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Detox my ass – Was ich wirklich von Diäten halte

Zehn Tage lang ernähre ich mich von Detox-Säften und leichter Kost. Mit jedem Tag wird mir klarer: Ich möchte ein ganzes Schwein essen. So ein richtiges fettes. Mit Ohren dran und niedlichen Augen. Dabei bin ich Veganerin! Warum ich Diäten total lächerlich finde – und es unheimlich sexy ist, mit einer Tüte Chips auf dem Sofa zu versacken.

10 Tage Detox?

Zehn Tage nur Flüssiges; Säfte und Gemüsesuppen. Wer ist eigentlich auf diese beschissene Ideegekommen? Offiziell ging es mir, so glaube ich, um Entgiftung.

Bye bye Zigaretten und Lambrusco, wir sehen uns. Mein Organismus muss aufgeräumt werden, braucht eine neue Basis. Partys wollen gefeiert werden. Und mit Partys meine ich, betrunken vor Youtube zu versacken und pathetisch Udo Jürgens zu hören. Ich schreibe Rezepte aus dem Internet ab, erstelle Einkaufslisten. Los geht es mit fünf Saft- und Suppentagen.

Für mich gleicht das einem Besuch im Betty Ford Center.

Als Veganerin esse ich zwar anders, aber nicht weniger. Ich bin die, die „idiotensicheres Rezept für vegane Schokobombe“, googelt. An mir ist noch jede fleisch-verhöhnende Blasshaut in selbst gehäkelten Baumwollpullis verloren gegangen.

Chia-Samen, Goji-Beeren und Mandelmilch

Das Theater geht an der Supermarktkasse los: Chia-Samen, Goji-Beeren und Mandelmilch – für das Trio Infernale soll ich fünfzehn Euro berappen. Die restlichen Obst- und Gemüsesorten kaufe ich beim Discounter. Im veganen Supermarkt hole ich mir einen überteuerten Detox-Tee, weil auf der Verpackung so niedliche Blüten drauf sind. Hallo, ich soll mir was Gutes tun! Verurteilungen kann ich jedenfalls nicht gebrauchen. Sowieso will ich sofort losheulen, wenn mich einer anrempelt oder schief anguckt. Und jedem will ich in die Arme fallen. Es ist alles so ergreifend.

Detox hat meine Haut nicht straffer, sondern dünner gemacht.

Von dem Tee trinke ich drei Liter täglich. Ich bin ein gern gesehener Gast auf der Bürotoilette. Mittlerweile kenne ich die Kollegen aus dem Coworking-Space namentlich. Alle. Dass Detox mich sozialer macht, war nicht der Plan. Auf dem Heimweg dann das kulinarische Fukushima: In der Bahn verdrückt eine Frau einen Schokoladenmuffin. In Slow Motion und mit extralautem Schmatzen. Die nächsten Stunden bin ich mit einer neuen Lebensaufgabe beschäftigt. Ich will den öffentlichen Muffin-Verzehr staatlich reglementieren lassen. Dann gehe ich ins Bett, bevor ich noch zum Diktator werde. Menschen sind nur am Essen. Die können nichts anderes. Münder öffnen und schließen sich. Zwischendurch geht da Nahrung rein. Ich möchte sie ankeifen wie ein rumänischer Straßenhund, der sich sechs Wochen nur von Ästen ernährt hat. Ich hätte für das Gemeinwohl nicht aufstehen sollen.  Stattdessen muss ich mir zum Frühstück einen Spinat-Smoothie mit Wasser reinfahren. Schmeckt nicht. Popeye ist ein verdammter Lügner.

Hilfe, Detox

Die Entgiftung zeigt nach ein paar Tagen Wirkung: Ich werde spirituell, stelle mir fundamentale Fragen. War die Erfindung des Schimmelkäses ein Versehen? Wachsen Sultaninen im Nahen Osten? Würden in Frankfurt alle Einwohner zur gleichen Zeit Pizza bestellen, wäre das ein logistischer Totalschaden? Ich zappe durch das Fernsehprogramm, um mich abzulenken. McDonald’s sagt: „Jetzt probieren.“ Sorry, aber geht grade nicht. Ich erfinde einen Adblocker für Fernsehserien. Szenen, in denen Charaktere essen, schneidet der einfach raus. Nennt mich Einstein. Hmm, Eisbein.

Auf Instagram poste ich ein Foto mit Mittelfinger.

Die sollen endlich aufhören, ihr Essen zu fotografieren. Keiner hält sich daran. Immerhin habe ich vier Kilo abgenommen. Und? Bin ich jetzt happy? Habe ich jetzt meinen inneren Frieden gefunden? Ich google „Detox“, um den Erfinder der Diät einen kleinen Besuch abzustatten. Ich will den Veganismus über den Haufen schmeißen. „Fleiiiisch“, ruft eine Stimme in mir. Ich fühle mich wie eine Kannibalin auf Speed.

Festes Essen wird der Superstar

Endlich Bergfest. Ich darf Festes zu mir nehmen. Es gibt ein Früchtemüsli. Und Gott spricht durch eine Mango zu mir. Jeder Bissen ist Glückseligkeit, jeder Schluck eine Offenbarung. Ich weiß jetzt, wofür diese dämliche Diät gedacht ist: Du hungerst so lange, bis du raffst, wie wichtig Essen für dich ist. War dir vorher ja gar nicht klar. Ich habe ein letztes Ziel. Den Supermarkt.

Wie Rambo streife ich durch die Gänge, schmeiße in den Korb, was da reinpasst. Ich will alles essen, bin ein Schatten meiner selbst. Mir doch egal, ob diese Diät gesünder, dünner oder erfolgreicher macht. Detox, my ass. Warum muss ich mich eigentlich selbst geißeln, um meinen unbewussten Wunsch nach Konformität zu befriedigen? Sollen die Yoga-Chicks doch dem Gesundheitswahn frönen, für mich geht’s jetzt aufs Sofa. Mit Bollerbuchse, Hoodie und Stoppersocken. Nix mehr Chia. Nix mehr Detox. Jetzt werden gnadenlos Chips gefressen. Ich fühle mich so sexy wie nie.

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