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Jessy: „Dass ich nach dem Koksen nichts merkte, war ein klares Indiz für ADHS“

Inwiefern wirkt sich ADHS auf den Alltag aus? Warum wurde es erst im Erwachsenenalter diagnostiziert? Und was ist ADHS überhaupt? Wir haben mit betroffenen Frauen gesprochen – Jessy ist eine davon.

 

Diagnose: „Zappelphillipp-Syndrom“

Als Kind hieß es, Jessy habe das „Zappelphillipp-Syndrom“. Sie bekam Beruhigungstropfen – und fertig, nahmen die Ärzte an. Doch so war es nicht. In der Schule verhielt sie sich bereits auffällig, ging mit dem Realschulabschluss ab. Mit 25 holte sie ihr Abitur nach und begann ihr Studium. Als sie mit ihren Kommilitonen kokste, dabei aber keinerlei Wirkung merkte, wurden die Anzeichen deutlicher: Vielleicht ADHS? 

Wie ADHS aus medizinischer Sicht zu betrachten ist, hat uns Dr. Eike Ahlers von der psychiatrischen Abteilung des Campus Benjamin Franklin in Berlin erzählt

Wir haben Jessy gefragt, wie es bei ihr letztlich zu der Diagnose kam und welchen Einfluss das ADHS auf ihren Beruf sowie ihre Partnerwahl hat.

Wie sah dein Alltag vor der Diagnose aus? 

„Bereits als Kind war ich auffällig, meinen Eltern wurde vermittelt, ich hätte ein ,Zappelphillipp-Syndrom‘. Ritalin gab es damals noch nicht, ich bin nun 40. Meine

Mutter bekam Atosiltropfen, um mich ruhig zu stellen, aus heutiger Sicht schon fast

ein Verbrechen.

Mit fünf konnte ich lesen, mit sechs schreiben. Als ich mit sieben eingeschult wurde, langweilte ich mich zu Tode und wurde eigentlich von Beginn an auffällig. Wie viele

ADHS-Betroffene habe ich Dyskalkulie (Rechenstörung). All diese Aspekte summiert ließen mich zu einem

klassischen Leistungsverweigerer werden und mit dem Realschulabschluss ging ich von der Schule ab. Ich machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. In diesem Job wirkte sich mein ADHS positiv aus: immer Stress, immer Abwechslung, drei Sachen gleichzeitig machen – da fiel es niemandem auf. Erst als ich das Abitur nachholte und mein Studium anfing, wurde langsam klar, dass ich ein Problem habe.“ 

Anhand welcher Indizien hast du gemerkt, dass du von ADHS vielleicht

betroffen sein könntest? Wie alt warst du zu dem Zeitpunkt?

„Mit 25 fing ich an, mein Abitur nachzuholen und dann studierte ich. Konzentration war ein großes Problem für mich, und auch meine Dyskalkulie machte sich bemerkbar.

Als

wir mal zusammen Koks genommen haben und ich gar nichts merkte, meinte

jemand zu mir, es könnte sein, dass ich ADHS hätte, das sei typisch. Das war ein deutlicher Hinweis.“

Wie wurde es letztlich festgestellt? 

„Als sich das Gefühl des Unwohlseins nicht legte, fing ich eine Therapie an. Der Therapeut

erklärte mir, dass sich das ADHS bei einigen Leuten auch bis ins Erwachsenenalter durchzieht. 

Ich machte mehrere Tests, die die Diagnose eindeutig bestätigten, und mir gleichzeitig

einen IQ von 124 bescheinigten, obwohl ich in der Schule immer versagt hatte.“

Wie hast du dich gefühlt, als die Diagnose bestätigt wurde?

„Ich war vor allem erleichtert, für sehr viele meiner Verhaltensweisen eine Begründung zu haben.“ 

Inwiefern wirkt sich ADHS auf deinen Alltag aus? Welche

Lebensbereiche sind besonders betroffen? 

„Ich kann mich sehr schnell für Sachen begeistern, aber dann auch wieder von hundert auf null das Interesse verlieren. Nach einer halben

Stunde in einem Café habe ich genug davon und will weiterziehen. Meine ebenfalls

betroffene Nichte sagte mal zu mir: ,Wenn Michael Jackson morgen aufersteht, ist mir

das nach zehn Minuten auch langweilig.‘ Und so ist es tatsächlich. 

