Foto: Franziska Broich

Wie sich der Klimawandel besonders auf Frauen auswirkt – und was sie dagegen tun

Vietnam ist eines der Länder, in denen der Klimawandel das Leben der Menschen verändern wird. Besonders betroffen davon sind die Frauen. Denn sie müssen nicht nur oft das Familieneinkommen mit dem Verkauf von Obst und Gemüse erwirtschaften, sondern auch die Wohnungen vor Überflutungen schützen.

Die Landwirtschaft und die Frauen in Vietnam

Eine dunkle Regenwolke lässt die Marktstraße von Can Tho trostlos aussehen. Dabei ist sie das Geschäftszentrum des Mekongdeltas in Vietnam. Nur ein paar Meter von der Straße entfernt fließt der Untere Mekong: Hunderte Händler verschiffen darüber täglich Bananen, Ananas, Wassermelonen und vieles mehr. Das Mekongdelta ist eine der fruchtbarsten Regionen der Welt. Die Landwirt*innen der Gegend tragen dazu bei, dass Vietnam der weltweit drittgrößte Reisexporteur ist.

Um fünf Uhr morgens herrscht Hochbetrieb an der kleinen Anlegestelle. Die Sonne erhebt sich langsam über dem braunen Strom des Mekong. Nur einige Kilometer entfernt befindet sich einer der größten „Schwimmenden Märkte“ von Vietnam: „Cai Rang“. Auf Booten bieten Großhändler*innen ihre Ware an. Am Mast hängt das Produkt, das sie verkaufen, denn das Marktgeschrei würde bei dem Rattern der alten Kähne untergehen. An diesem Tag baumeln dort Ananas, Karotten, Kokosnüsse und Salat. Kleinere Zwischenhändler bringen die Ware dann nach Can Tho – dort werden sie von weiteren Händlerinnen bereits erwartet.

Frauen sind hier keine Besonderheit. Sie schleppen Körbe voller Ananas nicht nur zum Marktplatz und bereiten Obst, Gemüse und Fisch für den Verkauf vor, sondern feilschen auch um die besten Preise. Männer sieht man seltener auf dem Markt – sie arbeiten meist auf dem Feld oder in den Firmen. Besonders in den Städten begegnen einem aber fast genauso viele Frauen wie Männer in Businesskleidung. Frauen haben und hatten in Vietnam schon immer eine starke Position in der Gesellschaft.

Fertig zum Verpacken: Son von Caritas Dalat und Dong tragen die Bananen ins Nachbarhaus.

Obwohl in Can Tho täglich viele Kilogramm Obst und Gemüse verschifft werden, ist die Region bedroht: Laut dem globalen Klima-Risiko-Index 2018 ist Vietnam eines der fünf Länder, die weltweit am meisten von den Folgen des Klimawandels beeinflusst werden. Landwirte müssen Fische züchten statt Reis anbauen, weil der Salzgehalt im Mekong zu hoch geworden ist. Ihre Häuser werden regelmäßig überschwemmt und das Trinkwasser ist knapp in der Trockenzeit.

Ende 2016 verlor bereits ein Großteil der Bäuer*innen im Mekongdelta seine*ihre Reisernte durch eine folgenschwere Dürre. Während in der Trockenzeit im Delta der Regen abnimmt, kommt es in der Regenzeit zu mehr Niederschlag in kürzerer Zeit als bisher. Die Wetteränderungen bedrohen viele in ihrer Existenzgrundlage: Von den 17,5 Millionen Bewohner*innen im Mekongdelta arbeiten etwa 70 Prozent in der Landwirtschaft oder Fischerei.

„Das Wetter wird immer unberechenbarer“

Wer durch die Straßen Vietnams schlendert, trifft meist auf Frauen, die frisches Obst und Gemüse am Straßenrand verkaufen. In der Marktstraße von Can Tho sitzt etwa die 50-jährige Ha Thanh, als eine große Regenwolke aufzieht. Sie verkauft Mangostane, eine purpurfarbene Frucht, die etwa so groß wie eine Mandarine ist. Die Wolke kündigt Regen an. Eilig packt sie ihre Ware in die Bambuskörbe und läuft unter das Dach der Markthalle einige Meter entfernt. Nur Minuten später beginnt es zu regnen. Die Tropfen werden immer größer, starker Wind kommt auf. Es dauert nicht lange, bis das Wasser etwa fünf bis zehn Zentimeter auf der Straße steht. Das Kanalsystem ist durch den umherschwimmenden Müll verstopft.

