Foto: Nora-Vanessa Wohlert

Das Geheimnis der Samwer-Brüder

Die Paten des Internets sollen sie sein, so betitelt Gründerszene-Herausgeber Joel Kaczmarek die Samwers. Ein Gespräch über die Faszination der Brüder.

 

Die Samwers: skrupellos und genial?

Kein Internetgründer kommt an ihnen vorbei, den Samwer-Brüdern Marc, Alexander und Oliver. Und doch sind sie irgendwie ein Rätsel. Viele Mythen und Gerüchte ranken sich um sie. Der Anfang ihrer Karriere: denkbar simpel. Ende der 90er Jahre kopierten sie Ebay für den deutschen Markt um ihr Unternehmen Alando nach wenigen Monaten für 43 Millionen Dollar an das US-Vorbild zu verkaufen.

Ihre Taktik der Unternehmenskopien, der sogenannten Copycats, war geboren. Es folgte der Klingeltonanbieter Jamba, der für 273 Millionen US-Dollar den Besitzer wechselte. Die Basis für Gründungen in Serie und Investments war gelegt.

Zalando, der Groupon-Klon CityDeal, der AirBnb-Klon Wimdu. Mittlerweile verfügen die Samwers über ein internationales Imperium. Seit einigen Jahren schon ist der deutsche Markt nur noch ein Bereich. Die Visionen sind größer. Der Plan: die Herrschaft über Riesen-Märkte. Ein Amazon für Asien zum Beispiel. Das Portfolio umfasst mittlerweile einige der größten Shopping-Websites in Afrika, Lateinamerika, Indien, Russland und Südostasien mit rund 27.000 Mitarbeitern in knapp 50 Ländern. Das Risiko tragen andere, wie in diesem Artikel bei uns zu lesen ist.

Und die Samwers haben Börsen-Pläne. Doch nicht alles an den Brüdern glänzt. Immer wieder gibt es harsche Kritik an ihren Methoden der Mitarbeiterführung oder an dem Vorgehen bei der Kundenakquise. Gründerszene-Herausgeber und langjähriger Chefredakteur Joel Kaczmarek (Mein ehemaliger Kollege bei Gründerszene, mittlerweile hat Joel selbst gegründet, seine Firma heißt Sessionbird.) nennt die Samwers nun die Paten des Internets. Ein Gespräch über das Geheimnis der Brüder, ihre Methoden und die Samwers in zehn Jahren.

Joel, „Sie sind smart. Sie sind intelligent. Sie sind Multimillionäre und absolut skrupellos. Oliver, Marc und Alexander Samwer.“ So ist es in dem Teaser zu deinem neuen Buch über die Samwer-Brüder zu lesen. Was ist an den Büdern smart, was an ihnen skrupellos?

„Smart ist einerseits ihre Herangehensweise an das Firmengründen. Sie besteht aus einer Mischung aus Trial-and-Error auf kleiner Flamme sowie hohem Tempo und Mut, und andererseits die Art, mit der sie Geschäftsmodelle sehr schnell und sehr effizient in die richtige Richtung drehen. Als skrupellos kann man wohl die Härte ihrer Verhandlungen bezeichnen, je nach Lage auch ihren Umgang mit Mitarbeitern. Anschreien, umfangreiche Druckkulissen und auch schon mal Kündigungswellen in Rocket-Portfoliounternehmen sind da laut Betroffenen keine Seltenheit. Auch wenn manchmal sicher fraglich ist, was davon den Samwers noch direkt zugeordnet werden kann.“

Viele dieser Beobachtungen sind nicht wirklich neu. Du beobachtest die Samwers seit Jahren. Was hat dich bei deiner Arbeit an dem Buch am meisten überrascht?

