Foto: Camila Cordeiro | Unsplash

Zu dünn, um schön zu sein – auch das ist Bodyshaming!

Als besonders dünne Frau bin auch ich regelmäßig mit Bodyshaming konfrontiert. Wann akzeptiert ihr endlich, dass jeder Körper schön ist?

Bodyshaming kann Menschen kaputt machen

Verurteilt zu werden für den eigenen Körper, das ist keine Frage der Kleidergröße oder der Zahl, die auf der Waage steht. Im Gegenteil: Bodyshaming funktioniert in alle möglichen Richtungen. Ich möchte meine Erfahrungen teilen, um genau darauf aufmerksam zu machen. Niemand hat das Recht, jemand anderem das Gefühl zu geben, er müsse auf Kriegsfuß mit dem eigenen Körper stehen.

Vorweg möchte ich etwas sagen, das eigentlich klar sein sollte: Man kann natürlich niemandem vorschreiben, welchen Körper oder Körpertyp er schön zu finden hat. Das ist Blödsinn und wäre mehr als anmaßend. Jeder Mensch hat sein eigenes und persönliches Empfinden von Ästhetik und Attraktivität. Das ist nicht verwerflich und daran gibt es auch rein gar nichts zu kritisieren. Es ist absolut legitim, wenn z.B. mein Aussehen vollkommen aus dieser Vorstellung herausfällt. Damit habe ich nicht das geringste Problem. (M)Ein Körper ist, wie er ist, er hat seine Daseinsberechtigung genau so, wie er ist, und man sollte ihm Gutes tun, weil er ist, wie er ist und außerdem vieles andere Wichtige beherbergt. (M)Ein Körper hat eine bestimmte Anatomie, die ist, wie sie ist. (M)Ein Körper wird von einigen Menschen als attraktiv empfunden, von anderen als unattraktiv, wieder anderen fällt er nicht einmal auf und das ist in Ordnung so. Jeder hat das Recht auf seine individuelle Empfindung, aber niemand hat das Recht, sie als Urteil zu missbrauchen.

„Iss, Kind, iss!”

Bodyshaming strotzt nur so vor Respektlosigkeit und Dreistigkeit, denn niemand hat über den Körper eines anderen zu urteilen. Punkt. Bodyshaming ist absolut inakzeptabel und dabei ist es vollkommen egal, in welche Richtung (zu dick, zu dünn, zu breit, zu schmal etc.) und auf welchem Kommunikationsweg es geschieht. Diffamierende Kommentare, für die es leider unendlich viele Beispiele gibt, sind beleidigend, verletzend und unverschämt – ausnahmslos und in jedem einzelnen Fall. Kein Wenn und Aber. Kein „Ich meine es doch nur gut“, oder „Ich bin nur ehrlich zu dir“. Nein, das sind zwei völlig
verschiedene Paar Schuhe.

In meinem Fall gehen die Kommentare alle in eine bestimmte Richtung: „Iss mal was! Du bist viel zu dünn.”, „So, wie du in diesem Kleid aussiehst, würde ich nicht vor die Haustür gehen.”, „War ja klar, dass du nur einen Salat nimmst.“, „Echte Frauen haben Kurven.“, „Echte Männer stehen auf Kurven. Nur Hunde spielen mit Knochen.“, „Isst du eigentlich mal was?“, „Für das Outfit bräuchte man halt Brüste.“, „Ich trage zwar keine Größe XS, dafür habe ich aber keinen Kinderkörper.“, etc.

Mit solchen Aussagen werde ich regelmäßig konfrontiert, sowohl von völlig fremden Menschen als auch von mir bekannten Personen. Vor einiger Zeit bestellte ich in einem Restaurant ein Wasser. Die Frau am Nebentisch kommentierte dies naserümpfend mit: „War ja klar, dass Püppi nur Wasser trinkt.“ Ihre Tischnachbarn lachten. Auf einer Feier begrüßte mich eine Dame, die meine Eltern flüchtig kennt, mit den Worten: „Himmel, du bist ja genauso dürr wie deine Mutter. Sieht ja schlimm aus.“ Die Male, in denen ich aufgefordert wurde, „doch mal was zu essen“, kann ich gar nicht mehr zählen. Und auch der Diskussion: „Kann gar nicht sein, dass du viel isst, guck dich doch an“, bin ich schon lange müde. „Isst Du eigentlich nie?“, fragte mich eine Bekannte vor ein paar Wochen – während ich gerade von einem Brötchen abbiss.

