Foto: Veronika Natter

Inez Bjørg David: „Ich wollte immer die Welt retten“

Eigentlich wollte sie immer die Welt verbessern. Bis sie in die Schauspielerei „reinrutschte“ – und zehn Jahre dabei blieb. Wie Inez Bjørg David beschloss, ihrem Leben mit einem Onlineshop für faire Mode eine neue Richtung zu geben, erzählt sie uns im Interview.

 

Als die gebürtige Dänin Inez Bjørg David auf mich zukommt, bin ich überrascht. Klar, das Gesicht kennt man beispielsweise aus den Filmen „Männerherzen“ und der Telenovela „Verbotene Liebe“, doch abseits der Filmleinwand wirkt sie anders: zierlicher, jünger, irgendwie normaler. Ihr Outfit besteht aus einem schwarzen Wollmantel, einer hellen Jeans und bunt gemusterten Stiefeletten – natürlich alles aus ihrem eigenen Onlineshop „miwai“, wie sie mir später erzählt. Wir treffen uns in einem Café in Prenzlauer Berg. Für Inez, die vor 14 Jahren nach Berlin kam und mit ihrem Mann Mirko Lang, der ebenso Schauspieler ist, sowie ihren beiden Kindern gleich um die Ecke wohnt, ein vertrauter Kiez. 

Den Einstieg ins Interview finden wir dank Inez quirliger Art leicht. Wir sprechen über ihren Job, ihre Macken, ihre Vision. Als wir auf die gesellschaftliche Stellung der Frau zu sprechen kommen, kommt sie in Fahrt. Dabei fallen Worte wie „Was soll der Mist?“, „Scheiße“ und „Schieflage“. Man merkt schnell: Eine sanfte junge Frau, die man bei ihrer zierlichen Statur vermuten könnte, ist sie nicht.   

Du hast dir gerade einen
Cappuccino mit Sojamilch bestellt – lebst du vegan?

„Ja, ich bin Veganerin, wobei Sojamilch eigentlich immer meine letzte Wahl ist. Die Sojabohne wächst überall in Deutschland, nur werden alle Sojaprodukte aus den Bohnen im Regenwald hergestellt, weil man da gleich zwei bis drei Mal
im Jahr eine Sojaproduktion machen kann. Das kann ich nicht nachvollziehen, die wächst doch mittlerweile überall.“ 

Lebt deine ganze Familie vegan?

„Mirko isst auf jeden Fall Fleisch, bei Milchprodukten muss er aber auch aufpassen, da er eine Laktoseintoleranz hat. Meine Kinder dürfen essen, was sie wollen. Natürlich fragen sie nach, wenn ich sage ,Nein, danke. Das
will ich nicht.‘ Und dann kommt immer ,Wieso denn Mama, warum isst du denn kein Fleisch?‘“ 

Es ist vermutlich schwer, einen Weg zu finden, deinen Kindern deutlich zu machen, welche Einstellung du dazu hast, aber sie gleichzeitig nicht zu sehr zu beeinflussen. 

„Ich möchte das nicht weg reden und sagen, das ist kein Tier und das hat auch nicht wehgetan. Weil das ist ja einfach nicht so.
Auch Biofleisch heißt nicht, dass das Tier ohne Schmerzen gestorben ist, dass
es nicht hört, wie seine ganze Herde geschlachtet wird und voller Adrenalin in die Halle geht.

Ich nenne das immer eine Dualität der Empathie: Bei welchen Tieren soll man Mitleid haben, bei welchen nicht? Weil es ein ziemlich schmaler Grad ist, bin ich dann auch ehrlich meinen Kindern gegenüber und schildere es so, wie ich es empfinde.

Wenn ich auf einem Hof leben würde, oder es gäbe nicht genug zu essen, wäre ich die erste, die ein Huhn
schlachten würde, um meinen Kindern eine Hühnersuppe zu machen. Das wäre für
mich überhaupt kein Ding. Das ist aber nicht das, was heute passiert.“

Dein Mann und du seid beide Schauspieler. Zusätzlich führst du einen eigenen Onlineshop für nachhaltige Mode. Wie gestaltet ihr das
Familienleben?