„Dass eigentlich alle, die mit ihnen zusammengearbeitet haben, mehr positive als negative Worte für sie fanden. Ich bin sehr offen auf die Leute zugegangen und habe sie nach ihren Erfahrungen und Beobachtungen gefragt. Und während in der Szene immer der Eindruck vorherrscht, die Samwers seien unbeliebt, Sklaventreiber und kämpften mit harten Bandagen, bewundern sie viele direkte Wegbegleiter eher. Ihre Performance, ihr Mut und ihre Konsequenz haben anscheinend viele Menschen beeindruckt. Ihre negativen Seiten wurden dann gern mal mit „der ist eben so“, „das gehört dazu“ oder „das ist die anderer Seite“ ausgeführt. Etwas brisantes Material hat es dann aber dennoch für das Buch gegeben.“

Was genau das ist, erfährt man dann wohl erst im Buch. Du hast die Samwers auch persönlich getroffen. Wie unterscheiden sich die drei voneinander? Gibt es eine Rollenverteilung?

„Marc ist der Außenminister, Alexander der intellektuelle Feingeist und Oliver der Antreiber und Leitwolf. Das lässt sich auch gut anhand der Geburtenfolge darstellen: Marc Samwer als Ältester ist ein wortgewandter, jovialer Mann, der Leute auch mal mit seinem Charme umgarnt. Oliver Samwer ist das Sandwichkind, welches gewohnt ist, die Ellenbogen einzusetzen und sich sein Recht zu erkämpfen. Als Nesthäkchen konnte sich Alexander derweil seine eigene Nische suchen und ist deutlich ruhiger und intellektueller. Würde man die drei auf einem Kontinuum anordnen, ist Alexander der Intellektuelle, Marc der Umsetzer und Oliver eine Mischung aus beidem.“

Rund 27.000 Mitarbeitern in knapp 50 Ländern. Die Samwers haben sich von einer deutschen Klon-Schmiede zu einer internationalen Unternehmung gewandelt. Die Aktivitäten im Ausland sind jedoch noch recht neu. Wie erfolgreich sind die Samwers wirklich?

„Wie überall gibt es Licht und Schatten. Ihr Erfolg in Disziplinen wie Wachstum, Geschwindigkeit, Investorenakquise, Umsetzung usw. ist sichtbar. Ob die Endrechnung aufgeht, wird am Ende aber die Zeit zeigen müssen. Fest steht, dass sie sehr potent finanziert sind, dass aber auch viele ihrer Unternehmen noch rote Zahlen schreiben. Letztlich wird es für jedes ihrer Geschäftsmodelle die individuelle Frage nach Erfolg geben, wo dann die Region, das individuelle Geschäftsmodell oder auch das Gründerteam eine Rolle spielen. Dennoch haben sie eine breite Wertebasis geschaffen mit Marketing-Tools, Data Warehouses, IT-Systemen und mehr, um Unternehmen so schnell und effizient wie kein Zweiter ausrollen zu können. Und sie vertrauen darauf, etablierte Geschäftsmodelle in wenig etablierte Internetregionen zu tragen, was ihr Risiko senken soll. Aber dennoch muss jedem klar sein, dass auch ein Samwer nicht vor Fehlschlägen gefeit bleibt, wie etwa die Schließung des kompletten Türkei-Standorts vor einiger Zeit gezeigt hat. Aber sie gehen damit richtig um: Mit rationaler Konsequenz. Ich glaube, dass die Gesamtrechnung aufgehen wird, sich aber stark an der Person Oliver Samwer aufhängt.“

Immer wieder gab es Schlagzeilen um schlechte Mitarbeiterbedingungen, Sklaventreiberei, Hire&Fire-Methoden. Lässt sich so überhaupt ein nachhaltiges Geschäftsmodell aufbauen?

