Foto: Jule Müller

Wie Jule Müller ihre Zwanziger überlebte

Jule Müller ist nicht nur Großstadt-Verkupplerin, sondern hat nun auch ein sehr persönliches Generationenporträt geschrieben. Ein Gespräch.

 

„Früher war ich unentschlossen. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher – Wie ich meine Zwanziger überlebte“

Jule Müller, gebürtige Berlinerin und Head of Love des Online-Magazins „Im Gegenteil“, welches wir bereits in einem früheren Interview vorstellten, verkuppelt nicht nur mit ihrer besten Freundin Annelie Kralisch-Pehlke Singles deutschlandweit und bald auch in der Schweiz, sondern hat jetzt auch ein Buch geschrieben. Ein Generationenporträt mehr. Aber ein gutes, finde ich.

„Früher war ich unentschlossen. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher – Wie ich meine Zwanziger überlebte“ heißt ihr Erstlingswerk, das sie letzte Woche in der Buchbox in Berlin vorstellte. Ihre Geschichten beschreibt sie mit viel Humor und noch mehr Ironie. Wer mit Britney Spears aufwuchs und wilde WG-Partys nicht nur vom Hörensagen kennt, wird sich in den einen oder anderen Episoden ihres Lebens wiederfinden und „Aha-Momente“ erleben. Außer vielleicht den Junkie-Freund – dessen Beziehung zu ihm sie auf eine kranke, absurde und gleichzeitig liebevolle Art und Weise beschreibt, als wäre es das Normalste auf der Welt – den hatte nicht jeder.

Am Tag nach der Lesung nach einer, für sie, durchzechten Nacht, saß ich ihr gegenüber. Zumindest per Laptop. Sie verkatert im Bett, ich an meinem Tisch, sprachen wir über die Liebe, Gott, ihren Vater und dass man mit 30 nicht mehr zwischen Autos pinkeln sollte. Also, alles beim Alten.

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Bild: Saskia Bauermeister

Jule, jeder schreibt gerade Bücher, wieso du?

„Ich habe schon immer geschrieben – ganz klassisch angefangen mit dem Tagebuch in der 5. Klasse. Als damals das Thema „Blog“ aufkam, dachte ich mir „wie bescheuert sind die Leute persönliche Sachen ins Netz zu stellen“. Ich habe mich wirklich total darüber aufgeregt. Naja und dann fing ich selbst damit an, weil es so praktisch war. Als ich für mehrere Jahre nach London ging, konnte ich mit dem öffentlichen Blog auf einen Schlag allen Leuten von zu Hause zeigen, was ich da gerade mache. Irgendwie lasen es auch andere und dann hat sich das ein bisschen verselbstständigt. Nachdem ich für die Intro ein Jahr lang eine Online-Kolumne schrieb, kamen Verlage auf mich zu.

Dein Buch ist von vorne bis hinten autobiographisch. Du hast in den letzten Jahren 50 Tagebücher geschrieben und 20 Videos gedreht. Wie hast du das Material nutzen können?

„Als ich die ganzen Tagebücher las, ist mir relativ schnell aufgefallen, dass mein Geschriebenes ziemlich langweilig ist. Da standen Sachen wie „Heute ist Mathe ausgefallen“. Das war jetzt weniger witzig als ich mir erhofft hatte. Dadurch, dass es so viele waren, habe ich sie eher dazu genutzt, mich wieder in die 20er hineinzuversetzen à la wie war’s da, wie hat es gerochen, wie war die Sprache.“

„Mir wäre es lieber, wenn Männer zwischen den Beinen nichts hätten. So wie Ken.“

(Zitat aus Jule Müllers Buch)

Apropos Sprache: Du beginnst dein Buch mit den 20ern und wirst dann älter, insgesamt zehn Jahre. Ich habe das Gefühl, dass auch die Sprache älter wird. Stimmt das oder interpretiere ich da zu viel hinein?

„Ich habe es versucht, tatsächlich. Vielleicht auch, dass ich mit Anfang 20 Wörter benutzt habe, die ich wahrscheinlich jetzt aus politischer Korrektness nicht mehr sagen würde. Das habe ich dann aber bewusst auch so gelassen.“

Was war das Schwierigste am Schreiben?

