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Alix Faßmann: „Eine wirklich peinliche Epoche“

Arbeit ist nicht unser Leben – diese These begründet Alix Faßmann in ihrem Buch sehr genau. Sie hat ein Manifest zur Karriereverweigerung geschrieben.

 

Ellbogenmentalität statt Solidarisierung

Die Journalistin Alix Faßmann hat ein kluges Porträt über die Arbeitswelt von heute geschrieben. Ihr Buch Arbeit ist nicht unser Leben: Anleitung zur Karriereverweigerung beginnt mit einem persönlichen Einstieg: Sie kündigt einen Job, in dem sie sich von sich selbst entfremdet hat. Doch ihr Buch ist vor allem ein politisches Buch. Ihre Geschichten erzählen von der Verlierern des Arbeitsmarktes: von Leih- und Zeitarbeit, von Hungerrenten, von Verdrängung von Menschen aus ihren Wohnvierteln und dem Karrierewahn, in dem Freunde, Gesundheit und Lebenszeit auf der Strecke bleiben. Doch wofür eigentlich?

Alix Faßmann reflektiert in ihrem Reisetagebuch, das mit dem Eintritt ins Berufsleben beginnt, Anekdoten aus dem Alltag einer Parteizentrale umfasst und sie auf ihrer Selbstfindung nach der Kündigung quer durch Europa führt, darüber, welche Wahrheiten und welche Lügen das heutige Verständnis von Arbeit erzählt. Die 31-Jährige gibt Anregungen, wie man wieder zu einem eigenständigen Denken und Verständnis davon finden kann, was Leben eigentlich bedeutet, wenn die Arbeit nicht mehr das Leben ist. 

Sie hat jetzt zusammen mit dem Dramaturgen Anselm Lenz das „Haus Bartleby” gegründet – ein geistiger Ort im Internet. Dort sollen Geschichten entstehen, die einem neuen Verständnis von Arbeit folgen. Der Name des Ortes geht auf den den Arbeitsverweigerer Bartleby aus dem Roman von Herman Melville zurück, der den Satz „I would prefer not to“ prägte.

Die Generation Y ist von Existenzangst geprägt, schreibst du. Stimmt es nicht, dass die Möglichkeiten für Jüngere aufgrund des Fachkräftemangels so gut sind wie nie?

„Ich finde die Debatte um den Fachkräftemangel, die vor allem von Politik und Wirtschaft befeuert wird, ziemlich obskur. Hysterie ums Humankapital. Aber warum? Aus Sorge um den Wohlstand und die Sicherheit der jungen und zukünftigen Generationen? Mitnichten! Was für eine Heuchelei. Der Fachkräftemangel von morgen ist die Peitsche in der Verwertungsmaschinerie von heute. Bei mir läuten zumindest die Alarmglocken, wenn die Bundesagentur für Arbeit den Fachkräftemangel beteuert und die Unternehmensberater von McKinsey im gleichen Atemzug eine Studie dazu veröffentlichen, dass bis 2020 rund zwei Millionen Akademiker fehlen würden. Aus meinem Bekanntenkreis landen die Top-Ingenieure gerade alle bei Zeitarbeitsfirmen, weil sie keine Festanstellungen finden. Das war dann wohl auch McKinseys Idee.

Wir müssen keine Angst haben, aber Angst ist immer noch der größte Motor im Kapitalismus. Letztlich ist es die Angst vor dem Tod. Die Angst vor dem Verlust von Dingen, die man sich mal gekauft hat, ist Vorbote davon. Die Angst ist berechtigt, aber durch Arbeit werden wir sicher nicht unsterblich! Insofern verstehe ich es auch als Verpflichtung, mit meinem Buch schon mal darauf hinzuweisen, dass wir uns unausweichlich außerhalb der großen Erzählung vom Wirtschaftswachstum miteinander verbinden müssen, wenn wir uns als Menschen nicht gleich ganz abschaffen wollen.“

Faul und zu anspruchsvoll – das sind die Begriffe, mit denen junge Arbeitnehmer beschrieben werden. Was sind die Ansprüche der Jungen?