Ich habe einen erwachsenen Körper!

Der für mich aber wohl hässlichste und am meisten degradierende Kommentar, den ich jemals zu hören bekam, war folgender: „Machst du dir keine Sorgen, dass jeder Mann, der mit dir ins Bett geht, eigentlich ein bisschen pädophil sein muss?“ Die Frage traf mich zutiefst. „Ich meine“, wurde mir noch weiter erläutert, „deine Statur kombiniert mit der Tatsache, dass du auf ältere Männer stehst, begünstigt das ja auch.“ Bis heute fehlen mir dazu die Worte und der Kommentar macht mich unendlich wütend und traurig zugleich. Ich weiß, dass hinter einer solchen Äußerung eine Unmenge an persönlicher Verbitterung stecken muss, aber trotzdem warf sie mich total aus der Bahn.

Vor allem ist es doch so: In diesem Fall werde nicht nur ich beleidigt (genau das ist es nämlich, eine Beleidigung), sondern es werden zudem auch diejenigen Männer verunglimpft, die mir nicht ausschließlich mit ihrer Hand Hallo gesagt haben. In diesem Fall geht es nicht allein um meinen Körper, sondern ebenso um die Tatsache, dass ich ein sexuelles Wesen bin und auch als solches wahrgenommen werde. Darf mir das aufgrund meines Aussehens abgesprochen werden? Nein! Fühle ich mich trotzdem sehr schlecht, wenn ich so etwas höre? Ja! An dieser Stelle würde ich gerne sagen, dass ich über solchen Kommentaren stehe und mir nichts aus ihnen mache, weil ich es besser weiß, aber das wäre gelogen. Ich mag meinen Körper (was übrigens nicht immer so war!), ich schäme mich nicht für ihn, ich zeige ihn ungeniert, auch ohne Filter und in all seiner Imperfektion. Dennoch treffen mich Beleidigungen wie diese jedes einzelne Mal.

Kilo um Kilo, Zahl um Zahl

Neulich las ich in einem Zeitungsartikel, der sich mit Instagram-Bildern voller Filter, Schlankmachern und unrealistischen Schönheitsidealen befasste, ein Zitat. Es sollte Frauen ermuntern, ihren Körper so anzunehmen und zu lieben, wie er ist. „Body Positivity” nannte der Artikel das. Grundsätzlich ist das ein sehr lobenswerter Ansatz und die Sensibilisierung für den Schönheitswahn-Irrsinn halte ich für ausgesprochen wichtig und essentiell. Allerdings lautete das Zitat

„You wouldn’t want a steak that was nothing but bone. Why would you want a woman that was?“

Bekämpfen wir also Bodyshaming mit – Bodyshaming? Äh, nein. Während ich uneingeschränkt die Auffassung teile, Frauen (und Männer!) jeder Statur zu ermutigen, ihren Körper gut zu behandeln und ihn so anzunehmen und zu lieben, wie er ist, darf das nicht auf Kosten anderer Körpertypen geschehen. Die eigene Figur zu bewerben und sich zu profilieren, indem man dabei eine andere schlecht redet – und auch das funktioniert wunderbar in alle Richtungen – ist nicht „körperpositiv“. Es ist „menschennegativ“.

Gemeinsam gegen einschränkende Körperideale

Um das noch mal zu betonen: Es geht mir hier nicht um „Ich bin dünn, lasst mich zufrieden in meiner Dünn-Welt, Dünne haben es so schwer“-Mimimi. Umgekehrt ist es natürlich genauso schlimm, wenn im Café beispielsweise gesagt wird: „War ja klar, dass du ein zweites Stück Kuchen bestellst“, oder „Die Cola würde ich dir bei deiner Figur jetzt nicht empfehlen.“ Und mir ist ebenfalls bewusst, dass insbesondere in den Medien oftmals noch immer ein extrem schlankes und teils mehr als ungesundes Idealbild propagiert wird. Deswegen können viele meinen extremen Unmut vielleicht nicht ganz nachvollziehen („Du bist doch schlank, warum regst du dich auf?“), aber: Es ist mir eine Herzensangelegenheit, für alle Seiten zu sensibilisieren. Bodyshaming ist eben immer hässlich. Hässlicher als mein oder irgendein anderer Körper es jemals sein könnte.

