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Warum es jetzt in Deutschland die erste Ausstellung zu muslimischer Mode gibt

Am 5. April eröffnet die Ausstellung Contemporary Muslim Fashions in Frankfurt am Main. Dort und auch im Netz wird muslimische Mode in all ihren Formen gezeigt, mal ohne und mal mit Verschleierung. Letzteres gefällt nicht allen.

Was ist Mode?

Auf diese Frage hat jede*r eine andere Antwort: Für manche ist es eine lästige Arbeit an Oberflächlichkeiten, die Geld und Zeit kostet, für andere das kreative Spiel mit Formen, Farben und Selbstinszenierungen. Was alle vereint: Niemand kann sagen, sie*er habe damit nichts am Hut. Mode ist ein soziales Ordnungsprinzip, das nicht nur sehr wirksam, sondern auch unmittelbar wahrzunehmen ist. Wir alle haben diesen Blick auf andere Menschen von klein auf verinnerlicht: An Kleidung meinen wir eine Gruppenzugehörigkeit zu erkennen, ein Geschlecht, eine Kultur oder Klasse. Über sie werden Fremd-, Gruppen- und Selbstzuschreibungen verhandelt. Und das Spiel damit kann befreiend sein.

Anfang April eröffnet in Frankfurt am Main nun eine besondere Modeausstellung: Contemporary Muslim Fashions. Das Museum Angewandte Kunst wird ab dem 4. April die Schau beherbergen, die zuvor im Fine Arts Museum of San Francisco zu sehen war. Mit rund 80 Kleidungsentwürfen, Modefotografien, Laufstegvideos und Originalmaterial aus sozialen Medien soll die erste Ausstellung ihrer Art in Deutschland die Vielfalt hinter dem, was als muslimische Mode verstanden wird, zeigen. Sie beschäftigt sich mit der Frage: Wie gelingt es Modeschaffenden und Models, sich unter diesem Label globale Trends anzueignen und gleichzeitig neue Impulse zu setzen? Immerhin gibt es mit Leena Asad oder Leah Vernon international bekannte Influencerinnen, die ausdrücklich als muslimisch identifiziert werden. Sie arbeiten für Kosmetikmarken wie L’Oréal oder Revlon.

Contemporary Muslim Fashions rückt muslimische Mode in all ihren Formen in unser Sichtfeld. Die Ausstellung porträtiert viele junge Menschen im urbanen Raum: in Sportbekleidung, mit Afro oder Hijab, mit bodenlangen Kleidern oder ärmelfrei. Manche Ausstellungsstücke sind schlicht, andere schrill. Es gibt Modefotografien, plastisch, grell und in schrägen Kompositionen. Experimentelle Stücke verhandeln die Frage, die stets an Mode als Kulturphänomen zwischen Alltag und Kunst gestellt wird: Wie tragbar muss sie sein?

Die deutsche Designerin Naomi Afia hat ihre eigene Kollektion zu Modest Fashion entworfen

Das Etikett muslimische Mode mag auf den ersten Blick irritieren, denn was soll das schon sein? Gibt es auch eine christliche Mode? Doch die Ausstellung zeigt, dass solche Labels wichtig sein können, weil sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass manche Frauen auf Laufstegen und an Kleiderstangen nicht mitgedacht werden. Dass sich das allmählich verändert, zeigt nicht nur eine Kampagne der Firma Nike, die ihren Platz in der Ausstellung eingenommen hat. Mit der deutschen Boxerin Zeina Nassar wirbt der Konzern für den Prototyp der sportlichen Kopfbedeckung Nike Pro Hijab.

Auch Entwürfe hiesiger Modemacher*innen formulieren den Anspruch, inklusiver zu designen und zu nähen. Teile ihrer Kollektionen sind auf der Ausstellung Contemporary Muslim Fashions zu sehen. Eine davon ist Naomi Afia. In der Nähe von Köln aufgewachsen, zog sie vor sechs Jahren nach Wien. Neben einem Publizistik-Studium schloss sie im Sommer letzten Jahres auch eine Ausbildung in Mode und Design ab. „Wenn Modehäuser Kleidung für die Gesamtgesellschaft herstellen wollen, ist eine logische Konsequenz daraus, Schwarze und Women of Color mitzudenken“, sagt sie.

