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Ein „Mädchen“ wird keine Bundeskanzlerin

Verbale Entgleisungen von Kollegen machen mich immer noch fassungslos. Aber wieso lassen Frauen das mit sich machen? Wir sind nicht süß.

 

Sind wir süße Mädchen?

Was hätte man wohl zu einem schwarzen Mitarbeiter gesagt, der im Südafrika kurz nach Ende der Apartheid in einem Unternehmen gearbeitet hat, das sowohl Schwarze als auch Weiße beschäftigt, in dem es rassistische Tendenzen gibt und der dann bei einer ihm gestellten Frage antwortet: „Das weiß ich nicht, aber ich bin ja auch nur ein Schwarzer“? Hätte man ihm vorgeworfen, den Befreiungskampf der Schwarzen aufzuhalten, ja sogar zu torpedieren? Vermutlich ja.  

Wie verhält es sich dann mit einem ähnlichen Szenario: Deutschland im 21.Jahrhundert, eine Organisation in der es Sexismus und Frauenfeindlichkeit gibt und eine Frau ihr Unwissen damit entschuldigt, dass sie „ein blondes Mädchen“ sei? Meines Erachtens ist der gleiche Vorwurf: Wer sich so verhält, torpediert das Ansinnen all derer, die sich für Respekt und Gleichberechtigung unter den Geschlechtern am Arbeitsplatz einsetzen. Und natürlich die eigene Karriere, den eigenen Ruf. Denn: Nicht jede Frau, die von ihren Vorgesetzten als „Mädchen“ wahrgenommen und tituliert wird, wie einst Angela Merkel durch Altkanzler Helmut Kohl, wird Kanzlerin – wobei sich Frau Merkel auch sicherlich nie selbst als Mädchen bezeichnet hat.

Ich kann das nicht, ich bin ein Mädchen

Es ist sicher zu viel verlangt, von allen Frauen selbstreflektierte sozialwissenschaftliche Analysen zu erwarten. Es muss auch nicht jede von karrieristischen Ambitionen getrieben sein. Aber es sollte doch mindestens im eigenen Interesse und dem aller Frauen sein, hier nicht ständig überkommene Klischees zu bedienen und sexistischem Verhalten der Kollegen dadurch eine Steilvorlage zu bieten.

Gleichzeitig wird sich meist hinter vorgehaltener Hand über die Kollegen beschwert. Ist der Zusammenhang wirklich so schwer herzustellen? Entweder die Beteiligten verfügen nicht über die nötige Intelligenz diese Kausalität zu durchschauen – oder sie wollen es schlicht nicht, nehmen das erniedrigende Verhalten der Kollegen in Kauf, um manchmal als „blondes Mädchen“ durchzukommen. Was den Eindruck aufkommen lässt, dass die betroffenen Frauen sich in dieser Rolle eingerichtet haben – sich zwar beschweren, aber auch nicht so richtig etwas ändern wollen.

Hört auf euch dümmer zu machen, als ihr seid!

Dieses Muster, auf „doof und niedlich“ zu machen, um sich weg zu ducken, ist jedoch für alle Frauen kostspielig: Nicht nur, dass es die Handlungsoptionen der so handelnden Person massiv einschränkt, weil sie sich freiwillig nach äußerlichen Kriterien in einer als minderwertig markierten Schublade einsortiert. Durch die Haltung: „ich kann das halt nicht, weil ich ein Mädchen bin“ werden leider auch alle anderen Frauen in diesem Strudel der Abschätzigkeit gerissen.

Als ob es nicht schon anstrengend genug wäre, sich in einer männerdominierten Arbeitswelt den unterschiedlichsten Abstufungen und Erscheinungsformen von Frauenfeindlichkeit zu stellen, ist solches Verhalten von Frauen nur noch als in den Rücken fallen zu bezeichnen. Und diese männerdominierte Welt hat es ohnehin in sich. Ich selbst habe dies in meinem noch nicht so langen Berufsleben bisher in vielen Schattierungen erlebt – meine Erfahrungen reichten von Bemerkungen wie „jetzt arbeiten hier so viele Frauen, da könnt Ihr ja mal kochen“ über laut ausgesprochene ordinäre Beschreibungen der Oberweite des Gegenübers bis hin zu Bezeichnungen wie „Süße“ oder „sexy“ als Platzhalter für „Kollegin“. Und immer waren Männer in der Führungsetage, Frauen in den zuarbeitenden Funktionen.

Wir müssen uns selbst ändern

In den ersten Jahren rüstete ich mich noch mit Literatur und feilte etwa an meinem Dresscode, meinen Redebeiträgen und meinem Verständnis der von Männern geprägten Berufswelt. Doch verbale Entgleisungen von Kollegen machen mich immer noch fassungslos. Manchmal rang ich mir einen ironisierenden Kommentar ab, oft habe ich auch geschwiegen, in der Bemühung, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu behalten. Und mir zu überlegen was man darauf jetzt schon wieder sagen kann.

Diese ständige Habacht-Haltung ist anstrengend. Als Frau ist man, wie andere Gruppen, die gesellschaftlich diskriminiert sind, automatisch in dieser Position. Es ist in jeder Lebenssituation ein weiter Weg, antrainiertes eigenes Verhalten zu ändern – aber das anderer Menschen zu ändern ist noch viel schwieriger. Ich verlange auch gar nicht, dass alle Frauen sofort in den aktiven Kampf für Gleichberechtigung mit eintreten, aber wenn sie unseren wenigstens nicht mehr mädchenhaft torpedieren würden, wäre das schon ein großes Verdienst.

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