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Blümchen, Brezn, Blazer – Auf der Suche nach der Botschaft von Angela Merkels Instagram-Account

Die Bundeskanzlerin teilt nun Fotos auf Instagram. Die Bilder verraten zugleich wenig und doch sehr viel darüber, wie das Kanzleramt tickt.

 

Mein Haus, meine Kanzlerin

„Komisch, ein Architekturfotograf, der zufällig auf einer Pressekonferenz von Angela Merkel gelandet ist“, das ist mein Gedanke, als ich den neuen Instagram-Account der Bundeskanzlerin betrachte. Und tatsächlich: „Kanzleramt abstrakt; Architekturdetail über der Tür zum Ehrenhof, wo die #Bundeskanzlerin normalerweise ihre Gäste begrüßt“ heißt die Bildbeschreibung des Fotos, das etwa 1.800 Menschen gefällt. 

Zur Mitte ihrer Legislaturperiode hat die Kanzlerin einen neuen Social-Media-Kanal entdeckt. Nun, neu ist der keinesfalls. Die Foto-Sharing-App gibt es seit 2010, einen deutschen Wahlkampf hat sie schon erlebt. Im Februar eröffnete CDU-Generalsekretär Peter Tauber die erste offizielle Ausstellung des Unternehmens in Deutschland, das mittlerweile zu Facebook gehört. 

Die Kanzlerin ist in diesem Fall Late-Adopterin, das Ziel dieses Schritts bleibt völlig unklar. Über die Bilder, die von offiziellen Fotografen der Bundesregierung stammen und immer sorgfältig bearbeitet und ausgewählt sind, erfahren Bürgerinnen und Bürger nicht mehr als aus der Zeitungslektüre oder der Tagesschau: Wo ist Merkel gerade? Wem hat sie die Hand geschüttelt? Wie ist das Wetter dort? Da wirkt das Bild von Weißwürsten und Brezn schon beinahe gewagt; die Perspektive soll suggerieren, Merkel habe das Bild selbst geschossen. Doch nichts an diesem Kanal ist spontan und aus dem Moment heraus entstanden. Der Auftritt der Kanzlerin bei Instagram wirkt so, als habe die Agentur, die das Bundespresseamt bei seinen Social-Media-Aktivitäten unterstützt, so lange auf ihren Auftraggeber eingeredet, bis dieser schließlich überzeugt war, Instagram auch noch zu brauchen: „Das macht man jetzt so.“

Ein Bild mit viel Zen, keiner Botschaft und wenig logischen Hashtags.

Dabei sein ist alles?

Die Me-Too-Strategie ist für digitale Kommunikation dabei nicht falsch. Deutsche Politikerinnen und Politiker kommen noch immer kaum über die eigene Website und eine Facebook-Seite hinaus, wohingegen es für viele ihrer internationalen Kollegen völlig selbstverständlich ist, auch über Twitter mit Menschen in ihren Wahlkreisen und Journalisten in Kontakt zu sein, Youtube-Videos zu produzieren oder Google-Hangouts anzubieten. Da sich mittlerweile herumgesprochen hat, als Politiker müsse man im Netz an vielen Stellen vertreten sein, um zu signalisieren digitale Kommunikation verstanden zu haben, finden sich zahllose Twitter-Accounts von Bundestagsabgeordneten, die nach dem Wahlkampf verwaist sind, einseitig kommunizieren oder nie in Betrieb genommen wurden.

Bei Merkels Instagram-Account ist das nicht zu befürchten. Das Bundespresseamt kann für die kontinuierliche und professionelle Kommunikation in sozialen Medien eigenes Personal anstellen oder externe Dienstleister beauftragen. Diese personellen Ressourcen fehlen oft in Abgeordnetenbüros. Doch ist die Art und Weise, wie die Bundeskanzlerin nun auf Instagram präsentiert wird tatsächlich professionell?