Wenn Modehäuser Kleidung für die Gesamtgesellschaft herstellen wollen, ist eine logische Konsequenz daraus, Schwarze und Women of Color mitzudenken. – Modedesignerin Naomi Afia

Ein Problem, das auch gerade Naomi persönlich betreffe, sei: „Die Schnitte und Materialien sind oft durchscheinend oder durchsichtig. Das ist für viele Hijab tragende Menschen ungeeignet. Hinzu kommt: Ich trage ungern Kunstfaser oder Polyester und greife am liebsten zu Baumwolle oder Leinen. Doch viele Kleidungsstücke, die elegant oder weiter geschnitten sind, sind aus Kunststoff.“ Um nicht tatenlos auf einen Sinneswandel der Modeindustrie zu warten, hat die 26-Jährige ihre eigenen Kollektionen zu Modest Fashionentworfen. So wird der Trend genannt, weniger körperbetonte Kleidung zu tragen. Hier habe sie mit Methoden gearbeitet, die unterschiedliche Größen und Körper abdecken, und bewusst auf nachhaltige Materialien gesetzt. „Die passen nicht nur Menschen mit Konfektionsgröße 32 bis 38, sondern auch solchen mit Rundungen.“

Die Ausstellung sei ein „künstlerisches Fiasko“ urteilte ein CDU-Politiker, lange bevor sie überhaupt zu sehen war

„Modest Fashion und gerade die, die in muslimischen Bekleidungstraditionen wurzelt, ist ein zeitgenössisches Phänomen, ein Trend, ein rasant wachsender Markt“, stellt Dr. Mahret Ifeoma Kupka fest. Seit 2013 ist sie Kuratorin am Museum Angewandte Kunst, wo sie Ausstellungen über zeitgenössische Moden und Stilphänomene auf die Beine stellt. Nun koordiniert sie Contemporary Muslim Fashions:„Der Fokus der Ausstellung liegt darauf, dass nachweislich immer mehr Frauen, muslimisch oder nicht, modische, körperumspielendere Kleidung für sich wählen.“ Das sei auffallend. „Modische Kopfbedeckungen sind ein Teil davon, wenn auch nur ein geringer.“

Nur ein Viertel der Exponate zeigen einen Hijab, doch bereits das hat manche Menschen verärgert. Bei den Diskussionen um Contemporary Muslim Fashions dreht sich nun alles um die Frage: Dürfen die das? Die Ausstellung sei ein „künstlerisches Fiasko“, urteilte der CDU-Landtagsabgeordnete Ismail Tipi, lange bevor sie überhaupt zu sehen war: „Was Frauen entrechtet und diskriminiert, gehört nicht in eine Ausstellung. Vollverschleierung darf nicht hoffähig gemacht werden.“ Die Organisation Terre des Femmes sprach ebenfalls von einem „Skandal“.

Frauen in vielen muslimisch geprägten Ländern kämpfen tatsächlich unerbittlich gegen die ihnen aufgezwungene Bedeckung, oft mit lebensbedrohlichen Konsequenzen: Erst kürzlich wurde die iranische Menschenrechtlerin und Anwältin Nasrin Sotoudeh, die Frauen vor Gericht vertrat, die gegen die Verschleierungspflicht protestiert hatten, zu mehr als 30 Jahren Haft und 148 Peitschenhieben verurteilt. In Deutschland hingegen ist eine Verschleierung kein Beweis eines unterdrückerischen, politischen Systems, sondern mehrheitlich eine persönlicher und religiöser Neigungen. Vollverschleiert sind übrigens die wenigsten. Und die größere Bedrohung für Musliminnen mit und ohne Kopfbedeckung geht von Menschen aus, die sie aufgrund ihres Glaubens nicht als Teil der Gesellschaft begreifen wollen.

Aktuell werde das muslimische, von Frauen getragene Kopftuch in westlichen Kulturen zunehmend nicht allein als Kennzeichnung einer bestimmten Religion gesehen. Vielmehr werde es zum universellen Symbol einer unterdrückerischen Ideologie – wodurch dann im Umkehrschluss auch der Islam systematisch umgedeutet werde, denkt Mahret Ifeoma Kupka. „Das Kopftuch ist erstmal nur ein Stück Stoff, das um den Kopf getragen wird. Daran werden, wie an jedes Kleidungsstück, auch die unterschiedlichsten Bedeutungen geheftet, je nach kulturellem und zeitlichem Kontext.“

Kopfbedeckungen? Fand König Ludwig XIII gar nicht so übel

Ein Beispiel aus der Geschichte: Die extravaganten Allongeperücken aus langem, hellem, gelocktem Haar, die sogenannte feine Herrschaften im Frankreich des 17. und 18. Jahrhundert trugen, sind der Erzählung nach eine Erfindung von König Ludwig XIII, der damit den kargen Haarwuchs auf seinem Kopf verdecken wollte. Die Bedeckung war auch eine praktische Methode, Hautirritationen und Haarausfall, die die verbreitete Geschlechtskrankheit Syphilis verursachte, zu verstecken. Das bedeutete jedoch nicht, dass alle, die eine Allongeperücke trugen, an Syphilis oder kargem Haarwuchs litten.