„Das sind ja wohl vor allem ältere Herren, die die junge Generation derart verkürzt beschreiben. Faul und anspruchsvoll, das sind ja die arrivierten Herrschaften selbst, denen wir ihren Wohlstand retten sollen. Die aktuelle Rentenreform ist nur ein erbärmliches Beispiel dafür, wie auf Kosten der Jüngeren die traditionellen Machtstrukturen ausgenutzt werden, bis es kracht! Nach der Devise »Nach mir die Sintflut!« werden mal wieder Minderheiten reingeritten. Denn jeder, der auf Grundschulniveau rechnen kann, weiß, dass diese Rentenreform ein verächtlicher Schlag ins Gesicht der jungen Leute ist, die in Wahrheit ja die Arbeitgeber sind. Schließlich sind wir es, die unsere Arbeit geben, oder nicht? Für Eigentümer, Aktionäre, Kapitalisten, Chefs, Rentner, den Staat und marode Eliten, also Leute, die den herrschenden Wahnsinn verursacht oder geduldet haben. »Arbeitnehmer«, wenn ich das schon höre! Die Verdrehung von »Arbeitnehmer« und »Arbeitgeber« gilt es endlich mal vom Kopf auf die Füße zu stellen!“

Dein Job in der Politik hat dich frustriert, weil du Ansprüche an deine Arbeit hattest, kritisch warst und eigene Ideen umsetzen wolltest. Was ist in deiner Schullaufbahn richtig gelaufen, damit du als Erwachsene nicht zur Anpassung bereit warst?

„Zunächst würde ich sagen, dass ich heute nicht zur totalen Anpassung bereit bin trotz meiner Schulzeit und nicht wegen ihr. Und zum Job in der Politik: Ich denke, dass ein Gefühl irgendwann zur Intuition wird und daraus Erkenntnis entstehen kann. Und den Namen der Volkspartei, muss ich weder hier noch in meinem Buch nennen, weil es wirklich einerlei ist, welche Partei das genau war. Ein gelungener Aufbruch in Richtung einer Internetdemokratie oder mindestens einer Beteiligungskultur war das Projekt in der Partei nicht. Genau das war aber die angekündigte Stoßrichtung und dafür habe ich da mitgemacht. Sicher nicht, um Vorgesetzten den Arsch zu retten.“

Du erzählst in deinem Buch von der „Anpassungsneurose”. Wie sieht dieses Krankheitsbild aus?

„Die Anpassungsneurose besteht aus Druckszenarien, die uns entmenschlichen, wenn wir sie annehmen. In einer Karriere arbeiten wir für die Rettung von Leuten, die selbstverständlich davon ausgehen, dass es irgendwie toll sei, was sie tun. Und wir fahren auch noch die Ellenbogen gegeneinander aus, anstatt uns miteinander zu solidarisieren und die Missstände abzuschaffen. Eine wirklich peinliche Epoche, finde ich.

Und ja: Karriere ist ein Krankheitsbild! Ein Virus, der sich fortsetzt. Diese Irritation in der Selbstkonstruktion junger Menschen am Beginn ihres Lebens wird frühzeitig ausgenutzt, wo sie nun mal am verletzlichsten sind: beim Weg in ihr eigenes Leben, bei der Frage, ob sie ein guter Mensch sind, wertvoll, oder nicht. An dieser Schnittstelle kann man sie abgreifen, erpressen, beschuldigen mit dem einzigen Ziel, sie in den Verwertungszusammenhang einzugliedern, sie dienstbar zu machen. Manch einer kommt da ein Leben lang nicht mehr raus. Und fragt sich dann beim Abschied in die Rente, warum er das mit sich hat machen lassen. Dann ist es aber zu spät und kaum einer hat den Mut es zuzugeben. Lieber gibt man den Frust an die junge Generation weiter. So reproduziert sich der Arbeitswahn selbst. Da wird von irgendeinem Bündnis ausgegangen, das es zu erhalten gelte, weswegen jetzt die jungen Menschen erstmal kräftig abliefern sollen bei den Alten. Wohlgemerkt den mächtigen Alten, nicht bei den Verliererinnen und Verlierern.“

Gehört ein Burnout heute schon zur Erwerbsbiografie, um gezeigt zu haben, dass man über die eigenen Grenzen hinausgeht?

„Zunächst mal ist das Krankheitsbild »Burnout« ein gutes Stilmittel, um sich dauerhaft krankschreiben zu lassen. Mein Mitstreiter beim Haus Bartleby, Anselm Lenz, der kann da göttliche Zoten aus dem Theater erzählen und Vergleiche zu Thomas Manns Zauberberg herstellen. Er würde vermutlich sagen, nun ja, der Burnout liegt doch im Auspuff des Fahrers, oder so. Nicht wir brennen aus, die undemokratische Wirtschaftsordnung brennt aus. Und wir Jüngeren sollen die noch retten. Anselm war jahrelang Dramaturg am Staatstheater und hat dort versucht, vorbei an alten Männern am Tiefpunkt ihrer Schaffenskraft, noch gutes Theater zu ermöglichen. Auch dort scheinen alle Wege verkalkt zu sein.“

Du bist nicht, was du arbeitest, ist eine der Thesen deines Buches. Was macht einen Mensch zu dem, was er ist?

