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Nike van Dinther: „Jens Spahn ist kein böser Mann, bloß einer, der vieles noch nicht verstanden hat”

Fünf Millionen will Gesundheitsminister Jens Spahn für eine Studie zu den psychischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen ausgeben. Nike van Dinther hat eine Petition dagegen gestartet, die nach zwei Tagen über 45.000 Menschen unterschrieben haben. Ein Interview.

 

Absoluter Spahnsinn

Es scheint tatsächlich durchzugehen: Am 18. Februar wird es eine Anhörung zum Kompromiss zu 219a im Bundestag geben, dem Paragrafen, der offiziell ein sogenanntes „Werbeverbot” für Schwangerschaftsabbrüche regelt und eigentlich ein Informationsverbot darstellt – und am 20. Februar soll die Neuregelung dann ohne Debatte verabschiedet werden. Mit dem Kompromiss würde auch eine Studie genehmigt, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in Auftrag geben will: 5 Millionen für eine Studie zu den psychischen Auswirkungen von Schwangerschaftsabbrüchen.

Wie absurd diese Idee ist – weil es bereits genug Studien dazu gibt und die Ergebnisse klar zeigen, dass Schwangerschaftsabbrüche keine psychischen Folgen haben – haben wir diese Woche bereits berichtet. Die Bloggerin und Co-Gründerin von This is Jane Wayne, Nike van Dinther hat deshalb am 12. Februar eine Petition gestartet: „#WasFürnSpahn: Herr Spahn, 5 Millionen Euro für Hilfe statt Hass”. Wir haben mit ihrer über fünf sinnvoll investierte Millionen und ein mögliches Telefongespräch mit Jens Spahn gesprochen.

Liebe Nike, was hat dich dazu bewogen, die Petition: „#WasFürnSpahn: Herr Spahn, 5 Millionen Euro für Hilfe statt Hass” ins Leben zu rufen?

„Wir können schon seit Beginn seiner Amtszeit beobachten, dass Jens Spahn keine Politik für Frauen macht. Im Gegenteil: Seine Ideen, Ansichten und Äußerungen zum Thema Frauengesundheit gleichen fortwährend einer öffentlichen Beleidigung des weiblichen Geschlechts; er spricht uns, auch mit der geplanten Studie, die Fähigkeit zum selbstbestimmten Handeln ab. Spahns Ziel ist nicht Hilfe, sondern Kontrolle. Und die Studie ist kein Zeichen von Empathie, sondern Mittel zum Zweck – um das Beschneiden von Menschenrechten zu rechtfertigen. In der Petition geht es deshalb natürlich um viel mehr als die fünf Millionen Euro, die nun für eine Studie verschwendet werden soll, die längst existiert, sogar mehrfach. Es geht darum, die Debatte aufrecht zu erhalten und mithilfe aller Unterzeichner*innen eine Art eigene Opposition zu bilden, die nicht mehr von der Politik überhört werden kann. Und von Jens Spahn, der beharrlich schweigt und ignoriert.”

Was würde besser, wenn 219a gestrichen würde? Und 218?

„Ich frage mich eher, was dann nicht besser würde. Durch eine Entkriminalisierung könnten Krankenkassen sich an den Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch, die Frauen bisweilen privat und oft ganz allein stemmen müssen, beteiligen. Das Problem des Versorgungsmangels würde sich durch bessere Aus- und Fortbildungen von Studierenden und die Aufnahme des Themenbereichs Schwangerschaftsabbruch in das Medizinstudium erübrigen. Ein niedrigschwelliger und (über-)lebenswichtiger Zugang zu umfassenden Informationen müsste umgehend zur Selbstverständlichkeit werden. Der gesellschaftlichen Stigmatisierung würde ein großer Teil ihres Nährbodens genommen werden, Betroffene und Ärzt*innen könnten besser vor Anschuldigungen von und Angriffen durch ideologisch oder religiös motivierte Pro-Life-Fanatiker*innen geschützt werden. Frauen dürften sich endlich auf ihr Recht auf Frauengesundheit und Informationsfreiheit verlassen. Und nein: Niemand will 219a abschaffen, um Städte mit Werbeplakaten für Schwangerschaftsabbrüche zu tapezieren. Und mit der Streichung von 218 soll der Abbruch auch nicht zum gängigen Verhütungsmittel avancieren – das sind nichts als populistische Hirngespinste.”

Ein bisschen Nachhilfe für den Minister: Für welche sinnvollen Dinge könnten die fünf Millionen stattdessen verwendet werden?

„Mit fünf Millionen könnte man sich zum Beispiel um jene Kinder kümmern, die schon geboren wurden. Oder um Frauen, die ein Kind zur Welt bringen wollen. Durch die Förderung von Geburtshilfe, Hebammen und Pflegekräften. Man könnte das Geld auch in die psychologische Betreuung von ungewollten Kindern stecken und Müttern, die keine werden wollten. In den Ausbau von Beratungsstellen. In die Unterstützung von Alleinerziehenden. In die Pille für den Mann oder in den Kampf gegen Kinderarmut. Es ist ja nun wirklich nicht so, als gäbe es nicht ausreichend sinnvolle Alternativen.”

Wie viele Menschen haben bereits unterschrieben und wie viele braucht die Petition?

„Ich bin überwältigt von so viel Solidarität und Zusammenhalt: Gerade sind es 45.000 Unterzeichner*innen, nach nur zwei Tagen. Leider können wir nicht sagen ,noch 10.000 mehr und dann muss Jens Spahn seinen Plan zurückziehen!’. Aber es gilt natürlich: Je mehr, desto besser. Unser gemeinsames Ziel muss sein, die Debatte in den Medien zu halten und damit unüberhörbar zu werden. Ich sehe alle Unterzeichner*innen als eine Art Opposition an, die durch die Kraft ihrer Solidarität durchaus viel bewirken kann. Es geht hierbei ja vor allem darum, die jeweiligen Entscheidungsträger*innen direkt zu adressieren und sie zum Handeln, bzw. Reagieren zu bewegen, darum, Druck auf sie auszuüben. Wenn uns das gelingt, stehen die Chancen für sinnvoll investierte fünf Millionen tatsächlich gar nicht so schlecht.”

Und wenn jetzt dein Telefon klingeln würde und Jens höchstpersönlich dran wäre. Was würdest du ihm sagen?

„Ich würde ihn fragen, ob ich mal auf einen Tee vorbei kommen darf, um ihm unser Anliegen ganz in Ruhe erklären zu können. Ich glaube nämlich gar nicht, dass er ein böser Mensch ist. Bloß ein Mann, der Vieles noch nicht verstanden hat.”

Hier könnt ihr die Petition unterschreiben.

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