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„Die jüngere Generation glaubt, sie bekommt keine Rente“

Der Rentenbescheid im Briefkasten kann ein Schock sein. Muss ich privat vorsorgen? Darüber haben wir mit Jens Jennissen gesprochen.

 

Ist Wissen Geld?

Muss ich privat vorsorgen, um im Rentenalter genügend Geld zu Verfügung zu haben? Darüber haben wir mit Jens Jennissen gesprochen, der mit seinem Startup fairr.de Rentenabschlüsse digitalisieren will. Er kritisiert, dass Finanzprodukte oftmals nicht transparent sind und zu wenig Flexibilität bieten. Ein Gespräch über das Wissen um die Riesterrente, den richtigen Zeitpunkt für die Rentenvorsorge und sein Unternehmen.

Als die Bundesregierung das Rentenpaket verabschiedete, interessierte das wenige junge Leute. Warum ist Altersvorsorge kaum ein öffentliches Thema?

„Ich glaube – und das ist nur meine persönliche Meinung – dass die jüngere Generation glaubt, sie bekommt sowieso keine Rente. Das Thema ist für sie durch. Die Rentenbeiträge, die sie zahlen, sind für sie einfach wie Steuerbeiträge. Deswegen ist die Aufregung dann in etwa so groß, wie wenn Steuern erhöht werden. Ihnen ist auch klar, dass sie selbst etwas tun müssen, 80 Prozent wissen um die Wichtigkeit der Vorsorge, aber es tun dann viel weniger etwas. Das Problem ist nicht, dass junge Menschen nicht wissen, worum es geht, sie wissen nur nicht, wie sie es richtig machen sollen.“

Glaubst du, dass ein einfaches Online-Angebot das ändern kann?

„Zielgruppen spricht man am besten da an, wo sie sich bewegen. Und das ist online. Uns hat es gewundert, dass es online nahezu keine Riester-Renten gab. Deshalb war es logisch für uns, das online anzubieten. Außerdem können wir um Kunden zu gewinnen, kein Heer von Leuten anstellen, die rumlaufen und die Rente anbieten. Deswegen war online für uns die geeignete Vertriebsstruktur.“

Geht es denn nicht ohne private Vorsorge? Kann man sich nicht auf die staatliche Rente verlassen?

„’Wer das tut, der ist verlassen’, wie man so schön sagt. Wir haben auf unserer Seite ein Renten-Schätz-Tool gestellt, da sieht man ja, wenn jemand 2.500 Euro verdient, bekommt er nachher zwischen 600 und 800 Euro Rente. Das reicht wohl kaum für den Lebensunterhalt im Alter.“

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Das könnte deine Rente sein. (Screenshot von fairr.de)

 

Muss man gleich mit dem ersten Berufsjahr anfangen?

„Je früher desto besser. Im ersten Berufsjahr hat man vielleicht noch andere Prioritäten, aber man sollte möglichst früh anfangen.“

Wie viel sollte man mit 30 Jahren einzahlen, um später einen guten Grundstock zu haben?

„Wir haben einen Vergleichsrechner, der nur eine grobe Annahme ist, denn die Rendite ist von der Fondsentwicklung abhängig. Wenn du 30 Jahre alt bist, keine Starteinlage hast und jeden Monat 200 Euro sparst, kommen da bei einem Renteneintrittsalter von 67 Jahren etwa 620.000 Euro raus, mit jährlicher Erhöhung um fünf Prozent. Ohne die Dynamik wären es etwa 300.000 Euro. Das ist natürlich in 35 Jahren deutlich weniger wert. Aber mit 200 Euro kommt man schon mal ein Stück voran.“

Kannst du die Riester-Rente ganz knapp erklären?

„Der Staat hat ja die Rente des sogenannten Eckrentners mit der Reform der gesetzlichen Rentenversicherung im Jahr 2000/2001 abgesenkt, und zwar von 70 auf 67 Prozent. Zum Ausgleich wurde dann die Riester-Rente mit Förderung eingeführt, die der Staat oben drauflegt. Der Förderbetrag liegt bei 154 Euro pro Person im Jahr. 300 Euro kommen noch für Kinder hinzu, die nach 2008 geboren sind (185 Euro pro Jahr für Kinder vor 2008). Zusätzlich kann man noch 2.100 Euro von der Steuer absetzen in der sogenannten Günstigerprüfung. Aber dafür muss man am Ende die Rente, die dabei rauskommt, komplett versteuern. Leute, die die staatliche Zulage nicht bekommen, können trotzdem riestern, was viele nicht wissen. Sie haben im Alter dann einen deutlichen Vorteil, weil sie nicht die ganze Rente versteuern müssen und können auch vorher flexibel auf ihr Geld zugreifen.“

Ergeben sich aus der Riesterrente verschiedene Finanzprodukte?

„Ja. Es gibt Banksparpläne, Versicherungsprodukte, Fondssparpläne, Wohnriester mit Bausparvertrag und noch ein paar mehr. Daher gibt es sehr viele Anbieter und unterschiedliche Möglichkeiten, damit zu sparen.“

Wenn man bei euch auf die Seite kommt, steht der Name eurer Firma im Vordergrund. Die Riester-Rente jedoch nicht. Schreckt der Begriff schon viele ab?