„Gute Frage, bei uns herrscht großes Chaos gerade. Mirko ist seit letztem Jahr bei den Bergrettern, das in Ramsau gedreht wird. Seit zweieinhalb Jahren habe ich die Firma, seit gut zwei Jahren bin ich damit online. Ich habe viel ausprobiert, zwischendrin das Lager auch mal als Laden aufgemacht, und
irgendwann habe ich wieder aufgehört. Mir wurde klar: Das war gar nicht der Plan. Ich wollte einen Onlineshop, kein Ladengeschäft. Also spulte ich wieder zurück. Irgendwie verrennt man sich ganz schnell, selbst wenn es nur ein Nebenprojekt
sein soll. Seitdem ich meinen Geschäftspartner Stefan habe, werde ich viel entlastet und habe mehr Energie.“ 

Wie setzt du bei Familie, Schauspielen und Onlineshop deine Prioritäten?

„Die Arbeit ist die Schauspielerei – der Job, mit dem Geld reinkommt.
Natürlich ist das kein sicheres Einkommen im klassischen Sinne, aber wenn ich mir die letzten
zehn Jahre anschaue, schon. Ich habe immer viel zu tun und sogar die Möglichkeit, dass ich auch mal etwas absagen kann. 

Die Kinder sind ein ganz eigenes Projekt – vor allem, wenn sie
älter werden, wenn es nicht nur um eine zeitliche Betreuung geht, sondern um eine
sinnvolle Lern-Beschäftigung. Wir haben die Kinder gerade aus der Kita genommen, weil das einfach nicht mehr ging. Dort waren einfach zu viele Kinder für zu wenig Erzieherinnen. Es ist mir schon klar, warum die Kita es nicht anders hinkriegt, aber es sind immer noch meine Kinder, die da sind. Zum Glück haben wir seit ein paar Monaten ein Aupair aus Dänemark, die mir hilft, auf die Kinder aufzupassen. So können wir in aller Ruhe eine neue Kita suchen. 

Für einen Onlineshop habe ich mich gerade deshalb entschieden, um etwas zu haben, was zeitlich flexibel, und nicht an einen Ort gebunden ist. Organisatorisches soll dann alles mein Geschäftspartner Stefan machen, ich bin nur noch für das Kreative verantwortlich.“ 

Warum ist gerade jetzt
der richtige Zeitpunkt für einen Onlineshop für nachhaltige Mode?

„Im Moment finde ich, dass vegan – in der Ernährung oder in der Mode – einfach wichtig ist. Die Missstände in der Tierhaltung sind brutal. Die Herstellung von Fleisch resultiert in mehr Abholzung als alle andere Industrien, sie verändert die Atmosphäre mehr als alle andere Industrien. Es ist also die „ökologischste“ Entscheidung. Außerdem glaube ich,
dass es nicht gesund sein kann, wenn die Leute so viele Milchprodukte zu sich
nehmen. Und Fleisch in diesen Mengen ist absolut unnötig, das brauchen wir nicht. Vegan ist ein guter Weg, an einer Ecke etwas abzuschneiden und etwas Neues
auszuprobieren. Leder und Fell in der Mode? Völliger Schwachsinn. 

Der Impuls für den Onlineshop kam aus mir heraus: Ich wollte bewusst Klamotten einkaufen, aber trotzdem so
aussehen, wie ich aussehen möchte und nicht so wie die Ökis früher – Kartoffelsack und Jutebeutel.