Das Haarteil hatte sich von seiner ursprünglichen Intention und Botschaft losgelöst und als Teil einer gemeinsamen Identität durchgesetzt, manche fanden es vielleicht sogar einfach schön. Das Haar zu bedecken oder nicht, wurde in westeuropäischen Kulturen immer wieder ausgehandelt. Zeitweise galt das eine oder andere als besonders christlich, aufgeklärt, weiblich oder männlich. Die Entwicklung dieser Moden war kein linearer Weg zu einer angeblich möglichst menschenfreundlichen oder säkularen Zivilisation, sondern oft politischer oder willkürlicher Natur.

Wer entscheidet in unserer Gesellschaft darüber, was einfach nur Mode oder Kunst sein darf?

Selbstverständlich funktioniert das Kopftuch oft als eine religiöse Praxis, deren Ursprung weitaus komplexer ist und unter Islamgelehrten kontrovers diskutiert wird. Im Zusammenhang mit der Ausstellung Contemporary Muslim Fashions stellt sich jedoch die Frage: Wer entscheidet in unserer Gesellschaft darüber, was einfach nur Mode oder Kunst sein darf, anstatt zu einer Ideologie-Schablone zu verkommen, die dazu verdammt ist, sich immer wieder selbst erklären zu müssen?

„Es ist erstaunlich zu erleben, wie vehement die Einladung ausgeschlagen wird, mehr über zeitgenössische, alltäglich gelebte muslimische Kultur, die längst Teil der deutschen Alltagskultur ist, zu lernen“, sagt Mahret Ifeoma Kupka. „Das scheint kein bloßes Desinteresse zu sein, sondern eine Ablehnung und teilweise auch deutlicher Hass, der allem, was nur ansatzweise mit dem Islam zusammenhängt, entgegenschlägt. Und damit auch der Ausstellung.“

Der Hashtag #modeist feiert auf Instagram modische Vielfalt

Für manche scheint es schwer begreiflich, dass Frauen und Menschen, die als solche gelesen werden, sich nicht unter dem Kopftuch oder ihrer Frisur verstecken; wenn sie stattdessen Modetrends anstoßen, selbstbewusst und verspielt sind. Sei es mit Afro oder glattem Haar, einem wasserstoffblonden Kurzhaarschnitt, einer Glatze oder einem Kopftuch – die Menschen darunter fordern durch ihre Sichtbarkeit, dass unsere Gesellschaft pluralistischer denken und aussehen muss. Das Kopftuch ist schon längst die Lebensrealität vieler Menschen weltweit, muslimisch oder nicht. Steht es nicht auch ihnen zu, abgebildet zu werden? Nicht nur als ein pauschalisierte Gruppe, sondern als Individuen mit eigener Geschichte und eigenem Geschmack? Dazu wurde schließlich auch der Hashtag #modeist und der dazugehörige Account modeist_ auf Instagram ins Leben gerufen.

Mode ist politisch, betont Gemeinsamkeiten, bedeutet Freiheit – und ist unbezahlte Arbeit

Die Initiator*innen fordern – als Reaktion auf die Kritik an der Frankfurter Ausstellung – Menschen dazu auf, zu zeigen, was Mode für sie bedeutet und wie sie diese selbstbestimmt nutzen. „#modeist feiert die Errungenschaften der Frauenbewegung, dass Frauen hier und heute wählen können, was sie tragen möchten“, heißt es dazu. Viele User*innen teilen seitdem Fotos ihrer Outfits oder ihre Gedanken zu dem Hashtag: „#modeist, wenn wir uns frei entscheiden können, wie wir uns kleiden, und diese Entscheidung auch anderen geben“, steht da etwa. In der Entscheidungsfreiheit steckt dann auch die Möglichkeit, all das unwichtig zu finden: „[…] #modeist für mich schwarz. Und unbezahlte Arbeit: Wäsche waschen, falten, trocknen…“ Auch die geteilten Outfits sind unterschiedlich: Sie reichen von bodenlangen Kleidern in Goth-Chic, Pelzimitaten und auffälligen Leo-Prints bis hin zu traditionellen Gewändern und Jogginganzügen in Bonbon-Farben.

„Für mich ist Mode in jedem Falle politisch“, sagt die Modemacherin Naomia Afia. „Beginnend bei den Produktionsbedingungen der Rohstoffe und ebenso der fertigen Kleidung, bis hin zu den Werbekampagnen und Laufstegen. Welche Körper werden wie dargestellt, was gilt nach welchen Standards als ästhetisch, wessen Blick und Meinung zählt?“ Kuratorin Mahret Ifeoma Kupka meint, wir sollten auf das schauen, was uns eint und nicht auf das, was uns trennt: „Die Sprache der Mode und das Spiel damit haben sich dafür schon immer hervorragend geeignet.“

Der Originaltext ist bei unserem Kooperationspartner ze.tt erschienen. Hier könnt ihr ze.tt auf Facebook folgen.

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