Foto: Sasquatch I/flickr/CC BY 2.0

Schnell entschieden, dumm gelaufen

Wer sich zum letztmöglichen Zeitpunkt entscheidet, trifft deutlich weniger Fehlentscheidungen.

 

Schnell zu entscheiden ist hip geworden

Lars Vollmer plädiert dafür, Unternehmen völlig neu zu denken. Er ist Redner und Autor – unter anderem hat er das Buch „Wrong Turn – Warum Führungskräfte in komplexen Situationen versagen“ veröffentlicht. Für unseren Partner Capital schreibt er darüber, warum schnelle Entscheidungen nicht unbedingt die richtigen sind:

„Gute Führungskräfte zeichnen sich durch schnelle Entscheidungen aus. Lieber schlecht entscheiden als gar nicht!“ Ach, diese Leier, ich kann sie nicht mehr hören. Es ist ja so hip geworden, schnell zu entscheiden. Als wäre das der heilige Gral, als wäre das die Lösung aller Zeit- und Überarbeitungsprobleme: Entscheidungen nicht ewig abwägen und diskutieren, sondern sie einfach mal treffen. Korrigieren kann man dann immer noch. Das klingt erst mal ganz wunderbar gegen die Endlos-Besprechungskultur, dass ich irgendwie verstehen kann, warum die Sofort-Entscheiden-Parolen so zum Hype geworden sind.

Und es stimmt: Es gibt Situationen, in denen Entscheidungen sofort getroffen werden MÜSSEN. Im Straßenverkehr, wenn ein Reh auf die Straße springt. Bei Geburtskomplikationen, wenn es um einen Kaiserschnitt – ja oder nein – geht. Im Unternehmen, wenn Reklamationen ins Haus flattern oder die Zahlen drohen, tiefrot zu werden. In solch brenzligen Situationen kann langes Abwägen und das Aufschieben von Entscheidungen schwerwiegende Folgen haben: Ein Unfall, Tod, Scheitern, Insolvenz. Klar, sollte man sich da nicht lange zieren.

Sofort getroffene Entscheidungen sind aber nicht unbedingt und schon gar nicht immer ein Zeichen für ein gutes Führungsverhalten. Denn es gibt auch Situationen, in denen es keine negativen Konsequenzen hat, nicht zu entscheiden. In denen es sogar viel besser wäre, die Entscheidung noch aufzuschieben. Und ich gehe sogar soweit zu sagen: In denen es hochgradig fahrlässig ist, sofort zu entscheiden.

Das sind Situationen, in denen eine Entscheidung schlichtweg noch gar nicht getroffen werden muss. Aber es wird trotzdem entschieden. Schließlich will ja jeder als entschlussfreudig und handlungsorientiert gelten.

Prognosen sind immer unsicher

Unternehmen haben eine Angewohnheit: Einmal im Jahr planen sie ihr Budget und legen sich auf die Ausgaben fest – egal ob sie überhaupt schon anstehen oder nicht. Blödsinn, wenn Sie mich fragen! Über die Anschaffung einer Maschine, die die Fabrik in zehn Monaten braucht und die fünf Monate Lieferzeit hat, muss doch nicht sofort entschieden werden. In die Schublade damit und in fünf Monaten wieder rausholen! Da reicht es auch noch.

Und warum die Aufschieberei? Ganz einfach. Weil weder Wirtschaftsweisen, noch Manager, noch Wahrsager eine Kristallkugel haben, die vorhersagen kann, was in der Zukunft passieren wird. Je weiter entfernt die Zukunft liegt, desto unsicherer fällt der Ausblick aus. Es könnte sein, dass Sie innerhalb der nächsten fünf Monate Ihre komplette Produktion umstellen müssen – dann brauchen Sie vielleicht gar keine Maschine mehr, oder sie benötigen eine ganz andere. Oder ein anderer Anbieter bringt in der Zeit eine noch bessere Maschine auf den Markt. „Ach komm, lass uns den geplanten Maschinentyp nehmen. Sie stand ja schließlich im Budget…“

Je länger Sie warten, desto weniger falsch werden Ihre Prognosen. Wenn Sie also später entscheiden, können Sie das Beste aus allen Möglichkeiten zusammenfügen und treffen später auf weniger Probleme. Weil Sie nämlich Faktoren in Ihre Entscheidung miteinbeziehen können, die zu einem früheren Zeitpunkt noch unklar gewesen wären.

Oder Sie brauchen sogar überhaupt nicht mehr zu entscheiden. Wie das? Weil schon alle Faktoren klar geworden sind und es eindeutige Gründe für eine der Optionen gibt. Da bedarf es keiner Entscheidung mehr zwischen gleichwertigen Alternativen, sondern nur noch bloßer Exekution der passenden Option. Und dafür braucht es keinen Top-Manager, sondern es reicht letztlich ein Bürokrat.

Entscheidungen lieber ruhen lassen

Darum arbeite ich nach der Faustformel: Wenn sich wenig ändert, entscheide ich sofort. Wenn sich noch vieles ändern kann, warte ich ab.

So, und jetzt kann ich schon die Stimmen hören, die sich beklagen: Wie können Sie das sagen? Nicht getroffene Entscheidungen führen doch zu Stress bei allen Beteiligten! Lieber schnell runter damit vom Tisch!

Ja, da gebe ich Ihnen doch recht. Runter damit vom Tisch! Raus damit aus dem Kopf! Nicht die ganze Zeit drüber nachdenken, sondern die Entscheidung ruhen lassen, bis sie wirklich getroffen werden muss. Und erst dann alle Faktoren mit einbeziehen und entscheiden – oder eben ausführen. Nicht zum erstmöglichen, sondern zum letztmöglichen Zeitpunkt. So treffen Sie deutlich weniger Fehlentscheidungen. Und das nicht, weil Sie länger Zeit hatten, darüber nachzudenken, sondern weil manche der Annahmen über die Zukunft gar keine Annahmen mehr sind, sondern eben Klarheiten.

HINWEIS: Die Veröffentlichung des Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Capital – Das Online-Portal des Wirtschaftsmagazins Capital mit Reportagen, Analysen, Kommentaren aus der Welt der Wirtschaft und der persönlichen Finanzen.

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