„Am Anfang war ich wahnsinnig euphorisch. Einen Buchvertrag zu unterschreiben ist ja total toll, ne? Es hat eine gewisse Romantik – irgendwann habe ich ein Buch von mir in der Hand, irgendwann kann das meine Mutter im Laden kaufen. Ich habe dann extrem viel runter gerotzt und hatte zu jedem Kapitel total viele Ideen. Es hat wirklich Spaß gemacht, weil ich alles einfach raus gelassen und runter geschrieben habe. Ich war dann auch relativ schnell relativ weit. Doch als es dann fertig war, musste es noch überarbeitet werden und das war für mich ehrlich gesagt das Schwierigste, weil man dann auf einmal keine Erfolgserlebnisse mehr hat. Man sah es nicht mehr wachsen und konnte ein Häkchen nach dem anderen setzen, sondern musste immer wieder den gleichen Kram durchlesen. Das hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen und ist wirklich nicht die geile Seite am Schreiben. Ich war sehr froh über die Hilfe vom Verlag und Linus Volkmann.“

Man könnte sagen, du bist lustig. Findest du das auch?

„Das ist ’ne gemeine Frage. Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich, wenn ich meine alten Kolumnen durchlese, lachen muss. Und über sich selbst zu sagen: Ich finde mich witzig … Ich bin schriftlich witziger als in Person würde ich behaupten. Manche sind dann enttäuscht, wenn sie mich treffen und sagen: Äh, so witzig bist du ja gar nicht.“

Findest du es wichtig, dass Bücher auch witzig sind?

„Ja. Ich selbst lese nicht so gerne. Ich habe mich immer ein bisschen vorm Lesen gedrückt. Ich wollte ein Buch schreiben, das man leicht und nebenbei lesen kann, das kurze Kapitel hat, sprachlich leicht zu verstehen ist und entertaint. Ein Buch wie ich es selbst lesen würde. Mal abgesehen davon, dass ich irgendwas anderes auch nicht gekonnt hätte.“

„Note to self: Gleich dringend die Küchenmesser verstecken und morgen daran denken, die Katze einzupacken. Wer weiß, was dieser Irre sonst noch anstellt.“

(Zitat aus Jule Müllers Buch)

Selbst traurige Momente wie die Trennung von deinem damaligen, Heroin abhängigen Freund, hast du humoristisch beschrieben. Warum?

„Wir, mein Verlag und ich, haben überlegt, ob wir überhaupt schwere Themen mit reinnehmen. Mir war es aber wichtig, weil sie einfach zu meinem Leben dazu gehören. Natürlich bin ich nicht lustig, wenn ich mich von jemandem trenne. Aber ich mag es im Nachhinein betrachtet, Dinge mit Humor zu nehmen. Ich meine gerade das Thema Heroin – wie bereitet man das auf? Ich finde man kann das nur mit Humor machen.“

In einem Kapitel gehst du zur Therapie und sprichst das erste und einzige Mal über deinen Vater. Da wirst du ganz ernst. War das Absicht?

„Ja. Heroin belastet mich nicht persönlich. Das mit meinem Vater ist natürlich etwas, woran ich kontinuierlich arbeite. Darüber kann ich keine Witze machen. Auch wenn dieses Kapitel etwas aus dem Buch rausfällt, war es mir wichtig, dass es mit rein kommt, weil ich ihm das auch gerne geben wollte. Ich habe mich jetzt nicht bewusst hingesetzt und gesagt: „So, ich schreibe jetzt eine Message an meinen Vater.“ Im Endeffekt habe ich das wahrscheinlich aber unterbewusst gemacht. Vielleicht habe ich das ganze Buch auch nur geschrieben, um „ich vermisse dich“ und „es tut mir leid“ zu schreiben.“

Und hat er das Buch schon bekommen?

„Nee, noch nicht.“

„Ich dachte immer mit 30 hätte ich eine Art finanziellen Wohlstand erlangt […] Die Realität, die Zukunft, also jetzt, sieht anders aus.“ Ich fühle mit dir. Warum ist das so und ist das typisch für Berlin?