„Keine Ahnung, dafür sind klügere Denker zuständig. Und jeder selbst. Sicher ist doch aber, dass ein Mensch nicht durch abhängige Arbeit zum Menschen wird. Oder wer sagt sich am Ende seines Lebens, Mensch, hättest Du nur mehr Zeit im Büro oder in der Fabrik verbracht! Es ist immer das, was ein Mensch außerhalb von aufgezwungenen Abhängigkeitsverhältnissen tut, das ihn im Sinne eines echten Fortschritts für andere wirksam werden lässt. Das kann eine Verabredung zur Revolution auf Facebook sein, wie es beim arabischen Frühling geschehen ist, aber auch schon ein Blümchen und ein mickriger Fünfeuroschein für den alten Mann mit dem Akkordeon da vorne an der Ecke. Das wäre zumindest ein Anfang. Das kann aber auch das Nichtstun sein, die Nichteinmischung, die Kapitulation! Jeder Mensch, der sich der Karriere entzieht, tut das Richtige!“

Dein Buch ergreift Partei für junge Menschen. 40 Prozent des Nettoeinkommens nur für Miete auszugeben, sei Wahnsinn. Was tut die neue Bundesregierung denn eigentlich für die Jungen?

„Soweit ich das verfolge, tut sie nichts. Das wird sich demnächst dem Anschein nach ändern, spätestens nach der nächsten sogenannten Krise, die unausweichlich sein wird. Irgendwo gehen dann wieder ein paar Schatullen auf, und es wird kurzfristig ein bisschen was an die Leute verteilt, bis es dann in der Spirale weiter abwärts geht. Das gehört dazu. Denn von Krisen lebt die Maschine und die Gegenmaßnahme macht wieder nur die Armen ärmer, die Reichen reicher, die Elenden elendiger und die Mächtigen mächtiger.

Aber nichts ist für immer! Dabei müssen wir darauf Acht geben, dass wir einen friedlichen Übergang hin zu einer wirksamen, demokratischen und freien Welt vorbereiten. Es wird nie perfekt sein, um Himmels willen, aber anders, besser, schöner, sinnvoller – das kann man jetzt schon ansatzweise leben – und viele tun das jeden Tag.“

Gegen das Rentenpaket gab es trotzdem keine Proteste …

„Doch, die gab es. Wir sind nur a) in der Unterzahl und b) völlig zu Recht resigniert. Willst Du wirklich für die bestehenden Machtverhältnisse kämpfen, ein bisschen an den mickrigen Schräubchen drehen, damit die alten Herren sich noch ein bisschen länger in Amt und Würden halten können? Nein, Kompromisse sind etwas Gutes, aber eine kaputte Maschine zu schmieren, das ist kein Kompromiss, sondern irrational und vergebene Liebesmüh. Wir brauchen ein besseres, demokratischeres, freieres Rechts- und Wirtschaftssystem, in dem wir nicht in Dummheiten wie den Nationalismus oder die Religion zurückfallen. Das ist übrigens keine radikale Minderheitenposition von irgendwelchen linken Spinnern, das ist weitgehend der Stand aktueller Wissenschaftsdiskurse sogar bis hinein in die Rechtswissenschaft, die ihrem Gegenstand gemäß immer konservativ ist. Auch heute.“

„Was soll ich als Rentner in Goa?”, fragst du. Also statt die soziale Sicherung der Zukunft zu überdenken, sollten wir uns besser jetzt Zeit für schöne Dinge, Freunde und Familie nehmen?

