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Franziska*: „Meine Gedanken im Kopf haben Breakdance gemacht“

Inwiefern wirkt sich ADHS auf den Alltag aus? Warum wurde es erst im Erwachsenenalter diagnostiziert? Und was ist ADHS überhaupt? Wir haben mit betroffenen Frauen gesprochen – Franziska* ist eine von ihnen.

 

Eindrücke ohne Ende

Eine Fahrt mit dem Bus ist für Franziska* nicht nur der Weg zur Arbeit, sondern vor allem eine Herausforderung für ihre Sinne. Das Parfum der einen Nachbarin, die muffigen Klamotten des Jungen gegenüber, Knofi-Geruch eine Reihe weiter, dazu noch die Gesprächsfetzen – Franziska* kann wenig filtern.

Wie sie dem entgegensteuert, ihren Alltag regelt und, inwiefern sie im Job von der Diagnose profitiert, hat sie uns im Interview erzählt. 

Du willst zuerst mehr über das Krankheitsbild erfahren? Zum Interview mit Dr. Eike Ahlers von der Berliner Charité geht es hier entlang.  

Wie sah dein Alltag vor der Diagnose aus?

„Unter der Woche bin ich nur mit Mühe aus dem Bett gekommen, zum Bus gehetzt und im Büro nicht wirklich in den ,Arbeitsflow‘ gefunden. 

Am Wochenende habe ich immer ausgeschlafen, Einkäufe und das Mindeste an Hausarbeit erledigt. Aufräumen stand nur an, wenn es gar nicht anders ging.“

Anhand welcher Indizien hast du
gemerkt, dass du von ADHS vielleicht betroffen sein könntest? Wie alt warst
du zu dem Zeitpunkt?

„Zuerst nahm ich an, es wäre Asperger. Dass es eventuell auch ADHS sein könnte, auf die Idee bin ich erst bei
der Beschäftigung mit dem Thema gekommen. 

Zudem hat ein Kollege von mir deutliche Anzeichen von ADHS, da habe ich mal diverse Fragebögen
durchgeschaut und bei mir selbst genug Anzeichen gefunden, mich selbst mal austesten zu lassen. Zu dem Zeitpunkt war ich 38, heute bin ich 40. Den Autismusverdacht habe ich immer noch, da steht die Diagnostik aber noch
aus.“

Wie wurde es letztlich festgestellt?

„Ich habe mich in der
Institutsambulanz der örtlichen Psychiatrie gemeldet und erstaunlich schnell,
nach circa drei Monaten, einen Termin bekommen. Der erste Termin dauerte anderthalb Stunden, insgesamt waren es acht Sitzungen mit einer Psychologin, davon zwei zur Intelligenztestung. Zur körperlichen Untersuchung und
Eindosierung von Medikinet hatte ich bisher vier Termine bei der Ärztin. Zwischen
dem ersten Termin und der Diagnose verging mit meinem Urlaub und weiteren
Terminwartezeiten ein gutes halbes Jahr.“

Wie hast du dich gefühlt, als die
Diagnose bestätigt wurde?

„Ich war erleichtert! Zum einen, weil klar war, dass ich mir das nicht alles einbilde, aber auch Erleichterung darüber, dass es nicht etwas noch ,seltsameres‘ ist.“

Inwiefern
wirkt sich ADHS auf deinen Alltag aus? Welche Lebensbereiche sind besonders
betroffen?

„Ich bin sehr ablenkbar, das ,oh ein
Eichhörnchen‘ passt schon ziemlich gut. Nur, dass es meistens eher Vögel,
Flugzeuge oder Geräusche, Bewegungen oder auch mal ganz banal Twitter
ist. Im Büro sind redende Kollegen und klingelnde Telefone besonders ablenkend. 

Als störend empfinde ich ebenfalls die meisten von Menschen verbreiteten
Gerüche (Parum, Putzmittel, Essensgerüche, Körperausdünstungen) und zu grelles
Licht.

Allgemein kostet es mich recht viel Energie, um eine neue Aufgabe anzufangen. Habe ich mich in die Aufgabe
eingefunden und finde sie interessant genug, kann ich mich recht lange darauf konzentrieren.
Oder, wenn Abgabetermine
näher rücken oder bestimmte Hausarbeiten unausweichlich werden.“

Wie hat ADHS deinen Lebenslauf geprägt,
beispielsweise in der Schule, in der Ausbildung, im Studium, im Beruf und
in der Partnerschaft?

„Die Grundschule war einfach, Hausaufgaben
mochte ich damals schon nicht, die Noten waren aber gut. Auf dem Gymnasium wurden die Noten schlechter,
es gab diverse blaue Briefe, aber ich habe immer irgendwie die Kurve bekommen,
um kein Schuljahr wiederholen zu müssen. Wenn ich den Unterrichtsstoff in der
Stunde schon verstanden habe, waren auch die Klausuren kein Problem,
aber Nacharbeiten war schwierig. Vor Hausaufgaben habe ich mich weitestgehend gedrückt, viele habe ich in der Pause vor der Stunde gemacht.

