Foto: Sara Shakeel

Der Schwindel der Freiheit… auch Angst genannt.

Mit der Loslösung des Menschen aus der Verbundenheit mit der Natur, dem damit einhergehenden Verlust an Geborgenheit und der gleichzeitigen Entstehung an vielfältigen Möglichkeiten, ist Verantwortung und damit auch Angst entstanden – von Kierkegaard nahezu poetisch als „Schwindel der Freiheit“ bezeichnet.

 

Die Philosophen diskutieren, ob die Angst durch das Gefühl der eigenen Ohnmacht oder durch das Bewusstsein der eigenen Macht entsteht. In manchen Momenten ist da kein Unterschied:
Die eigene Ohnmacht die am Handeln hindert, die eigene Macht die macht- und kraftvoll neue Szenarien erschafft, Gefühle aufbläht und schlussendlich zur Ohnmacht führt. 

Was ist, wenn Angst körperlich wird? Wenn der Verstand aussetzt? Wenn zwischen echter Gefahr und eigen erschaffenen Hologrammen nicht mehr unterschieden werden kann? Wenn die eigene Freiheit, die eigenen Möglichkeiten, und die eigene Macht nicht mehr wahrgenommen werden können? Wenn man sich abgetrennt fühlt, nicht nur von allen Anderen, sondern auch von sich selbst? Wenn die Erkenntnis des Ganzsein des Daseins (Heidegger) eher erschreckt als tröstet? 

„In den wenigsten Fällen wird jemand diese Angst suchen, denn sie ist grausam und gefährlich und es gibt keine Garantie für ein unbeschadetes Zurückkommen in die Lebenswelt“, schreibt Gilbert Dietrich in Geist und Gegenwart. Und er schreibt weiter:

„Wer diesen Abgrund kennen lernen musste und ihn überwunden hat, gehört zu jenen Menschen, die hinter die Kulissen des Lebens in die völlige Leere geschaut haben. Hinter diesem Theater, sei es Komödie oder Drama, gibt es nichts und das ist höchst erschreckend. 

Aber es ist auch lehrreich und erhellend für die, die diese Leere aushalten und einen Weg zurück finden.“

Laotse sieht in der Stille die größte Offenbarung, den Quell aller Energien. Diese Stille bewusst zu suchen und in dieser Stille, in diesem leeren Raum, die Angst zuzulassen, die Angst anzuschauen und die Angst wieder gehen zu lassen, ist herausfordernd und doch so lohnenswert. 

 Die Stille ermöglicht es, aus dem Geschehen herauszutreten, eine Beobachterposition einzunehmen und die Aussenwelt und die eigene Macht wieder in Relation zu setzen. Und so findet man Atemzug für Atemzug, Wahrnehmung für Wahrnehmung, Erkenntnis für Erkenntnis, Handlung für Handlung, seinen Weg raus aus der Angst. 

Nina Schmid, Juli 2017 

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