Foto: Anna Agliardi

Betül Ulusoy: „Das Tragen meines Kopftuches hat für mich emanzipatorischen Charakter“

Betül hatte eine Zusage für eine Ausbildung. Doch jetzt steht die wieder auf der Kippe – weil sie ein Kopftuch trägt. Wie sich das anfühlt? Frustrierend.

 

„Wir sind uns näher, als viele denken“

Sie hat Jura studiert und ist nun dabei, ihr Referendariat zu machen. Dafür bewarb sie sich beim Bezirksamt Neukölln und bekam eine Zusage. Telefonisch. Als sie dann persönlich erschien, wurde ihr offen gesagt, dass ihr Kopftuch ein Problem ist. Wie sie damit umgeht und welchen Stellenwert das Kopftuch für sie hat, hat Betül uns erzählt.

Betül,eigentlich hättest du am Montag den Vertrag für dein Referendariat in einer Neuköllner Verwaltung unterschreiben sollen. Was ist dann passiert?

„Telefonisch hatte mir der Mitarbeiter bereits mitgeteilt, er habe mich eingetragen und ich könne gern im Bezirksamt Neukölln meine Ausbildung fortsetzen. Ich solle nur vorbeikommen, um mein Formular unterzeichnen zu lassen. Wir haben daraufhin einen Termin für den nächsten Tag vereinbart. Dann bekam ich aber zu hören:Ich sehe, Sie tragen ein Kopftuch. Das wird problematisch, weil das Bezirksamt hier eine ganz klare Linie verfolgt und nicht einmal Praktikanten mit Kopftuch einstellt.‘ Ich wurde daraufhin nach Hause geschickt und sollte mich am nächsten Tag noch einmal melden. Nun möchte die Bezirksbürgermeisterin in der Bezirksverordnetenversammlung über meinen Fall diskutieren.“

Wie hat sich das angefühlt, als dir klar wurde, hier geht’s nicht um meine Fähigkeiten, hier geht es um mein Kopftuch?

„Es ist frustrierend. Einerseits wird von einem verlangt: Partizipiere und bilde dich, dann stehen dir alle Türen offen. Als Akademikerin werden einem dann aber immer wieder Türen vor der Nase zugeschlagen. Dass ich als deutsche Juristin in Deutschland für so ein einfaches Recht wie mein Recht auf Ausbildung kämpfen muss, macht mich sehr traurig. Ich sehe aber auch, dass immer mehr Menschen, auch an staatlichen Stellen und Behörden, darauf schauen, was im Kopf einer Frau ist und nicht auf ihrem Kopf. Das gibt mir Hoffnung.“

Darf dich das Bezirksamt überhaupt aufgrund deines Kopftuches ablehnen?

„Nein, natürlich nicht. Die Verwaltungsstation ist Teil meiner juristischen Ausbildung und der Staat hat in diesem Bereich quasi eine Monopolstellung. Eine Absage käme also einem Ausbildungs- und Berufsverbot gleich. Hier kann man eine Parallele zu Referendarinnen im Schuldienst ziehen, die auch vor dem neuesten Beschluss des Bundesverfassungsgerichts mit Kopftuch als Referendare arbeiten konnten.

Hinzu kommt, dass höchstrichterliche Rechtsprechung für Bund, Länder und Gerichte bindende Wirkung hat. Auch Gesetze wie das Berliner Neutralitätsgesetz müssen also im Lichte der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ausgelegt werden. Das Bezirksamt Neukölln muss sich dem in einem Rechtsstaat ebenfalls fügen und darf nicht persönliche Ansichten über die Verfassung stellen.

Trennung von Staat und Kirche und staatliche Neutralität bedeutet, dass der Staat die gesamte Bandbreite seiner Bürger gleich behandeln muss: Den überzeugten Atheisten ebenso wie den religiösen Menschen. Wenn aber nur eine Seite dieser Bandbreite abgeschnitten wird, etwa indem es ein Verbot nur für religiöse Erkennungsmerkmale gibt, können wir nicht mehr von Neutralität sprechen.“

Wann und wo begegnen dir im Alltag am häufigsten Ressentiments?

