Foto: European People's Party – Flickr – CC BY 2.0

Das Charisma-Problem von Politikerinnen: eine Männerfantasie

Zu tough, zu emotionslos, zu wenig Charisma – irgendetwas findet man an Politikerinnen immer. Aber wofür soll Charisma eigentlich gut sein?

 

Bereit für eine Frau?

Eine ganze Generation von Politikjournalisten ist emsig damit beschäftigt, zu erklären, was Hillary Clinton fehlt, um die ideale erste US-amerikanische Präsidentin zu sein. Der Job ist härter geworden, denn mittlerweile ist sie die offizielle Kandidatin der Demokraten und hat eine weitere Hürde genommen. Let’s face it: Dass in den USA das erste Mal eine Frau eine realistische Chance darauf hat, Präsidentin zu werden, ist noch immer eine Provokation. Und egal, wie normal es uns scheint, in Deutschland eine Kanzlerin zu haben: Auch Angela Merkel ist noch immer eine Provokation. Immer dort, wo Menschen auftauchen und in der Minderheit sind, sind sie eine Provokation, denn sie stellen eine Gefahr dar, ein lang gewachsenes System in Frage zu stellen, neu zu ordnen oder kreativ zu zerstören. Der Backlash, den das Vordringen von neuen Mitspieler_innen auf einem Feld hervorruft, ist beeindruckend. Das erleben nicht nur Politikerinnen, die ein sehr dickes Fell für Sexismus und Respektlosigkeit brauchen.

Auf jede Kolumne einer feministischen Autorin in einem großen Medium (ja, mittlerweile dürfen sie dort schreiben), kommen mindestens drei Texte von verärgerten Autoren, die die Frau wieder auf ihren Platz weisen. Mansplaining sollte unbedingt an Journalistenschulen gelehrt werden, es ist einträglich. Und während einmal jährlich der Feuilleton-Aufmacher das Ende der Männer besingt oder fragt, wann der Feminismus die Männer denn mitnimmt, schreiben immer noch 80 Prozent männliche Redakteure die Leitartikel, in denen sie, wenn sie denn so gern möchten, doch einfach in feministischen Debatten konstruktiv mitmachen könnten. Die Reaktionen der meinungsführenden Mehrheit auf eindringende Minderheiten ist hysterisch. Es bleibt sehr einfach, sie zu provozieren. Wirklich besser wird der Diskurs davon nicht.

Hilfe, die Minderheit kommt

Das Gelingen der Provokation ist dabei vor allem auf eine Sache zurückzuführen: Die Minderheit wird nicht verstanden (und auch meistens nicht gefragt), sie wirkt andersartig, fremd, wie ein Buch mit sieben Siegeln und löst daher Angst aus. Frauen zum Beispiel, von denen weder physische Gefahr ausgeht noch sie dafür bekannt sind, unüberlegt Krieg zu spielen, verwandeln Schlafzimmer in Gefahrenzonen für Männer (zumindest, wenn man der stellvertretenden Chefredakteurin der Zeit, Sabine Rückert, Glauben schenkt) und überall in der Welt finden verstörte Männer nicht in den Schlaf, weil sie fürchten, dass eine Politikerin in den Fängen ihrer Hormone eines Tages impulsiv auf den roten Knopf drücken wird und die Welt auslöscht. In Fachkreisen nennt man so etwas übrigens Projektion.

Dabei sehen nicht nur Männer die Welt durch die Brille ihres Geschlechts, den so genannten „Male Gaze“. Auch Frauen haben ihn adaptiert, weil diese Perspektive so allgegenwärtig ist und man wohl oder übel dorthin hineinwächst, eben diese Perspektive als die richtige zu empfinden. Ein Beispiel: Der Diskurs zur Gleichberechtigung hat sich zu großen Teilen auf den Nenner verständigt, dass es ein Emanzipationserfolg ist, wenn Frauen alle in Vollzeitjobs arbeiten werden und Vorstände von DAX-Unternehmen sind – eine Interpretation von Erfolg und Macht, die glasklar von Männern entworfen wurde. Die Sichtweise, dass Gleichberechtigung viel besser gelingen könnte, wenn alle Geschlechter weniger arbeiten würden und ein Mann an Status gewinnt, wenn er mit Kindern spielt anstatt mit Millionen, ist eine Nischen-Idee und wird eben eher in den Kreisen von feministischen Akademikerinnen diskutiert.