„Der Regen wird immer heftiger“, sagt Thanh. Zwar seien die Menschen im Mekongdelta Regenströme gewöhnt, aber in den vergangenen Jahren sei das Wetter unberechenbarer geworden. Die Mangostane, die sie verkauft, kostet dieses Jahr für den*die Käufer*in pro Kilo weniger als zwei Euro. „Das ist fast doppelt so viel wie sonst“, sagt sie. Grund sei der Klimawandel. In diesem Jahr sei es viel wärmer. „Das ist nicht gut für die Frucht und deshalb gibt es weniger davon“, weiß sie. Thanh produziert die Früchte nicht selbst, sondern kauft sie von Landwirten, um sie wiederum an ihre Kunden zu verkaufen. Es ist ihr einziges Einkommen. Da die Frucht teurer ist, kaufen sie auch weniger Menschen. „Deshalb habe ich dieses Jahr nur die Hälfte von dem verdient, was ich normalerweise einnehme“, sagt sie. Doch Thanh hat Glück, denn ihre beiden Söhne haben eine Arbeit in der Stadt und können sie unterstützen.

Das Wort Klimawandel kennt sie nicht, aber seine Folgen. Dieses Jahr erntete sie 60 Prozent weniger auf ihren Feldern als im Vorjahr.

Diese Hilfe hat Van, die ein paar Meter weiter sitzt, nicht. Die 30-Jährige, die nur ihren Vornamen nennen möchte, bietet Koriander, Salat und andere grüne Kräuter an, die die Vietnames*innen gerne zur landestypischen Suppe „Pho“ essen. Van sieht abgekämpft aus. Sie nimmt ihren kegelförmigen Strohhut ab, um ihre Haare darunter zu richten. „Zu Hause warten sieben Familienmitglieder auf mich“, sagt sie und schaut dabei etwas hilflos. Auf ihren Feldern hat sie nur etwa 60 Prozent ernten können im Vergleich zu den Vorjahren. Die restlichen Pflanzen hätten zu sehr unter der Hitze gelitten, erklärt sie. Der Verkauf des Gemüses ist der einzige Verdienst der Familie. „Wenn es nicht ausreicht, gehe ich zusätzlich noch beim Nachbarn auf dem Feld arbeiten“, erzählt sie. Dann muss sie sich um eine Kundin kümmern, die auf einem Motorrad bei ihrem Stand anhält, um einzukaufen.

Der Kampf der Frauen mit dem Wasser

Der 34-jährige Dang Quoc Ly ist Doktorand an der Chiang Mai University in Thailand. Seine These lautet: Besonders Frauen leiden unter dem Klimawandel. „Es sind die Frauen, die die Früchte auf dem Markt verkaufen und bei Überflutungen zu Hause bleiben.“ Quoc Ly kommt selbst aus dem Mekongdelta. Er ist ganz im Süden des Deltas aufgewachsen. Seine Familie baut Reis an. Doch Quoc Ly entschied sich, die Landwirtschaft seiner Eltern nicht zu übernehmen.

Stattdessen studierte er Umweltwissenschaften in Ho-Chi-Minh-Stadt. Es folgte ein Master in Entwicklungsstudien an der Universität in Genf und nun der Doktor in Thailand. Doch seine Heimat, das Mekongdelta, lässt ihn nicht los. Einige Monate verbringt er nun in Can Tho für die Feldforschung. „Ich interessiere mich besonders für die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesellschaft“, sagt er. Er will Interviews mit Familien und Frauen führen; sie fragen, wie sie die starken Wetterwechsel erleben. Bereits vor einigen Monaten hat er sich in ersten Gesprächen informiert.

„Damals haben die Frauen mir gesagt, dass meistens sie das Haus sauber machen müssen nach einer Überflutung,“ sagt er, „es sind die Frauen, die mit dem Wasser kämpfen.“ Außerdem glaubt Quoc Ly, dass Frauen mehr unter den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels leiden. „Wenn die Wohnung oder das Haus überflutet ist, bilden sich oft stehende Gewässer. Die Gefahr, an Dengue-Fieber zu erkranken, ist dann zum Beispiel größer.“ Zudem sei in Zeiten von Überflutung oft zu wenig sauberes Trinkwasser verfügbar, was auch zu Krankheiten führen könne. „Ein anderes Problem ist der Müll. Da er überall in den Straßen liegt, wird er bei Überflutungen in die Häuser gespült“, so Dang.

Mit viel Engagement verpacken die Frauen ihre Bohnen, Zwiebeln und Bananen in Packpapier und Kartons.