„Im Alltag begegne ich selten Ressentiments. Ich bewege mich zu oft in Kreisen, in denen man mich oder meinen Lebenslauf bereits kennt. Ich bin auch ein sehr offener Mensch. Wenn es dann doch einmal dazu kommt, dass ich an der Supermarktkasse anders als andere Kunden behandelt werde, schiebe ich es auf einen schlechten Tag der Kassiererin. Thematisiert werden muss aus meiner Sicht vor allem struktureller Rassismus, dessen Tragweite und Auswirkungen enorm sind und weiter reichen, als nur der Ärger über ungleiche Behandlung im Supermarkt.“

Nun überlegst du, das Bezirksamt zu verklagen. Rechnest du dir Chancen aus?

„Ich glaube nicht, dass man in diesem Zusammenhang von ‚gewinnen’ sprechen kann. Diesen Fall möchte ich aber weiter verfolgen, gerade weil ich durch so große Unterstützung die Kraft dazu habe, die andere in einer ähnlichen Situation vielleicht nicht aufbringen können. Wir müssen als Gesellschaft umdenken: Es kann nicht sein, dass wir Minderheiten auf dem Arbeitsmarkt ausgrenzen, seien es Schwarze, Muslime oder Tätowierte. Auch gut ausgebildete Menschen sind aber noch immer aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihrer Herkunft Diskriminierung ausgesetzt. Ich möchte mich im Namen von uns allen dagegen wehren.“

Was, denkst du, verunsichert Menschen an Frauen, die ein Kopftuch tragen? Ist es das Sichtbarmachen von Religion oder stecken dahinter Vorurteile?

„Ich glaube gar nicht, dass es so viele Menschen sind, die das Kopftuch verunsichert. Ich glaube nur, dass die Verunsicherten besonders laut dagegen protestieren. Wenn ich mit solchen Leuten spreche, habe ich oft das Gefühl, dass wir in zwei unterschiedlichen Welten leben und bin sehr erstaunt darüber, was für ein Bild sie von muslimischen Frauen zeichnen. Oft nämlich eines, das mit der Realität vieler Musliminnen in Deutschland gar nichts zu tun hat und von Vorurteilen und Fremdzuschreibungen geprägt ist. Was sie einer Muslimin zumTeil in den Mund legen, würde eine Muslimin niemals so sagen, geschweige denn denken. Das erschreckt mich.

Nach einer kurzen, entspannten Unterhaltung auf Augenhöhe merken sie aber schnell, dass auch ich nur ganz normal bin und man keine Angst vor meinem Kopftuch haben muss. Zwischenmenschlich entstehen schnell Sympathien und Verständnis füreinander. Leider kann ich nicht mit allen ein Zwiegespräch führen. Aber verstehen wollen und Empathie helfen in den allermeisten Fällen. Wir sind uns oft viel ähnlicher, als wir annehmen wollen.“

Ist das schon Fremdenfeindlichkeit oder einfach nur Unwissen? Wie bewertest du das für dich?

„Sehr unterschiedlich. Menschen, die sich mit dieser Thematik noch nicht befasst haben, unterstelle ich nicht pauschal Fremdenfeindlichkeit, das wäre nicht fair. Jeder Mensch hat Vorurteile und das ist OK. Man sollte aber bereit sein, sie zu überprüfen. Klare Worte finde ich aber für Menschen, die ihre Machtpositionen ausnutzen und auf Grundlage ihrer Vorurteile andere Menschen diskriminieren. Etwa wenn eine Lehrerin eine Schülerin vor der gesamten Klasse bloßstellt, weil sie jüdisch ist. Das ist keine Unwissenheit, das ist Antisemitismus. Oder wenn ein Makler einer muslimischen Familie eine Wohnung nicht vermittelt, nur weil die Frau ein Kopftuch trägt. Auch das ist keine Unwissenheit, das ist schlicht antimuslimischer Rassismus.“

Die Motivation, ein Kopftuch zu tragen, kann unterschiedlich sein. Was bedeutet dir das Tragen des Kopftuches?