„Ich glaube einerseits schon, dass es typisch für Berlin ist. Ich glaube aber, dass es nicht unbedingt typisch für unsere Generation ist. Eigentlich ist es nur ein Teil unserer Generation, nämlich der Teil, der im Internet rumgammelt und das auch lautstark nach außen trägt. Ganz viele Leute gehen den klassischen Lebensweg, erlernen einen Beruf und gründen Familie. Nur werden die immer so ein bisschen rausgelassen. Ehrlich gesagt glaube ich, dass unsere Eltern auch nicht erwachsener waren. Sie haben vielleicht früher Dinge gemacht und möglichweise auch anders, aber vom Kopf her waren sie auch nicht erwachsener. Sie haben einfach gemacht, weil man es so machte. Ich hätte gerne irgendwann ein Kind, aber ich kann mir das gar nicht so richtig vorstellen, immer passt irgendwas nicht. Also jetzt zum Beispiel gerade kein Mann, aber auch sonst, das sehe ich auch bei Freunden, die Umstände sind halt nie perfekt. Und das waren sie damals auch nicht, aber sie haben’s halt einfach gemacht. Ich persönlich genieße aber auch die Freiheiten, die ich habe und für mich ist es völlig ok keinen Reichtum angehäuft zu haben. Am Ende entscheidet man sich ja für den Weg, den man selbst geht und ich bin wahnsinnig dankbar dafür, dass ich so viele Dinge ausprobieren durfte, ins Ausland gehen konnte und mir immer gesagt wurde: Egal was du machen möchtest, du kannst es machen. Wenn du ein Café aufmachen möchtest, KFZ-Mechanikerin werden möchtest oder nach Afrika in die Flüchtlingshilfe gehen möchtest oder was auch immer – du kannst alles machen. Das habe ich auch in Anspruch genommen und tue es immer noch. Ich finde es nicht schlimm, dass ich keinen Bausparvertrag habe.“

Was darf man in den 20ern machen, in den 30ern aber besser nicht?

„Ich habe neulich nach einer Party am Alexanderplatz zwischen zwei Autos gepinkelt und dachte dann so: „Meine Güte, eigentlich bist du zu alt dafür.“ Also wenn ich jetzt auf mein eigenes Leben zurück blicke und an die Momente, in denen ich am meisten gedacht habe „Kind was machst du“ und das jetzt komplett anders sehe, dann ist es die Beziehung zu Männern. Aufopfern und sich selbst als nicht so liebenswert einzustufen, ich glaube das ist so ein Klassiker von Scheidungskindern. Nicht selbstbewusst sein und in Konfliktsituationen, meiner Ansicht nach, falsch zu reagieren. Ein Grund, warum ich mich am allermeisten darüber freue in den 30ern zu sein ist dass ich mich deutlich selbstbewusster fühle. Ich konnte mir früher noch nicht einmal vorstellen, dass mich jemand gut findet, sympathisch oder körperlich anziehend. Ich fand das total absurd.“

Bist du jetzt, mit 32, an einem Punkt, an dem du weißt, wer du bist, wohin du gehörst und was du beruflich machen möchtest?

„Was ich schon immer hatte und was die größte Säule in meinem Leben ist, sind meine Freunde und meine Familie in Berlin. Mein Beruf wechselt halt ab und zu, aber mit dem, was ich gerade mache, bin ich total zufrieden. Eigentlich war ich immer mit allem zufrieden. Wenn’s mir nicht mehr gefallen hat, habe ich was anderes gemacht. Momentan findet mit „Im Gegenteil“ und dem Buch natürlich eine wahnsinnig erfüllende und aufregende Zeit statt. Ich liebe es zu fotografieren und zu schreiben und das möchte ich für immer machen. Ob ich doch irgendwann mal KFZ-Mechanikerin werde, weiß ich nicht. Die Zeit wird’s zeigen. Ich fühle mich aber auf jeden Fall angekommen, ich glaube zu wissen wer ich bin und was ich im Leben möchte, oder zumindest was ich nicht möchte, und das ist auch schon mal ein großer Schritt. Dass meine Zukunft noch nicht verplant ist und Dinge offen sind, das freut mich sehr und dass ich die Gewissheit  habe, dass die Menschen, die ich liebe, immer um mich herum sein werden.“

„Jesus übte schon immer auch eine erotische Faszination auf mich aus. Oder Jesus-Typen.“

(Zitat aus Jule Müllers Buch)

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Bild: Saskia Bauermeister

Ich mag deine Einstellung zur Kirche bzw. Religion. Du schreibst: „Ich unterstelle allen Kirchenoberhäuptern, dass sie um die Gehaltlosigkeit ihrer Lehren wissen.“ Warum sprichst du das Thema an und ganz salopp gesagt: Sind Gläubige dumm?

„Dieser Satz ist natürlich wahnsinnig provozierend. Es wäre vermessen zu sagen, die Leute sind dumm. Natürlich sind sie nicht dumm. Aber wir wissen alle, dass es dumme Atheisten und dumme Gläubige gibt. Vielleicht bin ich nur ein bisschen neidisch, weil ich eben nicht an so etwas glauben kann, es absurd finde und deshalb auch wiederum faszinierend. Meine Oma war gläubig und ihr gab das viel Kraft. In dem Fall ist das was Gutes und dann kann ich das auch total nachvollziehen. Ich finde es spannend, wenn jemand sagt, er ist gläubig, was ja in unserer Generation selten passiert. Ich spreche auch gerne darüber. Ich finde das Thema faszinierend. Ich liebe Kirchen und gehe auch gerne in die Kirche, nur ohne zu glauben.“

Du glaubst nicht an Gott, nicht an die Kirche, aber an die Liebe. Kann man das so sagen?

