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Eltern haben nach diesem Höllenjahr eine Kanzlerin mit Empathie für ihre Situation verdient

Annalena Baerbock will für die Grünen ins Kanzler*innenamt einziehen – unsere Autorin Jacinta Nandi seziert die tief sitzenden Gründe für die Vorbehalte, die unsere Gesellschaft gegenüber Müttern in politischen Spitzenämtern pflegt.

Wir sind einfach (und wenn ich „wir“ sage, meine ich Menschen wie du und ich, die Social Justice Warriors, die Leute, die Typen wie Sahra Wagenknecht für eine skurrile Minderheit hält) nicht an Frauen an der Macht gewöhnt.

„Ich finde, Frauen haben genug Macht“, sagte ich meiner Mama, als ich sechs Jahre alt war. „Die Queen ist eine Frau, die britische Premierministerin ist eine Frau, und die Schuldirektorin ist eine Frau. Gibt es sonst noch irgendwelche Macht?“

Meine Mama lachte wie eine Hexe. Das kann sie gut.

Wir sind einfach nicht an Frauen an der Macht gewöhnt.

Lieber einen Fastdiktator als eine Frau

Jahre später, als Angela Merkel dabei war, an die Macht zu kommen, wohnte ich in Deutschland. „Ja, ich will eine Frau als Bundeskanzlerin“, sagte eine Nachbarin. „Aber nicht diese Frau.“ Denselben Satz würden Jahre später viele über Hillary Clinton sagen.

Während man Merkels Macht aufs „Muttisein“ zu reduzieren versuchte, wählten die Amis statt der zu ambitionierten, nicht links genug stehenden Clinton einen beinahe faschistischen Fastdiktator – der am Ende nur durch seine Inkompetenz auf seinem Weg in den Faschismus scheiterte.

Wir sind einfach nicht an Frauen an der Macht gewöhnt.

Frauen mit Macht sind nervig

„Ja, aber das Problem bei Clinton war, dass man in ihren Augen sah, wie sehr sie Macht haben wollte“, sagte meine Freundin, ohne dabei daran zu denken, was man in Trumps Augen sehen könnte.

Denn es stimmt: Männer dürfen Macht haben wollen. Bei Frauen, die an die Macht kommen, soll das aus Versehen passieren, nur um uns zu schützen.

Wir sind einfach nicht an Frauen an der Macht gewöhnt.

„Ich weiß nicht, wie du es aushältst“, sagt Columbo in einer Folge zu einem Hauptverdächtigen, „ein Lady-Boss?“

Wir sind einfach nicht an Frauen an der Macht gewöhnt.

Mächtiger Mann, arrogante Frau

Ich freute mich so sehr auf eine Frau als Doctor Who. Dachte, dass alle, die dagegen waren, nur Incels waren. War wütend auf ihren Vorgänger Sylvester McCoy, dass er sie nicht unterstützen wollte.

Aber beim Gucken fand ich Jodie Whitaker, die neue weibliche Hauptdarstellerin, tatsächlich „nervig“. Leute, die nicht versuchen, feministisch zu sein, können das „Nervige“ an Frauen auf ihr Verhalten oder ihre Stimme schieben. Jemand wie ich, die versucht, jeden Tag als Feministin zu agieren, muss einfach anerkennen: Es nervte mich, dass der Doktor jetzt eine Doktorin war. Als männlicher Doktor kam mir Doctor Who nie wirklich wie jemand vor, der Macht hatte. Als weibliche Doktorin kam mir die Figur unglaublich arrogant vor. 

Denn wir sind einfach nicht an Frauen an der Macht gewöhnt.

Die hässliche Realität

Viele Leute erzählen lustige Geschichten, wie ihre Kinder zum Beispiel fragten, wie eine männliche Kanzlerin heißen würde, oder ob ein Mann den Job überhaupt machen dürfte. Die Geschichten sind süß, und sie erfüllen mich mit Freude – aber sie verbergen eine hässliche Realität über Frauen und Macht: Es gibt etwas, das tief in uns sitzt und Frauen an der Macht als „unnatürlich“ ablehnt.

„Eine Mutti hat eine Art Macht über die Familie – aber sie hat auch keine Freiheit und keine individuelle Macht zur Verfügung.“

Jacinta Nandi

Die Witze darüber, dass Merkel unsere Mutter sein soll, erfüllen das tiefe Bedürfnis, ihr Macht abzusprechen. Eine Mutti hat eine Art Macht über die Familie – aber sie hat auch keine Freiheit und keine individuelle Macht zur Verfügung. Sie opfert sich auf für die Familie, körperlich und emotional.

