Foto: metropolitico.org – Flickr – CC BY-SA 2.0

„Unfassbares Gender-Gaga“ – Zu Besuch bei einer Veranstaltung mit Birgit Kelle

Birgit Kelle ist die Publizistin, die mit dem Satz „Dann mach doch die Bluse zu“ Frauen Schuld daran gab, wenn sie sexuell belästigt werden. Sie will den „Genderwahn“ in Deutschland beenden und spricht daher regelmäßig auf Veranstaltungen. Stimmen die Aussagen, die so dort verbreitet? Ein Besuch.

 

Birgit Kelle in Bremen

Ich sitze seit fünfzehn Minuten still grinsend im Veranstaltungsraum in einem historischen Teil meiner Stadt und schaue mir den Protest von etwa zwei Dutzend Personen in den Zwanzigern an. Ich befinde mich auf einer Diskussionsveranstaltung mit Birgit Kelle, zu der die CDU Bremen eingeladen hat. Während die Protestierenden Flugblätter, Konfetti und Gesänge im Raum verteilen, versuchen sich die Parteimitglieder betont lässig zu geben. Das gilt allerdings nicht für die Mehrheit des Publikums.

Wie es dazu kam

Eine Woche zuvor stehe ich in der Zentralbibliothek und suche vergeblich nach dem Buch „Gendergaga“ von Birgit Kelle. Es steht nicht an seinem Platz. Zwischen genervt und ratlos frage ich einen Bibliothekar um Hilfe. Dieser erbarmt sich und findet schließlich das Buch auf dem letzten Stapel zurückgegebener Bücher. Ein Glück, denn ich möchte dieses Buch unter keinen Umständen kaufen, jedoch für eine Diskussion über die mehr als fragwürdigen Inhalte möglichst optimal vorbereitet sein.  

Der Post einer Bekannten machte mich auf Facebook auf die Veranstaltung aufmerksam. Zunächst halte ich das für einen schlechten Scherz und klicke mich ungläubig durch die Veranstaltungsbeschreibung. Diese Beschreibung ist stark populistisch, Begriffe wie „Genderideologie“ und „Gender-Verrücktheit“ werden ohne weitere Erläuterung wie selbstverständlich genutzt, immer wieder wird suggeriert, dass Gender und Geschlechtergerechtigkeit keinerlei Zustimmung in der Gesellschaft erfahren und deshalb hinsichtlich ihres Sinnes zu diskutieren seien. Dabei inszeniert die CDU das Ganze als fröhliche Diskussionsrunde.

Beginn und Abwertung

Nach fünfzehn Minuten durchgehendem Protest haben nahezu alle Aktivist_innen den Raum verlassen, die meisten nicht wirklich freiwillig. Ein Gast wird dabei sogar handgreiflich und versucht, eine Aktivistin am Arm aus dem Saal zu zerren, was von vielen Seiten zum Glück direkt unterbunden wird. Die Protestierenden werden die gesamte Veranstaltung lang nicht damit aufhören, vor der Tür und in unmittelbarer Nähe der Räumlichkeiten bis über das Ende hinaus weiter „My Body, my Choice“ und ähnliche Gesänge zu singen. Birgit Kelle beginnt mit ihrem zwanzigminütigem Monolog zu angeblichen naturgegebenen Unterschieden von Geschlecht, nicht ohne sowohl die protestierenden Personen als auch sämtliche Sozial- und Geisteswissenschaften abzuwerten. Das Publikum unterstützt sie dabei mehrheitlich. Die verkürzten, vielfach schlichtweg falschen beziehungsweise ignorierenden Darstellungen aktueller Forschungserkenntnisse unter anderem aus Soziologie und Gender Studies und damit verbundener Gegenüberstellung vermeintlicher naturwissenschaftlicher „Beweise“, die die angeblich eindeutig natürliche und damit schicksalhafte Differenz zwischen Frau und Mann untermauern sollen (O-Ton: „Die richtigen Wissenschaften, also die Naturwissenschaften, beweisen ganz klar die angeborenen Unterschiede!“), werden von vielen Personen im Publikum ebenfalls und dankend angenommen. So wird das Prinzip von Falsifikation und Verifikation einfach missachtet, ebenso wird gesamten Disziplinen ihre Daseinsberechtigung abgesprochen.