Einige Nichtregierungsorganisationen in Vietnam haben ebenfalls erkannt, dass besonders Frauen mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen haben. In der Stadt Danang im Zentrum Vietnams hat die Organisation CARE die Frauenunion bei einem Projekt unterstützt, bei dem Frauen und Familien Kredite erhielten, um ihre Häuser widerstandsfähiger gegen Taifune zu machen. Die Region rund um Danang erlebt jedes Jahr mehrere dieser tropischen Wirbelstürme. Insgesamt wurden so 222 Häuser renoviert und 150 neu gebaut. Zudem wurden 800 Freiwillige und Mitarbeiter der Frauenunion trainiert, welche Maßnahmen sie bei einer Katastrophe wie einem Taifun ergreifen können.

Mit Biogemüse den Klimawandel besiegen

Ein anderes Projekt hat die Caritas in der Bergregion Dalat initiiert. Im abgelegenen Dorf Madanh unterstützen sie den nachhaltigen Gemüseanbau seit 2011. Es begann mit drei Frauen, die in einem kleinen Teil ihres Gartens Gemüse ohne chemische Düngemittel für den Eigenbedarf anbauten. Die Caritas stellte die Samen zur Verfügung und stand beratend zur Seite. Denn die Frauen klagten über schlechte Ernten durch die Wetterveränderungen. Der Ansatz der Caritas bei diesem Projekt sei „ganzheitlich“ und „langfristig“, erklärt Leiterin Dinh Hong Phuc. Es sei nicht nur darum gegangen, eine Lösung für die Probleme durch den Klimawandel zu finden, sondern auch einen Weg, wie die Frauen langfristig Geld verdienen könnten und die Umwelt geschont werde. Das Biogemüse könne sich besser an die klimatischen Veränderungen anpassen und der Boden werde auch nicht strapaziert, weil die Frauen keine Pestizide benutzten.

„Am Anfang war ich skeptisch“, erzählt die 30-jährige Dong. Doch mittlerweile ist sie überzeugt von dem Projekt. Zehn weitere Frauen des Dorfes haben sich angeschlossen. Sie produzieren nun weit mehr Gemüse, als sie essen können. Deshalb verkaufen wir das Gemüse nach Dalat und Ho-Chi-Minh-Stadt. Gerade verpacken sie die Kartons mit den frischen Karotten, Salaten und Roter Bete. Grüne Blätter blitzen an den Ecken hervor. Die meisten Kartons quellen über, so viel Gemüse haben die Frauen produziert. „Die Karottenernte war nicht gut“, sagt Hân. Etwa 60 Prozent sei wegen des Wetters nichts geworden, doch das sei kein Problem, denn dafür sei die Ernte der Roten Bete besser gewesen. „Der Vorteil ist, dass wir verschiedene Gemüsesorten anbauen. Das ist besser für den Boden und es führt zu weniger Verlusten“, sagt sie.

Einmal im Monat treffen sich die Frauen zu einem Abendessen. An diesem Abend ist die Stimmung ausgelassen. An der Wand hängt ein Pappkarton, auf dem mit einer Strichliste notiert ist, wie viel Gemüse die Frauen geerntet haben. Es sind viele Striche zu sehen und deshalb gibt es selbst angebauten Salat und Rindfleisch in Reisblättern. Die Frauen sitzen auf dem Boden, ein Teppich dient als Tisch. Die Schüsseln darauf sind gut gefüllt. Sie plaudern und lachen. Die Frauen sind stolz. Sie haben so viel Geld erwirtschaftet, dass sie sich bald einen LKW kaufen wollen, um das Gemüse aus ihrem Dorf in die Stadt zu bringen. Denn Motorräder allein können die Massen nicht mehr transportieren.

Für die Frauen in Madanh sieht es derzeit positiv aus. Und es gibt weitere Lösungsansätze für Probleme in der Landwirtschaft, die durch den Klimawandel entstehen. Doch gegen extreme Wettereignisse wie tropische Wirbelstürme, außergewöhnlich lange Trockenperioden oder starken Regen könnten die Vietnames*innen allein nicht ankommen, sagt der Direktor des Forschungsinstituts zum Klimawandel der Universität Can Tho, Trung Hieu Nguyen. Um das Mekongdelta – und damit immerhin auch einen Großteil der weltweiten Reisernte – langfristig zu schützen, müsse die Weltgemeinschaft gemeinsam die künftig zu erwartende Erderwärmung auf maximal eineinhalb Grad Celsius begrenzen. Sollte das nicht gelingen, werden vor allem Frauen die Leidtragenden sein.

Disclaimer: Ermöglicht wurde diese Recherche durch ein Stipendium der Heinz-Kühn-Stiftung.

Alle Bilder im Artikel: Franziska Broich

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