Foto: Jelka von Langen

Grüne Chemie: Es ist nicht egal, wie unsere Medikamente hergestellt werden

Sonja Jost ist eine der 25 Frauen, derer Erfindungen die Welt verändern. Wir haben sie zum Gespräch getroffen und uns von ihr erklären lassen, was chiralen Katalysatoren sind und warum es Startups in der Chemiebranche besonders schwer haben.

Eine Frau, die die Welt verändert

Es ist gar nicht so einfach, mit Sonja Jost zu sprechen. Die Ingenieurin, deren Gesicht das aktuelle Cover der Business Punk ziert, ist nicht nur sehr beschäftigt, der Weg zu ihrem Arbeitsplatz ist für Nicht-Eingeweihte auch ein reines Labyrinth. DexLeChem, das Chemie-Startup von Sonja Jost, hat seinen Sitz im Wedding, auf dem Gelände der Bayer AG. Das pharmazeutische Unternehmen hat mitten in Berlin eine kleine Stadt errichtet. Rein darf nur, wer angemeldet ist. DexLeChem sitzt in einem kleinen Gebäude im hinteren Teil des Geländes. Sonja Jost hat ihren Kaffee im Thermobecher in der Hand und wartet gut gelaunt am Empfang. „Leute, die zu spät kommen, tun mir einen Gefallen“, sagt sie und lacht.

Seit der Gründung von DexLeChem 2013 ist das Leben von Sonja Jost sehr turbulent geworden. Immer wieder gibt sie Interviews, erklärt die Idee des Unternehmens, nimmt Preise entgegen – und das nicht zu knapp. Neben dem 25-Frauen-Award von EDITION F, der in 2017 für die Kategorie „Frauen, deren Erfindungen unsere Zukunft verändern” vergeben wurde, und dem ersten Platz in der Watchlist von Business Punk, gewann DexLeChem auch den Next Economy Award des Deutschen Nachhaltigkeitspreises. Es scheint fast, als habe die Welt auf die Entdeckung von Sonja Jost gewartet. Bis dahin war es allerdings ein langer Weg.

„Eine ganze Industrie stützt sich auf endliche Ressourcen. Ich dachte mir: Das muss auch anders gehen.“

Wasser statt Öl

Sonja Jost ist Gründerin und Geschäftsführerin von DexLeChem und versucht mithilfe ihres Teams, der chemischen Katalyse zu mehr Nachhaltigkeit zu verhelfen. Wenn man sie darum bittet, in einem Satz zu erklären, worum genau es bei ihrem Unternehmen geht, fallen viele Begriffen, die einen als Laien eher ratlos zurücklassen. Sonja spricht voller Begeisterung von „homogenen, chiralen Katalysatoren“, gespiegelten Varianten in der Molekül-Herstellung und Lösungsmitteltausch. Im Kern geht es darum, den Herstellungsprozess von Feinchemikalien zu revolutionieren. Dieser gründet momentan auf einem erdölbasierten Verfahren. „Das ist nicht nur teuer, sondern auch schlecht für die Umwelt. Eine ganze Industrie stützt sich auf endliche Ressourcen“, sagt Sonja Jost. „Ich dachte mir: Das muss auch anders gehen.“ 

Also beginnt sie im Rahmen des Exzellenzclusters UniCat an der TU Berlin zu forschen und entwickelt eine Möglichkeit der Katalyse, bei der statt Erdöl Wasser eingesetzt wird. Außerdem können teure Substanzen, die man für die Herstellung benötigt, mit ihrem Verfahren erstmals wiederverwendet werden. „So können Unternehmen ihre Produktionskosten um bis zu dreißig Prozent senken.“ Auch wenn Großunternehmen langsam ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Nachhaltigkeit mehr ist, als ein Schlagwort, mit dem sich das Unternehmen schmücken kann, ist das Kostenersparnis eines der Hauptargumente, wenn es darum geht, Unternehmen von der Zusammenarbeit mit DexLeChem zu überzeugen.

Eine schwerfällige Branche

Sonja Jost weiß, wie gut die Argumente für ihr Katalyse-Verfahren sind. Trotzdem war der Weg für sie und DexLeChem nicht immer leicht. Die Chemie-Industrie ist schwerfällig und nicht so innovationsgetrieben wie andere Branchen. „Noch wird das Erdöl nicht knapp. Aber es dauert lange, um neue Prozesse zu erforschen und noch länger, um Unternehmen von einem Wechsel zu überzeugen. Die Umstellung klappt nicht von heute auf morgen.“ Darum ist Sonja Jost viel unterwegs, hält Vorträge, führt Verhandlungen, erklärt immer wieder das Konzept. 