Mutti ist nicht meine Chefin!

Ein Meme, das mich immer auf die Palme bringen kann, ist diese Kackscheiße mit dem Kuchen: Wenn eine Mutter sieht, dass es nur noch sechs Stücke Kuchen gibt und sieben Menschen, hat sie plötzlich keinen Bock mehr auf Kuchen. (GIVE ME THE FUCKING CAKE I AM FUCKING WARNING YOU WE CAN CUT THE SLICES SMALLER YOU FUCKING DICKHEADS THE PRENZLAUER BERG MAMAS AREN’T ALLOWED LATTE MACCHIATO AND I AM NOT ALLOWED A TINY SLIVER OF CAKE SORT YOURSELVES OUT GIVE ME THE CAKE GIVE ME THE CAKE GIVE ME THE FUCKING CAKE).

Und „Mutti“ ist nicht nur eine Mama: Es ist ein Kosename für Mütter, und ein altmodisches Wort für „Mama“. Klingt für mich ein bisschen ostdeutsch, bin aber unsicher, ob das stimmt. Aber abwertend klingt es. Wer Merkel Mutti nennt, will sich einreden, dass eine Frau nicht seine Chefin ist.

Man versteht die Verlockung, gegen diese sexistischen Wortspiele zu kämpfen, in dem man Söder oder Laschet – eher Laschet – „Daddy“ oder „Vati“ nennt. Wegen des Patriarchats macht das keinen Sinn, eigentlich – der Vater verliert seine Individualität nicht so, wie eine Mutter es tut – und wegen der Pornokultur ist es gar nicht mehr möglich, denn ein Daddy fickt uns alle. Wenn wir Männer mit Macht „Daddy“ nennen, mildern wir ihre Macht gar nicht ab – machen ihre Macht über uns nicht erträglich. Das Beste, was passieren kann, ist: Wir sensibilisieren uns für die Konsequenzen dieser Wortspiele. 

Warum wissen wir nicht, ob männliche Politiker Kinder haben?

Meine Generation Brit*innen hat nie Witze über Margaret Thatcher als Mutter gemacht – vielleicht war sie zu dünn, zu kalt, zu hart für diese Witze? Aber wir nennen uns selbst Thatcher‘s Children. Man sagte das besonders zu den Kindern, die nicht mehr die kostenlose Milch in der Grundschule bekamen. Aber Thatchers tatsächliche Kinder waren schon Erwachsene, als sie an die Macht kam. Ihre Tochter Carol ist 1953 geboren, zwei Jahre älter als meine Mama, Thatcher wurde 1979 Premierministerin, ich bin in 1980 geboren. 

„Dass ich nicht weiß, ohne zu googlen, wer von den Männern, außer Horst Seehofer, Kinder hat, ist zweifellos sexistisch.“

Jacinta Nandi

Was bei Annalena Baerbock jetzt tatsächlich anders ist, ist das Alter ihrer Kinder. Sie ist keine besonders junge Mama – aber sie ist die Mutter jüngerer Kinder. Dass ich nicht weiß, ohne zu googeln, wer von den Männern, außer Horst Seehofer (ich lese in der Arztpraxis immer gern die „Bunte“), Kinder hat, ist zweifellos sexistisch. Die Frage „Wie wollen Sie Familie und Karriere/Land unter einen Hut kriegen“ ist eine sexistische, und vielleicht wäre Laschet nicht ganz so ungeeignet, empathielos und inkompetent in seiner Entscheidungsfähigkeit, wenn er mehr beteiligt gewesen wäre am Alltag seiner Kinder.

In meiner Kindheit hat unsere Premierministerin ihren Status als Frau, als Hausfrau, benutzt, um eine Politik der sozialen Kälte und Zerstörung zu implementieren. Scharfe finanzielle Kürzungen rechtfertigte sie mit ihrer Sparsamkeit als Hausfrau.

Die Schäden, die Thatcher in unserem Land angerichtet hat, sind bis heute spürbar. Die Straßenfeste, die 2013 nach ihrem Tod gefeiert wurden, entsprangen dem Gefühl der Menschen, von einer Unterdrückung befreit worden zu sein. Diese Erleichterung, die ich damals auch hier in Deutschland gespürt hatte, war echt, davon bin ich überzeugt – genau wie die Unterdrückung und die Zerstörungen Thatchers echt gewesen waren. Aber ich glaube auch, dass man gefeiert hat, weil ein „Lady Boss“ unnatürlich ist, und nun war sie tot.

