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… stellt die Geschlechterfrage

Mein Name ist Malte Sander und ich rate Euch dringend, die Geschlechterfrage zu stellen. Malte Sander ist nicht mein richtiger Name, es ist ein Pseudonym. Malte Sander arbeitet im Öffentlichen Dienst in einer großen Stadt in Deutschland, ach, was soll’s, Berlin ist groß, also, sind wir doch so offen – in Berlin. Für ihn gab es eigentlich keinen Grund die Geschlechterfrage zu stellen.

 

Malte Sander ist so in etwa der unauffällige Typ von nebenan und möchte auch hier nicht groß auffallen (daher: Pseudonym, ‚tschuldigung). Er ist Mitte 30, mittelgroß, kurze Haare (straßenköterblond nennt man das wohl), Jeans, Turnschuhe, T-Shirt und bei der Arbeit auch mal ein Jackett drüber geworfen – ihr kennt meinesgleichen. Vielleicht sind wir uns sogar schon mal irgendwo über den Weg gelaufen, in der U-Bahn zum Beispiel, oder an der Ampel mit dem Fahrrad aneinander vorbeigerollt. Gut möglich auch, dass wir an der Uni mal nebeneinander saßen. Oder gemeinsam in der Mensa an der Kasse standen, um unsere mehr mittelmäßigen als guten, dafür aber lauwarmen und immer etwas klatschigen Spaghetti zu bezahlen. Gute, alte Zeiten, in denen Malte Sander die Geschlechterfrage nicht gestellt hat. Warum auch?

Wir waren ja alle gleich. In der Kita, in der Schule, an der Uni. Ok, manche von uns haben eher sogenannte „Männerfächer“ studiert, Irgendwas mit Ingenieurswissenschaft, andere eher einen Studiengang, in dem mehrheitlich Frauen waren, sagen wir Lehramt für die Grundschule, oder Irgendwas mit Literatur und Medien. Aber das ja nun alles freiwillig und aus Interesse heraus, also kein Grund hier schon die Geschlechterfrage zu stellen. Nicht wahr? Denn ansonsten waren wir ja gleich. Wir waren uns schon lange gewöhnt im Alltag. Wir quatschten locker miteinander, tranken Kaffee und rauchten zusammen eine (ja, auch zwei) im Innenhof in der Freistunde, kopierten uns gegenseitig die Fachliteratur, bereiteten gemeinsam Referate vor und gingen am Wochenende in den Park, oder ins Kino, oder Tanzen (Malte Sander tanzt nicht gut, aber ganz gerne und früher auch öfter), oder, wenn es im Sommer zu heiß war, Chillen am See, oder wahlweise auch Grillen am Kanal. Vor Prüfungen hatten wir – Hand auf’s Herz – auch alle gleich viel Schiss und so ganz konkret wussten wir auch noch nicht, in welchem Beruf wir landen würden. Aber uns allen war irgendwie gleichsam klar, wir studieren hier gemeinsam, wir landen auch irgendwo. Warum auch nicht? Wir waren ja alle gleich gut. Also im Fall von Malte Sander mehr so mittelgut, aber reicht schon. Hat es dann auch. Malte Sander hat auch nach der Uni nicht die Geschlechterfrage gestellt.

Freunde und Freundinnen (ja, auch Frauen, ja, just friends, ja, das geht heute) fanden ihren ersten Job. Ok, bei den Freunden ging das irgendwie schneller, aber naja, die Fächer sind halt auch mehr gefragt auf dem Markt. Und die Freundinnen sind dann ja auch irgendwo untergekommen. Das dauerte zwar länger, obwohl die Noten der Damen in meiner großen Runde oft besser waren, aber, ach, bestimmt Zufall, Glückssache, hört man ja auch immer wieder in diesen ersten Jahren, in denen in Deutschland die Jobgespräche die Gespräche über das Studium oder die Schule ablösen auf Geburtstagspartys. Kein Grund die Geschlechterfrage zu stellen.

Überhaupt, Geschlechterfragen stellen, das machen doch eh nur diese Soziologiestudentinnen mit den Dreadlocks, nachdem sie – wie hieß die nochmal? irgendwas Französisches, egal – gelesen haben, die mir mal mit Feuer ausgeholfen hatten, auf dem Innenhof, in der Freistunde, als ich vor der Mündlichen so nervös gewesen bin, dass mein Feuer im Gulli gelandet war auf dem Weg zum Hauptgebäude. Ganz nett eigentlich, aber auch ein bisschen schräg. Wo war ich? Ach ja, wir sind ja schon im ersten Job gelandet. Also die meisten. Drei Damen suchen immer noch, auch heute. Aber das ist einfach Pech, nicht wahr? Ich meine, ein bisschen komisch ist es schon, die haben alle ’nen besseren Abschluss als ich gemacht in unseren Fächern, und eine war sogar im Ausland während des Studiums, die hat ein viel besseres Englisch auch. Aber kein Grund gleich die Geschlechterfrage zu stellen. Die Arbeitswelt als solche ist doch auch eigentlich halb so wild, wie alle immer gesagt haben. Ich bin relativ zügig schon so auf die mittlere Hierarchieebene gekommen und der Vertrag war eh unbefristet, also nach der Probezeit. Die Damen, die auch gelandet sind irgendwo, haben da schon öfter Zeitverträge. Aber ist das jetzt schon der Grund, die Geschlechterfrage zu stellen?