Besonders kurz nach der Gründung von DexLeChem lief es langsam an. Immer wieder wurde das Geld knapp, die Auftragslage war spärlich. Auch die eigene Moral kam ihr ab und zu in die Quere. „Einmal hatten wir ein sehr gutes Angebot von einem Unternehmen, mit dem ich aber aus verschiedenen Gründen nicht zusammenarbeiten wollte. Wir haben hier viel darüber diskutiert, ob wir den Deal eingehen sollten. Ich hätte die Entscheidung, mit dem Unternehmen zu arbeiten, nicht tragen können. Mir ist in solchen Momenten aber sehr wichtig, zwischen mir als Person und dem Unternehmen zu trennen. Wenn die anderen Mitarbeiter auf den Auftrag bestanden hätten, hätte ich meine Position als Geschäftsführerin wohl geräumt, um Platz zu machen. Aber ein Glück konnte ich sie überzeugen“, erzählt Sonja Jost.

„Man könnte das vielleicht so machen. Aber wir machen das nicht.“

Wer sich einmal mit ihr unterhalten hat, kann sich gut vorstellen, dass es ihr leicht fällt, andere zu überzeugen. Als sie von einer Verhandlung erzählt, wird ihr Blick durchdringend. „Wir konnten uns nicht einigen. Man hat mir geraten, das Angebot doch anzunehmen, schließlich könnten wir das Geld gut gebrauchen. Da habe ich unseren Verhandlungspartner fest angeschaut und gesagt: ‚Man könnte das vielleicht so machen. Aber wir machen das nicht.‘“ Es ist sicherlich auch ihrer Beharrlichkeit zu verdanken, dass die Unternehmerin heute entspannt auf die Auftragslage schauen kann.

„Es tut sich einiges.“

Grüne Chemie?

Bei der Frage, ob man aktuell von einer Chemie-Wende sprechen kann, reagiert Sonja Jost zurückhaltend. Besonders in großen Konzernen sei die Entwicklung meist schleppend. Immerhin: „Es tut sich einiges.“ Gerade junge Menschen suchen bei ihren Forschungen immer mehr nach nachhaltigen Wegen. Sonja Jost schaut sich bei ihrer Suche nach Auftraggebern auch über die Grenzen Deutschlands hinaus um: das Schweizer Chemie- und Pharmaunternehmen Lonza gehörte zu den ersten großen Kunden von DexLeChem.

In Deutschland sind die Rahmenbedingungen allerdings mitunter schwierig. Die Politik würde der Chemiebranche nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken, findet Sonja Jost. „Deutschland ist die drittgrößte Chemie-Nation der Welt. Aber wenn wir uns anschauen, wie zum Beispiel die USA die Forschung unterstützt und Gründungen vorantreibt, muss Deutschland aufpassen, dass es nicht abgehängt wird.“ Gleichzeitig würde Berlin immer mehr zur Anlaufstelle für junge Forschung werden. 

Anlaufstelle für Chemie-Startups

Das liegt auch an Sonja Jost. Startups sind selten in der Chemie, schließlich braucht man mehr als eine gute Idee und einen Laptop: fehlt ein gut ausgestattetes Labor, fällt die Forschung schwer. Ohne die Unterstützung der Hochschulen wäre es vielen jungen Chemikern gar nicht möglich, ihren Forschungen nachzugehen. Außerdem vergehen manchmal Jahre, bis man die ausschlaggebende Entdeckung macht. Eine Voraussetzung, die viele Investoren abschreckt. Daher setzt sich Sonja Jost für die Förderung junger Menschen, den Aufbau eines Netzwerks für Chemie-Startups und ein naturwissenschaftliches Gründerzentrum ein. Sie selbst konnte über Stipendien einige Jahre in den Räumen der TU forschen und lernte beim Studium ihre drei Mitgründer kennen.

Kann man sich als Konsument für eine grünere Chemie in Deutschland einsetzen? Auf jeden Fall, findet sie: „Über Twitter und Facebook kann man sich direkt an Pharmaunternehmen wenden und ganz explizit nachfragen, welche Herstellungsmethoden verwendet werden.“ So kann man auch als Einzelperson deutlich machen, dass es einem nicht egal ist, wie so lebensnotwendige Produkte wie Medikamente hergestellt werden.

Neugierde als Antriebskraft

Sonja Jost war offensichtlich schon immer jemand, der gerne nachgefragt hat. Als sie sich etwas zu trinken einschenkt, erklärt sie, dass sie sich eine Zeit lang mit der Qualität verschiedener Wasseranbieter auseinandergesetzt hat. „Das hat mich einfach interessiert. Zudem wollte ich nichts für meine Mitarbeiter kaufen, was ich nicht selbst vertreten kann. Dieses hier ist übrigens in der Region das Beste“, sagt sie und stellt eine blaue Glasflasche auf den Tisch. Forschergeist eben. Ob sie sich schon immer für Naturwissenschaften interessiert hat? „Ich konnte mich in der Schule für vieles begeistern. Damals lagen mir vor allem Geisteswissenschaften, besonders mochte ich den Geschichtsunterricht. Das hat sich verschoben, als Chemie dazu kam.“

In ihrem Abi-Jahrgang war für die meisten Leute übrigens klar, dass sie eine Ausbildung machen würden. Doch schon damals hatte Sonja Jost ihren eigenen Kopf: „Ich hab mir wohl gedacht, dann geh ich erst recht an die Uni.“ Wir können nur sagen: Zum Glück!

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