Foto: Paul Ripke

„Bei Gewalt gegen Frauen geht es immer um Macht“

Ein kürzlich publiziertes „Gedicht“ verherrlicht Vergewaltigungen. Unserer Autorin Kristina Lunz reicht es: Gewalt gegen Frauen darf weder verherrlicht, noch normalisiert werden. Ein Kommentar. 

Triggerwarnung: Dieser Text behandelt das Thema sexualisierte Gewalt.

Ein Schlag ins Gesicht für alle Betroffenen

Anfang März 2020 veröffentlicht der Verlag Kiepenheuer und Witsch (Kiwi) „100 Gedichte“, einen Gedichtband des „Rammstein“-Frontsängers Till Lindemann. Verlegt wird dieser vom „Süddeutsche Zeitung“-Journalisten Alexander Gorkow. Eines der sogenannten Gedichte heißt „Wenn Du schläfst“. Darin geht es um eine Vergewaltigung. Genauer: Das Gedicht handelt davon, jemanden im Schlaf – nach der Verabreichung von K.o.-Tropfen – zu vergewaltigen.

Das Problem: Über 90 Prozent aller Vergewaltigungsopfer sind Frauen und das Gedicht muss im historischen Kontext gesehen werden. Deshalb werfen ich und viele andere dem Autor, dem Verlag und dem Herausgeber Folgendes vor: Die Verbreitung frauenverachtender und Gewalt durch Männer verherrlichender Inhalte – und dadurch deren Zutun zur Normalisierung einer erschütternden Realität.

Am Freitag dann ein weiterer Schlag ins Gesicht für alle Betroffenen dieser Gewalt: KiWi veröffentlicht im Namen von Helge Malchow, dem „Editor-at-large“ des Verlags, eine Stellungnahme und rechtfertigt die Daseinsberechtigung des Gedichts auf Grundlage eines abstrakten „lyrischen Ichs“. Ich könnte kotzen.

Es reicht

Till Lindemann, Alexander Gorkow, Helge Malchow und KiWi: Es reicht. Ihr macht mich und so, so viele andere wütend. Ihr macht UNS wütend. Denn hier geht es um Folgendes:

Erstens: Macht

Bei Gewalt gegen Frauen geht es um Macht. Hier auch. Hier nun um Definitionsmacht. Denn Ihr wollt definieren, was wir zu ertragen haben. Vergesst es. Seit Jahrhunderten müssen wir Regeln, Gesetze und Kunst ertragen, die nicht von uns gemacht wurden, unter der wir aber leiden. Bis 1997 wollte man uns weismachen, es sei in Ordnung, dass wir in der Ehe vergewaltigt werden. Bis 2016 wollte man uns weismachen, es sei in Ordnung, dass unser ‚Nein‘ bei einer Vergewaltigung nicht zählt. Wir lassen nicht länger zu, dass andere, und erst Recht nicht Ihr drei Herren, uns vorschreiben wollt, was wir zu ertragen haben. Es reicht.

Zweitens: Kontext einer Rape Culture

Der Kontext ist der einer Gesellschaft, in der Rape Culture und Gewalt gegen Frauen allgegenwärtig sind. Ich kann meine Freund*innen, denen von Männern sexualisierte Gewalt angetan wurde, gar nicht alle zählen. Jeden dritten Tag wird eine Frau in Deutschland ermordert. Jede dritte Frau muss männliche Gewalt über sich ergehen lassen. Unsere Popkultur ist voll mit Gewalt gegen Frauen. Erfolgreiche Rapper singen „Baller der Alten Drogen ins Glas, Hauptsache Joe hat seinen Spaß“. Aktuell steigt während des Lockdowns Gewalt gegen Frauen stark an. Männliche Gewalt gegen Frauen ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Seit Jahrzehnten arbeiten wir uns daran ab, das zu ändern, damit wir endlich sicher sind. Ihr verschwendet unsere zeitlichen und emotionalen Ressourcen. Wir brauchen nicht noch Euer Gedicht, das zur Normalisierung von männlicher Gewalt gegen Frauen beiträgt. Es reicht.

Drittens: Eure Kunstfreiheit, unser Schmerz.

Ihr redet von der Freiheit der Kunst. Wir erleiden die Gewalt und werden retraumatisiert. Mir schreiben viele Freund*innen, die nach dem Lesen eures Gedichts die physischen und emotionalen Symptome wieder durchleben müssen. Ihr triggert. Euer „Lyrisches Ich“ darf nicht wichtiger sein als unser Schmerz. Privileg ist, wenn man denkt, dass etwas kein Problem ist, weil man selbst nicht betroffen ist, meine Herren. Es reicht.

Viertens: Schaffung einer Normalität.

Worte schaffen Realität. Es werden Stimmen laut, die meinen, Straftaten – wie sexualisierte Gewalt – lyrisch zu verarbeiten, sei normal. Ist es nicht. Darf es nicht sein. Nicht so, ohne Kontextualisierung. Normal ist, was wir zur Normalität erheben. Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt ist eine Straftat, die zum allergrößten Teil Frauen betrifft. Sie ist seit Jahrhunderten eine Form widerlichster Machtausübung, um Frauen zu unterdrücken – in Friedens- und Kriegszeiten – uns für lange Zeit zu traumatisieren. Es reicht.

Fünftens: Unser Recht, laut zu sein

Gerichtet an diejenigen, die mit dem Vorwurf der Zensur kommen – ich lach Euch ins Gesicht. Wenn Ihr das Recht habt, misogynen, frauenverachtenden Abschaum zu publizieren, dann haben wir das Recht, aufzuschreien und Euch vorzuwerfen, dass Ihr mit aller Absicht zu Rape Culture und Normalisierung von (männlicher) Gewalt gegen Frauen beitragt. Ihr tragt Mitschuld.

Meine Herrschaften, es reicht. Dieses Gedicht steht exemplarisch für die Verherrlichung der Gewalt, die uns in unserer Gesellschaft angetan wird. Wir wollten diese Gesellschaft so nie. Die Gewalt, die wir im Alltag erleben, reicht, wir brauchen nicht noch Euren lyrischen Müll.

*Geschrieben von Kristina Lunz mit der Unterstützung von Antonia Baskakov.

Der Inhalt dieses Textes wurde zuerst in einem Video auf dem Instagram-Account von Kristina Lunz vorgetragen. Wir freuen uns, den Text auch bei EDITION F publizieren zu dürfen.

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