Mein Chemie-Studium habe ich nach zwei Monaten
aufgegeben, von morgens 8 bis 13 Uhr Vorlesung, danach noch bis 17 Uhr Labor
und dann noch lernen – das war einfach viel zu viel.

Per Zufall habe ich dann eine
Ausbildungsstelle im Büro bekommen, die Berufsschule war einfach und der Abschluss, abgesehen von meinen Flüchtigkeitsfehlern, dementsprechend gut. 

Seit der Ausbildung arbeite ich daher als Softwareentwicklerin und Administratorin. Solange ich da etwas
Neues machen kann bzw. auch direkt Ergebnisse sehe, funktioniert das gut.
 Wenn ich unter Druck arbeiten muss, ebenso. Aber ,das müsste auch mal gemacht werden‘-Aufgaben schiebe ich ewig vor
mir her.“

Und in der Partnerschaft?

„Bisher hatte ich immer recht kurze Beziehungen, bisher nur eine, die mehrere Jahre hielt. Diese wurde
aber irgendwann zur Gewohnheit, es war mehr eine WG mit gemeinsamen
Schlafzimmer. Ein paar meiner Beziehungen waren Fernbeziehungen, die aber immer
wieder nach wenigen Monaten eingeschlafen sind.

Bei Freundschaften ist es ähnlich: Wenn ich
Freunde nicht regelmäßig sehen kann oder wir uns so gut verstehen, dass wir uns
auch mal wochen- bis monatelang nicht sehen können und trotzdem noch eine
gemeinsame Gesprächsbasis haben, verlaufen auch diese schnell im Sand. Momentan habe ich tatsächlich nur einen guten Freund, der wohnt in der gleichen
Stadt und ist gleichzeitig ein Arbeitskollege.“

Was sind die größten Hürden, die du
zu bewältigen hast?

„Es fällt mir schwer, mich zu motivieren, dabei ist es egal, ob es um Haushalt, Arbeit oder
Hobbies geht. Solange es nicht frustrierend oder langweilig wird, kann ich
Projekte aber doch irgendwie durchziehen.

Außerdem gehen mir meine
empfindlichen Sinne manchmal ziemlich auf den Geist, zum Beispiel im Bus sind Gespräche und Gerüche (Parfum, Füße, Knofi, muffige Kleidung).große Herausforderungen. Dazu kommt dann auch noch mein ,selektives‘ Kurzzeitgedächtnis.“

Wie gehst du mit der Krankheit um?
Was hilft dir an Therapie und Medikamenten am besten?

„Das lerne ich gerade noch, die
Diagnose ist ja noch ,frisch‘. Eine Therapie mache ich momentan nicht, aber ich
bekomme Medikinet. Das hilft mir, meine Gedanken besser zu sortieren. Wenn die
Gedanken ohne MPH auf der Kopfkirmes im Breakdancer oder übervollen Autoscooter
unterwegs waren, dann mit MPH im Kettenkarussel. In die Geisterbahn wollen die
Gedanken mittlerweile auch viel seltener.“

Hast du bestimmte Gegenstände, die dir den Alltag erleichtern?

„Um Überreizung im Alltag zu
vermeiden, habe ich immer meine Sonnenbrille, Kopfhörer (meistens zwei Paar,
falls der Akku mal wieder leer geht), Handy (und ein kleines Akkupack) und
Fishermans dabei.

Damit ich möglichst wenig vergesse,
nutze ich unser Team-Tickets-System mit Wiki, für Telefonnotizen habe ich einen
Block, die Einkaufsliste und Notizen unterwegs mache ich auf dem Handy und der
Google-Kalender mit Erinnerungsfunktion ist auf meinen Rechnern immer geöffnet,
im Handy ist er sowieso. 

Wenn ich länger in Meetings sitzen
muss, kritzel ich gerne auf meinem Block rum oder spiele ein einfaches Spiel
auf dem Handy. Dann sind Augen und Finger beschäftigt und die Ohren können
zuhören.“

Kannst du der Diagnose auch positive
Eigenschaften abgewinnen?

„Ich mag es, wenn ich Lösungen finde, auf die andere nicht gekommen wären, oder mir Dinge auffallen, die andere gar nicht wahrnehmen. Das kann der wunderbare Duft im Wald sein, die Gummibärchen, die
irgendwo rumliegen oder sonst etwas, was nicht ganz gewöhnlich oder schlicht
falsch oder kaputt ist. Gerade letzteres ist bei der Arbeit praktisch: Wenn ich
Software teste, muss ich meistens gar nicht so genau hinsehen, mir springen
Bugs und Fehler quasi entgegen.

