wirft, ist ja meist wahr – es ist nur das allerletzte, was wir in diesem Moment hören möchten! Thematisiert unser Gegenüber in solchen Momenten unsere unbewusste intrinsische Motivation auf negative Art und Weise, macht uns das hilflos. Im folgenden gebe ich Beispiele, wie Kritik auf die zehn Formen intrinsischer Motivation wirken und sie uns bis ins Mark treffen kann.

Zehn Formen der Kritik

1. Kritik am Perfektionisten

Du bist nicht gut genug. Erhält ein Perfektionist die Botschaft, dass er trotz größter Anstrengung eben nicht perfekt ist, trifft ihn das essenziell. Er arbeitet hart und gibt jeden Tag das Beste. Wenn ihm gespiegelt wird, dass seine Bemühungen nicht ausreichen, zieht ihm das den Boden unter den Füßen weg. Generell können wir sagen, dass niemand gern Kritik empfängt. Doch Perfektionisten zerbrechen daran.

2. Kritik am Liebesmenschen

Du machst das doch nur, weil Du gemocht werden willst. Liebesmenschen haben ihre Persönlichkeit darauf ausgerichtet, für andere da zu sein und zu helfen. Wenn diese Hilfe nicht angenommen wird bzw. kein ausreichender Dank dafür zurückkommt, trifft das den Liebesmenschen ins Mark. Es trifft ihn auch, wenn man ihm spiegelt, dass er gar nicht so selbstlos ist, wie er selbst gern erscheinen möchte.

3. Kritik am Erfolgsmenschen

Du interessierst Dich nur für Dich und bist selbstverliebt. Erfolgsmenschen bemerken oftmals gar nicht, dass sie nicht echt sind und eine Maske tragen, um anderen zu gefallen. Wenn ihnen signalisiert wird, dass andere dieses Spiel durchschauen und auf ihren Bluff nicht hereinfallen, kommen sie in Kontakt mit ihrem mangelnden Selbstwert: „Ohne meine Show, meine Tricks und meine Leistung bin ich nichts.“

4. Kritik am Individualisten

Du verdienst keine Anerkennung. Generell können wir sagen, dass Individualisten über ein stark negatives Selbstbild verfügen. Sie denken, dass sie schlecht sind und ihre Leistungen nichts wert seien. Das ist ein Thema bei Künstlern, die ihre hochgejubelten Werke selbst für banal halten. Wird diesen Menschen gespiegelt, dass das, was sie zu geben haben, auch wirklich schlecht ist und keinerlei Anerkennung verdient, ist dies eine Selbstbestätigung, die Individualisten in die Knie zwingt.

5. Kritik am Wissensmenschen

Du bist ein Spinner. Menschen mit einer Persönlichkeitsstruktur, die auf Wissen fixiert ist, sind häufig Sonderlinge und kontaktscheue Eigenbrötler. Wird ihnen ihre Gefühllosigkeit gespiegelt und bezeichnet man sie als abgehobene Nerds, rutschen sie tief in ihren Gefühlsabgrund, der da heißt: „Ich bin sonderbar und ein Außenseiter.“

6. Kritik am Sicherheitsmenschen

Du bist ein Angsthase. Sicherheitsmenschen vermuten hinter jedem Baum einen Gewalttäter, hinter jedem unheimlichen Geräusch einen Einbrecher. Außerdem haben sie zumeist panische Angst davor, verlassen zu werden. Wird ihnen ihre eigene Unsicherheit und das mangelnde Selbstvertrauen gespiegelt, machen sie sich noch kleiner und sind nicht nur verletzt, sondern auch nachtragend.

7. Kritik am Kämpfer

Du bist anstrengend. Kämpfer lassen in ihrem Leben kaum einen Kampf aus – und mit Vorliebe kämpfen sie gegen ihre Mitmenschen. Sie leben das Prinzip: Kontra. Wenn ihnen gespiegelt wird, dass sie mit ihrer Power und ihrer Kampfeslust den andern „zu viel“ sind und ihnen auf die Nerven gehen, trifft sie das hart. Denn ihnen ist ja gar nicht bewusst, wie schwer sie sich das Leben machen.

8. Kritik am Spaßmenschen

Du bist albern und oberflächlich. Nichts fürchtet der Spaßmensch mehr, als allein gelassen zu werden und dann in Kontakt mit der inneren Leere zu kommen. Wird ihm gespiegelt, dass er oberflächlich ist und man sich darum von ihm zurückzieht, bekommt er Panik. Zumal er sich selbst als tiefgründigen, aufmerksamen Menschen sieht. Er ist doch nur so lustig, weil er die anderen unterhalten will. Denkt er!

9. Kritik am Machtmenschen

Du machst mir Angst und bist überheblich. Machtmenschen trifft es schwer, wenn sich andere von ihrer harten Fassade einschüchtern lassen und niemand ihre guten Absichten erkennt. Sie kämpfen unermüdlich für Gerechtigkeit und haben sich dafür eine dicke Haut zugelegt, um ihren weichen Kern zu schützen. Wenn ihnen gespiegelt wird, dass sie andere übergehen und übergriffig sind, fühlen sie sich ungeliebt.

10. Kritik am Harmoniemenschen

Du kriegst nichts auf die Reihe. Man kann sich nicht auf Dich verlassen. Letztlich wissen Harmoniemenschen selbst, dass ihnen zeitweise Energie zur Umsetzung von Vorhaben fehlt. Wird ihnen ihre mangelnde Ausdauer gespiegelt, kommen sie mit dem Gefühl in Kontakt, dass eh alles vergebens sei, ihre Bemühungen im Sande verlaufen und das, was sie tun, unwichtig ist.

Mit Kritik umgehen lernen

Wie können wir lernen, die Gefühlsstürme auszuhalten, die durch wahre Kritik
ausgelöst werden? Indem wir unseren „blinden Fleck“ aufdecken, der
gleichbedeutend ist mit dem „wunden Punkt“. Das geschieht durch einen geführten Selbsterkenntnisprozess. Unbewusstes Verhalten wird gespiegelt und dadurch bewusst gemacht.

Wenn ich meine intrinsische Motivation kenne, dann weiß ich auch, welche Kritik (nämlich eben die an meiner intrinsischen Motivation) mich am härtesten trifft. Dann bin ich in der Lage, mit meinen unguten Gefühlen umzugehen. Ich bekomme die Kontrolle über mich zurück und bin gerüstet, um im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben. Und: Ich kann mich entwickeln.

Glücklicherweise sind wir umgeben von Menschen, die sich als Begleiter anbieten und uns dabei unterstützen können, kritikfähig zu werden. Für mich als Coach ist eine solche Entwicklung nicht mehr und nicht weniger als eine Lebensaufgabe. Durch einen Selbstreflexionsprozess findet übrigens auch eine große Befreiung statt: Sie entsteht dadurch, dass wir in der Lage sind, unser Leben rückwärts zu verstehen – um es vorwärts leben zu können.

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