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Es ist Zeit, unser Frauenbild zu zerstören

Ja, ja, wir sind alle so verwirrt. Zwischen all dem, was von uns verlangt wird, ist es schwierig herauszufinden, wer wir eigentlich sein möchten. Fangen wir so an: zuerst sind wir Mensch, dann Frau.

Gefangen in Feminität

Hand aufs Herz, meine liebe Generation. Wir sind verwirrt. Weil wir nicht wissen, wo wir leben, mit wem wir schlafen und wer wir sein wollen. Wir fühlen uns überwältig von all den Möglichkeiten und erschlagen von unserer Konkurrenz. Kurz gesagt: Wir haben absolut keinen Plan. Frauen scheinen jedoch offensichtlicher mit diesen Unsicherheiten zu kämpfen zu haben, reflektieren sich oft kritischer und blicken der Zukunft panischer entgegen als Männer. Das liegt hauptsächlich daran, dass wir das Gefühl haben, uns immer doppelt beweisen zu müssen, um unserem männlichen Gegenüber ebenbürtig zu sein. Wir müssen knallhart, gebildet, schön und eine gute Mutter sein, wir wollen in allen Bereichen des Lebens unser Bestes geben. All diese Eigenschaften zu besitzen ist selbstverständlich unmöglich und doch streben wir danach. Wir bilden uns, essen wenig bis nichts, pflegen unsere Körper mit überteuerten Schönheitsprodukten, sind sexuell offen, aufregend und gewitzt. Wir sind feminin, zärtlich, leidenschaftlich – um unseren Traumjob zu bekommen, in unserem Freundeskreis respektiert zu werden, mit dem Mann oder der Frau zu schlafen, nach dem oder der wir uns sehnen.

All das ist verdammt anstrengend und verwandelt uns in unglückliche, selbstzerstörerische Wesen. Wir bewegen uns in einem leblosen Raum zwischen unserer eigenen Identität und dem Selbstbild, welches wir nach außen präsentieren wollen. Wir wollen feminin sein und der Frau entsprechen, die auf unseren Lieblingsmagazinen abgebildet ist, doch gleichzeitig möchten wir ernst genommen werden, stark wirken, selbstbestimmt leben. Erliegen wir den von der Gesellschaft definierten Eigenschaften von Feminität – sind wir etwa schön, zärtlich, zerbrechlich – erfüllen wir unsere „Rolle“ als Frau. Doch eine Frau, die schön, zärtlich und verletzlich ist, wird zwar begehrt, ernst genommen oftmals nicht. Mit der Akzeptanz und dem Erstreben dieses Frauenbildes schließen wir uns in ein Gefängnis von Schwäche ein. Sind wir „Frau“ nach dem gesellschaftlichen Bild, dann sind wir „Mann“ nicht ebenbürtig. Versuchen wir jedoch uns dem femininen Gesellschaftsbild zu verweigern, wird uns mit Skepsis begegnet. Man spricht uns unser Frausein ab, hinterfragt unsere sexuelle Orientierung, man empfindet uns schlicht als „falsch“. Error im System.

Was für ein Mensch wollen wir sein?

Niemand kann diesen Spagat zwischen femininem, begehrtem Wesen und respektierter, knallharter Frau erfolgreich meistern ohne vollkommen am Rad zu drehen. Was also können wir tun, um diesem Teufelskreis zu entfliehen? Die Lösung klingt so einfach, wie sie schwierig ist umzusetzen: vergessen wir, was “Frau” sein soll und denken wir darüber nach, was wir als Mensch, als einzelne Individuen, sein wollen – ungeachtet dem, was von uns verlangt wird. Wenn wir uns als selbstbestimmte Frau für den Menschen, der wir sein möchten, entscheiden ohne uns von einem aufgezwängten Gesellschaftsbild unterbuttern zu lassen, ist das nicht verdammt nochmal badass?

Lippenstift und Fürze lieben

Natürlich können wir die Frage nach der Frau, die wir sein möchten nie beantworten ohne uns an anderen Frauen zu orientieren. Brainfuck. Hat sie nicht gerade etwas von zuerst Menschsein geredet? Natürlich ist es in Ordnung, wenn wir uns feminine Frauen als Vorbilder nehmen, wir sollten nur hinterfragen, mit welchen femininen Eigenschaften wir konform sind und welche wir bloß verkörpern, da sie von uns verlangt werden. Ein Beispiel: Ich für meinen Teil will keine gute Mutter sein, ich will überhaupt keine Mutter sein. Ich kann mich an dem Anblick eines niedlichen Babys in den Armen einer Mutter erfreuen, doch bin ich auch genauso glücklich darüber, diese Mutter nicht selbst zu sein. Ich hasse Kochen, Haarpflegeprodukte und Fußball. Ich liebe Lippenstifte und die schlabberigen alten Levis-Jeans meines Vaters. Ich sehne mich nach der großen Liebe genauso wie nach einem Dreier. Das mag weder männlich noch weiblich sein, das bin einfach nur ich. Und ich schäme mich nicht eine Sekunde, das zuzugeben. Denn letztendlich ist die einzige Person, die entscheidet, welche Frau ich bin, ich.

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