„Moment! Soziale Sicherung besteht immer, wenn wir sie leben. Du meinst die bröckelnden Sozialsysteme, mit denen wir entweder ruhig gestellt, schleichend enteignet oder zum Arbeiten aktiviert werden. Ja, vielleicht ist ein Umlagesystem eine gute Sache, vielleicht sogar ein Generationenvertrag. Das wird die Zukunft zeigen. Die Verfassung der Bundesrepublik ist zum Beispiel ein guter Text, der seine Gültigkeit entlang der darin vertretenen Werte und Normen hoffentlich nicht verliert. Aber darum herum wird sich vieles verändern und komplett neu verhandelt werden müssen. Und das betrifft explizit auch Fragen von Eigentum, ererbten Vorrechten und die Frage, was Arbeit eigentlich ist und wie wir uns miteinander arrangieren. Wie wir Handel treiben, wie wir arbeiten, wie wir Möglichkeiten und Wohlstand verteilen. Aber bitteschön konkret und nicht wieder mit dummen Lügen wie »jeder ist seines eigenen Glückes Schmied«.

Das ist notwendig, denn ich würde sagen, der Haussegen hängt derzeit nicht nur schief, es gibt das Haus gar nicht mehr. Auch wenn da irgendwie noch ein paar Dachziegel auf dem Grundstück rumliegen und Ursel, Siggi und Angie ein paar Reden halten. Die Realität ist jetzt schon eine andere! Mich wundert es gar nicht, dass Bundespräsident Gauck inzwischen irgendetwas davon faselt, dass die Deutschen wieder »Zu den Waffen greifen« müssten. Den alten Männern fällt zum Ende ihrer großen Zeit seltsamerweise immer wieder nur die Kanone ein. Ein Besuch beim Psychoanalytiker wäre da vielleicht mal angebracht!“ (lacht.)

Muße ist ein zentraler Begriff im Buch. Im aktiven Sprachgebrauch hört man ihn selten. Was ist der Unterschied zu Freizeit und Wellness?

„Bei Wellness sollen wir uns in der Freizeit hübsch und fit für den Job machen. Der Chef von heute will gut riechende und gesunde Arbeiter, die nicht mit Sexiness geizen. Das ist plumpster Optimierungswahn. Wir sollen uns erholen und fit machen, um ordentlich zu funktionieren. Daher rührt auch der Hass auf Nikotin, Alkohol und Drogen. Als wären die das die wirklichen Probleme in dieser maroden Republik! Muße hingegen lässt sich niemals erzwingen und schon gar nicht mit weißen Bademänteln, Räucherstäbchen und warmem Licht anknipsen. Muße stellt sich ein, in der Regel aber eher nicht. Das hängt nämlich ganz wesentlich davon ab, wie wahrlich gleichgültig es einem sein kann, was da von außen an einem zieht und drängt. Ein Nichts auszuhalten hat etwas ungemein Schöpferisches. “

Bleibt noch die Kündigung als radikale Antwort auf ein System, in dem man für immer mehr Arbeit immer weniger leben kann. Wie sieht diese Karriereverweigerung aus?

„Raus aus der Karriere! Das kann ein schleichender Abschied sein, ein Rückzug ins Private, Dienst nach Vorschrift, Teilzeit, das vorgezogene Erbe, was auch immer. Die Kündigung ist ein radikaler Schritt, klar, aber auch das ist möglich. Mir hat der Abschied aus der Politikberatung jedenfalls sehr gut getan und ich würde nie wieder zurück wollen. Du meinst letztlich die Frage, wo dann das Geld herkommt, um im Supermarkt einkaufen zu gehen und die Miete zu bezahlen, oder? Ja, das ist tatsächlich ein Problem, das mit dem Organisationsgrad zu tun hat. Aber freie digitale Medien eröffnen uns da ein riesiges Feld, in dem wir uns miteinander verabreden können. Auch zum Austausch von Waren, Dienstleistungen und Philosophie. Das geschieht ja auch schon, und deswegen ist es so wichtig, dass das Netz offen bleibt. Die Kontrolle des Internets durch Staaten und Großkonzerne müssen wir unbedingt verhindern, mit allen Mitteln, die wir haben!“

Muss die Idee der Verwirklichung im Job denn immer scheitern?