Warum fällt es uns so schwer, einander zu sagen, dass wir gut so sind, wie wir sind? Dass wir genug sind? Warum gestehen wir einander so wenig zu? Oder warum sagen wir nicht manchmal einfach – gar nichts?

Von Hintergründen und (Vor-)Urteilen

Als ich auf die Welt kam, wog ich so viel wie zwei kleine Zuckerpäckchen. Viel im Verhältnis zur Schwangerschaftswoche, in der ich geboren wurde, wenig im Verhältnis zu anderen frisch geborenen Babys. Ja, wenn man mich so anschaute, dann konnte man einen kleinen Schrecken bekommen. Als mein Opa mich zum ersten Mal sah, verfiel er in Panik, weil er der festen Überzeugung war, er würde mich kaputt machen, sobald er mich berührte. Was daher alle überraschte: Ich aß extrem viel. Noch im Krankenhaus wurde für mich das Saugloch meines Fläschchens vergrößert, weil ich lauthals meckerte, sobald zu wenig Inhalt pro Zug zu mir durchdrang. Doch auch mit zunehmendem Alter und trotz meines guten Appetits, blieb ich extrem zierlich. Der Kinderarzt hatte meinen Eltern dabei immer dasselbe zu sagen: „Alles in bester Ordnung bei Ihrer Tochter. Die ist einfach zart gebaut.“ Heute esse ich immer noch oft, etwa fünf- bis sechsmal pro Tag. Ich ernähre mich sehr bewusst und gesund und ich esse niemals zu wenig. Zugenommen habe ich dabei aber bis heute tatsächlich noch nie so wirklich.

Ich möchte an dieser Stelle kein Mitleid einheimsen oder nach Komplimenten fischen. Ich möchte auf etwas aufmerksam machen, das wir manchmal vergessen und dann schneller vorverurteilen als wir denken –  und ich will mich selbst gar nicht komplett ausnehmen. Wir kennen niemals bzw. nur in sehr seltenen Fällen die ganze Geschichte einer Person. Wenn wir jemanden sehen, können wir nicht wissen, warum er so aussieht, wie er aussieht. Warum er dick ist. Oder dünn. Keine Haare hat. Oder viele. Warum er Narben hat, Dellen, Dehnungsstreifen. Warum er große Brüste hat. Oder kleine. Oder gar keine (mehr). Warum sein Körper in irgendeiner Form „anders” aussieht als die „Norm”. Wenn eine frisch gebackene Mami nach drei Wochen, nach drei Monaten oder auch nach drei Jahren noch nicht wieder bei ihrem Ausgangsgewicht gelandet ist, heißt es nicht, dass sie sich gehen lässt. Und wenn sie, umgekehrt, bereits am Abend der Geburt wieder in ihre alten Hosen passt, bedeutet es nicht, dass sie sich unzureichend ernährt oder die falschen Prioritäten setzt (abgesehen davon: Ihr Körper hat gerade Leben produziert, hallloooo?!).

Bottom line

Was aber in jedem Fall zutrifft: Es tut weh und hinterlässt Spuren, verurteilt zu werden für den eigenen Körper, mit dem doch trauriger Weise ohnehin so viele von uns auf Kriegsfuß stehen. Wir sollten unsere eigenen Körper nicht hassen und wir sollten niemand anderem das Gefühl geben, er sollte es tun. Wenn wir uns nach außen sichtbar verändern wollen, sei es durch mehr Sport, eine gesündere/andere Ernährungsweise oder auch plastische Chirurgie, dann sollten wir das für uns tun und nicht, um einem Ideal hinterherzueifern. Wir sollten unserem Körper Gutes tun, weil wir ihn lieben. Nicht, weil wir ihn hassen.

Einige Dinge sind und bleiben so, wie sie sind. Jeder Körper ist anders, jeder Körper funktioniert anders, nicht alles passt für jeden und niemand lässt sich zwanghaft in ein Schema aus Normen und Zahlen packen. Menschen sind einfach zu unhandlich für Schubladen.

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