Foto: Claudia Weingart

Esther Perbandt: „Ich gehe gern an meine Grenzen“

Esther Perbandt steht für Avantgarde-Design made in Berlin. Das wird sie heute Abend auf der Michalsky StyleNite mit einer ungewöhnlichen Idee zeigen.

 

Vielleicht ist Esther Perbandt die eigensinnigste aller Designerinnen der Stadt. Die gebürtige Berlinerin geht seit über zehn Jahren ihren Weg in der hiesigen Modewelt und lässt sich davon weder durch vermeintliche Trends und Moderegeln, noch durch wirschaftliche Widrigkeiten abbringen. Ihre Mode? Perbandt experimentiert in ihren vorwiegend schwarzen, avantgardistischen aber dennoch tragbaren Kollektionen mit ungewöhnlichen Materialien und kombiniert Maskulines und Feminines wild durcheinander. Wie gut das aussehen kann, beweist sie Tag für Tag selbst. Esther Perbandt ist das Aushängeschild ihrer Marke und trägt fast ausschließlich eigene Designs. Für eine Überraschung ist sie indes immer gut: Nach ihrer fulminanten Jubiläumsshow im Januar in der Volksbühne präsentiert sie ihre Frühjahr-/Sommerkollektion 2015 nun auf der Michalsky StyleNite, der glamourösen Stars- und Sternchen-Party, die traditionell den Abschluss der Fashion Week bildet.

Du zeigst deine neue Kollektion in diesem Sommer auf der Michalsky StyleNite. Wie kam es dazu?

„Das kam auch für mich total überraschend. Eigentlich wollte ich eine eigene Veranstaltung machen, mit der Idee, die mir zwei Wochen nach der Show im Januar gekommen ist. Dann habe ich mich mit Volker Tietgens, dem Geschäftspartner von Michalsky, getroffen, aber aus anderen Gründen. Er war auf meiner Show im Januar gewesen und ich bei der Michalsky Show. Ich hatte einfach ein paar Fragen und dachte, ich frage den alten Geschäftshasen einfach einmal, ob er vielleicht 30 Minuten Zeit für mich hat. Hatte er. Aus 30 Minuten wurden vier Stunden, er hat mir sehr gute Ratschläge gegeben und ich erzählte ihm auch von meiner Idee. Es war wirklich spannend. Irgendwann, nach drei Stunden sagte er, ohne dass es vorher geplant war: ‚Weißt du was, vielleicht sollten wir sagen: Esther Perbandt zeigt ihre Kollektion in einer Art Performance im Rahmen der Michalsky StyleNite.’“

Wie hast du da reagiert?

„Ich habe erst laut losgelacht, dann haben wir zusammen ein bisschen gelacht und gemerkt, dass das so polarisierend ist, dass es schon wieder toll ist. Alles, was Reibung erzeugt, finde ich super. Ich habe dann ja gesagt und Michael auch. Diese Entscheidung beruht auf gegenseitigem Respekt. Es ist total anders, was wir machen, aber jeder hat Respekt für die Arbeit des anderen. Was wir machen, machen wir beide mit Leidenschaft. Das verbindet uns. Ich gehe selber gerne an meine Grenzen und will neue Horizonte für mich ausloten, sehe mich gerne an Orten, wo ich zwei Tage zuvor nie gedacht hätte, dass ich da jemals sein würde. Das ist natürlich genau so eine Situation. Wenn man mich zwei Tagen vorher gefragt hätte, ob ich mir vorstellen könnte, bei der Michalsky StyleNite mitzumachen, hätte ich gesagt: ‚What?‘ Ich glaube, genau deswegen kommen auch viele Leute zur StyleNite, weil sie ein Riesenfragezeichen im Kopf haben. Wir werden das Fragezeichen in ein Ausrufezeichen verwandeln.“

Und was war das nun für eine Idee, die du nach der Show im Winter hattest?

