Foto: Steve Baker – Flickr – CC BY-ND 2.0

Ich liebe meinen Bauch – in jeder Form

Mir tut dieser coole Körperteil sehr leid, der diese ganzen unglaublichen Dinge vollbringt: Babys beherbergen, einen Kuschelplatz für Kinder und andere zu bieten oder – um etwas Alltäglicheres zu nennen – Essen zu verdauen. Unsere Bäuche sind großartig.

Der Bauch als Optimierungsziel

Es mag darin liegen, dass ich gerade ziemlich bauchfixiert bin. Oder meinen Bauch noch deutlicher als vorher wahrnehme, weil er mir ständig im Weg zu sein scheint. Dann ging ich heute an der Auslage im Zeitschriftenladen vorbei und scheinbar überall gab es Tipps für den Bauch – den flachen, muskulösen Bauch.

Mir tut dieser coole Körperteil sehr leid, der diese ganzen unglaublichen Dinge vollbringt: wie Babys beherbergen, einen Kuschelplatz für Kinder und andere zu bieten oder – um etwas Alltäglicheres zu nennen – Essen zu verdauen. Die negative Aufmerksamkeit, die Zurückweisung seiner normalen Form, die sich manchmal bis zum Ekel steigert, das hat der Bauch nicht verdient. Selten sieht man medial vermittelte Bilder, die nicht komplett flache, muskulöse Waschbrettbäuche in verschiedenen Stadien zeigen, die die Körpermitte von Schauspielerinnen, Models, Sängerinnen und vielen anderen jungen sichtbaren Frauen zieren. Ist der Bauch gerundet, dann zeigt man ihn entweder selbstironisch, weil man gerade ganz viel gegessen hat … oder ist schwanger.

Warum geht es immer um den Bauch?

Ich wage jetzt mal die These, das war nicht immer so. Weibliche Bäuche durften nicht unbedingt dick sein, aber muskulös und total flach waren sie nicht zwangsläufig. Wie sehr mein eigener Blick beeinflusst ist, merke ich, wenn ich auf Bilder von Lynda Carter als Wonder Woman schaue und denke: „Mhm, Wölbung am Bauch.“ Oder Raquel Welch, die im James-Bond-Film in den 60ern im Bikini dem Meer entsteigt im Vergleich zu Halle Berry 40 Jahre später. Madonnas Bauch im Like a Virgin-Video. Heute geht der muskelbepackte Bauch am liebsten nach innen. Stichwort #bikinibridge. Unter dem Hashtag wurden vor einiger Zeit Fotos gepostet, auf denen der Bauch das Bikniunterteil nicht berührt, weil er so sehr nach innen gerichtet ist, dass die hervorstehenden Beckenknochen eine Brücke bilden, über die sich die Bademode spannt. Damit das geht, darf eine Person kaum Körperfett besitzen.

Wann ist es passiert, dass Bäuche aussehen sollen wie die von Top-Athlethen? Mittlerweile irritiert es mich nicht mehr, wenn ich Olympiateilnehmerinnen im Langstreckenlauf sehe, denn ihr Bauch sieht aus, wie der einer Frau aus der Bodylotion-Werbung. Und die Kosmetikkonzerne werben ja neuerdings mit „echten Frauen“.

Ein flacher Bauch bedeutet vor allem eines: Arbeit

Dabei möchte ich nicht falsch verstanden werden. Ich mache sehr gern Sport und finde definierte Bauchmuskeln durchaus attraktiv. Dahinter steckt ziemlich viel Disziplin in Sachen Übungen und Essverhalten. Dem muss ich nicht applaudieren, aber ich kann es anerkennen. Was solche Bäuche, wie sie die Models von Victoria Secret vor sich hertragen, definitiv nicht sind, ist das Ergebnis von 6-Minuten-Sportprogrammen. Sie sind ein Lebensstil, ein Full-Time-Job.

Das erinnert mich an ein Gespräch mit einer sehr fitten und sportbegeisterten Kollegin, die einmal sagte, Bauchmuskeln seien eigentlich mehr ästhetisch. Man kriegst sie schon ein bisschen quasi nebenbei, wenn man viel Sport macht. Aber nicht so wie in den Zeitschriften. Und Bauchmuskeln sagen nichts darüber aus, ob jemand besonders fit ist, schneller rennen kann oder stärker ist als andere. Sie zeigen nur, dass man den Willen hatte, sich einen muskulösen Bauch zu züchten und das Körperfett mit rigiden Programmen für Ernährung und Sport immer weiter zu senken.

Das lässt einen doch aufhorchen, dass einer der prägnantesten Schönheitsstandards nicht nur am schwersten zu erreichen ist, sondern auch noch ziemlich sinnlos im Hinblick auf die eigene Fitness ist.

Ohne jetzt eine Expertin im Sportbereich zu sein, kann ich sagen: In meinen fittesten Zeiten, als ich sechs Stunden lang auf Berge steigen konnte ohne zu sterben, hatte ich weniger Polster an den Hüften und weniger an den Oberschenkeln. Mein Bauch aber war immer ein bisschen rund. Mich hätte keiner angeschaut und gesagt, ich habe einen muskulösen Bauch. Ich konnte mit ihm trotzdem ziemlich schnell laufen und Planks bei Pilates machen. Damit war mein Bauch komplett „normal“, auch in den Kursen, die ich besucht habe. Und trotzdem ärgert es mich heute noch, ohne dass ich es will, wenn ich an den Trainer denke, der meine Fortschritte lobte, um hinzuzufügen, dass ich jetzt eben nur noch den typischen Frauenbauch hätte.

Die Fixierung loslassen

Es ist wahrscheinlich wie mit vielen anderen Dingen auch. Man muss sich bewusst dafür entscheiden, nicht mehr darüber nachdenken zu wollen. Und den Doppelstandard im Kopf ausschalten. Wenn ich mir nämlich die Körper und Bäuche anderer Frauen anschaue, finde ich diese oft sehr schön. Ich schaue auf Wonder Woman und denke auch: „Sie sieht toll aus.“ Nur für mich selbst setzt sich manchmal der Selbstzweifel auf die Schulter. Das fällt mir oft auf. Dass Frauen bei anderen Frauen eine viel größere Bandbreite an Körper akzeptieren als bei sich selbst.

Ich werde in den nächsten Monaten wahrscheinlich mehr Bäuche zu sehen bekommen, als in den Monaten davor. Auch wenn ich den Geburtsvorbereitungskurs dieses Mal bewusst schwänze. Es geht mir auch eigentlich gar nicht um die öffentliche Präsenz von mehr Frauenbäuchen. Obwohl es nie schlecht ist, Gegenbilder zu positionieren. Wir müssen aber nicht alle wie in den 90ern rumlaufen. Gerade jetzt nicht, wenn es Herbst wird. Das ist auch schlecht für die Nieren. (Randnotiz: Es ist passiert, ich sage jetzt offiziell die Sätze meiner Mutter.)

Sich selbst lieben lernen

Es reicht schon, wenn man nicht beim Blick in den Spiegel den Bauch einzieht oder die Haut abfällig zwischen die Finger nimmt. Es ist toll, wenn man den eigenen Körper liebt. Aber seinen Körper zu lieben ist ein Riesenschritt. Ihn nicht zu hassen oder ständig zu kritisieren ist auch schonmal etwas. Es ist ein alter Hut, aber es stimmt. Dein Körper ist der einzige, den du hast. Er verdient deinen Respekt. Erst recht, wenn er so großartige Dinge vollbringt wie Babys beherbergen … oder Essen verdauen.

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