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Echter Pärchensex für acht Euro

Paulita Pappel zeigt auf ihrer Plattform Amateurpornos, die divers und authentisch sein sollen. So will sie die Gesellschaft verändern.

Die Autorin Laura Ewert trifft die Regisseurin, Pornodarstellerin und Startup-Chefin Paulita Pappel in deren Büro-Räumen ihres feministischen Unternehmens Lustery. Pappel spricht über den Druck, dem Performer*innen im Mainstream-Porno ausgesetzt sind und beantwortet die Frage, warum die Arbeitsbedingungen in der Porno-Branche besser werden, wenn wir anerkennen, dass es ganz normal ist, dort zu arbeiten. Der Artikel wurde zuerst bei unserer Kooperationspartnerin Zeit Online veröffentlicht.

Wer den zeitgenössischen Porno sucht, muss in einem bebacksteinten Gewerbehof in Kreuzberg an Yogamatten und Dom-Pérignon-Jahrgangschampagner vorbei, dahinter liegt die Tür zu einem Büro. Geöffnet wird sie von Paulita Pappel – ein Kunstname. Brauner Pony, breites Lächeln, schwarze Jeans, weißes T-Shirt, Stoffturnschuhe. Sie ist hier der Boss. An ihrem Zeigefinger ein massiver Ring mit Buchstaben, die das Wort „BITCH“ bilden. Wenn Pappel vor der Kamera Sex hat, dann läuft das meist unter der Kategorie „The Girl Next Door“. Das heißt so etwas wie „ganz besonders unbesonders“.

„Wir wollen so verhindern, dass die Paare Sexpraktiken zeigen, von denen sie glauben, dass sie bei dem Publikum gut ankommen. Sie sollen ausprobieren, was sie mögen und nicht das machen, was Klicks generiert.“

So könnte man auch das Geschäftsmodell ihres Startups Lustery erklären. Gegründet im Jahr 2016, bietet es eine Plattform für Videos mit möglichst echtem Pärchensex. Hier können Kund*innen für einen monatlichen Beitrag zwischen acht und 25 Euro Sexvideos von echten Paaren aus der ganzen Welt ansehen. „Real Couples. Real Passion“ ist der Slogan. Analverkehr auf dunkelblauen Wohnzimmer-Sofas, auf deren Armlehnen noch die Playstation-Controller liegen. Klatschende Körper auf Balkon oder Dachterrasse. Entblößung vor dem Schuhregal. Stellungen, die wie Yogaübungen aussehen. Nackte Hintern unter Blumenröcken. Blowjobs hinter der Gartenhecke.

Amateur*innenpornos, die Spaß machen sollen

Das Internet ist voll von Amateur*innenpornos, doch bei Lustery werden sie nicht nur kuratiert, hier geht es vor allem auch darum, dass die Menschen, die sie hergestellt haben, Spaß haben und gleichzeitig daran verdienen. Pärchen, die hier ihre Videos veröffentlichen, erhalten einen festen Betrag, und zwar unabhängig vom Inhalt. „Wir wollen so verhindern, dass die Paare Sexpraktiken zeigen, von denen sie glauben, dass sie bei dem Publikum gut ankommen. Sie sollen ausprobieren, was sie mögen und nicht das machen, was Klicks generiert“, sagt Pappel.

Die Mittdreißigerin kam 2005 aus Spanien nach Berlin, studierte Vergleichende Literatur und kam mit der queerfeministischen Szene in Kontakt, als feministischer Porno ein Begriff wurde: divers, mit ein bisschen Handlung, eher Low Budget, möglichst authentisch. „Ich habe in dem Medium Porno ein Potenzial gesehen, feministische Politik praktisch umzusetzen, denn es liegt eine Progressivität darin. Sichtbarkeit von Diversität, etwa von Transmenschen, begann in der Vergangenheit oft im Porno.“

Die Gesellschaft durch Porno besser machen

Dass man damit auch Geld verdienen kann, merkte Pappel, als sie im Jahr 2010 anfing, als Darstellerin in der Pornoindustrie zu arbeiten. Aus politischen Gründen, wie sie sagt. Um der Stimulation vor dem Bildschirm eine weitere Ebene zuzufügen. „Es geht mir nicht darum, Porno anders zu machen, weil mir das, was es gab, nicht gereicht hat. Ich wollte eher der romantischen Komödie etwas entgegensetzen. Sie ist der Feind. Alle Probleme in Sex und Partnerschaft entstehen aus ihrer Ideologie heraus. Ich will nicht den Porno besser machen, ich will die Gesellschaft durch Porno besser machen.“

