Foto: Hawar.help e.V.

Düzen Tekkal: „Minderheiten sind Teil der Lösung – auch in Deutschland“

Als Fernsehjournalistin, Autorin und Kriegsberichterstatterin macht sich Düzen Tekkal für religiöse Minderheiten stark. Von Ängsten, Zweifeln und Grenzen lässt sie sich im Kampf für die Menschenrechte nicht zurückhalten.

 

„Wir müssen den Frauen die Steine aus dem Weg räumen“

Als eines von 11 Kindern ist Düzen Tekkal in Hannover aufgewachsen. Ihre Eltern sind jesidische Kurd*innen und kamen als Geflüchtete nach Deutschland. Früh beschäftigte sie sich mit Ungerechtigkeiten, wollte als Journalistin und Politikerin etwas für die Gesellschaft tun. Dabei setzte sie sich immer durch, obwohl sie in einer Glaubensgemeinschaft aufwuchs, in der Bildung ein rares Gut ist und Frauen nur wenige Rechte zustehen. Die freie Journalistin ist seit vielen Jahren politisch für die CDU aktiv. Kürzlich wurde sie von der Europäische Bewegung Deutschland e.V. mit dem „Preis Frauen Europas“ ausgezeichnet. 

Um religiöse Minderheiten zu schützen, reist Düzen Tekkal immer wieder in den Nordirak. Dort leistet sie humanitäre Hilfe und kämpft für die Jesidinnen, die vom „Islamischen Staat“ verschleppt wurden. Handwerks- und Alphabetisierungsprogramme sollen sie zurück in die Gesellschaft führen. Im Interview spricht Düzen Tekkal über das Leid dieser Frauen, ihren inneren Antrieb und die Bedeutung von Solidarität.

Du bist als Tochter jesidischer Kurd*innen in Deutschland aufgewachsen. Welche Erfahrungen aus deiner Kindheit haben
dich bis heute geprägt?

„Mein ganzes Leben war geprägt von der Erkenntnis, dass nichts selbstverständlich passiert. Weder dass ich als Frau geboren wurde, noch dass ich mich heute so frei bewegen kann. Das hat in mir eine riesige Angriffslust geweckt, die bis heute anhält. Mein Leben ist ein ständiger Kampf für etwas Besseres.“

„Wenn ich meine Filme gemacht habe, war ich immer mit einer hohen Emotionalität dabei, aber eben auch mit einem Informationsziel.“

Was hat dich zur Aktivistin werden lassen?

„Für mich war schon immer klar, dass ich gesellschaftspolitisch arbeiten möchte. Und dabei kamen für mich eigentlich nur zwei Berufe in Frage:
Journalistin oder Politikerin. Auch in meiner Arbeit als Journalistin war ich
immer sehr politisch. Ich habe viele Filme gemacht, zum Beispiel über die
Zwangsheirat von Männern, die Religionsfreiheit von Christ*innen und die Homosexualität im Islam – wohl wissend, dass es diese Themen auch in unserem Umfeld, in Deutschland, gibt. In diese Parallelwelten habe ich die Zuschauer mitgenommen, habe sie durch das Schlüsselloch gucken lassen. Wenn ich meine Filme gemacht habe, war ich immer mit einer hohen Emotionalität dabei, aber eben auch mit einem Informationsziel.“

Wer waren die Unterstützer*innen auf deinem Weg?

„Nichts von dem, was ich erreicht habe, habe ich alleine erreicht. Meine erste Grundschullehrerin hat mich damals dazu ermutigt, als kurdisch-jesidisches Mädchen auf das Gymnasium zu gehen. Damals war das besonders, denn dieser Bildungsweg war für mich schlichtweg nicht vorgesehen. Ich komme aus einem bildungsfernen Elternhaus. Meine Mutter hat nie lesen und schreiben gelernt. Wir hatten keine Bücher zuhause. Trotzdem hatte ich diesen Bildungshunger und diese Neugier in mir. Mein erstes großes Frauenvorbild war Heidi Merk, eine politische Weggefährtin meines Vaters. Sie war damals Justizministerin in Niedersachsen und Mitglied der SPD. Ich habe sie bewundert für ihr Selbstbewusstsein und für die Stimme, die sie erhoben hat. Und wer auch eine ganz große Rolle in meinem Leben gespielt hat, war meine Mutter. Sie ist eine sehr starke Frau, die ganze orientalisch-patriarchialische Männerrunden aufgebrochen hat. Sie hat ihre Rechte als Frau verteidigt und sich immer wie eine Löwin vor ihre Kinder gestellt.“

Wenn du auf die letzten Jahre zurückblickst, was bedeutet es dir, „Frau Europas“ zu sein?