„Naja, solange jemand den alten Deal eingehen will – deine Lebenszeit für ein paar Krümel vom Kuchen – dann bitte, warum nicht, it’s a free country! Es gibt ja Leute, die das ganz gerne machen und damit auch einigermaßen zufrieden sind. Im Job dienen wir immer fremden Herren oder deren Idee von ihrem eigenen Machterhalt. Auch wenn der hinter irgendwelchen Parolen versteckt wird, wie es in der Start-Up-Szene zuweilen der Fall ist: Wir netten Nerds verschenken unsere Ideen und Fähigkeiten an das Geld von alten Männern und deren Banken. Warum sollten wir das weiterhin tun? Für einen Porsche, ein Haus mit Pool oder, Achtung!, die Freiheit? Die größte Tücke liegt darin, die eigenen Interessen mit denen des Unternehmens oder des Investors zu verwechseln. Besonders Karrieristen können da am wenigsten unterscheiden. Und die, die es nicht nach oben schaffen oder ihre Arbeit sinnlos, langweilig oder unterbezahlt finden, verharren in Trotz und Beschwerde. Unsere Arbeit gehört uns nicht und das soll sie auch nicht. Und von der Abhängigkeit versprechen wir uns dann Unabhängigkeit oder gar Selbstverwirklichung. Und trotzdem wundert man sich, dass da gar kein Leben ist, das man spürt. Aus Gier nach vermeintlicher Freiheit springen einige ja mit Fallschirmen aus Flugzeugen, um sich nahe dem Tod lebendig zu fühlen. Lieber mal absichtlich einen Zug verpassen.“

Der Geschlechterkampf in der Arbeitswelt muss von Liebespaaren gewonnen werden,” schreibst du. Wie sieht diese romantische Möglichkeit des Widerstands aus?

„Zu zweit ist man schon mal weniger allein. Aber von mir aus kann man sich auch zu mehreren lieben, ich will das alles nicht so eingrenzen, die Leute machen doch eh was sie wollen, wenn keiner zuguckt. Aber Du spielst auf die kurze Geschichte von Nadja und Mortimer im Buch an. Sie mit einem sicheren, aber langweiligen Job in der Behörde, er als freier Kreativer mit befristeten Verträgen. Und dann führen sie auch noch eine Fernbeziehung. Heute gelten solche Beziehungen als zum Scheitern verurteilt und die Psycho-Seiten in den Zeitschriften krampfen sich einen ab mit einer Lösung. Ich frage mich dann manchmal: Ist Liebe etwa nur ein Lifestyle? Oder ist man hier zusammen drin? So eine irrationale, weil romantische Verbindung, sollte doch auch Verbündete hervorbringen und nicht bloß ein optimiertes Privatleben. Ich höre immer nur von Opfern, die er, aber in der Regel immer noch sie, für die Karriere des Partners bringen muss. Was für eine krude Sicht. Jedenfalls ist die Triebabfuhr in der Liebe ganz wichtig, wenn wir nicht wie Maschinen unsere Arbeit lieben wollen. Leute, die zärtlich sind, haben auch weniger Bock auf den Job. Mortimer und Nadja finden jedenfalls einen aufrichtigen Weg, mit dem es ihnen gelingt, die Interessen des Einzelnen zu ihren gemeinsamen zu machen. Firma, Chefs oder Karriere spielen dabei zwangsläufig die zweite Geige. Und dennoch entwickeln sich beide zusammen prächtiger als “

Du brauchtest Abstand und bist für einige Monate durch Italien gereist, um dann einen neuen Blick auf das Verständnis von Arbeit zu werfen und dem, was dir wichtig ist. Könnte sich unser Blick auf Arbeit grundlegend verändern, wenn sehr viel mehr Menschen von der Möglichkeit einer Auszeit Gebrauch machen könnten?

„Ja, die Frage steuert auf das sogenannte »Sabbatical« zu, die Frage, ob man eine Versicherungsleistung einführt, die Menschen ein Jahr Auszeit im Leben ermöglicht. Wenn eine solche Regelung jemandem was nützt, um zumindest mal ein Jahr hinter die Fassaden zu blicken, dann bitte, ich bin dafür. Ich bin aber der Auffassung, dass das System damit nicht zu retten sein wird.

Aber vielleicht begünstigt ein Sabbatical einen friedlichen Übergang in neue Formen der Vereinbarung miteinander, weil Workaholics und Hartzer auf einmal ein Jahr lang am selben Strand rumliegen. Ich hoffe doch sehr, dass das neue Gesetz dann auch für die Reservearmee der Hartz-IV-Empfänger gilt? Falls nicht, dann bin ich dagegen, denn die Arbeitslosigkeit ist auch eine Arbeit. Denn gequälte Arbeitslose verstärken den Druck auf die, die in der Maschine sind. Der Schweizer Soziologe Kurt Wyss beschreibt sehr treffend, wie die Leute auf einmal ihren Job lieben, auf Lohn, Demokratie und Lebenszeit verzichten, wenn draußen der systematisch ausgehungerte Ersatz bereit steht. Die Anpassung an die Macht fällt denen leichter, wenn draußen vor der Tür ein paar Millionen von fünf Euro Überlebenspauschale am Tag vergammeln.

