Foto: Christopher Dilts for Obama for America I Flickr I CC BY-SA 2.0

Drei Gründe für mehr öffentliche Auftritte

Vor großem Publikum zu sprechen erfordert Überwindung, die sich lohnt. Ein Plädoyer dafür, die großen Bühnen zu stürmen.

 

Lampenfieber ist normal

Ich gehöre zu den eher introvertierten Menschen – und habe in den letzten zehn Tagen drei TV-Auftritte absolviert, Radiointerviews gegeben und auch in diesem Jahr wieder auf vielen Konferenzen gesprochen, manchmal vor über 1.000 Leuten. Zu Beginn meines Studiums war das für mich unvorstellbar: Ich hätte am liebsten jedes Referat geschwänzt, überließ bei Gruppenarbeiten anderen den Vortritt bei der Präsentation und habe tausend Tode durchgestanden, wenn ich mit meinen Handzetteln vor dem Seminar stand.

Heute zögere ich keine Sekunde, wenn ich eine Anfrage für einen öffentlichen Auftritt bekomme, selbst wenn die Situation neu oder auch das Thema noch nicht zu meinem Schwerpunktwissen gehört.

Als ich vergangene Woche Gast in der Phoenix-Runde zum Thema Social Freezing war, ergab sich ein interessantes Gespräch mit einem Mitarbeiter des Senders über die Gästeauswahl. Er war froh darüber, für die Gesprächsrunde drei Frauen um die 30 gefunden zu haben, denn die Redaktion fand wichtig, dass Menschen darüber sprachen, die die Möglichkeit Eizellen einzufrieren tatsächlich betreffen könnte. Junge Frauen sind in Fernsehtalkshows eine Seltenheit; als Günther Jauch das Thema am Sonntag diskutierte, verzichtete er auf eine Vertreterin der Millennial-Generation, was sich bei dem Thema absolut angeboten hätte. Die wichtigste Talkshow im Fernsehen zeichnet sich ohnehin meist dadurch aus, dass nur eine Quotenfrau für die Sendung gefunden wurde. Selbst bei den Kolleginnen Anne Will und Maybritt Illner sieht die Geschlechterverteilung und der Altersschnitt nicht besser aus. Liegt es allein daran, dass Redaktionen nicht intensiv genug recherchieren und der Quote zuliebe auf bekannte Gesichter setzen?

Trauen sich Frauen nicht?

Der Phoenix-Redakteur erzählte mir seine Perspektive: Seine Redaktion frage sehr oft jüngere Frauen an. Die Phoenix-Runde verzichtet auf Politiker und Prominente, die Talkshows emotional aufladen sollen und den Zuschauer vor den Fernseher locken, weil er die Namen schon kennt. Die Sendung setzt auf Themen. Daher kann sich die Sendung auch trauen, unbekannte Personen in die Runde zu setzen, deren Sichtweise sie spannend findet. Doch: In der Regel sagen junge Frauen die Teilnahme ab, und sind dabei sehr offen über ihre Gründe. Viele trauen sich einen öffentlichen Auftritt im Fernsehen nicht zu. Sie haben Angst davor, nicht professionell zu wirken, nicht genügend Fachwissen zu haben oder nichts Interessantes zu sagen zu haben.

Dieser Annahme liegt schon ein erster Fehler zugrunde: Wenn du für etwas angefragt wirst, dann gibt es dafür einen guten Grund. Die Redaktion oder der Konferenzveranstalter schätzen deine Meinung, haben deine Expertise recherchiert und dich gezielt angefragt. Daher erübrigt sich auch immer die Frage: „Wie kommen Sie denn auf mich?“

Diese Anfragen sind Chancen, die man nutzen sollte. Mehr noch: Man sollte sie aktiv suchen. Denn es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum sichtbar zu werden, neue Kontakte zu knüpfen, Erfahrung zu sammeln und dazu zu lernen. Wer nichts wagt, der lernt auch nicht.

Perfektionismus ablegen

Ich hatte mir meinen ersten Talkshowauftritt völlig anders vorgestellt. Ich dachte immer, den Zeitpunkt könnte ich kontrollieren, weil ich zum Beispiel ein Buch geschrieben hätte. Ich wollte immer einmal ein Medientraining machen und ich wollte dann ein Herzensthema vertreten – Social Freezing gehörte bislang nicht dazu. Ich wollte ein sicheres Fernseh-Outfit haben, da bekanntlich viele Farben und Muster vor der Kamera nicht funktionieren. Jetzt, im neunten Monat schwanger, wählte ich aus den paar Stücken, die mir noch passen.

Trotz all dieser Dinge, die mir vermeintlich fehlten, sagte ich ohne zu zögern ja. Aus drei Gründen:

1. Ich kann mich nicht über schlechte Frauenquoten auf Konferenzen oder im Fernsehen beklagen, wenn ich selbst Anfragen ausschlage. Als jemand, der für eine bessere Sichtbarkeit von Frauen in der Öffentlichkeit eintritt, bin ich hier in der Pflicht. Das öffnet auch Türen für andere Frauen, denn Veranstalter werden merken, dass sie von Diversität profitieren.

2. Chancen kommen eben nicht immer wieder, man muss sie ergreifen. Wenn mein Ziel ist, Debatten öffentlich zu kommentieren – egal in welchem Medium – verbessere ich mit jedem Auftritt die Wahrscheinlichkeit, in Zukunft wieder gefragt zu werden. Wenn deine Meinung dir wichtig ist, musst du sie vertreten. Vielleicht rückt sonst ein anderer Gast an deine Stelle, der etwas sagt, was deinem Anliegen entgegen läuft.

3. Perfekte Auftritte gibt es nicht und die eigenen Fähigkeiten werden nicht besser, wenn man nur am Küchentisch das Streitgespräch übt. Klar weiß ich nach jedem Vortrag und jeder Podiumsteilnahme, was ich hätte besser machen können – aber das ist der einzige Weg zu lernen. Wer sich nur über die eigenen Fehler ärgert und damit hadert, verpasst die Chance, sich über das Erreichte zu freuen.

Daher mein Wunsch: Wartet nicht, darauf gefragt zu werden, sondern nutzt Kontakte oder auch Call for Papers, um Konferenzen mit eurem Wissen zu bereichern. Nehmt in Kauf, dass ihr das Nesthäkchen in der Diskussionsrunde seid und rhetorisch vielleicht schwächer, dafür aber völlig neue Perspektiven einbringt, die alle klüger machen. Sagt nicht nein, wenn ihr für einen öffentlichen Auftritt angefragt werdet. Und sollte es tatsächlich so sein, dass ihr keine Zeit habt, schlagt eine Person vor, die ihr gern auf der Bühne sehen würdet. Die Bestärkung von einer Freundin kann Wunder bewirken. Wenn man vor dem eigenen Schatten steht, kann man sich gruseln, aber wenig fühlt sich so gut an, wie darüber gesprungen zu sein.

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Teresa Bücker arbeitet, schreibt und spricht zu gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart und Zukunft. Auf Konferenzen, im Fernsehen und in Workshops diskutiert sie über den Wandel der Arbeitswelt (New Work, Leadership, Diversity), digitale Strategien für Journalismus und Politik, über Partizipation und Aktivismus, Gerechtigkeit, Repräsentation, Macht und sexuelle Selbstbestimmung. Immer aus einer feministischen Perspektive. Immer mit Blick auf Gestaltungsmöglichkeiten und Lust auf Veränderung. Für ihre Arbeit als Chefredakteurin für Edition F wurde sie 2017 als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet. Seit Juni 2019 arbeitet sie als freie Journalistin und Beraterin.

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