„Als ich von dieser Nachricht erfahren habe, war ich sehr überrascht. Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade im Irak. Weit entfernt von der Frau Europas. Als ich angefangen habe über diesen Titel nachzudenken, hat mich eine tiefe Dankbarkeit erfüllt. Ich wollte meine Erfahrungen mit der ganzen Welt teilen, als Deutsche, als Jesidin und als Frau Europas. Die Auszeichnung hat mir viele Türen geöffnet und in diesem Schritt auch auf religiöse Minderheiten aufmerksam gemacht. Eine meiner größten Bestrebungen ist es, Menschen
aus unterschiedlichen Kultur- und Bildungskreisen zusammenzubringen. Diese
Solidarität zu spüren, ist für mich ganz klar eine Bestätigung und eine Kraftwende für meine Arbeit. Aber auch ein Zeichen dafür, dass wir weitermachen müssen.“

„Sie wollen nicht nur überleben, sie wollen weiterleben. Das konnte ich bei den Frauen aus IS-Gefangenschaft beobachten.“

Was hat sich in den letzten Jahren für die Jesid*innen verändert oder auch nicht?

„Was mich sehr dankbar macht, ist, dass jesidische Frauen heute auch als Kämpferinnen wahrgenommen werden. Nicht nur als Opfer, die sich ihrem
Schicksal ergeben haben, sondern als Akteurinnen, die ihr Leben selbst in die
Hand nehmen. Sie wollen nicht nur überleben, sie wollen weiterleben. Das konnte ich bei den Frauen aus IS-Gefangenschaft beobachten. Und genau in dieser Kraft liegt der Sinn unserer Arbeit bei Hawar.help e.V. Wir sehen unsere Aufgabe darin, dass wir den Frauen die Steine aus dem Weg räumen müssen. Deswegen bin ich auch sehr dankbar, Gründerin des Projekts ,Back to life’ zu sein, das wir gerade gemeinsam mit meinem Team und dem Bundesentwicklungsministerium im Irak umsetzen.“


Düzen Tekkal möchte die Schicksale der Jesid*innen weitererzählen. Quelle: Hawar.help e.V.

Was könnt ihr konkret tun, um den Menschen vor Ort zu helfen? Was brauchen sie?

„Wir empowern Frauen aus IS-Gefangenschaft mit Women-Leadership-Programmen, Alphabetisierungskursen und Nähkursen. Das mitzuerleben, ist ein unglaubliches Gefühl. Trotzdem möchte ich nichts schönreden. Noch immer gibt es so viel Leid, mangelnde Aufarbeitung und Frauen, die sich aus Verzweiflung das Leben genommen haben. Noch immer befinden sich
über 3.000 Frauen in IS-Gefangenschaft, aber die Welt hat endlich erfahren, dass es Jesid*innen gibt. Und das haben wir all den tapferen Frauen zu verdanken, die über die großen Menschheitsverbrechen gesprochen haben, die ihnen widerfahren sind. Sie haben ihre grausamen Geschichten mit uns geteilt und damit eine Stimme bekommen. Nur auf diesem Weg können wir auch den Tätern langfristig das Handwerk legen.“

Erst vor ein paar Wochen warst du im Irak. Wie gehst du mit so viel Zerstörung und dem Leid der Menschen um?

