Foto: William Stitt | Unsplash

Kind oder kein Kind? Hauptsache glücklich!

Eine Frau mit Kindern, trifft eine Frau ohne Kinder – und verkneift sich eine Rechtfertigung.

 

Ein Wiedersehen nach vielen Jahren

Ich warte am langsamsten Fahrstuhl der Nation auf die Erlösung. Der kleine Sohn drückt stetig auf den Fahrstuhlknopf, das Baby weint im Kinderwagen. Da tippt mich plötzlich jemand von hinten an: „Hallo, schön dich zu sehen.“ Ich kenne diese Stimme, habe sie aber viele Jahre nicht gehört, genauer gesagt, denke ich, habe ich sie seit meinem Schulabschluss vor 16 Jahren nicht mehr gehört. Ein Wiedersehen nach vielen Jahren hat immer ein wenig befremdliche Züge, finde ich. Ich drehe mich also um. Hinter mir steht eine gutgekleidete junge Frau, die mich entfernt an eine ehemalige Mitschülerin erinnert. „Hallo, was machst du denn hier?“, frage ich sie.

„Du hast keine Kinder?”

Schon in dem Moment, in dem ich die Frage stelle, finde ich sie selbst ziemlich bescheuert, denn die Erklärung, was sie hier am langsamsten Fahrstuhl der Welt sucht, würde mich nur semi interessieren. Außerdem sind wir beide Berliner und am Alexanderplatz, was kann man hier schon wollen? „Sind das zwei von deinen drei Kindern?“, fragt mich die junge Frau. Vielleicht fällt ihr wiederum auf, dass auch diese Frage nicht besonders geistreich ist, denn sie runzelt selbst die Stirn. „Ja, das sind zwei von ihnen.“ 

Ich überlege krampfhaft, ob sie vielleicht auch Kinder hat und mir das irgendwer erzählt haben könnte, aber sie beantwortet meine unausgesprochene Frage schon ungewollt von selbst. „Ist der da also das große Kind, das du auf dem Blog immer beschreibst?“ Mhhhm, ich überlege ob sich eine ernst gemeinte Antwort hier wirklich lohnt. Die große Tochter ist zehn Jahre alt, hat lange blonde Haare und ist unverkennbar ein Mädchen. Der Sohn jedoch, der immer noch auf den Fahrstuhlknopf drückt und damit langsam alle Anwesenden nervt, ist sechs Jahre alt, sieht eher aus wie ein kleiner Sportfreak und ist,nun ja, ungefähr 30 cm kleiner als durchschnittliche Zehnjährige. „Nein, das sind mein Sohn und im Kinderwagen meine kleinste Tochter. Du hast wohl keine Kinder?“ 

Erst die Karriere, dann die Kinder?

Sie schaut mich an und lächelt ein wenig „Nein, ich will erst die Karriere voranbringen, dann kommen die Kinder. Ich pendele zwischen München und Berlin, habe inzwischen in die riesige Firma XY gewechselt und hätte gar keine Zeit für Kinder, so wie du das gemacht hast. Ich reise viel und will meine Freiheiten geniessen.“

In diesem Moment liegen mir sehr viele Dinge auf der Zunge. Ich möchte dieser jungen Topmanagerin gern entgegenschleudern, dass sich Kinder und Karriere nicht ausschließen, dass viele Frauen, die ich kenne (mich eingeschlossen) sogar beides haben, dass Kinder nicht in Zeit aufzuwiegen sind, dass man bei der richtigen Partnerwahl direkt wieder zurück an den Schreibtisch kann (wenn man es möchte). Ich möchte ihr sagen, dass Kinder keine eingeschränkten Freiheiten bedeuten, dass man auch mit Kindern viel reisen kann (ich kenne so viele Eltern, die ständig mit ihren Kindern rund um den Globus unterwegs sind). Ich möchte ihr sagen, dass sie keine Scheu haben braucht vor all dem hier. Und vor Augenringen im Pandalook. Und vor ungeraden Lebensläufen. Ich möchte ihr Bücher zu dem Thema empfehlen und Blogs und überhaupt möchte ich ihr sagen: Hab keine Angst!

Hauptsache glücklich, mit oder ohne Kinder

All das möchte ich ihr sagen – und lasse es doch. Ich will keine Rechtfertigungen für mein oder ihr Leben rauskramen. Ich weiß doch gar nicht, warum sie keine Kinder hat, vielleicht haben kann, oder haben möchte? Ich kenne diese kinderlose Frau nicht und ich hoffe einfach nur, dass sie in diesem Zustand glücklich ist. Ich lächle und sage einfach: „Ich verstehe, dann alles Gute für die Zukunft.“, und steige in den angekommenen Fahrstuhl ein. Auf dem Weg nach unten winken der Sohn und ich ihr nochmal zu. „Wer war das Mama?“, fragt er mich und hält inzwischen den Stationsknopf im Fahrstuhl gedrückt. „Eine Bekannte von früher“, sage ich und spüre im selben Augenblick wie gut ich auch sagen könnte: „Eine Unbekannte von heute.”

Dieser Text ist bereits auf Alus Blog: www.grossekoepfe.de erscheinen. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

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