Dadurch, dass mir Dinge, die nicht passen, sehr
schnell auffallen, hatte ich im Straßenverkehr (zu Fuß oder per Rad) auch lange
keine brenzlige Situation mehr. Rechtzeitig genug sehe ich, wenn jemand nicht aufpasst oder mir gleich die Vorfahrt nehmen wird.“

Fühlst du dich gut aufgehoben, was die medizinische Betreuung angeht?

„Ja, auf jeden Fall, sowohl meine Psychologin als auch die Ärztin machen einen fähigen Eindruck, nehmen sich Zeit
und hören tatsächlich zu.“

Wie stehst du zum Vorwurf „Modekrankheit“
und wie beurteilst du die massive Steigerung im Bereich
diagnostizierter Kinder und
verschriebener
Medikamente?

„Ich kann den Begriff nicht leiden. Es mag sein,
dass es Ärzte gibt, die zu leichtfertig mit der Diagnose umgehen, aber wer nur
ein wenig Einsicht in den Alltag mit ADHS hat, wird sehen, dass es eben keine ,Modediagnose‘ ist.

Angeblich werden
Jungs ja zu häufig diagnostiziert, Mädchen zu selten, gerade wenn es eher die
verträumten sind. Da sollten Lehrer und Kinderärzte um einiges besser geschult
werden. Und bezüglich der Medikamente – ich denke, wenn ein Kind kein ADHS hat bzw.
nicht wie erwartet auf Ritalin reagiert, dürfte das schnell auffallen.“

Gibt es aus deiner Sicht noch
gesellschaftlichen Aufklärungsbedarf oder fühlst du dich mit deiner Diagnose
ernst genommen und akzeptiert?

„Auf jeden Fall. Kommentare wie ,kein Zucker!‘, ,mehr Sport!‘, ,strengere Erziehung!‘, ,das wächst sich aus…‘ zeigen doch,
wie viel Unsinn immer noch verbreitet wird.

Ich selbst habe bisher nur wenigen Menschen
davon erzählt, bisher waren die Reaktionen interessiert bis positiv
gleichgültig. Im restlichen Umfeld erzähle ich entweder nichts oder eher von
meinen Besonderheiten und Marotten.“

Welcher
Tipp hat dir am meisten geholfen, den du gern weitergeben würdest?

„Dinge, die schnell erledigt sind, auch direkt machen, alles
andere an einer definierten Stelle aufschreiben. Medikamente sind nicht per se schlecht, man sollte
ausprobieren, ob sie einem gut tun und wenn sie das tun, auch nehmen.

Außerdem hilft es, Reize von außen möglichst direkt
auszuschließen oder sich dagegen abzuschirmen. So werden Ablenkungen minimiert und nichts Unnützes muss verarbeitet werden. 

Darüber hinaus hilft mir: Bewegen, hibbeln, zappeln, mit Dingen (Fingertrainer,
Stressbälle, Kreisel, Fingerringe, Ketten) rumspielen. Wenn man die Unruhe aus dem
Kopf in den Körper umleitet, ist im Kopf wieder etwas mehr Platz. Auch wenn ich schon oft zu hören bekam: ,sitz still!‘, ,hör auf rumzuspielen!‘ – zumindest mir tut es gut, das (wieder) zulassen zu können.“

Themenwoche: Frauen mit ADHS

Diese Woche widmen wir dem Thema ADHS. Neben Dr. Ahlers, der uns die medizinische Sicht erklärt hat, erzählen bei uns diese Woche sieben Frauen von ihrem Alltag mit ADHS. Das sind die bisherigen Interviews, weitere folgen:

Dr. Ahlers: „Bei hyperaktiven Mädchen denkt man nicht gleich an ADHS!“ Weiterlesen

Andie: „Nach der Diagnose war klar: Ich bin gar nicht so abgefucked, das ist das ADHS“. Weiterlesen

Katarina: „In manchen Situationen würde ich meinem Sohn liebend gerne Ritalin geben…“. Weiterlesen

Jessy: „Dass ich nach dem Koksen nichts merkte, war für mich ein klares Indiz für ADHS“. Weiterlesen

Clara*: „ADHS? Nee, ich doch nicht. Ich bin höchstens hochbegabt und hochsensibel“. Weiterlesen

Ninette: „Nein, ADHS lässt sich nicht ,weg erziehen‘!“ Weiterlesen

Anna*: „Die Bezeichnung ,Modekrankheit‘ ist totaler Bullshit!“.Weiterlesen

@MeisemitHerz: „Ich will endlich im Paradies sein, um nicht mehr leiden zu müssen“. Weiterlesen

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