Foto: Alec Perkins I Flickr I CC BY 2.0

Abramson: „Für eine Entlassung muss sich niemand schämen“

Jill Abramson, bis Mai Chefredakteurin der New York Times, geht souverän mit ihrer Entlassung um. „Peinlich“ sei ihr das nicht, erzählt sie im Interview.

 

Nach der Entlassung in den Boxring

2011 trat Jill Abramson als erste Frau den Posten der Chefredakteurin bei der New York Times an – die Erwartungen waren hoch. Umso mehr Aufsehen erlangte die Entlassung von Abramson im Mai 2014, die unter anderem auf ihren „groben Managementstil“ zurückgeführt wurde.

Im Gespräch mit der Cosmopolitan äußert sie sich nun erstmals öffentlich zur ihrer Kündigung und betont, dass es ihr nicht peinlich sei, gefeuert worden zu sein. Von ihrer Entlassung hatte sie schon lange bevor der Bekanntgabe gewusst, sagt sie. Sie nahm es sportlich. Nachdem sie von dem Ende ihrer Zeit als Chefin der New York Times erfuhr, ging sie zum Boxtraining um sich abzureagieren. Beim Training schoss ihre Tochter dann das legendäre Instagram-Foto von Abramson, das sich viral verbreitete und schließlich auf dem Titel der New York Post landete.

Rat an Jüngere

„Ob es schwer ist auszusprechen, dass ich gefeuert wurde? Nein. Ich hab es bis jetzt schon um die 20 mal gesagt und es fällt mir nicht schwer“, sagt Abramson jetzt. Sie bestand sogar auf eine öffentliche Pressemitteilung über ihren Abgang. Die Journalistin sich vor allem als Vorbild für die nächste Generation. „Ich schäme mich nicht dafür, und ich finde, dass junge Frauen, die aus ihrem Job entlassen werden, sich nicht gebrandmarkt fühlen müssen. In unserer Wirtschaft werden die Menschen überall aus beliebigen Gründen gekündigt. Es gibt nun mal Dinge auf die man keinen Einfluss hat.“

Im Interview gesteht Abramson, dass ihr nicht die Entlassung an sich weh tat, sondern eher die Hetzjagd der Medien. Nach Erscheinen des Artikels im Politico, in dem ihr „brüsker Arbeitsstil“ thematisiert wurde, habe sie geweint, gibt sie offen zu. „Den wichtigsten Rat den ich sogar jetzt noch gebe – und das scheint jetzt vielleicht verrückt, weil ich den Job, den ich liebe, verloren habe – ist immer authentisch zu sein.“

Erfahrung mit Sexismus

Abramsons vorzeitiges Ende bei der Times sorgte vor allem wegen des Entlassungsgrundes für Schlagzeilen. Zu harte Chefin? Das klassische Image des strengen Bosses ist allseits bekannt, doch normalerweise ist es gerade diese Person, welche die anderen feuert, und nicht umgekehrt. Wäre es möglich, dass Abramsons radikales Verhalten nicht in Ordnung ging, weil sie eine Frau ist? Die Frage steht seit ihrer Entlassung im Raum und wurde in Medien, Blogs und sozialen Netzwerken diskutiert.

Über Sexismus am Arbeitsplatz sagt Abramson gegenüber der Cosmopolitan: „Natürlich hab ich in meinem Job Sexismus erlebt, vor allem in meinen Anfangsjahren. Ich erinnere mich an zahlreiche Redaktionskonferenzen, in denen ich meine Ideen äußerte und der Leiter dann etwas sagte wie, ‚und wie Jerry gerade gesagt hat … ‚. Und dann würden sie es als eine Idee von einem männlichen Kollegen verkaufen.“  Sie bereut heute, diesen Sexismus nicht offen angesprochen zu haben.

Pläne für die Zukunft

Trotz dem Verlust eines Traumjobs genießt Abramson ihr Leben. Die Freizeit tue ihr gut, sagt sie. „Ich habe jetzt buchstäblich die Zeit, die ganze gedruckte New York Times jeden Tag zu lesen. Das ist toll; ich liebe es. Ich liebe die New York Times noch immer.“ Sie verbringe jetzt viel Zeit mit ihrer Familie, ihrem Hund und schaue sich jedes Spiel der Yankees an. Ab Herbst wird sie als Dozentin in Harvard unterrichten und sie arbeitet auch weiterhin als Journalistin.

„Es kann gefährlich sein, sich über den Job zu definieren. Ich vermisse meine Kollegen und die Substanz meiner Arbeit, aber ich vermisse es nicht zu sagen: Jill Abramson, Chefredakteurin.” So spricht keine Frau, die bitter ist. Im Gegenteil: Sie umarmt ihre neuen Aufgaben und blickt mit Stolz darauf zurück, was sie erreicht hat.

Wo hat Abramson versagt?

Man kann die Entlassung von Abramson aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Wenn sich die Gesellschaft wirkliche Gleichberechtigung wünscht, tut sie genau das Falsche, indem sie Abramsons Geschlecht große Aufmerksamkeit schenkt. Eine Kündigung des Chefs oder der Chefin eines Mediengiganten wie der New York Times, ist immer eine große Sache. Sehr wichtig ist hier jedoch, den Fokus der Analyse auf sachliche Gründe zu richten, die zu Abramsons Entlassung geführt haben mögen. Welche Ziele hat sie nicht erreicht? Welche Entwicklungen trieb sie für ein Medienhaus im digitalen Zeitaltern nicht genügend voran? Dean Baquet folgt nun auf sie. Spätestens in einem Jahr sollte sehr genau Bilanz darüber gezogen werden, was er besser gemacht hat und welche wichtigen Zukunftsentscheidungen er für die journalistische Zukunft der New York Times gefällt hat.

 

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