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Das große Missverständnis über das Singledasein

Singlesein ist nichts Gutes? Pardon, aber wir haben es hier mit einem großen Missverständnis zu tun. Zeit, darüber zu reden.

 

Das gute Leben? Gibt’s auch in der Singleversion!

Neulich auf einer Party. Ich belausche frecherweise ein Gespräch.
Offensichtlich hat sich da eine Runde an Menschen zusammengefunden, die sich schon länger nicht gesehen haben. „Na, und wie sieht es mit den Männern aus?“, wird eine Frau in der Runde gefragt. „Single!“ ruft sie, und lacht. Doch als hätte sie stattdessen „Schuldig!“ geplärrt, treffen sie traurige Blick, offensichtliches Mitleid und ein: „Ach man, bestimmt ist bald der Richtige dabei.“ Und dieser Satz wäre wahrscheinlich gefallen, ganz gleich ob sie an der Kaffeetafel bei den Eltern oder eben morgens um 5 Uhr auf Bekannte auf einer Party trifft.

Singlesein, das ist nichts Gutes. Waren wir da nicht eigentlich schon weiter? Nun, zumindest sagen wir uns das jeden Tag, bis dann doch wieder die stereotypen Lebensentwürfe aus einem rausbrechen. Die Prinzessin braucht einen Prinzen – und umgekehrt. Aber wieso eigentlich? Ich halte es da wie Laurie Penny, die neulich in einem Interview sagte: „Wir sollten aufhören, jungen Frauen zu erzählen, dass sie als Single nicht glücklich sein können.“ Vielleicht sollten wir das aber auch den älteren Frauen und Männern noch mal zuflüstern. Scheint mir ganz so, als bräuchten genderübergreifend  alle Altergruppen noch etwas gedankliche Hilfestellung in dieser Angelegenheit.

Glatte Lüge: Als Single muss man automatisch weniger glücklich sein, als in einer Beziehung

Woher genau kommt noch einmal die Annahme, dass man als Single
weniger glücklich sein muss, als wenn man in einer Beziehung ist? Ach ja,
richtig!  Von damals. Und aufgeklärt wie wir heute sind, schaffen wir es zwar das für nichtig zu erklären, aber eben noch lange nicht, es wirklich zu verinnerlichen. Doch mal ehrlich, was genau hat der Singlestatus denn so Furchtbares an sich, dass wir damit automatisch mit einer Art Bürde leben? Du kannst essen was du willst, du kannst das ganze Bett zum Schlafen nutzen, du musst dir keine Dinge im TV anschauen, auf die du gar keine Bock hast, du kannst dir deine Haare abschneiden und färben, ohne dass jemand schockiert schaut, du musst keine schlimmen Möbel und Bilder in der Wohnung ertragen, ohne die jemand anders nicht leben kann. Und wir sprechen hier von Wohnaccessoires, die niemals hätten die Dunkelheit eines Kaufhauslagers verlassen dürfen.

Kurz gesagt: Das Leben in einer Beziehung ist ein Leben im steten Kompromiss. Klar, dafür gibt’s auch was zurück – das ist hier gar nicht der Punkt. Sondern: Wieso sollte es uns nicht grundsätzlich mindestens genauso glücklich machen, genau die nicht machen zu müssen?

Wir sollten uns an den Gedanken gewöhnen, dass Singlesein genauso richtig ist, wie es nicht zu sein. Und es ist etwas, aus dem wir wahnsinnig viel ziehen können. Jeder, den ich kenne, mich eingeschlossen, ist in seinen Singlephasen gewachsen. Wirklich jeder, der bereit war, diese Phase anzunehmen und bewusst zu leben, hat einen Sprung gemacht. Weil es eben klassischerweise die Zeiten im Leben sind, in denen man sich nochmal ganz genau betrachtet. Klar, denn die Projektionsfläche des anderen fehlt ja. Also beginnt man sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und mit dem, was man sein Leben nennt. Denn was man als Single viel deutlicher merkt als als Teil einer Beziehung: Dass es für ein gutes Leben essentiell ist, mit sich selbst gut auskommen zu können. Und das ist leider nicht immer automatisch der Fall. Ist man also auf sich gestellt, dann ploppen sie (wieder) auf die Fragen: Mag ich mich wirklich? Mag ich, was ich mache, was ich bin und was ich darstelle?

Der Witz ist: Für eine funktionierende Paarbeziehung sind die Antworten ebenso wichtig, wie für die Beziehung mit sich selbst. Nur fällt es in einem „Wir“ nicht so schnell auf wie in einem „Ich“, wenn es da hapert. Weil wir uns im Wir immer noch durch die Augen eines anderen sehen können, wenn wir keine Lust haben, uns mit diesen Fragen auseinanderzusetzen – oder es uns gedanklich einfach auf seiner/ihrer Seite des „Wirs“ gedanklich gemütlich machen können. Aber ist das ein guter Plan? Und ist das nicht das, was uns hinterher fertig macht, wenn mal wieder ein Singlephase eingeläutet wird? Ich glaube ja –  gepaart mit der sich hartnäckig haltenden Idee, dass die klassische Paarbeziehung eben doch das einzig Wahre ist, man nur mit jemandem an seiner Seite ein erfülltes Leben führen kann, ein Kind bekommen sollte und eine Heirat irgendwie doch eine fancy Angelegenheit ist, die man zumindest einmal abhaken muss. Auch wenn es nur für ein paar Jahre ist.

Schön und gut. Aber was ist denn mit der Liebe?

Ja, genau, was ist denn eigentlich mit der Liebe? Da haben wir es ja dann
mit dem nächsten Punkt zu tun, der meiner Meinung nach komplett missverstanden wird. Es ist natürlich wundervoll in einer Beziehung zu sein, geliebt zu werden, zu lieben, gemeinsam eins zu sein. Absolut, eine wunderschöne Erfahrung. Und dieser Text stellt auch keine Gegenrede zu Beziehungen dar. Die Frage ist ja aber die: Wieso sollte das nur in einer Paarbeziehung der Fall sein? Wenn wir über Liebe sprechen, dann in der Regel nur über die durch und durch romantische, und noch viel häufiger, über die heterosexuelle zwischen Mann und Frau. Aber das ist noch einmal ein Thema für sich.

Doch was ist eigentlich mit Freunden, der Familie? Enge, lange Beziehungen, die von tiefer Liebe getragen und ertragen werden? Beziehungen, in denen wir uns reiben, wachsen und auch körperliche Nähe erfahren – nur eben nicht zwingend im sexuellen Sinne. Nicht zu vergessen, die Liebe zu uns selbst, die viele erst als erwachsener (Single-)Mensch finden. Ist diese Liebe anders, weniger wert? Weil wir einander nicht die Ausschließlichkeit versprechen? Weil zu diesen Beziehungen im Zweifel mehr  Menschen gehören, die in ähnlicher Liebe zueinanderstehen? Und da kommen wir auch schon zur Monogamie, die, um noch einmal Penny zu zitieren, eigentlich nur eine von vielen sexuellen Vorlieben ist – und möglicherweise auch zur Diskreditierung des Singleseins beiträgt. 

Aber ganz gleich wo man sich in diesen Gedanken einordnet, bleibt es doch essentiell, den Status als Single nicht als Status des Mangels zu begreifen. Sondern als Phasen in unserem Leben, die wahnsinnig wichtig für die
eigene Entwicklung sind – und Phasen, die mit viel Liebe gefüllt sein können. Dafür muss man es aber wagen, die Gedankenfolie des armen Singles von sich zu lösen und ein für alle Mal über Bord zu schmeißen.

 

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