Und im großen Maßstab wird dann ja immer mit den Billigjobbern in Asien gedroht, deswegen sei auch die bitterste Gemeinheit gegenüber den Armen »alternativlos«. Und den dortigen Armen wird wiederum erzählt, ihre Kinder würden sterben, weil sie den Arzt oder die Schule nicht bezahlen können. Was sagen eigentlich unsere Ärzte dazu? Oder kümmern die sich nur noch um G-Punkt-Unterspritzung und Zahnkorrekturen? Statt Armeen zu schicken könnten wir moralisch pikfeinen Europäer mal ein paar Ärzte schicken. Achso, das soll mal lieber Non-Government-Aufgabe bleiben? Und auch der deutsche Lehrer steht ja quasi permanent am Abgrund. Er soll die Bälger auf Karriere trimmen, weil Helikoptereltern Angst um ihren Porsche haben. Da wird ganz klar die eigene Abstiegsangst auf den dressierten Nachwuchs projiziert. Das Ergebnis ist der Drittmittelterror an den Universitäten, verkürzte Ausbildungen, Rückfälle in Disziplinierung und Verschulung. Der Lehrer soll fitte Maschinchen ausbilden, die sich ordentlich eingliedern und arbeiten. Kein Wunder, dass die Lehrer schon nach ein paar Jahren am Ende sind, klassischer Fall von Double-Bind. Das Gute wollen und das Schlechte müssen.“

Du arbeitest jetzt nicht nur wieder als Journalistin, sondern bist auch Gründerin: vom Haus Bartleby, das Zentrum für Karriereverweigerung. Was erwartet Besucher dieses Hauses?

„Wir wollen forschen, Gespräche führen, Formen finden, um letztendlich eine neue Erzählung fernab der herrschenden Arbeitsdogmen zu entwickeln. Dabei integrieren wir Leute, die für diese Dogmen schon heute zu weit entwickelt sind und bauen mit ihnen auf Augenhöhe Häuser auf. Wir wollen Geschichten erzählen, die nicht verängstigen oder verwirren, sondern inspirieren. Bei aller Ernsthaftigkeit, die weh tut, sollen Humor und Lebensfreude treiben. Es fragen sich so viele Leute, was hier eigentlich los ist, dass mir solche Unternehmungen derzeit mehr Hoffnung machen, als irgendeine Schadstoffnorm oder Bio-Gemüse. Vom unverschämten Mindestlohn mal ganz zu schweigen: „Achtfuffzich“ sind ein Taschengeld, aber keine Beteiligung erwachsener Menschen an den riesigen Reichtümern, die wir alle erschaffen, egal ob wir in Arbeit sind oder außerhalb davon. „Achtfuffzich“ sind ein winziger Schritt in die richtige Richtung, so klein, dass man ihn mit bloßem Auge nicht mal erkennen kann. Die Lobby-Verbände der Gegenseite stilisieren das natürlich zu einem Menetekel! Oh, die Wirtschaft kracht zusammen!

Ich denke, damit habe ich ein paar Hinweise gegeben, in welche Richtung sich das Haus Bartleby entwickeln könnte. Das kommt aber auch auf die Leute an, die sich bei uns melden. Wir starten mit www.hausbartleby.org, sobald wir inhaltlich, gedanklich und technisch weit genug sind. Von da an wollen wir uns dann allmählich verbessern, neue Leute werden hinzukommen, Gespräche und Inhalte veröffentlicht und irgendwann ein Haus entstehen, in dem wir an neuen Verabredungsmöglichkeiten tüfteln werden. Wie organisieren wir uns ohne den Fetisch von Wachstum, Kapitalismus und Repräsentation, ohne dabei in die Fallen von Hippie-Quatsch, Sektierertum, Ausstiegsträumereien oder Seelsorge zu tappen.

Wir sind dabei auch nur eine Unternehmung von vielen, auch wenn uns das große Interesse natürlich sehr freut. Kurzfristiger Erfolg und Profit sind Verführer, denen wir uns widersetzen müssen, wenn wir etwas über die Zukunft herausfinden wollen. Das ist nicht bequem, macht aber auch Freude!“

Alix Faßmanns erstes Buch Arbeit ist nicht unser Leben: Anleitung zur Karriereverweigerung ist im April bei Bastei Lübbe erschienen. 

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