Foto: Brad Flickinger I Flickr I CC BY 2.0

„Bildung kann nicht konsumiert werden“

Für Elisabeth Hahnke ist als Gründerin eines Mentoringprogramms für Jugendliche und Mutter klar: Bildung sollte die Kinder in den Mittelpunkt stellen.

 

Wie entsteht Chancengerechtigkeit?

Die deutschen Medien sind voll von Berichterstattung über mangelnde Bildungsgerechtigkeit und Schüler, die in unserem System auf der Strecke bleiben. Experten streiten sich, Lehrer fühlen sich machtlos, Eltern sind ratlos. Auch der aktuelle Bildungsbericht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zeigt einmal mehr: Es besteht weiterhin eine starke soziale Ungleichheit bei der Bildungsbeteiligung junger Menschen. Vor allem Kinder aus bildungsfernen Milieus oder mit Migrationshintergrund haben geringere Chancen auf höhere Bildung. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und komplex, genau wie deren Lösungsmöglichkeiten.

Als Gründerin des Mentoringprogramms Rock Your Life! beschäftige ich mich beruflich bereits seit vielen Jahren sehr intensiv mit dem Thema Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen. Bei uns begleiten Studierende benachteiligte Jugendliche in einem Mentoringprozess über einen Zeitraum von zwei Jahren und unterstützen sie auf ihrem Weg in das Berufsleben. Wir helfen ihnen, ihre Potentiale zu entfalten.

Meine Arbeit gewinnt für mich auch privat zunehmend an Bedeutung. Meine Tochter wird demnächst eingeschult und natürlich wünsche ich mir für sie, dass sie in ihrem Potential erkannt und gefördert wird und dass sie in einem Umfeld lernen kann, in dem sie ganz und gar vertrauen kann, und in dem die Kinder lernen, sich gegenseitig zu unterstützen und zu ergänzen.

Individuelle Bedürfnisse von Kindern in den Mittelpunkt stellen

Aus meiner Perspektive und Erfahrung muss noch viel getan werden in der deutschen Bildungslandschaft. Das liegt daran, dass jedes Kind anders ist, individuell erkannt und gefördert werden will und muss. Es ist großartig, dass wir allen Kindern den Zugang zu Bildung ermöglichen können, aber gleichzeitig reicht das nicht aus. Kinder brauchen vor allem ein soziales Umfeld, dem sie vertrauen können, um sich zu entwickeln und zu lernen. Unsere Schulen schaffen es bisher nicht immer, diese Vertrauenskultur herzustellen. Durch unsere eigenen Studien haben wir erkannt, dass gerade Kindern an Hauptschulen weniger Chancen offen stehen, wenn sie nach ihrem Abschluss auf den Arbeitsmarkt kommen. Durchschnittlich landet jeder dritte Jugendliche in einem Übergangssystem statt in einer Ausbildung oder einem weiterführenden Schulsystem. Das zeigt, dass wir als Gesellschaft noch nicht ganz verstanden und umgesetzt haben, wie wir Kindern und Jugendlichen helfen, ihre Potentiale zu erkennen und zu entfalten.

Was sollte also geschehen? Unser Bildungssystem muss sich dringend dahingehend verändern, dass wir die Kinder in den Mittelpunkt der Bildung stellen und als Lernpartner auf Augenhöhe begreifen. Wir müssen sie ermutigen, ihren Lernprozess selbständig und eigenverantwortlich zu gestalten. Schulische Konzepte müssen entwickelt und umgesetzt werden, in denen Kinder in ihrem Lerntempo, ihren Talenten und Interessen erkannt und abgeholt werden. Lehrer sollten dahingehend anders ausgebildet werden und man braucht mehr Personal in kleineren, offenen Klassen.

Bildung braucht Neugierde, Leidenschaft, Freude

Bildung kann nicht konsumiert werden, sondern muss erarbeitet werden und zwar mit Neugierde, Leidenschaft und Freude. Kinder lieben es zu lernen, sich zu entwickeln. Wir sollten ihnen diese inhärente Neugier nicht nehmen, in dem wir sie mit Informationen vollstopfen, die keine Relevanz für ihr Leben haben. Wir sollten mit ihnen Fragen entwickeln, sie dazu anregen, sich selbst kennenzulernen und Verantwortung für ihren Platz im sozialen Gefüge einzunehmen. Wir sollten ihnen helfen, herauszufinden, welche Talente in ihnen schlummern und welche Träume sie haben. Wir sollten sie unterstützen diese Träume zu verwirklichen. Wir sollten mit und von ihnen lernen. Es gibt viele Hinweise und Tendenzen in diese Richtung, wunderbare alternative Schulen und großartige Programme, welche diese Bedarfe erkennen und erfolgreich bedienen. Es ist aber leider noch nicht im Mainstream angekommen.

Auch für meine Tochter wünsche ich mir, dass sie in ihrer schulischen Laufbahn auf Lehrer trifft, die sich als Lernpartner für sie verstehen und ihr helfen, sich ihren eigenen Fragen zu stellen und sie unterstützen darauf Antworten zu finden. Ich wünsche mir, dass sie auf vielfältige Weise lernen darf und nicht nur theoretisch am Schreibtisch. Sie soll in einer Schule lernen, in der es ganz natürlich ist, über den Tellerrand hinaus in unsere Welt zu blicken und in der die Kinder lernen Verantwortung zu übernehmen. Ich wünsche mir, dass sie sich dort genauso entfalten kann wie zu Hause, dass sie nicht beurteilt wird, sondern gesehen. Wenn dies für alle Kinder möglich wäre, wären wir einen großen Schritt weiter auf unserem Weg hin zu Bildungsgerechtigkeit.

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