„Das kann man auf jeden Fall so sagen.“

Warum glaubst du an die Liebe?

„Ich habe in der Fallstudie, die wir in den letzten Jahren mit „Im Gegenteil“ betrieben, nochmal deutlich gemerkt, dass die Beziehung, die die Eltern zueinander hatten und ob sie noch verheiratet sind oder nicht, die Kinder wahnsinnig prägt und extrem beeinflusst. Mir fällt es persönlich schwer an Heirat zu glauben. Ich denke aber auch generell darüber nach, ob überhaupt die klassische, monogame Zweierbeziehung, in der ich mich eigentlich sehe, das Nonplusultra sein muss. Ich sehe mich im Alter eher in einer Oma-WG mit den anderen Mädchen oder auf einem Bauernhof mit Freunden. Ich glaube daran, dass es viele gute Männer auf dieser Welt gibt und zu verschiedenen Zeiten verschiedene Männer zu einem passen. Ich glaube an die Liebe, aber die kann in meinem Verständnis zu mehreren Menschen zu verschieden Zeiten sein.“

Du selbst hast bei „Im Gegenteil“ deine Haustüre geöffnet, du schreibst auf eurem Blog über private Dinge und nun das Buch über dein Leben. Was wissen wir nicht über dich?

„Viele Dinge. Auch wenn es nicht den Anschein macht, habe ich natürlich das Gefühl, dass man sehr viel von mir nicht weiß. Eigentlich bin ich ein stiller Mensch und ziehe mich sehr viel zurück. Das ist natürlich eine Seite, die öffentlich nicht gezeigt wird.“

Du beschreibst im Buch deine Facebook-Sucht sehr ironisch à la „es ist bescheuert, aber ich brauch’s.“  Wie digital ist dein Leben?

„Ich war im Januar eine Woche im Urlaub und da war nichts. Da war Staub und so…. Natürlich weiß man, dass man zu viel im Internet ist. Ich wache morgens auf, bevor ich auf die Toilette gehe und frühstücke, bleibe ich im Bett, wie jetzt auch, nehme meinen Laptop und lese die ersten Mails. Und um 3 Uhr nachts klappe ich an gleicher Stelle den Laptop zu, auch wenn ich zwischendurch natürlich draußen war und Dinge erledigt habe. Ich muss mich inzwischen zusammen reißen und dazu zwingen meinen Laptop und mein Handy, das ich übrigens gestern im Suff verloren habe, von meinem Bett fern zu halten, wenn ich schlafen gehe. Ich habe auch alle notifications auf dem Handy ausgestellt. Was nicht heißt, dass ich nicht trotzdem in die Apps reingehe, um nachzusehen was passiert ist. Den Druck antworten zu müssen, fühle ich einfach sehr stark. Ich komme mit ungelesenen Emails echt nicht so gut klar. Als ich im Urlaub war ist mir das extrem aufgefallen. Ich habe ein Buch gelesen, Obstsalat gemacht und bin spazieren gegangen. In Berlin muss man mich rausprügeln, damit ich mal eine Stunde spazieren gehe. Mir war das im Urlaub so klar, dass das viel öfter passieren muss. Kaum war ich in Berlin, war alles beim Alten. Ich habe noch nicht die Lösung dafür, wie man das clever so strukturiert, dass man kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man sich Zeit nimmt, um abends mit einer Freundin einen Burger essen zu gehen.“

Wenn du die Chance hättest dir als 20-Jährige etwas mit auf den Weg zu geben, was wäre das?

„Das Einzige, was ich in meinem Leben bereue und was ich wünschte anders gemacht zu haben, wäre damals den Kontakt zu meinem Vater Aufrecht zu erhalten. Das ist das, was mich mein Leben lang bedrückt hat und wo ich erst sehr spät den Weg gefunden habe, es zu lösen. Das hätte ich mir sagen wollen, dass das ein dummes Missverständnis ist und mir viel Kummer ersparen wird. Und ansonsten würde ich mir wahrscheinlich viel Spaß auf dem Weg wünschen und sagen, aber das dachte ich damals schon immer, dass alles gut wird. Du kriegst das hin.“

Alle Bilder sind von Saskia Bauermeister.

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