Foto: Carla Chan

Carla Chan: „Die Realität ist mir zu langweilig, um sie einfach nur wiederzugeben“

Frauen in der Kunst sind rar, noch seltener im Bereich der Media Art. Eine davon ist Carla Chan. Zu ihrer ersten Soloausstellung haben wir uns von der jungen Künstlerin erklären lassen, inwiefern Frauen der Kunst eine neue Perspektive bieten können.

 

Das gewisse Etwas 

Vor mir blicke ich in ein Meer aus Wellen, organischen Formen und Kreisen, die über die Leinwand fließen, verschwinden und an anderer Stelle wieder auftauchen. Das dunkle Licht um mich herum und der zur Projektion synchron verlaufende Sound lassen mich alles andere um mich herum vergessen. Es ist diese Art von Kunst, bei der man nicht definieren kann, was genau uns in den Bann zieht. Es ist dieses gewisse Etwas, das mich in der Projektion versinken lässt. 

Diese Videoprojektion ist das Werk der Künstlerin Carla Chan. Die 26-Jährige kommt ursprünglich aus Hongkong und studierte dort Media Arts mit dem Schwerpunkt auf ,Experimental theme‘. Seit August 2015 wohnt sie fest in Berlin, im Februar 2016 hatte sie nun ihre allererste Soloausstellung in der Berliner Smac Galerie: „To Outland“, kuratiert von Kyle Chung

Was mir die organischen Formen in der Videoprojektion eigentlich sagen sollen, woher die dunkle Stimmung kommt und inwiefern Frauen eine besondere Rolle in der Media Art spielen, hat sie mir im Interview erzählt. 

Liebe Carla, warum wirken deine Werke so düster?

„Dass die Werke so dunkel wirken, habe ich anfangs selbst gar nicht realisiert, erst die Besucher meiner Ausstellung haben mir das immer wieder deutlich gemacht. In den Werken habe ich primär meine Beziehung zur Natur verarbeitet, daher auch die organischen Formen. 

Ich bin in Hongkong aufgewachsen und bin daher in meiner Kindheit und Jugend nur wenig mit der Natur in Kontakt gekommen. Auf meinen Reisen, die ich in den vergangenen zwei Jahren gemacht habe, ist mir bewusst geworden, dass ich tatsächlich eine Phobie gegenüber der Natur entwickelt habe. Als ich auf einer Reise nach Moskau das erste Mal wirklich alleine in der Natur war, bin ich komplett verrückt geworden. Daher sind die Werke vermutlich etwas düster.“


Und was willst du den Betrachtern damit vermitteln?

„Es ist nicht wirklich eine bestimmte Nachricht, die ich damit übermitteln will, sondern eher die Idee – und zwar das Bild der Landschaft in meinem Kopf. Weil Natur so lange für mich in der Ferne lag, habe ich einen viel distanzierteren Standpunkt dazu.

Generell will ich den Leuten zeigen, dass Media Art nicht so ,billig‘ und einfach ist, wie es vielleicht manchmal aussieht. Ich würde sogar behaupten, dass es mehr Ausdauer und vor allem mehr Wissen verlangt als die traditionellen Zeichenmethoden.“

Bewegung, die Grenze zwischen Illusion und Realität sowie der Aspekt der Zeit scheint in deinen Werken eine große Rolle zu spielen. Warum?

„Diejenigen Projekte, die auf Zeit basieren und erst dadurch funktionieren, zeigen viel mehr als nur ein Frame und viel mehr als ,nur‘ die Realität. Die Wirklichkeit ist für mich einfach zu langweilig, um sie genauso in meiner Kunst widerzuspiegeln. Schließlich sehen unsere Augen die Realität bereits so, wie sie ist. Deswegen liebe ich es, mit weiteren Ebenen, Effekten wie Sound und Bewegbild zu arbeiten. Dabei sollte man aber aufpassen, dass man nicht zu sehr abdriftet und den Bezug zur Realität verliert. Mir ist wichtig, genau die richtige Balance zu finden.“


Was ist der größte Unterschied zwischen traditioneller Kunst und deinem Bereich, der Media Art?