„Ich wollte der romantischen Komödie etwas entgegensetzen. Sie ist der Feind. Alle Probleme in Sex und Partnerschaft entstehen aus ihrer Ideologie heraus.“

Unverkrampft vor der Kamera

Daraus entwickelte sich die Idee zu einer Plattform mit dokumentarischen Pornoinhalten. „Die Frage war, wie kann man die Sexualität von Menschen in all ihrer Diversität mit der Kamera einfangen?“, sagt Pappel. Die Antwort war der dokumentarische Ansatz. „Leute denken ja oft, Porno entspreche nicht der Sexualität von Menschen. Ich wollte zeigen, dass Porno auch aus den Menschen kommt.“ Und um das zu gewährleisten, dachte Pappel, müsse man die Darsteller selber filmen lassen und ihnen keine Vorgaben zu den sexuellen Praktiken geben. Und man müsse vor allem Paare zeigen.

„Leute denken ja oft, Porno entspreche nicht der Sexualität von Menschen. Ich wollte zeigen, dass Porno auch aus den Menschen kommt.“

Denn Pappel glaubt: Wer regelmäßig miteinander Sex hat, hat dabei bereits Muster entwickelt, die er unverkrampft vor der Kamera zeigen kann. Es geht ihr auch um ein Hinterfragen von sexueller Performance, im Porno und im Privaten. „Wenn man versucht, Sex zu zeigen wie er ist, darf man nicht vergessen, dass er immer auch einen performativen Charakter gegenüber der*m Partner*in hat, aber über die Zeit ist man eingespielter, versucht weniger zu liefern.“

Im Jahr 2016 wurde die Website gelauncht. Das war eine Zeit, in der sich ein Unternehmen mit dem bezeichnenden Namen Manwin, später MindGeek genannt, in der Branche weltweit online durchgesetzt hatte. Bereits im Jahr 2015 machte das Unternehmen 460 Millionen Euro Umsatz. Zu ihm gehören Plattformen wie MyDirtyHobby, Pornhub oder YouPorn.

Porno außer Kontrolle

Fabian Thylmann, ein Programmierer aus Aachen, hat sie 2004 aufgebaut, indem er ein Verfahren entwickelte, Klicks von Pornowebsites zu monitorisieren und zu analysieren, um so Besucher*innen effektiver anzulocken und Werbung verkaufen zu können. Viele seiner Angebote waren kostenlos und die Filme von technisch billiger Qualität, aber je mehr Umsonst-Material die User*innen anzieht, desto höher die Chance, sie auf andere Seiten zu lenken und dort Abos verkaufen zu können. Er schuf so ein weltweites und noch heute bestehendes Monopol. MindGeek kann die Preise bestimmen.

„In der Pornoindustrie kontrolliert niemand, ob es dort eine Monopolisierung gibt, was woanders verboten ist. Und bei MindGeek wird weder kontrolliert, ob die Kund*innen wirklich alle volljährig sind noch ob die Inhalte das Copyright einhalten. Das ist ein Problem.“

Thylmann verkaufte seine Firmenanteile im Jahr 2013 für geschätzte 100 Millionen Dollar und wurde drei Jahre später wegen Steuerhinterziehung verurteilt.

Der Anspruch, sich wohl zu fühlen

Pappel versteht Lustery als das Gegenteil dieser Industrie. Dabei möchte sie nicht zwischen guten und schlechten Pornos unterscheiden, sagt sie. „Je mehr wir die Pornoindustrie marginalisieren, desto mehr wird dort marginalisiert.“ Denn wenn der Beruf stigmatisiert wird, falle es den Menschen, die ihn ausüben, auch schwerer, auf ihre Rechte zu bestehen. Wenn in der vermeintlichen Schmuddelbranche also keine Kondome benutzt oder Menschen zu etwas gezwungen werden, das sie nicht wollen, wird gerne mit den Schultern gezuckt und auf die Eigenverantwortung verwiesen.