Wenn schon Politikerin, dann bitte mit Charisma

Der „Male Gaze“ auf Hillary Clinton und auf viele andere Politikerinnen bringt immer wieder ellenlange Abhandlungen über ihre Defizite hervor, so aktuell geschehen bei Quartz, wo die Autorin Elisabeth Winkler unter dem Titel „Hillary Clinton’s charisma deficit is a common problem for female leaders“ lang und breit erklärt, warum Politikerinnen ein Charisma-Problem hätten und was sie ändern könnten, um sich diese magische Eigenschaft anzueignen. Jawohl: Sollte Hillary Clinton von Donald Trump besiegt werden, wird auch dieser Aspekt ihrer Person als Erklärungsansatz herangezogen werden: „Sie war nicht charismatisch genug. Und schlimmer noch: Die Alte hat einfach nicht daran gearbeitet, ihr Charisma zu pushen.“

Charisma … was verstehst du eigentlich darunter, bevor du es nun googelst? Vielleicht jemanden, mit einer besonders einnehmenden Ausstrahlung, dem du gern zuhörst, der selbstbewusst wirkt, im Einklang mit sich selbst und beim Sprechen das Gefühl vermittelt, er habe die Welt im Griff. Don’t you worry ‚bout a thing, honey. Und wenn du an jemanden denkst, der Charisma hat … an wen denkst du dann? Vermutlich an einen Mann. Und wie viele Frauen kannst du spontan nennen, die Charisma haben?

Charismatisch = fuckable?

Im Universum der Ratgeber-Artikel findet man mit wenigen Klicks Texte wie: „How to be more charismatic than George Clooney“. Er ist das Paradebeispiel für eine Person, die vom Mainstream als charismatisch wahrgenommen wird und an der durch dekliniert wird, wie man „Charisma erlernen“ kann. Du kannst dich jetzt natürlich weiter anlügen und ernsthaft glauben, du könntest von George Clooney etwas über Charisma lernen. Wozu auch? Wer von George Clooney etwas über Charisma lernen möchte, möchte seine Wirkung auf Frauen kopieren, ganz simpel. Oder einen fetten Werbevertrag eines großen Kaffeeproduzenten bekommen. Wer will schon Charisma als Selbstzweck? Wenn Charisma also einen Womanizer beschreibt, was zur Hölle soll dann eine Politikerin damit?

Und bevor nun jemand den „13 Schritten zu mehr Charisma“ Glauben schenkt: Lernen, wie George Clooney auszusehen, wirst du in diesem Leben nicht mehr. (Auch wenn noch nicht ergraute Männer tatsächlich das melierte Haar adaptieren, weil es als sexy bzw. in Politikkreisen auch als „staatsmännisch“ gilt). Aber hey: Wenn du dem Objekt deiner Begierde morgens einen guten (!) Kaffee ans Bett bringst, ist das kein schlechter Start, um gemeinsam einen schönen Tag zu haben. Es gibt durchaus Dinge, die man von George Clooney lernen kann.

Wir dürfen uns also beim Thema Charisma fragen, wie viel Projektion in der Definition steckt und ob die Person etwas hat, das wir selbst gern wollen. Macht? Sex-Appeal? Erfolg auf einem bestimmten Gebiet? Häufig sogar eine Verquickung von all dem. Sophia Loren, Marilyn Monroe, die junge Madonna … tolle Frauen, ohne Frage. Aber wenn ich einen Mann darüber sinnieren höre, dass diese Frauen so viel Charisma hätten, würde ich wirklich gern zurückfragen: „Was außer dem Fakt macht ihr Charisma aus, als dass du niemals mit ihnen schlafen wirst und du dir in deiner Traumwelt einredest, sie hätte potenziell ja gesagt?“

Die Sehnsucht nach der netten Frau

Hillary wird – egal wie sehr sie an ihrer Ausstrahlung arbeiten könnte und dann offener und wärmer wirkte – das aktuelle Male-Gaze-Verständnis von Charisma nie erreichen. Die Präsidentschaftskandidatin oder andere weibliche Politikerinnen auf ihr Charisma hin zu prüfen, bleibt also Nonsens. Nicht nur, weil die durchschnittliche Frau über 60 in sexueller Hinsicht entweder unsichtbar ist oder als Fetisch gilt, sondern weil sie schlicht eine Bedrohung ist. Angst und Charisma schließen sich aus. Genau aus diesem Grund fällt es übrigens so leicht, Michelle Obama zu lieben: Als First Lady bedroht sie niemanden.

Und wohl genau aus diesem Grund fühlte ich mich von Hillarys einnehmender Ausstrahlung beinah überrumpelt, als ich sie vor knapp zwei Jahren in Berlin auf einer Bühne sah. Denn sie bewirkte in mir das Gegenteil von Angst: Hoffnung und Vertrauen, dass sich die Welt verändern lässt und mehr Optionen bereithält für all die, die einen anderen Weg gehen möchten, als für sie vorgesehen war. Wir werden viele charismatische Frauen wahrnehmen können, wenn wir ihnen endlich vertrauen, anstatt ihnen mit Skepsis zu begegnen, weil wir sie einfach nicht gewöhnt sind.


Titelbild: European People’s Party – Flickr – CC BY 2.0

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