Ablenken von dem, was wichtig ist

Optisch wirkt es zunächst so. Die Bundesregierung arbeitet mit anspruchsvollen Fotografen zusammen. Die Bilder erzählen die Arbeit der Bundeskanzlerin von ausgewählten Anlässen aus nach. Die Ästhetik stimmt. Alle bislang veröffentlichen Bilder haben gemeinsam, dass sie eine große Ruhe ausstrahlen. Sie stützen das Bild einer Kanzlerin, die überlegt handelt und alles im Blick hat. Gleichzeitig schläfern sie jedoch auch ein wenig ein und lassen vergessen, dass es rund um den G7-Gipfel-Proteste gab, dass Flüchtlinge im Meer ertrinken und in Deutschland rassistische Anschläge auf ihre Unterkünfte verübt werden, dass seit der Entscheidung in Irland nahezu jeder eine Meinung zur „Ehe für alle“ geäußert hat und die öffentliche Meinung stark in die Richtung tendiert, die Ehe auch für lesbische und schwule Paare zu öffnen. Nur Merkel äußert sich nicht. Sie sitzt die Debatte aus, bis sie das Sommerloch verschlungen hat. 

In ihrem Instagram-Account blühen Gänseblümchen vor Schloss Elmau. Man wartet eigentlich nur noch auf das Bild eines romantischen Sonnenuntergangs über dem Kanzleramt, so wie es all abendlich eben diese Fotos auf Instagram von allen Nutzern hagelt, die auf Dachterrassen am Abend ihr Smartphone zur Hand hatten. Die pinke Stunde.

Wer nutzt Instagram?

Ob Fotos der Kanzlerin nun auch auf Instagram veröffentlicht werden oder nicht, bleibt letztlich egal. Offizielle Bilder der Regierungsfotografen werden hier zweitverwendet. Das stockkonservative Verständnis, mit dem der Account bespielt wird, trägt weder zur besseren Regierungskommunikation bei, noch ist der Kanal imagebildend für Merkel, so wie die App in der Regel in amerikanischen Wahlkämpfen für die jeweiligen Politiker genutzt wird. Damit macht das Team, das den Account verantwortet, vor allem einen Fehler: Instagram zählt zu den Lieblingsapps von Jugendlichen. Diese Erkenntnis nicht zu nutzen, ist schlichtweg ignorant. Eine Kanzlerin darf über die Regierungskommunikation zwar keinen Wahlkampf machen, Teenager über ihre Arbeit informieren darf sie hingegen schon.

Doch obwohl deutsche Politikberater kaum etwas lieber tun, als für Kommunikationsideen über den großen Teich zu schauen, fasst die Selbstverständlichkeit und der lockere Umgang, mit den soziale Medien in der US-Politik genutzt werden, hier keinen Fuß. Hillary Clinton, die wenige Tage nach Angela Merkel ihren Instagram-Account eröffnete, postete selbstironisch ein Bild von verschiedenen Hosenanzügen und betitelte es mit „Hard Choices“, so wie auch ihre politische Autobiografie heißt. Ihr Kampagnenteam dürfte in Kürze auch auf Snapchat aktiv werden. Ein Muss für jede Kampagne, die junge Wähler erreichen will.


Das erste Instagram-Bild von Hillary Clinton.

Ein Muss auch für die Kanzlerin? Das kommt darauf an, ob sie es wichtig findet Informationsangebote auch dort zu machen, wo Jugendliche sich über das Weltgeschehen informieren. Instagram könnte dafür ein Anfang sein, wenn neben perfekten Fotos auch die Bereitschaft bestünde, über die Kommunikationskultur in sozialen Medien dazuzulernen. Wenn das nächste Mal Girls’ Day ist, sollte die Kanzlerin den Mädchen ein Smartphone und die Zugangsdaten für den Account in die Hand drücken und sich von ihnen einen Tag lang begleiten lassen. Eine bessere Beratung als von Schülerinnen kann sie in diesem Fall nicht bekommen.

Linktipp: Eine Einzelkritik ausgewählter Bilder gibt es auf dem Merkel-Blog.

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