Ach Quatsch, so ist halt der Markt heute. Zufall und ein bisschen Pech. Da wird schon was verlängert irgendwann. Ich sag’s mal so, deren Jobs sind doch genauso wichtig wie meiner, oder der von M. (der baut Häuser) oder P. (der programmiert, irgendwas mit Kundendaten, aber sicher, nicht wie ihr jetzt gleich wieder denkt). Wir brauchen doch auch Lehrerinnen, oder Menschen, die Marketing machen, Journalismus, Bildungsarbeit. Also so gesamtgesellschaftlich. Ist halt schlechter bezahlt. Wobei mein Kumpel A. als Journalist auch ganz gut verdient. Der ist auch festangestellter Redakteur mittlerweile, hat gleich nach dem Volontariat geklappt mit der Übernahme, wir haben den Abend richtig gut gefeiert, ich sag’s Euch. Seine Mitvolontärin musste leider gehen, aber hey, ich bin mir sicher, er war halt einfach besser und sie wollte eh auch Kinder. Gut, er hatte auch schon eins zu dem Zeitpunkt, aber hey. Kein Grund die Geschlechterfrage zu stellen.

P. wird jetzt übrigens auch Papa, wir haben das letzte Woche ordentlich begossen. Seine Freundin war auch dabei, die ist bei Wasser geblieben – aber das ist doch jetzt nun ernsthaft wirklich kein Grund, die Geschlechterfrage zu stellen. Sie macht dann auch erstmal Teilzeit, ich glaube, ihre Stelle läuft auch wieder aus während der Elternzeit. Und P. verdient eh mehr. Die Branche zahlt halt die besseren Gehälter und da ist das doch nur logisch, jetzt, wo dann bald ein Esser mehr am Start ist in seiner kleinen Familie. Er will trotzdem viel helfen, also was halt geht neben dem Vollzeitjob und am Wochenende nach dem Training, und auch diese acht Wochen Vaterzeit, heißt doch jetzt so, oder? also wenn man dann 14 statt zwölf Monate Elterngeld mitnehmen will vom Staat, ihr wisst schon, will er jedenfalls auch machen. Also wenn das kein Grund ist, nicht die Geschlechterfrage zu stellen, dann weiß ich auch nicht. Das ist doch echt mal modern und so.

Der P. wird also Papa, ach, den kenn ich ja mit am längsten hier. Computer waren immer sein Ding, der hat uns auch viel erzählt aus seiner Branche. Da steckt ja viel Kapital drin. Da gibt es echte Innovationsförderer, die bringen uns voran, sag ich Euch, gründen so zehn, zwölf Unternehmen und setzen alle bis auf eins in den Sand nach fünf Jahren Geld reinbuttern und Programmierern 15 Gehälter zahlen für ihre grüne digitale Spielwiese. Richtige Serial Entrepreneure (so hat er die genannt, ich kannte den Begriff auch nicht). Total spannend jedenfalls und voll zukunftsweisend, die Branche. Für seine kleine Schwester, die wird ja jetzt Tante, wie schön, war das leider nichts. Die macht nichts mit Innovationsförderung. Ist klassisch Kita-Erzieherin geworden, die kann echt gut mit Eltern und Kindern, super sozial, hat auch schon zu Schulzeiten Jugendarbeit gemacht nebenher. In ihrer Branche steckt halt nur kein Geld. Da ist auch keiner Serial Entrepreneur, der fünf Jahre lang ordentlich Geld raushaut für den Test eines neuen pädagogischen Konzepts, das dann doch nicht funktioniert, oder so. Ist ja auch echt nicht so zukunftsweisend, ihr Bereich, also mit Kindern. Und jetzt kommt mir nicht mit der Geschlechterfrage hier – also, das weiß man doch vorher, dass man als Erzieherin nicht reich wird. Bisschen mehr Pragmatismus hätte ihr vielleicht nicht geschadet nach dem Einser-Abi. Dann hätte sie auch gemacht, was wirklich gebraucht wird, also auch neue Gadgets und so. Gibt ja auch Frauen da. Also eine in P.s Firma, die macht das Sekretariat und ein bisschen Twitter.

Auch kein Grund die Geschlechterfrage zu stellen.

Malte Sander ist zwar nicht echt, aber wahr. Er hat all diese Dinge beobachtet und sich irgendwann doch die Geschlechterfrage gestellt. Plötzlich ergab alles Sinn. Die ungleiche, geschlechtsgebundene Ressourcenverteilung in der Gesellschaft, die ungleiche Konstruktion von vermeintlich gesetzten Wertigkeiten und die damit zusammenhängende strukturelle Abwertung von sogenannten „Frauenjobs“, die zu machen aber zugleich als besonders weiblich und damit für viele Frauen erstrebenswert gelten. Daneben die relativ zügige Etablierung und der vergleichsweise gut unterstützte Aufstieg der Männer auf dem Arbeitsmarkt, während die Frauen von Fristvertrag in Fristvertrag gehen. Die scheinbar neutrale Entscheidung, dass derjenige beim Kind bleibt und vielleicht Teilzeit macht, der weniger verdient. Und dass das alles so gewollt und freiwillig gewählt ist. Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber ernsthaft, Leute, wie viele Paare kennt ihr, wo sie mehr verdient als er? Ich kenne eins. Und ich bin ein echt offener, kommunikativer Typ und habe – wie ihr Euch inzwischen sicher denken könnt – viele Weggefährten, Freunde und Freundinnen, mit denen ich die Dinge des Lebens beim Kaffee im Hof bespreche. 

Also lasst euch nichts vormachen, stellt die Geschlechterfrage! 

Euer Malte.

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