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Geisteswissenschaften: Befristete Jobs, unsichere Zukunft – ist es das wirklich wert?

Unbezahlte Praktika, gute Ausbildung, tolle Noten und vieles nur für den Lebenslauf gemacht – trotzdem bleiben uns in der Wissenschaft nur befristete Stellen. Über die Probleme des Systems und was das mit einem macht.

 

Am Anfang war der Traumberuf, dann die Sorge

Während meines Studiums der Germanistik, Archäologie und Kunstgeschichte war ich voller Enthusiasmus. Der Traum, später in einem Museum zu landen, am besten als Kuratorin, und die Kulturlandschaft Europas mitzugestalten, das war für mich eigentlich mehr als ein Traum oder ein Idealbild. Es war tatsächlich mein Ziel. Mir war immer klar,  dass es schwierig werden würde. Im Museum eine volle, unbefristete Stelle zu bekommen – da braucht man erst mal die Promotion, dann das obligatorische bestenfalls zweijährige Volontariat (mit durchschnittlich rund 1.100 Euro Gehalt, wirklich nicht geeignet, um sich eine goldene Nase zu verdienen) und dann kommt eines Tages vielleicht ein „richtiger“ Job. Da war ich nicht träumerisch, aber ich war bereit, es auf mich zu nehmen. Ich wusste, wenn ich mich so richtig ins Zeug lege und am Ball bleibe, dann wird das was.

Gute Voraussetzungen – trotzdem stellt sich die Sinnfrage

Ich würde eigentlich behaupten, ich bin nach vier unbezahlten Praktika, einem mit einem Preis ausgezeichneten Abschluss und einem Stipendium auf einem gutem Weg. Vielleicht bekomme ich bald ein Volontariat an einem führenden Museum mit exzellenter Sammlung in Berlin, München oder sonst wo. Eigentlich könnte ich also zufrieden sein.

Aber nun, mit Ende 20, wenn alle Freundinnen nach und nach heiraten und in die Kinderplanung einsteigen, da stellt sich mir die Frage, ob es das wert ist. Meine Bedürfnisse haben sich geändert – dass das eintreffen würde, daran habe ich mit Anfang 20 nicht gedacht. Auch ich will plötzlich Familie, ein Nest, und sesshaft werden. Will ich da noch in der Wissenschaft arbeiten, einem Bereich, in dem man sich von Befristung zu Befristung hangelt? In dem ich immer bereit sein muss, ans andere Welt zu ziehen, nur für einen Job? 

Derzeit arbeite ich in einem universitären Forschungsprojekt, einer Teilzeitstelle, die mich zu 100 Prozent in Beschlag nimmt. Zu meiner Dissertation, die so nebenher läuft, komme ich einfach nicht und täglich plagt das schlechte Gewissen. Zukunftsängste sind oft Thema, auch im Gespräch mit Freunden. Das Paradoxe: Beim derzeitigen Arbeitsmarkt im Kulturbereich muss ich dankbar sein – andere, die für die Finanzierung der Promotion kellnern müssen, sind neidisch. Und trotzdem frage ich mich ernsthaft: Ist es das wert? Sollte ich nicht besser einen Quereinstieg in andere Bereiche wagen?

Zukunftssorgen vs. Traumjob – wie lässt sich das lösen?

Okay, irgendwie bin ich ein Fallbeispiel von vielen und andere haben sicher schlimmere Sorgen. Vielleicht ist es Nörgeln auf hohem Niveau. Aber ich weiß, vielen meinen KollegInnen geht es ähnlich. Nach einem Studium stellt sich irgendwann vielleicht immer die Sinnfrage. Leider aber können das neue Wissenschaftzeitvertragsgesetz und das gute Zureden des Chefs nichts an dieser Grundstimmung ändern. Ich weiß auch, es liegt am Geld, das für Kunst und Kultur in Deutschland aufgebracht wird (oder auch nicht), es liegt an den höheren Instanzen.

Das System aber sollte sich dringend ändern. Keine ständigen Befristungen mehr für bestens ausgebildete Leute, keine Dankbarkeit für eine Knechtschaft und die Aussicht, erst mit Mitte bis Ende 30, und dann auch nur möglicherweise eine Festanstellung zu bekommen. Früher dachte ich, das ist es mir wert – inzwischen habe ich aber andere Pläne!

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