Außerdem stand ich mit 30 in meinem Leben, hatte zwei Kinder und bereits zehn Jahre
geschauspielert, obwohl ich mir damals vorgenommen hatte, nach zehn Jahren aufzuhören. Ich befand mich in einer kleinen Lebenskrise. Damals bin ich so in die Schauspielerei
reingerutscht, wollte aber eigentlich – so war es auch schon mein Wunsch als Kind – immer die Welt retten. Auf einmal
war ich dann in diesem komischen, künstlerischen Beruf, wo alles nicht wirklich fassbar ist: die Menschen leben in ihrer eigenen Welt, das Endprodukt ist immer ein kleines Märchen, das nicht echt ist. Meinen Kindern wollte ich auf den Weg geben ,Tu
das, was dich glücklich macht‘. Weil das damals bei mir nicht der Fall war, musste sich für mich etwas ändern.“

Nach welchen Kriterien
suchst du die Kleidung aus?

„Wie Karl Marx damals sagte: ,Der Mensch ist seine Arbeit‘. Daher muss der Mensch auch für seine Arbeit respektiert werden. Siegel sind nicht optimal, alle nicht. Viel wichtiger ist mir, dass ich die Labels und die Geschichte dahinter kenne.“ 

Was ist die größte Herausforderung
in deinem Leben?

Zeitmanagement. Ich bin ein sehr kreativer Mensch. Kreatives Chaos brauche ich auch, aber man braucht natürlich auch Struktur und Ordnung.
Vor allem, wenn man so viele Sachen hat, mit denen man jonglieren muss.“

Viele andere
Schauspieler gründen ihr eigenes Modelabel, um ein zweites Standbein zu haben …

„Ich würde ja gerne sehen, bei wie vielen Schauspielern das Standbein wirklich ein Standbein ist. Es dauert sehr lange und es kostet sehr
viel Geld. Bis jetzt ist bei mir kein Geld reingekommen, nur rausgegangen. Ich habe es auch noch ohne Bank
gemacht. Das ist dann aber auch mein persönlicher Ansporn, es ganz alleine
hinzukriegen. 

Schauspieler, die sich ein Label aufbauen, sind nicht
diejenigen, die keine Arbeit haben – weil die haben wir genug – sondern meist die, die Arbeit nicht ganz befriedigt. Hierbei geht es nicht nur um Geld, sondern um Beschäftigung. Als Schauspieler wartet man darauf, dass welche anrufen und sagen, dass du arbeiten
kannst. Selten ist der Schauspieler selbst derjenige, der sagt ,Soo Leute, jetzt
drehen wir einen Film.‘“ 

Ein Onlineshop für nachhaltige Mode, Veganerin, zwei Kinder. Seid ihr die typische
Prenzlauer-Berg-Familie?

„Ja schon. Dass ich uns als Neuspießer bezeichne, gefällt Mirko gar nicht. Aber wir sind doch irgendwie, auch ein bisschen Mainstream. Wir sind zwar nicht die Spießer, die unsere Eltern waren, wir brauchen auch kein Reihenhaus und einen Mercedes vor der Tür. Aber wir wohnen in Prenzlauer Berg und haben zwei Kinder. Das geht schon schnell, da rutscht man rein.“

Hast du mit Vorurteilen zu kämpfen?

„Momentan eigentlich nicht, ab 30 und mit Kindern wird
man als Frau auch ernster genommen. Als ich noch den dänischen Akzent hatte und die Grammatik noch nicht so gut beherrschte, wurde ich immer als niedlich abgestempelt. Was ich aber nie war. Und dann auch noch blond, schlank und blauäugig. Ich dachte mir immer: ,Leute, ich bin einfach nur Ausländerin, ich
bin nicht dumm‘. Sexuelle Belästigungen kommen zwar heute auch noch vor, aber nicht mehr so oft wie früher.“

Hast du da ein Beispiel?

„Ich konnte kaum mit Männern reden, ohne dass sie mit mir flirteten oder mich dabei am Arm packten oder eben auch am Arsch. Ich habe lange gebraucht, einen Weg zu finden, damit umzugehen. Eben zu sagen: Ich möchte nicht mit dir flirten, rede normal mit mir. Irgendwann habe ich angefangen, einfach wegzugehen.