Annalena Baerbock kann Eltern zeigen, dass sie gehört werden

Was wird uns in Deutschland jetzt Annalena Baerbock bringen? Mich erinnert sie sehr an Jacinda Ardern, meine Fast-Namensvetterin. Super jung für eine Politikerin, die Kinder nicht versteckt, sondern mitten in ihrem Leben integriert. Alten weißen Männern kommen diese Frauen vielleicht zu jung vor. Für mich aber wäre es interessant, eine Person an der Macht zu haben, bei der man darauf vertrauen könnte, dass sie versteht, warum zwei Stunden Unterricht am Tag weniger Erleichterung bringen als gut organisiertes Homeschooling.

Die Fragen zu Baerbocks Kindern sind bestimmt sexistisch gemeint, das Schweigen über die Kinder von Armin Laschet oder Markus Söder muss nicht sexistisch gemeint sein, es ist einfach ein Baustein des Patriarchats – was interessieren uns die Kinder von Männern, die haben sowieso alle Frauen, die sich darum kümmern.

Eine Person mit Empathie an der Spitze

Aber vielleicht kann Baerbock den Sexismus dieser so fragenden Journalist*innen und Kommentator*innen nutzen, um an die Macht zu kommen. Wir sind gerade in der Mitte einer tödlichen Pandemie, in der viel gesprochen wird über Familien und Kinder, und wirklich nichts, nichts, NICHTS getan wird, um unsere Kinder zu schützen.

Mag sein, dass die Fragen und Kommentare zu ihrem Familienstatus Baerbock aufs Muttersein reduzieren sollen, aber: Vielleicht ist es jetzt, 16 Jahre nach der Wahl von Angela Merkel, 42 Jahre, nachdem Großbritannien eine Mutter als Premierministerin wählte, Zeit. Zeit dafür, dass junge Mütter, Alleinerziehende, auch Mütter in Paarbeziehungen, und auch die jungen, engagierten Väter, von denen es auch welche gibt in Deutschland, eine Person an der Spitze der Macht sehen, die ihre Alltagsproblematik verstehen kann.

Vielleicht wird „Mutti“ im Jahr 2021 in Deutschland nicht mehr als Beleidigung genutzt werden. Vielleicht haben wir Eltern nach diesem Jahr aus der Hölle eine Mutter mit Empathie für unsere Situation verdient. Vielleicht gewöhnen wir uns gerade an Frauen – und vor allem an Mütter – an der Macht. Ich würde mir das so sehr wünschen!

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Jacinta Nandi, Jahrgang 1980, geboren in Ost-London, lebt seit 2000 in Berlin, schreibt auf Deutsch und auf Englisch – auf Deutsch hat sie unter anderem für die „taz“ von 2013 bis 2014 als „Die gute Ausländerin“ geschrieben, 2013 das Buch „Fish & Chips und Spreewaldgurken“ mit Jakob Hein veröffentlicht, und 2015 ihren autobiografischen Roman „Nichts gegen blasen“ veröffentlicht. Im Herbst 2020 erschien ihr Buch „Die schlechteste Hausfrau der Welt“. Auf Englisch schreibt sie den WTFBerlin-Blog für Exberliner*innen. Sie hat zwei Kinder und ihr Lieblingsessen ist immer noch pie and chips.

  1. Eine Kanzlerin mit Empathie und Verständnis haben Eltern ganz sicher verdient, weil sie eben Eltern sind und damit die Träger der Zukunft unserer Gesellschaft. Aber ein ‚Höllenjahr‘ war es nun wirklich nicht. Hölle ist dann, wenn einem die Kinder davonsterben, wenn einem die Kinder verhungern, wenn die Überlebenschance eines Neugeborenen bis zum 5.Lebensjahr nur 50% ist. Das Wort Hölle muss diese Art von Situationen reserviert bleiben, um die Verhältnismässigkeit zu erhalten. Aufgrund des Klimawandels sollten wir alle begriffen haben, dass wir uns diesen Planeten gemeinsam teilen. Wenn wir diese Gemeinsamkeit ernstnehmen, dann können wir das letzte Jahr NICHT als ‚Höllenjahr‘ bezeichnen.

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