Die Vorbereitungen laufen …

In der Woche vor der Veranstaltung nutze ich meine gesamte berufsbedingte Zeit im Zug, um mich auf die Veranstaltung vorzubereiten. Neben mehreren Broschüren unter anderem von der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Gleichstellungspolitik und des „Evangelischen Zentrums Frauen und Männer“ zu Geschlechtergerechtigkeit sowie dem Herausgeberinnenband von Sabine Hark und Paula-Irene Villa zu Anti-Genderismus versuche ich mich ebenfalls mit dem ausgeliehenen Buch von Birgit Kelle zu beschäftigen. Nach dem Vorwort bin ich bereits so wütend, dass ich es weglegen muss. Es finden sich keinerlei Erklärungen zu den dort angeprangerten Begrifflichkeiten wie Gender oder Gender Mainstreaming, aber eine pauschale Absprache der Reputation sämtlicher Gesellschafts- und Sozialwissenschaftler_innen, die sich mit der Thematik beschäftigen. Ebenso wird von Indoktrinierung und Erziehungszwang zu Geschlechtergerechtigkeit geschrieben, die angeblich antidemokratisch einfach so durch die Bundesregierung geschieht. Zudem findet sich ein Potpourri des Grauens an munter durcheinander gewürfelten Begrifflen, die ihrer eigentlichen Bedeutung entfremdet genutzt werden, etwa bei der Gleichsetzung der Begrifflichkeit sexueller Vielfalt mit der Frühsexualisierung von Kindern oder der Annektierung des Feminismusbegriffs durch Birgit Kelle. Die Argumentation ähnelt dabei fortlaufend rechtspopulistischer Parteien und denen „besorgter Bürger_innen“.

Vortrag und vermeintliches Gespräch

Nach einer subjektiv empfundenen Ewigkeit endet der sehr einseitige Vortrag und soll in ein Gespräch mit dem CDU-Abgebordneten der Bürgerschaft, der zu dieser Runde eingeladen hat, überführen. Jedoch mündet auch dies in relativ langen Erzählzeiten von Birgit Kelle unter anderem zur Quote („Die Quote empfinde ich als persönliche Beleidigung!“) und zum Gender-Pay-Gap („Der Gender-Pay-Gap beträgt bereinigt nur 2-4 Prozent“). Dabei werden ebenfalls die Natürlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit ebenso wie die vermeintlich naturgegebenen Unterschiede zwischen Frau und Mann hervorgehoben – mal, indem eine geschlechtsbedingte unterschiedliche Bezahlung auf das schlechtere Verhandlungsgeschick von Frauen per se und somit als individuelle Problematik verklärt wird, mal dass die Frauenquote pauschal zur Abwertung von der Leistung von Frauen führe und diese sowieso überflüssig sei, da Frauen, die in die Führungsetagen möchten, dies auch einfach angehen würden. Fazit bleibt hier, dass Frauen eigentlich gar nicht in Führungsetagen möchten, da es nicht ihrem Wesen entspräche, aber bestimmte gesellschaftliche Gruppen dies einfach nicht wahrhaben wollten. Bis zu diesem Zeitpunkt steht eine Gelegenheit für Rückfragen gänzlich aus, eine aktive Einbindung des Publikums lässt die Veranstaltung ebenfalls vermissen. Da ist bereits über eine Stunde mit stereotypen Aussagen und zum Teil schlichtweg falschen Behauptungen rum.

