Foto: Sebastian Geis

Brief an meinen Ex-Chef: Warum hast du mir nicht vertraut?

Anna Dushime ist Journalistin, Autorin und Podcasterin. Für EDITION F PLUS schreibt sie jeden Monat einen Brief – dieses Mal an einen ehemaligen Vorgesetzten.

Lieber Ex-Chef,

ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich dir diesen Brief schreibe oder nicht, aber ich muss etwas loswerden: Ich habe den Eindruck, dass du mir nie so richtig vertraut hast. Versteh mich nicht falsch, ich hatte eine tolle Zeit in der Firma, es war einer meiner ersten Jobs überhaupt und ich habe extrem viel gelernt – aber auch von Anfang viel Verantwortung übertragen bekommen.

Und genau das ist der Knackpunkt: Verantwortung ohne Vertrauen ist schwierig. Ich würde sogar einen Schritt weitergehen und sagen: Ohne Vertrauen ist es überhaupt nicht möglich, Verantwortung zu übernehmen. Vertrauen muss erst mal aufgebaut werden, und das braucht eine Weile. Verantwortung zu übernehmen, wird aber von Anfang an verlangt. Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, wird in jeder Stellenanzeige gefordert, von Vertrauen ist nie die Rede.

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Aber warum eigentlich? Vertrauen ist in beruflichen Beziehungen genauso wichtig wie in privaten; nur wenn wir Kolleg*innen und Vorgesetzten vertrauen können, ist gutes Arbeiten möglich. Ich habe aber das Gefühl, dass Vertrauen im beruflichen Kontext oft entweder ausgespart oder mindestens vernachlässigt wird.

„Vertrauen ist in beruflichen Beziehungen genauso wichtig wie in privaten; nur wenn wir Kolleg*innen und Vorgesetzten vertrauen können, ist gutes Arbeiten möglich.“

„Ich vertraue dir“

Hand aufs Herz: Wie oft hören wir den Satz „Ich vertraue dir“ im beruflichen Kontext? Das wird irgendwie vorausgesetzt und dann nie wieder thematisiert. Wie ein positives Führungszeugnis. Ich habe mich immer am wohlsten gefühlt, war am produktivsten, wenn mir Vertrauen geschenkt wurde. Und zwar nicht als Plattitüde in einer Weihnachtskarte, sondern mir wirklich das Gefühl gegeben wurde: Ich vertraue dir und mir ist es wichtig, dass du mir und der Firma auch vertraust. Das ist nämlich noch so eine Sache: Vertrauen ist keine Einbahnstraße. Das hört sich an wie der Beginn eines schlechten LinkedIn-Motivationsposts, ist aber wahr. Vertrauen muss in beide Richtungen gehen und sollte keine Hierarchien kennen. Es ist genauso wichtig, dass der Praktikant der Chefin vertraut, wie umgekehrt.

„Vertrauen muss in beide Richtungen gehen und sollte keine Hierarchien kennen. Es ist genauso wichtig, dass der Praktikant der Chefin vertraut, wie umgekehrt.“

Ich war am glücklichsten und produktivsten, wenn meiner Arbeit, meiner Intuition und mir vertraut wurde. Und zwar spürbar. Aber wie zeigt sich dieses Vertrauen?

Vertrauen bedeutet kein Mikromanagement. Vertrauen bedeutet Wertschätzung und besseres Zuhören. Vertrauen bedeutet aber auch: Ich kann mich darauf verlassen, dass meine Vorgesetzten meine Interessen mitdenken. Für manche mag es naiv klingen, aber ganz ehrlich, nehmen wir das Thema Gehalt: Ich fühle mich wohl, wenn ich ein faires Gehalt bekomme und davon ausgehen kann, dass ich nicht alle zwei Monate neu verhandeln muss, weil links und rechts Kolleg*innen befördert werden und ich abgehängt werde, wenn ich nichts sage. Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist, aber ich habe weder die Energie noch die Zeit, ständig zu verhandeln. Also muss ich mich darauf verlassen, dass ich nicht „verarscht“ werde.

Vertrauen ist King und Queen

Gehalt ist nur ein Beispiel, es gibt noch unzählige weitere: Beförderung, Feedbackgespräche, Homeoffice, Auslagen … Mehr BWL-Wörter fallen mir nicht ein, but you get the point. Ich kenne das selbst, seit ich Teams leite: Alles ist besser mit mehr Vertrauen. Auch negative Personalgespräche müssen kein Problem sein, wenn ein Vertrauensverhältnis herrscht. Ich weiß, dass du mir nichts Böses willst, ich weiß, dass du mich nicht gaslightest. Ich weiß, dass du meine Arbeit und meine Person schätzt. Dann kommt das Feedback auch an und wird angenommen.

„Vertrauen bedeutet kein Mikromanagement. Vertrauen bedeutet Wertschätzung und besseres Zuhören. Vertrauen bedeutet aber auch: Ich kann mich darauf verlassen, dass meine Vorgesetzten meine Interessen mitdenken: Stichwort Gehalt.“

Wenig oder kein Vertrauen hingegen führt zu einer stressigeren Arbeitsumgebung, einer schlechteren Unternehmens- und Arbeitskultur und damit zu unzufriedenen Mitarbeiter*innen. Marketingleute behaupten gerne: „Content is King“. Ich sage: Vergesst Content. Vertrauen ist King und Queen.

Warum Vertrauen eine Superkraft ist

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Anna Dushime ist in Ruanda geboren und lebt heute in Berlin. Sie ist Redaktionsleiterin für die Funk-Formate „Browser Ballett“ und „Aurel Original“ bei der Berliner Produktionsfirma Steinberger Silberstein. Als leidenschaftliche Podcasterin (u.a. „hart unfair“, „1000 erste Dates“, „Notaufnahme“) beschäftigt sie sich mit den Themen Politik, Popkultur, Dating und Diversität. Ihre Kolumne „Bei aller Liebe” erscheint alle zwei Wochen in der taz – und seit Juli 2021 ist Anna auch Kolumnistin für EDITION F PLUS und schreibt dort monatlich einen Brief.

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