Ich brauche ständig Input, habe außerdem ein mangelndes Risikobewusstsein und mich dadurch schon öfter in prekäre Lagen

gebracht – ganz zu schweigen von meinem Fahrstil. 

Außerdem fällt es mir schwer, andere ausreden zu lassen. Was vor allem daran liegt, dass ich weiterdenke und daher schon weiß, was folgt. Das hat wiederum zur Folge, dass meine Mitmenschen Mühe haben, meinen sprunghaften Gedankengängen zu folgen. Oder ich schlichtweg unhöflich wirke.“

Wie hat das ADHS deinen Lebenslauf geprägt, beispielsweise in der Schule,

in der Ausbildung, im Studium, im Beruf und in der Partnerschaft?

„Hinsichtlich einer Partnerschaft habe ich mich immer zu ganz ruhigen Männern hingezogen gefühlt. Mein jetziger Partner, mit

dem ich auch ein Kind habe, ist das genaue Gegenteil von mir: sehr ausgeglichen

und ruhig. Wir kommen sehr gut klar, ergänzen uns prima und ich glaube auch, dass unser Kind durchaus davon profitieren kann, zwei so unterschiedliche Vorbilder zu erleben.“

Was sind die größten Hürden, die du zu bewältigen hast?

„Ich bin sehr schnell völlig überreizt. Wenn ich beispielsweise in einem Restaurant bin,

höre ich nicht nur mein Gegenüber reden, sondern alle Leute gleichzeitig, bemerke

alle Menschen, die durch die Tür kommen, die draußen vorbeilaufen und alle Gäste drinnen. Außerdem nehme ich alle Essensgerüche, die Musik, die Blumen und die Speisen wahr. Kurz gesagt: Mein Gehirn

filtert sehr viel weniger. Dies hat zur Folge, dass ich dadurch schneller müde und dünnhäutiger bin. 

Ein Kleinkind, das einen rund um die Uhr anfasst und an einem zerrt, während

es zusätzlich ununterbrochen redet, ist auch eine sehr große Herausforderung.“

Wie gehst du mit der Krankheit um? Was hilft dir (Therapie, Medikamente

o.Ä.)?

„Seit ich meinen Sohn habe, gehe ich wieder in eine Therapie, da ich keine Fehler machen

möchte. Medikamente helfen mir sehr. Früher habe ich Ritalin genommen, mittlerweile bin ich auf Focalin umgestiegen, welches speziell für Erwachsene entwickelt wurde. Das ist eine immense

Entlastung für mich und für mein Umfeld. 

Als ich nach der Stillzeit endlich wieder

meine Medikamente nehmen durfte, waren mein Partner und ich beide erleichtert. 

Darüber hinaus hilft es mir, sehr offen darüber zu reden – auch im Büro. Das habe ich als durchweg

positiv erlebt. Dinge, welche mir sonst als unhöflich ausgelegt worden wären, werden

so in den richtigen Kontext gestellt und verstanden. Und wenn es Unklarheiten gibt oder Interesse besteht, freue ich mich, wenn die Leute mir offen Fragen stellen. 

Dass wir aufs Land gezogen bin, trägt sicherlich auch positiv zu meinem Umgang mit ADHS bei. Wie es bei ADHS-Kindern der Fall ist, wirkt sich ein regelmäßiger Alltagsrhythmus auch sehr positiv auf mich aus.“ 

Kannst du der Diagnose auch positive Eigenschaften abgewinnen?

„Ja, durchaus kann ich der Diagnose auch positive Eigenschaften abgewinnen. Mit mir zusammen wird einem nie langweilig, ich bin sehr kreativ und insbesondere bei der Arbeit immer unglaublich schnell. 

Außerdem sind ADHS-Betroffene oft auch sehr sensible Menschen und können sich gut in andere einfühlen. Wir können problemlos mehrere Sachen gleichzeitig machen, wir haben viele Ideen und ungewöhnliche Lösungswege. 

Und Kinder finden an uns super, dass wir bei Langeweile schnell eine Lösung oder eine Idee parat haben, wie sie sich beschäftigen können.“

Hat es bei der Diagnose eine Rolle gespielt, dass du eine Frau bist?