„Im Januar dachte ich: ‚Was soll ich denn jetzt machen? Eigentlich kann ich jetzt aufhören.‘ Dann – wie gesagt – zwei Wochen später, war die neue Idee da. Im Januar, ein paar Tage vor der Show, habe ich ein Interview gegeben auf FluxFM. Da wurde jeden Tag eine Frage gesendet. Eine davon war: ‚Mit welcher Band würdest du gerne auf Tour gehen?‘ Da war meine Antwort: ‚Mit meiner eigenen.‘ Aber da wusste ich noch gar nichts davon. Es gibt viele Musiker, die Teilzeit-Designer werden. Ich mache das einfach andersherum. Ich werde jetzt Rockstar. Wenn ich das so sage, meine ich das mit einer ordentlichen Portion Selbsthumor. Designer bin ich aber natürlich weiterhin. Es gibt eine Sommerkollektion, die ist genauso groß wie sonst auch. Zwischendurch hatte ich gedacht, ich mache sie dann etwas kleiner, aber jetzt ist die Kollektion doch wieder groß geworden. Das funktioniert aber nur, weil ich ein tolles Team habe, eine tolle Assistentin, Mitarbeiterin, Chef’Atelier, Mitdesignerin, Melanie Faulhaber,  ohne die ich solche Luftschlösser gar nicht bauen könnte.“

Das heißt, du hast im Januar eine Band gegründet?

„Nein. Vor sechs Wochen.“

Aber du hast vorher schon Musik gemacht?

„Ich habe als 16-Jährige vier Jahre lang in einer Band Schlagzeug gespielt und im Background gesungen. Damals hatte ich auch Gesangsunterricht. Das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, Singen macht mich einfach glücklich. 15 Jahre lang hatte ich auch meine kleine Jodelkombo mit zwei Frauen. Das fing an, weil meine Gesangslehrerin Österreicherin war und mir österreichische Stanzerl beigebracht, wo der Refrain zweistimmig gejodelt ist. Wir haben das etwa zweimal im Jahr bei Hochzeiten oder auch mal im Voo-Store gemacht.“

Und die Kollektion ist wieder typisch Esther Perbandt, monochrom, dekonstruiert, androgyn?

„Typisch Esther Perbandt, aber natürlich inspiriert durch die Musik. Wenn man ein Teil rausnimmt, kann man es aber in einen ganz anderen Zusammenhang stecken. Es ist mir wichtig, dass die Teile für sich eigenständig sind. Ich überrasche auch nicht mit Pink, Apricot oder Sommertürkis, sondern bleibe beim Monochromen. Man muss ja ein bisschen haushalten mit Überraschungen.“

Du hattest gerade zehnjähriges Jubiläum. Wie war das bei dir damals bei der Gründung?

„Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hatte nie geplant, ein eigenes Label zu gründen. Damals war das noch anders. Die Idee eines eigenen Labels war nicht so präsent. Ich habe nach meinem Master in Paris zunächst in Südfrankreich gearbeitet. Dann bin ich nach Berlin, wollte mich nur mal eben drei Monate vom ersten Job erholen und dann zurück nach Paris und mir einen Job suchen. Das war 2003 und es fing gerade mit den ersten Messen an: Bread & Butter, Premium. Ich habe mich einfach bei der Premium beworben, ohne eine neue Kollektion zu haben. Ich habe mir gesagt, wenn die mich nehmen, mit dem was ich schon in der Vergangenheit gemacht habe, dann fang ich an, wenn nicht, dann nicht. Das war Ende September, Anfang Oktober. Dann hat Anita Tillmanns von der Premium geschrieben, dass ich dabei sei und ich hatte noch zwei Monate. Noch am ersten Messetag saß ich morgens beim Tee und habe mir die Preise überlegt. Ich habe gar nicht kalkuliert, sondern bei anderen herumgefragt, was die für einen Einkaufspreis haben.“

Einen Businessplan hattest du nicht?

„Überhaupt nicht. Ich war davon ausgegangen, dass ich Überbrückungsgeld bekomme. Das hätte mir den Start ein bisschen erleichtert. Eine Woche nach der Messe hatte ich einen Termin beim Arbeitsamt, wo sie mir gesagt haben, sie hätten einen Fehler gemacht, ich hätte keinen Anspruch auf Überbrückungsgeld, weil ich nie in Deutschland gearbeitet habe, sondern nur in Frankreich. Dann stand ich da, hatte ein Label gegründet, aber kein Geld. Ich musste schnell einen Job in Berlin finden und habe dann drei Jahre lang halbtags für die Designchefin bei Mustang als Assistentin gearbeitet.“

Du hast dein Label also über Nebenjobs finanziert? Wie war das mit Investoren?

