Foto: Dov Harrington | Flickr | CC BY 2.0

Warum Ingenieurinnen ihren Beruf aufgeben und in anderen Branchen Karriere machen

Fehlende Aufstiegsmöglichkeiten und schlechtes Arbeitsklima – Amerikanische Ingeneurinnen machen in anderen Branchen Karriere, so eine Studie.

 

Hohe Drop-out-Rate

Fast 40 Prozent der Frauen in den USA, die eine Ingenieurausbildung haben, verlassen ihren Beruf nach wenigen Jahren oder steigen niemals in die Branche ein. Fehlende Aufstiegsmöglichkeiten, ein schlechtes Arbeitsklima und die Behandlung von Kollegen und Vorgesetzten, sind die häufigsten Gründen, warum Ingenieurinnen ihren Beruf aufgeben. Das hat die Studie „Leaning in, but Getting Pushed Back (and Out)“ (2014) der Universität Wisconsin Milwaukee herausgefunden, die in der letzten Woche veröffentlicht wurde. Nach Branchenwechsel machen die Frauen häufiger Karriere.

Der Anteil von Absolventinnen in Ingenieursstudiengängen lag in den vergangenen zehn Jahren bei über 20 Prozent, so die Professorin Nadya Fouad von der Universität Wisconson Milwaukee, die die Ergebnisse der Studie am vergangenen Samstag bei der Jahrestagung der American Psychological Association vorstellte. Jedoch seien nur elf Prozent der Menschen, die einen Ingenieursberuf ausübten, auch Frauen. Der höchste Frauenanteil ist mit 22 Prozent bei den chemischen Ingenieuren zu finden; in Bio-Technologie-Studiengängen ist das Geschlechterverhältnis mittlerweile zudem ausgewogen.

Andere Branchen locken mit Aufstiegschancen

Für die Studie wurden 5.300 Absolventinnen befragt, die im Zeitraum von 1947 bis 2010 ihre Abschlüsse gemacht hatten. Von den Studienteilnehmerinnen arbeiteten aktuell noch 62 Prozent in ihrem Beruf, 11 Prozent haben ihre erlernte Profession niemals aufgenommen. Unter den Frauen, die angaben vor weniger als fünf Jahren ihre Karriere als Ingenieuren beendet zu haben, gaben zwei Drittel an, in anderen Feldern bessere Berufsaussichten gehabt zu haben. Das andere Drittel blieb als Mutter bei den Kindern Zuhause, mit der Begründung, dass ihre Arbeitgeber nicht flexibel genug waren, um Kinder und Karriere zu kombinieren.

54 Prozent der Frauen, die nicht mehr als Ingenieurin arbeiten, arbeiten jedoch jetzt in einem anderen Feld als Führungskraft. Von denjenigen, die als Ingenieurin tätig blieben, haben es hingegen nur 15 Prozent zu einer leitenden Stelle gebracht. Die notwendigen Voraussetzungen für eine Laufbahn als Führungskraft hatten die Frauen offenbar mitgebracht, ihre Branche jedoch wusste das nicht zu schätzen. „Was mich schließlich an die Business School und zu einem neuen Job brachte, war das Fehlen eines brauchbaren Karriereplans in den Organisationen, in denen ich als Ingenieurin gearbeitet habe“, sagt eine Studienteilnehmerin, „Außerdem sind gerade die Möglichkeiten, sich zu einer Führungskraft zu entwickeln, sehr sehr eng ausgelegt.“

Quote für Kulturwandel?

Nadya Fouad glaubt, diese Ergebnisse auch in andere Felder übertragen zu können, in denen der Frauenanteil gering ist: „Frauen werden leichter aus ihren Laufbahnen verdrängt, wenn ihr Anteil bei unter 30 Prozent liegt. Ihnen fehlen dann die Netzwerke. Die Ergebnisse spiegeln sich in Managementpraktiken aller Branchen wieder, besondern in Bezug auf die Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln und eine gesunde Work-Life-Balance für Angestellte herzustellen.“ Eine gute Durchmischung der Geschlechter könnte Branchen also auch dabei helfen, diejenigen Frauen, die sich auf den Weg machen in einer Männerdomäne Fuß zu fassen, dort auch zu halten.

Ingenieurinnen wollen vorankommen

Fouad stellte klar: „Frauen verlassen den Ingenieursberuf besonders dann, wenn ihre Karriere stagniert, sie von Kollegen und Managern keine Wertschätzung erfahren und zusätzlich die Arbeitskultur ein Familienleben erschwert.“ Dies sei jedoch keine „Frauenfrage“, die sich mit einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie lösen lasse. Frauen, so legen die Studienergebnisse nahe, sind jedoch sehr konsequent darin, aufgrund fehlenden Karrieremöglichkeiten sogar einen Branchenwechsel in Betracht zu ziehen. „Die Gründe, warum Frauen eine Karriere als Ingenieurin verfolgen, sind exakt die gleichen, warum sie eine solche beenden: Möglichkeiten, sich weiter zu entwickeln und Arbeitsklima“, so Fouad. Die Kultur unter Ingenieuren ist übrigens auch ein Grund, warum einige Absolventinnen von vorneherein einen anderen Karriereweg wählen: 17 Prozent der Absolventinnen gaben an, das Wissen über Arbeitskultur sei sogar vor Antritt ihres ersten Jobs Grund genug gewesen, direkt in eine andere Branche zu gehen.

Was können Organisationen tun?

Nadya Fouad stellte in ihrer Präsentation vier Wege für Unternehmen vor, um Ingenieurinnen mit einer guten Organisationskultur zu binden.

1. Das Problem korrekt erfassen: Frauen verlassen ihren Beruf nicht, weil sie mehr Zeit mit ihren Kindern wollen. Sie wollen vor allem bessere Aufstiegsmöglichkeiten und einen guten kollegialen Umgang.

2. Veränderungen beginnen im oberen Management: Das Führungspersonal muss eine Kultur schaffen, in der Unhöflichkeit und Herablassung nicht toleriert werden, Wertschätzung praktiziert wird und Erfolge honoriert werden, sowie die familiären Bedürfnisse von Angestellten Respekt erfahren.

3. Veränderungen müssen systematisch ins Unternehmen integriert werden: Mitarbeiterentwicklung sollte vor allem bei Trainings für fachliche sowie Führungsqualifikationen ansetzen. Karrierewege sollten transparent und fair gestaltet. sein. Das Unternehmen sollte Mentoring und Netzwerkmöglichkeiten anbieten. Mitarbeiter sollten verschiedene Modelle haben, um Beruf und Familie zu vereinbaren, ohne deswegen Nachteile hinsichtlich ihrer beruflichen Weiterentwicklung zu erfahren.

4. Klare Rollen definieren: Ziele und die Wichtigkeit von Aufgaben müssen klar kommuniziert werden, ebenso Arbeitsabläufe und Deadlines. Widersprüchliche Anforderungen sollten noch Möglichkeit eliminiert werden, Mitarbeiter sollten in klaren Jobprofilen arbeiten können.

Als nächster Schritt der Studie sollen sowohl weibliche als auch männliche Ingenieure befragt werden, um Muster, warum Karrieren verfolgt oder abgebrochen werden, vergleichen zu können, kündigte die Wissenschaftlerin an.

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