Foto: be able

Inklusion: Ein eigenes Produkt motiviert

Das Social Design Startup be able fördert Menschen mit Behinderung durch kreatives Arbeiten.

 

Inklusion? Von wegen.

Für Menschen mit Behinderungen ist es oftmals schwierig, auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt eine Anstellung zu finden. Viele arbeiten in Werkstätten und werden so zwar vor Arbeitslosigkeit bewahrt, aber auch von der Gesellschaft getrennt. Inklusion? Von wegen. Werkstätten sind ein geschlossenes System. Wer einmal dort gearbeitet hat, findet meist keine reguläre Anstellung mehr. Zudem sind die Aufgaben dort oft eintönig und fördern das Potenzial der dort Arbeitenden kaum. Das muss doch auch anders gehen, dachte sich Isabelle Dechamps. Gemeinsam mit Melinda Barth hat sie be able gegründet. Die Idee des Social Startups: ein kreatives Bildungskonzept an der Schnittstelle von Handwerk und Design. Die Menschen mit Behinderungen in den Werkstätten entwerfen ihre Produkte unter Anleitung selbst. Design Empowerment nennt sich dieser Ansatz, der Inklusion, Integration und eine Steigerung des Selbstwertgefühls der Teilnehmer erzielen soll. Schon in acht Werkstätten haben be able das Projekt erprobt. Mit Erfolg. Menschen mit Behinderung sind übrigens nicht die einzige soziale Randgruppe, mit der be able arbeitet. Ein weiteres Projekt führen sie momentan in einem Frauengefängnis in Tegel durch.

Isabelle, Melinda, wie kam es zur Idee von be able?

Isabelle: „Wir haben beide Produktdesign an der Kunsthochschule Berlin Weißensee studiert. Ich habe be able 2010 als freies Studienprojekt in den VIA Werkstätten in Berlin gestartet. Mich hat damals die Werkstatt als Produktionsstätte interessiert, weil es in Deutschland ja nicht mehr viel Produktion gibt. Dabei habe ich gemerkt, dass die Produktion in den Behindertenwerkstätten besondere Herausforderungen in sich birgt. Für die Leute, die dort arbeiten ist es ja eigentlich eine Förderung, aber die Produktion berücksichtigt selten sowohl die Fähigkeiten der Menschen mit Behinderungen als auch den Markt. Wir haben zwei starke Tendenzen in den Werkstätten kennengelernt: Die einen machen eher Sachen, deren Herstellung im therapeutischen Sinne für die Mitarbeiter ausgelegt sind, die dann eventuell aus Mitleid gekauft werden. Die anderen haben ihren Schwerpunkt auf Designprodukte externer Designer, Industrieaufträge oder Sonderanfertigungen für Großkunden gelegt. Hier ist oft problematisch, dass die Fachkräfte, die eigentlich für die Betreuung da sein sollen, einen wesentlichen Teil der Produktion machen müssen wenn diese zu schwer für die Beschäftigten ist.“

Die Menschen mit Behinderung werden in den Werkstätten also eher nur beschäftigt?

Isabelle: „Genau, es geht dort um Beschäftigung. Als ich be able als Projekt begann, habe ich mir gedacht, dass es eigentlich cool wäre, wenn sie selber ihre Produkte gestalten könnten.“

Melinda: „Isabelle hat erkannt, dass es nicht in erster Linie um die Fähigkeiten derjenigen geht, die in der Werkstatt arbeiten, sondern einfach wie in einem normalen Handwerksbetrieb Aufträge angenommen werden. Ihre Idee, war, dass wenn die Teilnehmer die Produkte selbst gestalten, automatisch auch Sachen produziert werden, die sie können.“

Isabelle: „Dann gibt es natürlich auch noch den Faktor Identifikation mit der Arbeit. Es steigert total die Motivation, wenn du dein eigenes Produkt machst und merkst, das deine Idee in die Welt herausgetragen und angenommen wird.“

Wie haben die Menschen mit Behinderung auf das Angebot reagiert?

Isabelle: „Sie haben sich gefreut. Wir haben zuerst Designgrundlagen unterrichtet. Dabei können die Teilnehmer in verschiedenen Workshops ihr Arbeitsmaterial neu kennenlernen und erarbeiten sich mit praktischen Kreativaufgaben ein Designverständnis. Das ist sehr frei, experimentell und relativ stressfrei. Bei uns wird aber generell niemand gezwungen, mitzumachen, es ist immer auf freiwilliger Basis. Der Entwurfsprozess, der auf die Design Basics folgt und ein rundes Produkt hervorbringen soll, kann dann für manchen Stress bedeuten, weil man da an einer Sache dranbleiben und diese irgendwann fertig werden muss. Die Erfahrung des Designprozesses hin zur eigenen Kreation ist aber am Ende mit einer unglaublichen Stärkung der Persönlichkeit verbunden.“

Wie hat das Projekt die Teilnehmer verändert?