„Der wichtigste Grund ist natürlich der religiöse. Ich glaube, dass das Kopftuch-Tragen ein religiöses Gebot ist, das ich befolge. Zunehmend nimmt das Kopftuch für mich aber auch einen emanzipatorischen Charakter ein. Vor allem in unserer Werbe-, Film- und Musikindustrie wird die Frau auf ihren Körper reduziert. Durch die Bedeckung entziehe ich mich dieser Bewertung ein Stück weit. Das fühlt sich manchmal sehr befreiend an. Das bedeutet aber nicht, dass andere Frauen keine anderen Wege gehen können. Jede Frau muss für sich entscheiden, wie sie sich kleiden möchte.“

Du kannst also auch nachvollziehen, wenn eine Muslimin kein Kopftuch tragen möchte?

„Selbstverständlich. Das ist übrigens eine der Fragen, die mich sehr irritiert haben, als ich sie das erste Mal hörte. Warum sollte ich das denn nicht tun können? Es kann sehr unterschiedliche Gründe dafür geben, warum eine Frau sich für ein Kopftuch entscheidet und genau so kann es sehr unterschiedliche Gründe dafür geben, warum sie sich dagegen entscheidet, etwa weil sie eben Diskriminierung befürchtet. Am Ende muss das jede für sich entscheiden. Mir fällt das im Grunde gar nicht auf. Ich habe in meinem engen Freundeskreis  Atheistinnen, eine Hinduistin, Juden und Musliminnen mit und ohne Kopftuch. Ich könnte nicht sagen, wer am gläubigsten ist, am häufig praktiziert oder am spirituellsten ist. Das Kopftuch spielt in dieser Hinsicht gar keine Rolle. Meine beste Freundin ist Muslimin ohne Kopftuch und nach meinem Empfinden religiöser als ich.“

Auf deinem Blog schreibst du über das Leben als Muslimin und gibst so Einblicke in eine Kultur, die vielen so fremd scheint. Vom wem wirst du mehr gelesen, von Muslimen oder von Nicht-Muslimen? Und welche Rückmeldungen bekommst du für deine Texte?

„Ich glaube, dass ich sowohl von Muslimen als auch von Nicht-Muslimen gelesen werde,gerade weil ich auch beide Welten zusammenbringe. Die Rückmeldungen sind eigentlich durchweg positiv. Viele Muslime freuen sich, dass ein authentisches Bild aus ihrem Alltag vermittelt wird und viele Nicht-Muslime freuen sich, zu sehen, dass sich die Welt der – oft geheimnisvoll wirkenden – Muslime gar nicht so sehr von ihrer unterscheidet.“

Welchen Aspekt sollte man in der immer wiederkehrenden „Kopftuch“-Debatte stärker in den Vordergrund rücken? Gibt es da etwas, das dir besonders wichtig ist?

 „Wem wirklich daran gelegen ist, der muslimischen Frau zu helfen, der sollte sich dafür einsetzen, dass die Muslimin nicht aus dem öffentlichen Raum verbannt wird. Denn das ist es, was sogenannte Neutralitätsgesetze bewirken: Dadurch, dass der Staat keine Frau mit Kopftuch einstellen möchte, bezieht sich auch die Privatwirtschaft darauf und stellt ebenfalls keine Frauen mit Kopftuch ein. Darum ist es so wichtig, dass ich in meinem Fall für mein Recht kämpfe. Juristen sprechen von der Ausstrahlungswirkung des Neutralitätsgesetzes auf den privaten Sektor. Das bewegte auch ehemalige Befürworter des Neutralitätsgesetzes, wie etwa den ehemaligen Berliner Innensenator Ehrhart Körting dazu, Abstand von dem Gesetz zu nehmen, das er einst auf den Weg gebracht hat. Das sollten wir alle tun.“


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