Als Botschafterin für den World Future Council habt ihr euch letztes Jahr auch mit der Vergewaltigung von Frauen beschäftigt. Das Thema scheint dich sehr zu beschäftigen.

„Diese Objektifizierung der Frau in unserer Gesellschaft ist ein grundsätzliches Problem. Als Frau zählt es eben als eine Eigenschaft gut auszusehen. Bei Männern geht es um’s denken oder um’s tun. Und eine Frau, die im betrunkenen Zustand vergewaltigt wurde, bekommt zu hören: ,Warst du betrunken? Hast du mit ihm geflirtet?‘ Warum darf man das sagen? Was soll der Mist? Das ist so eine Schieflage in unserer Gesellschaft: zu meinen, dass Frauen eher dumm
sind. Junge Frauen erleben doch konstant sexuelle Belästigung im normalen Kontext: bei Freunden, auf Partys. 

Wusstest du, dass wir in Deutschland ein Vergewaltigungsgesetz
haben, das besagt, wenn eine Frau nein sagt, reicht das
nicht. Das ist nur dann eine Vergewaltigung, wenn der Mann weitermacht, nachdem
du dich körperlich gewehrt hast. Wir leben in Deutschland in einer Gesellschaft, wo die Frau die Schuld trägt, wenn sie vergewaltigt wird. Und Frauen verinnerlichen das.

Als ich Kinder gekriegt habe, ist mir klar geworden, dass sie auch mal in diese Gesellschaft hinaus gehen. Da habe ich Angst vor. Ich muss beide liebevoll erziehen, aber gleichzeitig meiner Tochter beibringen, wie sie um
sich beißt, wie sie zurück beißt, wie sie auf sich aufpassen kann. Was soll das? Das macht mich richtig wütend.“

Die Vergewaltigungsfälle kommen
ja auch selten an die Oberfläche…

„Ja, probier das mal. Dann würde man das sowieso erstmal hinterfragen. Ganz ehrlich, was ist denn Sex überhaupt und wie wichtig kann es bitte sein? Ich weiß, es ist gemein, aber mit 15 habe ich zu meiner Mutter gesagt: Ich bin so froh, dass ich ein Mädchen bin. Die Jungs tun mir so leid, die sind nur von einer Sache gesteuert. Na klar, ist das ein extremes Alter und es gibt auch tolle Gegenbeispiele, aber wie vielen Menschen geht es eigentlich nur darum,
jemanden abzuschleppen oder irgendeine Liebesbeziehung einzugehen? Wann definieren wir uns denn mal nur über uns selbst?“

Wenn du mal nicht arbeiten musst … was machst du, um den Kopf wieder frei zu bekommen?

„Wir haben ein Haus in Brandenburg mit einem riesigen Garten. Natur ist für mich einfach das Beste, was es
gibt.“

Was ist deine größte Macke?

„Ich möchte so viel. Ich bin nicht ungeduldig, nur mache ich zu viele Sachen auf einmal. Ich habe immer so gute Ideen, dann fange ich zehn Sachen an und merke irgendwann, ich schaffe das gar
nicht alles. Dann ist es viel zu viel und ich schmeiße alles hin. 

Daran arbeite ich gerade aktiv. Früher habe ich meistens Jahresplanung betrieben. Letztens hat es auch mit einer Planung der nächsten zwei bis drei Jahre angefangen und dann wurden es schließlich 15, bis die Kinder aus der Schule sind.“ 

Wenn dein Leben ein
Film wäre, welche Botschaft würdest du den Zuschauern gerne mit auf den Weg
geben?

Einfach machen und ausprobieren. So war das auch bei uns mit dem Haus auf dem Land. Mirko ist bei solchen Sachen immer etwas vorsichtiger, weil dabei ja auch viel Geld im Spiel ist.
Aber ich dachte, wir müssen es einfach ausprobieren. Selbst, wenn man es dann
später irgendwann wieder verlieren sollte, weiß man, wie es war. Vor allem sollte man keine Angst haben, dass es am Ende nicht
das ist, was man sich erhofft hatte.“ 

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