„Wenn der Beruf stigmatisiert wird, fällt es den Menschen, die ihn ausüben, auch schwerer, auf ihre Rechte zu bestehen.“

Auch deswegen versucht Paulita Pappel gerade einen Zusammenschluss für Menschen zu organisieren, die in der Pornoindustrie tätig sind. Ihr Ziel: interne Regulierung und Standards wie Arbeitsverträge und Gesundheitsschutz zu etablieren. Empowerment würde man heute dazu auch sagen. Diesen Anspruch zeigt sie auch in ihrem sonstigen Engagement: Sie organisiert das Berliner Pornfilmfestival mit, schreibt und castet sogenannten Adult Content, spricht auf Panels, berät Filmproduktionen. Denn in der Filmbranche entsteht derzeit eine neue Sensibilität dafür, dass gerade intime Szenen gecoacht werden müssen und dass Schauspieler*innen einen Anspruch darauf haben, sich dabei wohlzufühlen. In Hollywood ist deswegen der Beruf des Intimacy-Coordinator eingeführt worden und mittlerweile Standard. In Deutschland ist Pappel eine der ersten, die das anbietet.

Eine Sextivistin also, die Vorträge hält und von der Frage, wie ihre Eltern die Berufswahl finden, genervt ist, weil die negative Implikation schon Stigmata reproduziert.

Selbstbestimmt und ordentlich bezahlt

Aber auch, wenn sich in den letzten zehn Jahren in der millionenschweren Branche einiges getan hat, weil die Menschen vor und hinter der Kamera diverser geworden sind und einen Zeitgeist abbilden – die Gehälter sind zurückgegangen. Weil die Pornoindustrie eher schlecht zahlt, arbeiten viele Darsteller*innen mittlerweile exklusiv für Plattformen wie MyDirtyHobby von MindGeek, erzählt Pappel. Wo sie selbstproduzierte Inhalte hochladen können. Werbung für ihre Videos machen sie auf Instagram. „Ich wollte also eine Plattform schaffen, bei der alle möglichst selbstbestimmt drehen können und genug Geld verdienen.“

Und sie? Verdient sie auch genug? 620.000 aktive Mitglieder hat Lustery laut Selbstauskunft, ein Großteil davon sind Männer. Was Lustery an Einnahmen umsetzt, möchte Pappel nicht verraten. „Das macht keine der kleineren Pornofirmen. Aber wir nehmen mit den Videos natürlich weniger ein als MindGeek, weil wir lange nicht den gleichen Trafficvolume haben.“

Beweisfotos aus dem gemeinsamen Urlaub erwünscht

Das Team besteht aus ihr und ihrem Geschäftspartner Tim, drei Videoredakteuren, einer Community-Managerin, einem Marketing-Beauftragten, einer Kundenberaterin und einer Autorin, die das Lustery-Blog beispielsweise mit Kennenlern-Geschichten befüllt. Eine weitere Mitarbeiterin beschreibt die Filme und denkt sich Überschriften für sie aus wie „In Their Element“, „Best Laid Plans“ oder „House Of Kink“. Zusammen arbeiten sie in dem zwei Zimmer großen Büro, in dem es fünf Computer an sechs Tischen gibt, abgetrennt durch ein Bücherregal.

Fünf bis zehn Paare bewerben sich nach Firmenangaben etwa in der Woche bei der Plattform. 500 bis 1.500 Euro erhalten sie dafür pro Film. Je nachdem, ob das Material auch zur Werbung für die Plattform genutzt werden darf oder nicht. Doch bevor die Filme online gehen, muss jedes Paar Fotos schicken, die beweisen, dass es wirklich zusammen ist, inklusive Urlaub, Weihnachten, den gemeinsamen Möbelkauf. „Wir wollen wissen, ob sie im Privatleben eine Sexualität miteinander teilen und das nicht nur für die Kamera machen.“

„Vielen kommen so in ein Gespräch über ihr Sexleben, andere wollen gesehen werden. Finden sich schön, oder ihnen gefällt die Vorstellung, beobachtet zu werden.“

Die Intention der Paare ist dabei vielfältig. „Vielen kommen so in ein Gespräch über ihr Sexleben, andere wollen gesehen werden. Finden sich schön, oder ihnen gefällt die Vorstellung, beobachtet zu werden“, sagt Pappel. Bis zu 15 neue Videos laden Pappel und ihre Kolleg*innen derzeit monatlich auf die Seite, unterteilt nach den Genres wie beispielsweise Home Sex, Outdoor oder längere Vlogs, bei denen die Abonnent*innen mehr Einblick in den Alltag der Paare bekommen sollen, bevor es zum Geschlechtsverkehr kommt. Wenn Pappel die Zusendungen sichtet, verteilt sie keine A- Noten für Stellungen. „Ich achte vor allem darauf, ob das Licht stimmt, die Einstellungen.“ Dafür gibt es Tutorials auf der Website, in denen erklärt wird, welche App man am besten benutzt, wie mit Licht umzugehen ist, wie mit Schatten.