„Nein, bei der Diagnose hat es keine Rolle gespielt. Dennoch ist man als Mädchen noch auffälliger, wenn man so wild

und ungeduldig ist, da ernten Jungs eher Verständnis.“

Fühlst du dich aus ärztlicher Sicht gut aufgehoben?

„Absolut! Ich gehe allerdings auch zu einem renommierten Spezialisten. Focalin darf hier

in der Schweiz nur von ausgebildeten und spezialisierten Fachärzten verschrieben

werden.“

Wie stehst du zum Vorwurf „Modekrankheit“ und wie beurteilst du die

massive Steigerung im Bereich diagnostizierter Kinder und

verschriebener Medikamente?

„Ich muss mir leider oft anhören, dass es ADHS gar nicht gäbe und dass alles eingebildet sei. Mein

Hauptargument gegen diese Annahme: Bei Leuten ohne ADHS wirken die Medikamente, welche von der

Zusammensetzung im Prinzip ähnlich wie Speed sind, stark aufputschend, daher werden sie ja

auch häufiger missbraucht. Bei ADHSlern hingegen wirken sie stark beruhigend. Dies lässt

sich nur mit dem Vorhandensein des Syndroms erklären. 

Trotzdem glaube ich auch, dass Kinder heutzutage viel zu schnell mit irgendwas

diagnostiziert werden, ein ADHS-Kind unterscheidet sich immer noch stark von einem

Kind, welches schlichtweg ein ,Wildfang‘ ist.  

Um den Missbrauch oder auch zu schnelle Diagnosen zu vermeiden, bin ich der Meinung, dass Ritalin und Co. nicht vom Hausarzt

verschrieben werden sollten, sondern nur von Fachärzten. Hausärzte sind oft

einfach nicht gut genug spezialisiert, genauso wie allgemeine Kinderärzte.“

Gibt es aus deiner Sicht noch gesellschaftlichen Aufklärungsbedarf oder

fühlst du dich mit deiner Diagnose ernst genommen und akzeptiert?

„Aufklärungsbedarf gibt es auf jeden Fall. Viele Menschen haben keine Ahnung und kennen nur die

aus den Medien aufgeschnappten Fetzen über Ritalinkinder und Co. Ein fachliches Wissen ist definitiv nicht vorhanden.“

Welcher Tipp hat dir am meisten geholfen, den du gern weitergeben

würdest?

„Abgesehen davon, mir zwischendrin reizarme Umgebungen zu schaffen und runterzukommen, kann ich nur dafür plädieren, offen und locker darüber sprechen – mit jedem! Wenn ich mich bei fremden Menschen irgendwie auffällig benommen habe (etwas umwerfen, etwas vergessen, lange nach einer Akte suchen müssen etc.), mache ich meistens einen Scherz à la ,Sorry, ich hab ADHS im Endstadium‘. Das entspannt mich, weil ich mich nicht verstellen muss. Zudem macht es einen sympathischen Eindruck und die Leute können mich besser einordnen – ohne, dass es problematisiert wird.“


Themenwoche: Frauen mit ADHS

Diese Woche widmen wir dem Thema ADHS. Neben Dr. Ahlers, der uns die medizinische Sicht erklärt hat, erzählen bei uns diese Woche sieben Frauen von ihrem Alltag mit ADHS. Das sind die bisherigen Interviews, weitere folgen:

Dr. Ahlers: „Bei hyperaktiven Mädchen denkt man nicht gleich an ADHS!“ Weiterlesen

Andie: „Nach der Diagnose war klar: Ich bin gar nicht so abgefucked, das ist das ADHS“. Weiterlesen

Katarina: „In manchen Situationen würde ich meinem Sohn liebend gerne Ritalin geben…“. Weiterlesen

Ninette: „Nein, ADHS lässt sich nicht ,wegerziehen‘“. Weiterlesen

@MeisemitHerz: „Ich will endlich im Paradies sein, um nicht mehr leiden zu müssen“. Weiterlesen

Anna*: „Die Bezeichnung ,Modekrankheit‘ ist totaler Bullshit!“. Weiterlesen 

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