„Die Frage ist, was die Ursache dessen ist. Viele dieser Probleme entstehen laut meinen Informationen auch durch die zweite und dritte Reihe der Samwers in den individuellen Unternehmen. Nichtsdestotrotz gibt es ja aber eine Verbindung zum System Samwer als Ganzes. Am Ende des Tages ziehen die Samwers mit ihren Unternehmen bestimmte Typen an – im Rocket-Umfeld gerne als „insecure Overachiever“ bezeichnet – und für diese Menschen funktioniert die Arbeit dort wunderbar. Sie lernen viel, machen Unmengen Kontakte und gehen in ihrer Arbeit auf. So etwas spiegelt sich dann auch im Produkt wider. Andere, womöglich speziell eher kreative, feingeistige oder sensible Menschen, passen dort eher nicht rein. An und für sich ist  gerade ein Oliver Samwer aber sehr straight und berechenbar, weshalb es für jeden selbst abzuwägen gilt, ob das Samwer-Umfeld für ihn passt. Und viele Samwer-Unternehmen zeigen ja, dass ihr Weg funktioniert. Ob dauerhaft oder eher temporär bleibt dann noch die Frage, was auch vom Geschäftsmodell, dem Markt und anderen individuellen Faktoren abhängt.“

Können die Samwers tatsächlich internationalen Internetfirmen Konkurrenz machen?

„Definitiv. In Sachen Tempo, Effizienz und Organisiertheit macht ihnen keiner etwas vor. Vor allem heben sie sich aber auch durch ein einzigartiges Maß an Konsequenz und Mut hervor.“

In Europa lehrt der Online-Versandhändler Zalando dem stationären Handel das Fürchten und schmiedet Börsenpläne. Der Company-Builder der Samwer-Brüder, Rocket Internet, will auch selbst an die Börse. Sollte man die Aktien kaufen?

„Ich tue mich schwer, dort einen Tipp abzugeben und jeder sollte selbst seine Entscheidung treffen. Aber ich glaube man kann sagen, dass sich jenen Investoren, die ein Interesse daran haben, in Internet-Entwicklungsmärkte zu investieren und ihr Risiko breit über mehrere Geschäftsmodelle zu streuen, nicht viele Alternativen zu Rocket Internet bieten. Auf der anderen Seite gibt es sicher auch Experten, die Rocket Internet attestieren, bei tendenziell vielen roten Zahlen mit einer stolzen Bewertung zu firmieren.“

Du nennst die Samwers, die Paten des Internets, doch sollten die Brüder wirklich auch Vorbilder für junge Gründer sein?

„In vielerlei Hinsicht ja, in anderer Hinsicht nein. Ja, wenn es um Tempo, kalkulierte Risikobereitschaft und Konsequenz geht. Auch beim feinen, datengetriebene Aussteuern, den Feldversuchen und der Etablierung eines Geschäftsmodells. Nein bei unterschiedlichen Aspekten des Umgangs mit Menschen. Aber Menschen sind am Ende ja auch nicht schwarz oder weiß, nicht nur gut oder nur schlecht. Ihr Erfolg gibt den Samwers an vielen Fronten recht und im Gegensatz zu manchem Blender sind sie sehr offen und klar in ihrer Selbstdarstellung. Dann muss jeder selbst entscheiden, was er sich von ihnen abschaut. Die so genannten „Samwer-Schergen“, die sich von ihnen eine vermeintliche Herrscher-Mentalität abschauen, aber ihrer Fähigkeiten entbehren, sind aber sicher ein Aspekt, der öfter zu beobachten ist.“

Bleiben die Samwers, ewig die Samwers? Oder wo werden sie in zehn Jahren stehen?

„Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie ähnlich wie Bill Gates irgendwann anfangen, ins Mäzenentum zu wechseln. Vielleicht ist da aber auch etwas der Wunsch danach Vater des Gedanken. Und ganz aufhören mit dem Gründen kann speziell ein Oliver Samwer wohl nicht.“

Das Samwer-Buch zur Vorbestellung

Die Paten des Internets: Zalando, Jamba, Groupon – wie die Samwer-Brüder das größte Internet-Imperium der Welt aufbauen
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Autor: Joel Kaczmarek, Verlag: FinanzBuch Verlag, Gebundene Ausgabe: 300 Seiten

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