Farben, Licht und Charisma

Jedes Video muss eine Checkliste durchlaufen. Pappel erklärt die Punkte: Das Licht muss stimmen und die Auflösung. Aber auch die Energie des Paares sei wichtig. „Man merkt ja, ob die Paare gerade Spaß haben an dem, was sie machen, oder ob sie gelangweilt aus dem Fenster gucken.“ Und wie ausführlich sie sich vorstellen. „Da geht es um eine Zugänglichkeit. Je mehr sie über sich erzählen, desto besser kommen die Paare bei den Zuschauerinnen und Zuschauern an“, sagt Pappel. Am Ende bekommen sie dann ein ausführliches Feedback. „Farben, Licht, Charisma, das macht unsere beliebtesten Paare aus.“

Auf Pappels Computer läuft der Trailer für ihr neuestes Projekt HardWerk, eine Plattform für Gangbang-Pornos, in denen mehr Wert gelegt wird auf Ästhetik, Ausstattung, Kamera, Kostüm und Location. Filmisch soll es aussehen. Auch bisexuelle Gangbangs sollen hier gezeigt werden. Gibt es nicht so oft. „Und es geht nicht darum, dass sich viele Menschen an einer Person bedienen, sondern dass die Person im Mittelpunkt bedient wird“, sagt Pappel in ihrem Büro.

Lustery hat es schwer auf Social Media

Da ist sie gerade alleine, der Rest ihres Teams ist entweder im Urlaub oder im Homeoffice. Nebenan im Eingangszimmer steht ein Couchtisch aus Paletten, ein Fatboy-Sitzsack vor einem Fernseher. Daneben geht es ins Besprechungszimmer mit sehr vielen bunten Post-its an den Wänden. „Fucking Post-its!“, sagt Pappel. „Aber sie helfen“. Unter anderem dabei, das Team zu managen. Man könnte also sagen, Pappel ist ein ganz normaler Startup-CEO, wenn ihre Firma nicht Probleme hätte, die es in anderen Branchen nicht gibt.

Auf Twitter wird Pappel auch schon mal als Menschenhändlerin beschimpft, weil sie Porno-Videos anbietet. Und für ihre Firma muss sie mit Werbeverboten umgehen. Twitter sorgt bei Unternehmen aus der Sexindustrie dafür, dass deren Inhalte eher schlecht zu finden sind, auch die harmlosen.

Bei Facebook braucht es Lustery mit einem Account erst gar nicht zu versuchen. „Der würde sofort gelöscht“, sagt Pappel. Auch verweigern die meisten Banken die Zusammenarbeit mit der Pornobranche. Oder sie lassen sich das Geschäft gut bezahlen: Die Abwicklung der Onlinezahlung kostet Lustery nach Angaben von Pappel 13 anstatt, wie im Online-Geschäft sonst üblich, zwei Prozent des Betrags. Außerdem sei es schwierig gewesen, ein Büro zu finden oder auch eine*n Programmierer*in, sobald man in der Ausschreibung den Geschäftsinhalt „Adult Content“ erwähne, sagt sie. Für Pappel ist das nicht ganz nachvollziehbar. „Ich finde, dass man da mit einem Wertmaßstab misst, der heuchlerisch ist. Es gehe um Jugendschutz, heißt es, aber ich glaube nicht, dass Sexualität generell der Jugend schadet. Es gibt Inhalte, die nicht altersgerecht sind. Aber die Nippel zu zensieren, schützt die Jugend nicht.“ Gleichzeitig findet man in wenigen Klicks gewaltverherrlichende Inhalte.

Verlagsangebot

Sie und ihre Firma haben also noch einen etwas längeren Weg der Aufklärung vor sich. Auf kleinen bunten Zetteln an der Wand steht, wie es weitergeht mit dem Lust-Startup: Merchandise-Artikel produzieren lassen und eine Ausstellung planen mit Inhalten aus den Videos; außerdem arbeiten sie gerade an einer Kampagne über sogenannten Revenge-Porn. Und, typische Startup-Frage: Wo sieht sie die Firma in der Zukunft? „Ich sehe Lustery als eine Medienfirma, die nicht nur Porno macht, sondern auch Sexualaufklärung bietet und eine Konsenskultur predigt.“

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