Fotos: Mareike Graepel

Hohe Kita-Kosten in Irland: Wenn sich arbeiten nicht rechnet

Warum in Irland den Frauen – auch hochqualifizierten – die Rückkehr in den Job mit kleinen Kindern oft unmöglich ist, erzählt Clare Gahan, Anwältin und Mutter von zwei Mädchen. Dabei ist das auch eine wirtschaftliche Frage: Wie viel ist der Beruf einer Mutter wert?

Clare Gahan ist Anwältin in Dublin. Seit ihre jüngere Tochter ein Jahr alt geworden ist, möchte sie wieder arbeiten. Doch obwohl Thea bald drei wird, ist das für die 38-Jährige bislang nicht möglich. Der einfache Grund: Geld. „Ich müsste vier Fünftel meines monatlichen Nettogehalts einer Teilzeitstelle komplett in Kinderbetreuung investieren,“ sagt Gahan, „das rechnet sich einfach nicht.“

Bis zur Geburt ihrer zweiten Tochter hat sie mit acht Stunden in der Woche knapp 60.000 Euro verdient. Theas große Schwester Charlotte ist fünf Jahre alt. Wenn man beide zusammen betreuen ließe, wären das Kosten von rund 2.000 Euro im Monat. Denn in Irland sind Kita und Kindergarten unabhängig vom Einkommen der Eltern geregelt. „Die Zahlen sprechen für sich und gegen mich: Kinderbetreuung in Dublin kann 1.000 Euro pro Kind kosten, wenn die Betreuung länger als dreieinhalb Stunden am Tag dauert.“ Deshalb bleibt Clare Gahan lieber zu Hause.

Clare Gahan ist Anwältin in Dublin. Die Kinderbetreuung für beide Töchter würde, solange
die kleinere noch unter drei Jahre alt ist, den Großteil ihres Einkommens verschlingen.

Das sind Summen so hoch wie eine „zweite Hypothek“, wie es Pearse Doherty, Finanzsprecher bei der Partei „Sinn Feín“, beschrieb. Dabei belastet bereits die Immobilienfinanzierung viele Iren, die traditionell eher Wohneigentum besitzen als mieten. Robin, der Mann von Clare Gahan, arbeitet im Betrieb seiner Familie. Er verdient zwar gut aber sein komplettes Gehalt fließt in den Hauskredit und die Lebenshaltungskosten.

Wirtschaft erkennt Potenzial der Mütter nicht

Rückblick: Dass die Kinderbetreuung heutzutage so teuer ist, hat mit dem Wirtschaftsboom im Jahr 1995 zu tun. Helen Russell, Forschungsprofessorin am Wirtschafts- und Sozialforschungsinstitut in Dublin erklärt: „Schon in der Zeit vor dem Boom waren die irischen Frauen das besser ausgebildete Geschlecht. Viele Männer haben das Land zum Arbeiten verlassen. Als der Aufstieg begann, waren die Frauen sofort einsatzbereit und strömten glücklich auf den Arbeitsmarkt.“ Leider, so die Professorin, hätten Arbeitgeber*innen und Politiker*innen bei allen Vorteilen für die florierende Wirtschaft übersehen, dass diese Frauen eben auch Kinder bekommen, die sie gerne gut betreut wüssten.

In kaum einem der anderen OECD-Staaten ist Kinderbetreuung so teuer wie in Irland – so steht es in der von Russell mitverfassten Studie „Erwerbstätigkeit von Müttern und die Kosten der Kinderbetreuung in Irland“. Ungefähr ein Drittel des Haushaltseinkommens werde dafür ausgegeben. In Dublin sind die Kita-Kosten bis zu vier Mal teurer als in Städten ähnlicher Größe in Deutschland: Außerdem sind in vielen deutschen Kommunen Vergünstigungen für Geschwister normal. In Dresden kosten beispielsweise neun Stunden Betreuung täglich durchschnittlich 200 Euro im Monat. In Dublin zahlt man so viel pro Woche und Kind – und das auch nur wenn man eine günstige Kita findet. Trotzdem bekommen die Irinnen mit zwei Kindern noch immer mehr Nachwuchs als die Frauen in den meisten anderen OECD-Ländern.

Professorin Helen Russell hat eine Studie mit dem Titel „Erwerbstätigkeit von Müttern und
die Kosten der Kinderbetreuung in Irland“ erstellt.

Helen Russell sagt: „Viele berufstätige Mütter müssen auf private Lösungen in der Familie durch Großeltern oder andere kostengünstige Alternativen zurückgreifen.“ Das seien aber Zahlen, die oft nicht in den Statistiken auftauchten. Am Ende kann man es auf die einfache Formel bringen: pausieren oder den Verdienst fast komplett in Betreuung investieren? Oder anders: Wie viel ist der Beruf einer Mutter wert? Wissenschaftlerin Russell meint: „Es ist unverständlich, dass die Wirtschaft nicht erkennt, welches Arbeitsmarkt-Potenzial die Mütter mitbringen können, wenn sie ihre Kinder gut untergebracht wissen.“

Die ältere Tochter von Clare Gahan geht nun – wie in Irland üblich mit fünf Jahren – in die Grundschule. Davor war Charlotte zwei Tage in einer Kita, zwei Tage haben die Großeltern auf sie aufgepasst – um die Kosten in Schach zu halten. „Mehr konnten sie aber aus gesundheitlichen Gründen nicht übernehmen.“ Beim zweiten Kind ist alles anders. Die Kleine bleibt mit Mama zu Hause, fünf Tage die Woche. Obwohl die Anwältin für Wirtschafts- und Familienrecht weiß, „dass die Branche händeringend nach Leuten mit meinen Qualifikationen sucht“. Bis Thea drei Jahre alt ist, kann Gahan nur eingeschränkt von zu Hause aus arbeiten. Erst wenn die Tochter in den Montessori-Kindergarten geht, kann sie ihre Stunden aufstocken.

Erzieherinnen verdienen zu wenig

Es sei großes Glück, dass sie in einer gut aufgestellten Einrichtung überhaupt einen Platz bekommen habe, meint Clare Gahan. „Die Qualitätsstandards werden nur selten überprüft und die Erzieherinnen verdienen zu wenig.“ Seit Januar 2019 bekommen sie mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von 9,98 Euro nur ein paar Cent über dem Mindestlohn. Eine staatliche Ausbildung und gleiche Einstellungsbedingungen für alle Kitas fehlen, die Personal-Fluktuation ist hoch, die Qualität und somit der Preis der Betreuung variieren enorm – auch innerhalb der gleichen Kommune. Einen Rechtsanspruch auf einen Platz gibt es nicht. Das heißt, es geht nicht so sehr darum ob man einen Platz bekommt, sondern wo. Deshalb fragt Gahan: „Welche Mutter gibt ihr Kind gern in teure, aber unqualifizierte Hände? Wie groß muss die Verzweiflung in Sachen Job sein, damit sie das tut?“

Dabei sind die Maßnahmen für eine bessere Vereinbarkeit längst klar: flexiblere Arbeitszeiten, Home Office und eine bezahlbare Kinderbetreuung. Auch in Irland gibt es Elterngeld, allerdings nur sechs Monate für Frauen und zwei Wochen für Männer. Doch die Politik – sowohl die beiden Regierungsparteien als auch die Opposition – hat das Thema nach langem Zögern für sich entdeckt. Ob sich dadurch substantiell etwas ändert, wird sich erst noch zeigen.

Von Mareike Graepel, Dublin

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