Isabelle: „Die Beteiligte, die die Gewürztöpfchen gestaltet hat, hat eine starke Persönlichkeitsveränderung gemacht. Sie ist Autistin und war, als ich sie kennen gelernt habe, kaum ansprechbar, ganz in sich zurückgezogen. Jetzt ist sie viel offener und flexibler geworden. Sie spricht anders und viel mehr, ist erreichbar. Das ist ganz toll zu sehen.“

Melinda: „Bei den dreien aus der Holzwerkstatt hat sich auch viel verändert. Am normalen Produktionsalltag konnten sie vorher gar nicht mitmachen, weil sie von der Werkstatt als zu schwach eingeschätzt wurden. en. Jetzt produziert eine von ihnen ihr eigenes Produkt und die Entwürfe der anderen gehen hoffentlich auch noch in Produktion.“

Wo arbeitet ihr momentan?

Isabelle: „Wir sind gerade unter anderem mit einem Projekt in Kleve. Das ist ein besonderer Fall, weil wir dort mit einem wirtschaftlich arbeitenden Unternehmen und einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen gleichzeitig zusammenarbeiten, einem Callcenter aus Kleve und dem Haus Freudenberg.“

Wie läuft das ab?

Isabelle: „Die Designgrundlagen haben wir als Mitarbeiterschulung für Führungskräfte, für die Teamleiter aus dem Callcenter, und die Mitarbeiter aus den Werkstätten konzipiert. Sie haben sich zusammen in kreativen Aufgaben mit Ästhetik, Form, Farbe und Volumen auseinandergesetzt und dabei zum Beispiel ihre Sozialkompetenz verbessert, den Designprozess als eine Art des problemorientierten Denkens kennengelernt und Inklusion ganz selbstverständlich gelebt. Jetzt, im Designprozess, der über mehrere Monate läuft, machen wir ein Programm mit den Azubis. Die laufen die ganze Zeit mit und entwerfen auch mit, aber eher als Unterstützung für die Teilnehmer aus den Werkstätten. Wir haben den Auftrag, ein Weihnachtsgeschenk für Firmenkunden zu entwickeln. Das ist gut, weil es einen festen Rahmen steckt.“

Wie verstehen sich die beiden Gruppen?

Isabelle: „Von Anfang an sehr gut. Für uns ist es noch neu, mit den zwei Zielgruppen gemischt zu arbeiten. Die haben natürlich vorher immer irgendwelche Ressentiments. Gerade auf der Firmenseite. Die sind aber meist beim ersten Kontakt vergessen, weil man sich sehr gut im kreativen Arbeiten begegnen kann. Da begegnet man sich direkt auf Augenhöhe und verliert alle Berührungsängste.“

Dem Callcenter geht es vermutlich um Personalentwicklung bei dem Projekt. Was erhoffen sie sich konkret?

Isabelle: „Für die Azubis geht es darum, einen gesamten Produktionsprozess mitzuverfolgen, vom Auftrag bis zur Platzierung am Markt. Gleichzeitig wird ihre Sozialkompetenz geschult.“

Und bei den Führungskräften?

Isabelle: „Man kann sicherlich sagen, dass es um Entwicklung und Förderung von Innovationsgeist im Designprozess geht. In kreativen Herangehensweisen steckt viel drin, was man transferieren kann, auch in so zahlenorientierte Arbeitsabläufe. Es geht um Kreativitätsentwicklung, die Fähigkeit andere Lösungsansätze zu finden. Diese Kontextverschiebung ist ein ganz wichtiger Punkt, dass man mal in einem anderen Kontext führt und in einem anderen Kontext etwas erarbeitet. Sozialkompetenz wird geschult und Teambuilding.“

Melinda: „Und auch zu lernen, was die eigenen Fähigkeiten sind und die der anderen und das geschickt miteinander zu verknüpfen, die Leute da abzuholen, wo sie sind.“

Isabelle: „Wir sind momentan noch in der Entwicklung dieses Moduls für Führungskräfte.“

Habt ihr vor, das mit anderen Unternehmen fortzusetzen?

Isabelle: Auf jeden Fall. Für das nächste Projekt wollen wir aber einen externen Psychologen hinzuziehen, um den Transfer in den Arbeitsalltag und die Reflexion des Erlebten besser hinzukriegen. Damit die Lernerfolge messbarer werden.“

Wie finanziert ihr euch und be able?

Isabelle: „Eine Mischung aus Projektförderungen und Honorarverträgen mit den Werkstätten und nun auch den Unternehmen. Bisher reicht das so gerade aus.“

Melinda: „Während unseres Stipendiums beim Social Impact Lab haben wir dann ganz viel gelernt.“

Isabelle: „Da hat sich dann unsere Brille ein bisschen verändert, unser Fokus.“

Inwiefern?

Isabelle: „Einfach unternehmerischer zu denken. Es hat ja wirklich als ein Kunstprojekt angefangen. Es ging nicht ums Geldverdienen, sondern darum, herauszufinden, ob wir die Leute auf unsere Weise empowern können. Dann haben wir im Social Impact Lab begonnen, darüber nachzudenken…“

Melinda: „…wie wir davon leben können.“

Was sind jetzt eure unternehmerischen Ziele?

Isabelle: „Wir wollen versuchen uns nicht permanent zu überarbeiten und mehr Mittel generieren, um unser Team zu vergrößern und fair bezahlen zu können. So hoffen wir, dass wir in unseren verschiedenen Projekten für die Menschen die mit uns arbeiten nachhaltig ihre Beschäftigung und ihr Selbstwertgefühl verändern können.“

Teilnehmerin mit selbst gestaltetem Gewürztöpfchen

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