„Das ist eine sehr interessante Frage. Ich stelle sie mir viel zu selten, was aber nicht immer gut ist. Das Ausmaß des Leids drängt meine eigenen Probleme weg, sodass sie ganz klein werden. Lange Zeit habe ich mich gar nicht getraut, mein eigenes Befinden zu erfragen. Wie geht es eigentlich mir, wenn ich mich um diese Frauen kümmere, mir ihre Schicksale anhöre und dokumentiere? Die Erwartungshaltung an mich selbst hat manchmal gedroht mich zu erschlagen. Mittlerweile weiß ich, dass ich mir diese Fragen stellen muss, um weiterleben zu können. Ich muss mir erlauben weiterhin zu partizipieren. Spaß zu haben, das habe ich mir viele Jahre verboten. Und ich habe es nicht nur mir verboten, sondern auch noch meinem Umfeld. In der Reflexion habe ich festgestellt, dass ich meine Gefühle ernst nehmen muss. Nur wenn ich bei Kräften bin, kann ich anderen Menschen helfen.“

„In diesen Ursprungsländern ist die Frau noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber trotzdem geht kein Weg an ihr vorbei.“ 

Wie siehst du die Situation von Minderheiten in Deutschland und auch global? Verschärft sie sich?

„Es ist wichtig zu begreifen, dass die Probleme aus Bagdad, Mossul und Syrien hier nicht einfach aufhören. Die Hassprediger*innen, Völkermorde und Kriege können nicht an der Grenze aufgehalten werden. Im Zuge der Globalisierung sind diese Zustände omnipräsent. Deswegen müssen wir auch den Zusammenhang vehement deutlich machen und erkennen, dass Migrations- und Frauenzentren nicht nur in der Erbil gebraucht werden, sondern auch hier in Deutschland. Es müssen Begegnungsplattformen für Parallelwelten geschaffen werden, in denen noch immer orientalisch-patriarchialische Strukturen greifen. In diesen Ursprungsländern ist die Frau noch nicht in der Mitte der Gesellschaft
angekommen. Aber trotzdem geht kein Weg an ihr vorbei. Minderheiten sind Teil der Lösung, selbstverständlich auch hier in Deutschland müssen wir ihre Stärke erkennen. An ihnen wird sichtbar, ob eine Gesellschaft funktioniert. Deshalb dürfen sie nicht länger defizitär betrachtet werden.“

Was war die prägendste Erfahrung in deiner Zeit als Aktivistin?

„Es ist das Schicksal jedes einzelnen Menschen. Der leidende Blick, mit dem ich angesehen werde. Die Aufforderung etwas gegen diese Ungerechtigkeit zu tun. Besonders schmerzvoll war für mich die Erfahrung, mit meiner Hilfe an Grenzen zu stoßen und zu merken, dass ich im Kampf für die Menschenrechte einfach aufgehalten werde, von der Bürokratie oder Männern, die nicht in der Gegenwart angekommen sind. Ich denke dann immer an die Schmerzen
und das Leid der Menschen vor Ort. Dieser Gedanke gibt mir die Kraft
weiterzumachen. Diese Menschen haben schließlich auch nicht aufgegeben.“

„Uns muss endlich bewusstwerden, was für große Berge wir versetzen können, wenn wir wirklich zusammenhalten.“

Am 25. August bist du als Speakerin bei unserem FEMALE FUTURE FORCE Day. Was erwartet uns dort?

„Dort werde ich als Erfahrungsmachende aus einer Kriegsregion berichten und meine Rolle als Frau reflektieren. Ich möchte darüber sprechen, was Frauen im Stande sind zu leisten, wenn sie an einem Strang ziehen. Uns muss endlich bewusstwerden, was für große Berge wir versetzen können, wenn wir wirklich zusammenhalten. Genau diese Solidarität ist das, was wir in Zukunft brauchen. Leider bekämpfen wir uns ja leider noch viel zu oft selbst, gerade im politischen Bereich bekomme ich das auch teilweise mit, aber es gibt auch hier die „Frauen-Frauen“, an die halte ich mich dann.

Wir dürfen uns nicht gegenseitig im Weg stehen und nichts gönnen, das sind Kräfte, die sind so vergeben. Diese Kraft, die wir Frauen zweifelsohne haben, sollten wir sinnstiftender nutzen. Keine Frau, die andere Frauen bekämpft, kommt ja dadurch weiter. Das bringt uns einfach nichts. Wir werden erst dann stark, wenn wir wirklich als Team denken. Wir haben noch so viel vor uns, aber auch schon etwas hinter uns. Und all das was wir tun, basiert auf dem Kampf der Frauen, die vor Jahrzehnten für unsere Frauenrechte gekämpft haben. Wir müssen nur weitermachen. Aber dazu gehört eben auch, anderen Frauen klar zu machen, dass nicht alles gut ist, wie es ist.“

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