Die sehr begrenzte Einbindung des Plenums

Last but not least wird nach dem Gespräch die Möglichkeit für Wortmeldungen eingeräumt.  Aber auch hier wird ebenfalls kein Gespräch auf Augenhöhe zugelassen, da Fragezeiten mit fortschreitender Zeit zunehmend minimiert werden und ebenfalls in einem Monolog von Birgit Kelle münden, in dem sie auch auf kritische Fragen und Anmerkungen nur mit Wiederholungen und bereits zuvor vorgetragenen Behauptungen antwortet und jegliche Möglichkeit von Diskussion oder gar Dialog unterbindet. Folglich bleiben entsprechende problematische und falsche Inhalte häufig unkommentiert im Raum stehen. Ebenso kommt es immer wieder zu Wortmeldungen, die etwa durch subjektive Erzählungen über Dritte zur angeblichen Einführung pädagogischer Bücher in Kindergärten mit pornografischen Inhalten durch die Landesregierung in Hessen „glänzen“ und sich über gendersensible Sprache empören.

Auch ich melde mich und komme sogar zu Wort, ebenso wie weitere Personen, die auf konkrete Fehler, Falschaussagen und abwertende Verhaltensweisen verweisen. Auch hier erfolgt keine Auseinandersetzung mit den Inhalten der Publikumsbeiträge, sondern eine Pauschalierung der Kritik und die redundante Behauptung natürlicher Geschlechterunterschiede. Nach etwa zehn Wortmeldungen wird die Veranstaltung etwa zwanzig Minuten vor ihrem offiziell angesetzten Ende beendet. Nicht jedoch ohne mich mit einer gehörigen Portion Befürchtungen zurückzulassen. Denn Birgit Kelle wurde zum Beispiel nach ihrem Bewusstsein über die Wirkung ihrer Argumentation und der damit verbundenen Verantwortung für den Zulauf zu rechtpopulistischen Parteien, wie der AfD gefragt. Sie antwortet darauf sinngemäß, dass sie es schlau fände, wie die AfD das Potenzial des Themas erkannt habe, aber die Leute ja gar nicht zur AfD müssten, sondern unter anderem durch ihre Arbeit auch bei der CDU eine solche adäquate Auseinandersetzung und Diskussion mit der Genderthematik bekämen.

Subjektives Resümee

Ich gehe mit gemischten Gefühlen aus der Veranstaltung. Zum einen hat sich der imaginäre „Worst Case“ nicht eingestellt. Eine Teilnahme war für mich und andere Externe möglich, ebenso Protest. Darüber hinaus wird für jede Person, die sich auch nur etwas mit den Themen Geschlechterpolitik und der sozialen Konstruktion von Geschlecht beschäftigt, sehr schnell deutlich, dass es sich um eine zutiefst antifeministische Argumentation handelt, die in keiner Weise daran interessiert ist, Ungleichheiten abzubauen und Geschlechtergerechtigkeit herzustellen. Auf sachlich vorgetragene Kritik und nachgewiesene Falschaussagen reagiert Birgit Kelle dann auch ausschließlich mit Wiederholungen bereits vorgetragener irreführender und stereotyper Inhalte. Andererseits verdeutlicht der Besuch das Potenzial des gesellschaftlichen Brennstoffs des Thematik. Vielen Anwesenden war die Widerlegung von Falschaussagen schlichtweg egal. Ebenso wurde bereitwillig und zum Teil sogar enthusiastisch in die Abwertung anderer Personengruppen eingestimmt. Auch wurde von einigen erfreut darauf reagiert, dass die CDU mindestens auf Landesebene einen Raum dafür bietet, geltendes EU- und deutsches Recht zur Diskussion zu stellen, wie dies durch Birgit Kelle mit Gender Mainstreaming passiert. Die Realisierung einer solchen Veranstaltung zielt dabei klar darauf ab, die CDU für Personen wieder interessant zu machen, die sich der AFD und/oder rechtspopulistischen Gruppierungen zuwenden – und trägt damit entscheidend zur Legitimation und Aufrechterhaltung diskriminierender Verhaltensweisen bei.  

Ich korrigiere mich: Ich gehe wütend aus der Veranstaltung.

Titelbild: metropolitico.org – Flickr – CC BY-SA 2.0

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