Foto: Unsplash | Nicole Mason

Anna*: „Die Bezeichnung ,Modekrankheit‘ ist totaler Bullshit!“

Inwiefern wirkt sich ADHS auf den Alltag aus? Warum wurde es erst im Erwachsenenalter diagnostiziert? Und was ist ADHS überhaupt? Wir haben mit betroffenen Frauen gesprochen – Anna* ist eine von ihnen.

 

Selbstdiagnose per Zufall 

Stellt euch vor, ihr werdet Psychotherapeutin und spezialisiert euch auf die Behandlung von ADHS. Ihr befasst euch mit der Diagnose, lest euch ein und: erkennt euch in einigen beschriebenen Charakterzügen selbst wieder. So erging es Anna*. Wir haben sie zum Interview getroffen. 

Du willst zuerst mehr über das Krankheitsbild erfahren? Zum Interview mit Dr. Eike Ahlers von der Berliner Charité geht es hier entlang.  

Wie sah dein Alltag vor der Diagnose aus?

„Ich habe lange nicht verstanden, warum ich bestimmte Schwierigkeiten habe, so impulsiv bin,
nicht lange ruhig sitzen kann, bei Vorlesungen unaufmerksam wurde, daher war die Diagnose einfach hilfreich.“

Anhand welcher Indizien hast du
gemerkt, dass du von ADHS vielleicht betroffen sein könntest? Wie alt warst
du zu dem Zeitpunkt?

„Mit Ende 20
habe ich beruflich mit ADHS zu tun bekommen. Da dämmerte es mir relativ
schnell, dass in meiner Familie mehrere davon betroffen sind und auch ich Symptome habe, vor allem die Impulsivität und die Unruhe und die hohe
Emotionalität.“

Wie wurde es letztlich festgestellt?

„Selbstdiagnose, weil ich ,vom Fach‘ bin, die durch andere bestätigt wurde.“

Inwiefern wirkt sich ADHS auf
deinen Alltag aus? Welche Lebensbereiche sind besonders betroffen?

„Ich kann
nicht lange still sitzen, beispielsweise bei Sitzungen oder Konzerten – insbesondere nicht, wenn
es langweilig ist, dann werde ich wahnsinnig unruhig und zappele herum. Da ich emotionaler und impulsiver bin als andere, bin ich innerlich oft damit
beschäftigt, mich zu bremsen und mich sozial angemessen zu verhalten. Ich habe
leider ein schlechtes Gedächtnis, das ist auch der ADHS geschuldet. Um mich zu
organisieren, muss ich mir alles aufschreiben und Listen führen, aber das
funktioniert ganz gut.“

Wie hat die ADHS deinen Lebenslauf geprägt,
beispielsweise in der Schule, in der Ausbildung, im Studium, im Beruf und in der Partnerschaft?

„In der Schule hatte ich zwar meine Kompensationstechniken, aber trotzdem fiel es mir schwer, Langeweile auszuhalten
und habe dann viel Quatsch gemacht. Das Studium habe ich auch geschafft, obwohl ich die Aufgabenstellungen in den Prüfungen oft nicht richtig gelesen habe, weil ich oft zu schnell und ungenau war. 

Durch meine gesteigerte Impulsivität konnte ich mich Autoritäten, die fachlich nicht kompetent waren, schwer unterordnen. Die Impulsivität ist auch die größte Hürde, die es im Alltag zu bewältigen gilt.“

Wie gehst du mit der Krankheit um?
Was hilft dir an Therapie und Medikamenten am besten?

„Selbstmanagement.
Ich habe ein paar für mich hilfreiche Strategien entwickelt: beispielsweise Stricken in
Sitzungen, Bauchatmung, Arbeiten mit Listen und Kalender sowie soziales Feedback
einholen, ob mein Verhalten angemessen war.“

Kannst du der Diagnose auch positive Eigenschaften
abgewinnen?

„Auf jeden
Fall. Ich habe viel Power und viele Ideen. Wenn mich etwas wirklich interessiert,
ziehe ich Dinge durch und kann auch andere mitreißen. Als Dozentin langweile
ich auf jeden Fall nie mein Publikum (lacht).“

Hat es bei der Diagnose eine Rolle gespielt,
dass du eine Frau bist?

„Nein. Aber
ich glaube, das ist nur so, weil ich hyperaktiv-impulsiv bin. Die
Träumer-ADS-Frauen werden oft gar nicht oder sehr spät diagnostiziert. Folglich kommt es häufig zu sekundären Störungen, insbesondere Depressionen und Angststörungen. Da aber die zugrunde liegende ADS nicht erkannt wurde, können diese Störungen nicht effektiv behandelt werden.

Umgekehrt wird hyperaktiv-impulsiven Frauen schnell eine Persönlichkeitsstörung angehängt (,Borderline‘), statt die ADHS zu erkennen, weil es sozusagen nicht zum Geschlechter-Stereotyp passt.“

Wie stehst du zum Vorwurf „Modekrankheit“ und
wie beurteilst du die massive Steigerung im Bereich diagnostizierter Kinder
und
verschriebener Medikamente?

„Die Bezeichnung ,Modekrankheit‘ ist totaler Bullshit. Und die Tatsache, dass nun mehr Kinder diagnostiziert werden, liegt schlichtweg an den besseren Möglichkeiten der Diagnostik.“

Gibt es aus deiner Sicht noch gesellschaftlichen
Aufklärungsbedarf oder fühlst du dich mit deiner Diagnose ernst genommen und
akzeptiert?

„Es gibt nicht nur 80 Millionen Fußballbundestrainer in Deutschland,
sondern auch 80 Millionen ADHS-Experten. 
Zu viele Leute sehen sich
berufen, ihren unqualifizierten Senf dazuzugeben. Die Medien spielen da in
der Mehrheit auch keine sehr rühmliche Rolle, das ist allerdings in den letzten
Jahren besser geworden.“

Welcher
Tipp hat dir am meisten geholfen, den du gern weitergeben würdest?

„Leute finden, die ADHS wirklich verstehen und auch die positiven Seiten sehen.“


*Name von der Redaktion geändert.


Themenwoche: Frauen mit ADHS

Diese Woche widmen wir dem Thema ADHS. Neben Dr. Ahlers, der uns die medizinische Sicht erklärt hat, erzählen bei uns diese Woche sieben Frauen von ihrem Alltag mit ADHS. Das sind die bisherigen Interviews, weitere folgen:

Dr. Ahlers: „Bei hyperaktiven Mädchen denkt man nicht gleich an ADHS!“ Weiterlesen

Andie: „Nach der Diagnose war klar: Ich bin gar nicht so abgefucked, das ist das ADHS“. Weiterlesen

Katarina: „In manchen Situationen würde ich meinem Sohn liebend gerne Ritalin geben…“. Weiterlesen

Jessy: „Dass ich nach dem Koksen nichts merkte, war für mich ein klares Indiz für ADHS“. Weiterlesen

Clara*: „ADHS? Nee, ich doch nicht. Ich bin höchstens hochbegabt und hochsensibel“. Weiterlesen

Ninette: „Nein, ADHS lässt sich nicht ,weg erziehen‘!“ Weiterlesen

@MeisemitHerz: „Ich will endlich im Paradies sein, um nicht mehr leiden zu müssen“. Weiterlesen

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