Foto: Michael Moran | Barbarian Group

125 Mitarbeiter, ein Schreibtisch – wie geht das?

Ein einziger Schreibtisch für bis zu 170 Sitzplätze in einem offenen Raum. Einzig Toiletten, Konferenzraum und Co. befinden sich abseits. Wer sich dieses innovative Arbeitskonzept wohl ausgedacht hat?

 

Ein Büro, ein Tisch, 170 Plätze

Die Einrichtung ist grau, die Arbeitsplätze eng, trist und vor allem: klar voneinander abgegrenzt. Wehe, jemand schiebt sein Papierchaos auf die andere Schreibtischhälfte oder bewegt sich aus seinem Tanzbereich. Wer Stromberg kennt, weiß, wovon die Rede ist.
Bedenkt man, dass man hier mehr als die Hälfte seines Tages verbringen soll, würde man am liebsten wieder kehrtmachen und sich unter der Bettdecke verkrümeln. Daran kann, lieber Bernd Stromberg, auch keine Firmenfeier mit Tröten und bunten Partyhüten etwas ändern.

Ganz anders geht es im neuen New Yorker Headquarter der interaktiven Marketing-Firma „The Barbarian Group“. Denn diese räumt mit ihrem Gegenmodell genau diese Bilder aus dem Weg: Hier arbeiten nämlich alle 125 Mitarbeiter an einem einzigen Tisch, bis zu 170 Sitzplätze sind möglich. Ganz ohne Arbeitskabinen, „Zellen“ oder verschlossene Türen. Das Konzept stammt aus der Feder von Clive Wilkinson Architects (CWA).

Wie eine Schlange läuft der rund 335 Meter lange Tisch durch den Raum, bietet Privatsphäre – vor allem akustisch unter den Durchgangsbögen –, schafft breitere Flächen für gemeinsame Arbeitsphasen und zieht dennoch Grenzen. Das, was in Strombergs Büro nicht denkbar war, wird hier nun möglich: eine offene, transparente und vor allem kommunikative Arbeitsatmosphäre. 

Wie ein Puzzle zusammengesetzt

Die Schreibtisch-Konstruktion befindet sich im Zentrum der insgesamt 1850 Quadratmeter großen Fläche. Rundherum finden sich Toiletten, Küche, IT und Konferenzraum. Das, was sich hier mit den Bögen und Kurven perfekt in den Raum einfügt, musste vorab exakt durchdacht werden: Wie stark sollen sich die Kurven neigen? Wie viele Plätze brauchen die jeweiligen Arbeitszweige wie beispielsweise die Technologie, Produktion oder der kreative Bereich? 

Die einzelnen Teile aus Holzfaserplatten und Sperrholz wurden in einer Manufaktur in Los Angeles, hauptsächlich mithilfe von 3D-Modeling-Softwares und Industrierobotern, zugeschnitten und nach New York transportiert. Nachdem diese im Büro wie ein Puzzle zusammengesetzt wurden, wurde die Oberfläche lackiert. Und das ist bei einer Länge von 335 Metern und einer maximalen Breite von 3,35 Metern kein Kinderspiel. Der Künstler Casper Brindle aus L.A. ließ sich dafür von der Oberfläche eines Surfboards inspirieren und wählte einen wasserbasierten, umweltfreundlichen Lack. Einziges Manko: Alles muss in einem Stück lackiert werden. Stoppe man ein einziges Mal, so der CWA-Architekt Chester Nielsen gegenüber dem architectmagazine, sähe man den Übergang. Daher rotierten verschiedene Teams über 24 Stunden hinweg, um einen – im wahrsten Sinne des Wortes – flüssigen Übergang zu schaffen.

Dass sich das Ergebnis wirklich sehen lassen kann, fand auch das „American Institute of Architects“ und verlieh dem Headquarter der Barbarian Group mit seinem „superdesk“ im Jahr 2015 als eines von sieben Büros den „Institute Honor Awards Interior Architecture“. Wir finden: zu Recht!



Übergangsbögen sorgen Privatsphäre und akustische Ruhe. 
Kurz vom Arbeiten erholen und neue Energie tanken. 

Mattes Holz trifft auf Hochglanz: Kontraste verstehen sich hier gut. Quelle aller Bilder: Michael Moran | Barbarian Group


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