Der größte Unterschied besteht darin, dass im Gegensatz zu traditionellen Gemälden, die bei zu viel Farbe irgendwann schwarz sind, ein digitales Werk ein endloser Prozess ist. Du kannst immer weiter machen, immer wieder bearbeiten, einen extra Layer hinzufügen. Da muss man lernen, es irgendwann einfach sein und laufen zu lassen. Perfektion in Media Art gibt es nicht.“

Würde denn eine technische Weiterentwicklung dann automatisch auch ein Änderung deines künstlerischen Stils bedeuten?

„Nein, und zwar aus einem ganz simplen Grund: Ich sehe Kunst als meine eigene Art der Kommunikation. Ich bin nicht gut im Schreiben und Reden, daher liegt für mich die Kraft des Ausdrucks in der Kunst. Und dadurch schaffe ich es gar ohne Worte, die Leute sprachlos zu machen. Und die digitalen Tools sind lediglich die Werkzeuge, die mir dabei helfen. Die Message, die ich mit meiner Kunst überbringen will, und die Art meines Denkens bleibt dabei gleich.“

Siehst du dich selbst in einer besonderen Situation für Frauen in Media Art?

„Es ist schon so, dass es Frauen etwas schwerer haben, in der Kunst Fuß zu fassen. Ich spüre das zwar nicht im Alltag selbst, doch gibt es genug Studien zu den Gehältern von Künstlern, die klar belegen, dass Frauen um einiges weniger verdienen. 

Vor allem in der Media Art sind weibliche Künstler sehr rar. Für mich hat das sowohl Vor- als auch Nachteile. Computer und Programmieren wird leider noch sehr als Männerdomäne angesehen, da muss man sich erst mal behaupten lernen und ernst genommen werden. Ganz ehrlich, wenn ich als Frau Spaß am Programmieren habe, ist das doch toll. Nur, weil es sonst eher ein Männerjob ist, sollte das uns Frauen nicht daran hindern, uns in den Bereich einzuarbeiten. 

Andererseits wird man als Frau, gerade weil es in der Media Art einfach nicht viele gibt, etwas bevorzugt und sticht schneller aus der Masse hervor.“

Ist der Unterschied zwischen Frauen und Männer auch in Hongkong spürbar?

„In Hongkong gibt es sogar noch weniger Frauen in der Media Art. Dort ist wirklich noch ein sehr traditionelles Rollenbild verbreitet. Wenn ich jetzt in Hongkong leben und als Künstlerin arbeiten würde, würde man von mir erwarten, dass ich mit meinen 26 Jahren doch endlich mal heirate und an Familienplanung denke. 

In Deutschland ist das etwas freier. Da verlangt die Gesellschaft nicht von mir, jemand zu sein, der ich eigentlich gar nicht sein will. Hier ist es auch völlig ,normal‘ Ende 30 ein Kind zu bekommen, oder Kinder zu adoptieren.

Inwiefern können Frauen denn in der Kunst eine neue Perspektive bieten? Was können Frauen besser oder anders machen?

„Besser würde ich nicht behaupten, denn ich mag es nicht, die Geschlechter miteinander zu vergleichen. Wir werden nun mal alle, nicht nur Frauen und Männer, verschieden geboren, mit anderen Hintergründen, Charakterzügen und Erfahrungen – daher bietet jeder Mensch eine andere Perspektive. 

Meine Perspektive ist weich und auch irgendwie weiblich – das gehört nun mal zu mir. Ich mag meinen Hintergrund, ich mag meine Herkunft, ich mag meine Weiblichkeit. Ich bin als Frau geboren, also will ich so handeln, wie ich will. Warum sollte ich das also nicht in meinen Werken zeigen wollen?“

Quelle aller Bilder: Carla Chan

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