„Dazu hatte ich gar keinen Bezug. Dieser Begriff schwirrte noch gar nicht in der Luft. Nach drei Jahren wurde das Label – nicht dass es sich getragen hätte – immer mehr, Mustang aber auch. Beide Jobs gleichzeitig ging nicht mehr gut. Mein Dickkopf hat gesiegt, ich habe mich für mein Label entschieden und alle haben die Hände über denm Kopf zusammengeschlagen.“

Hast du damals schon ganz gut verkauft?

„Ein bisschen, aber das reichte nicht für die Miete und so weiter. Ende 2007 war dann so ein Moment, an dem ich dann dachte: ‚Entweder es geht jetzt einen Schritt weiter oder es macht keinen Sinn. Damals fing es an mit diesen Coaching-Programmen. Ich habe eines bei der GSUB gemacht und dort ist man alles noch einmal durchgegangen, hat noch mal genauer geschaut, hat kalkuliert und überlegt, worauf man sich fokussieren sollte. Dann bin ich auf den Laden aufmerksam geworden, ich habe einen Businessplan für den Kredit geschrieben. Die Vermieter fanden toll, was ich mache und ich konnte den Mietvertrag unterschreiben, bevor klar war, ob ich den Kredit kriege oder nicht. Das war eine sehr aufregende Zeit mit schlaflosen Nächten. Den Kredit habe ich gekriegt, aber das war drei Wochen vor der ersten Finanzkrise. Danach hätte ich ihn auch nicht mehr bekommen. Einerseits war das Glück im Unglück, andererseits aber auch Pech.“

Das ganze Einkaufsverhalten hat sich durch die Krise ja sehr verändert …

„Total. Wenn ich mir heute diesen Businessplan anschaue, was wir uns überlegt haben, was hier monatlich so reinkommt … Nach einem Jahr musste ich wieder zur Sparkasse wackeln und sagen: Fehlkalkuliert. Die Nachfinanzierung habe ich bekommen, das läuft jetzt. Immer wenn die Raten kommen, mehrmals im Jahr, zieht es einem den Boden unter den Füßen weg.“

Wie läuft es sonst mit dem Laden und dem Label?

„Ich kann mich überhaupt nicht beschweren, ich habe das erreicht, was ich erreichen wollte. Ich habe mir einen Namen gemacht und habe wirklich tolle Kunden, die hinter der Marke stehen.“

Man sagt, es dauert so drei bis fünf Jahre, bis es läuft…

„Pfff. Das kannst du vergessen. Es gibt auch kein Geheimrezept. Das ist bei jedem unterschiedlich und mit Talent hat das wenig zu tun. Man muss ein Netzwerk haben und ein guter Verkäufer sein. Ich kann mein Produkt leider auch nicht gut verkaufen. Es kommt auch auf den finanziellen Background an, wie man startet. Die Label, die sich heute gründen, denken besser über das Finanzierungskonzept nach. Es gibt kein Geheimrezept. Ich bin jetzt zehn Jahre dabei, aber was heißt geschafft? Ich brauche immer noch Fremdaufträge und Nebenjobs.“

Was für Nebenjobs machst du?

„Ich bin Hausmeisterin. Es gibt hier im Haus möblierte Luxusappartments, die auf Zeit vermietet werden. Dafür mache ich immer die Wohnungsbesichtigungen, -übergaben, -abnahmen. Ich habe Ersatzschlüssel und werde gerne mal sonntags oder mitten in der Nacht angerufen, wenn die sich ausgeschlossen haben. Es gibt noch einen richtigen Hausmeister, der die Reparaturen macht. Was ich mache ist eher Betreuung, aber ich nenne es gern Hausmeister.“

Wie findest du Berlin für dich und dein Label als Standort?

„Ich bin sehr verbunden mit der Stadt, ich bin einfach eine Berliner Rotzgöre. Hier sind meine Wurzeln. Ich mag dieses Rotzige hier, den Berliner Umgangston. Ich schließe nicht aus, dass ich in 15 Jahren weggehe, aber dann eher, weil ich immer hungrig nach neuen Herausforderungen bin. Businessmäßig würde ich nicht weggehen, dafür habe ich ein zu geniales Netzwerk. Für das, was ich mache, für diese Träume, die ich verwirkliche, braucht man wirklich ein Netzwerk. Für mich ist das wie eine Familie. Das ist für mich Berlin, diese Leute um mich herum, die mich unterstützen, wenn ich wieder einmal eine Schnapsidee habe.“

Esther Perbandt in ihrem Laden in Berlin Mitte

Bild: Claudia Weingart

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