„Wir wollen weg davon, dass Leute nur diese Zulagen abgreifen und damit ist das Thema durch. Denn das ist nicht richtig. Wir wollen, dass die Leute wirklich vorsorgen. Förderung ist gut, aber das ist nicht das wirklich Wichtige.“

Was versteht ihr unter einer transparenten Altersvorsorge, und warum ist euch das wichtig?

„Eine, bei der die Kosten für die Sparer klar sind, und wie das Geld angelegt wird. Das war für uns bei den alten Produkten nicht klar. Man kann sich bei uns jederzeit einloggen und den Sparplan im Blick behalten. Man kann außerdem die monatlichen Beiträge hoch- und runterfahren, man kann höhere Zahlungen vornehmen, man kann sich jeden Tag die Fonds anschauen. Man kann sogar die Zahlungen auf null runterfahren.“

Das heißt, ich muss mich nicht einmal festlegen, sondern kann die Zahlungen je nach Finanzlage anpassen?

„Absolut. Je nach dem, wie viel Geld du zur Verfügung hast. Die Förderung hängt zwar von einem Mindestbetrag ab, aber trotzdem kann man flexibel einzahlen.“

Wie hoch ist der Beitrag, den ich einzahlen muss, um die volle Förderung zu erhalten?

„Du musst vier Prozent von deinem Vorjahresbruttogehalt einzahlen, also vier Prozent von dem sozialversicherungspflichtigen Einkommen.“

Lohnt es sich für sehr kleine Einkommen überhaupt vorzusorgen?

„Bei Riester grundsätzlich ja, weil die Zulagen an das Vorjahresgehalt angepasst werden. Wenn es sehr gering ist, lohnt es sich schon, wenn man 60 Euro einzahlt und man bekommt 154 Euro Zulage und vielleicht noch die Kinderzulage. Deswegen kann es auch für niedrige Einkommen Sinn machen. Ob dies immer möglich ist, ist eine andere Frage.“

Startups kommen und gehen. Ist das ein Vertrauensproblem für eine Altersvorsorge, die über das Netz angeboten wird?

„Es ist sicherlich ein wenig schwieriger als bei Chat-Apps, aber wir haben auch die Partnerbank, die Sutor Bank, die es seit 1921 gibt. Es hilft uns also auch, dass wir nicht nur ein Startup sind. Das Geld fließt außerdem nicht durch unsere Hände, sondern geht direkt an die Bank. Wenn wir nicht mehr da sein sollten, passiert für die Kunden nichts Negatives, außer, dass unser Service nicht mehr da ist.“

Hat der Kunde nur mit euch Kontakt?

„Die ganze Abwicklung der Zulagen und die Geldanlage macht die Bank, den Kundenservice machen wir.“

Wie hoch ist die Innovationsbereitschaft im Finanzsektor?

„Ich habe mal das Zitat von einem Versicherungsvorstand gehört: Wir haben die letzten 40 Jahre nichts Neues gemacht, und die nächsten 30 Jahre machen wir auch nichts.” Einerseits ist die Innovation sehr hoch in Deutschland, aber im Finanzsektor sie ist nicht unbedingt kundenfreundlich.“

Wie ist euer Geschäftsmodell?

„Wir bekommen Gebühren auf die Gelder, die bei unserer Partnerbank liegen. Das ist eine Management-Fee, die wird jährlich erhoben und ist abhängig von dem Depotstand. Wir haben keine kurzfristigen Abschlussprovisionen. Wir haben entschieden, uns langfristig am Kundenerfolg zu orientieren.“

Habt ihr selbst Investoren im Rücken?

„Ja, wir haben im Februar eine kleine Runde gemacht und gerade die nächste Runde abgeschlossen.“

Was sind die nächsten Entwicklungsschritte für euer Unternehmen?

„Kundenwachstum, die Marke streuen, Prozesse vereinfachen und das Produkt besser darstellen. Eine App ist in Vorbereitung. Wir wollen uns außerdem stärker politisch einmischen. Denn die ganzen Gesetze sind von der Branche stark mitbestimmt. Da wollen wir einen Gegenakzent setzen, zum Beispiel beim Thema Gebührentransparenz.“

Haben die Parteien das Thema im Blick?

„Das Rentenpaket ist total unmöglich. Eine langfristige Strategie sehe ich da nicht. Der Staat versucht langfristig die private Altersvorsorge zu stärken, was ich sinnvoll finde. Aber ich glaube nicht, dass es irgendwann nur noch Grundsicherung gibt und der Rest privat organisiert werden muss.“

Wo hapert es an der Aufklärung, so dass Leute vorsorgen?

„Es wäre super, wenn man in der Schule schon einen Grundkurs Finanzen hätte. Also nicht nur Altersvorsorge sondern auch: Was ist ein Girokonto? Was ist eine Kreditkarte? Grundwissen im Finanzbereich wäre schon viel wert. Denn die meisten Leute haben gar keine Ahnung. Der zweite Punkt ist, ist dass man die Kosten offen legt, und zwar nicht mit Formeln, sondern ganz konkret. Viele glauben, dass die Altersvorsorge kostenlos ist. Viele Leute rufen uns an und sagen: ‚Ich kann zur Sparkasse gehen, da kostete die Riester-Rente gar nichts.‘ Und das stimmt nicht. Es ist trotz der steuerlichen Anreize schwierig, Leute davon zu überzeugen, vorzusorgen. Leute, die etwas mehr Bildung haben, wissen, dass die Zulagen super sind und wie sie sie bekommen, aber viele andere wissen es leider nicht.“

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