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Hört endlich auf, uns zu sagen, was wir anziehen dürfen

Gleichberechtigung für Frauen? Bitte, gern! Aber das fängt nicht damit an, ihnen zu sagen, was sie anziehen sollen. Das gilt auch bei Kopftuch, Niqab und Burkini.

 

Nicht unsere Aufgabe: anderen gefallen

Gab es je eine Zeit, in der Frauen keine Vorschriften darüber gemacht wurden, welche Art von Bekleidung sie anziehen dürfen? Welche absolut verpönt ist, sie gesellschaftlich ausschließt und welche sie begehrenswert macht?

Ich besitze in dieser Hinsicht magere 32 Jahre Erfahrung, aber die genügen. „Zieh das bitte nicht in der Schule an!“ „Das kannst du nicht zur Beerdigung anziehen.“ (Sagt wer, meine coole, tote Oma?) „Das kannst du nicht zu deiner Abiturfeier anziehen.“ (Warum? Weil es meine Karriere ruiniert oder meinen Notenschnitt im Nachhinein verändert?) „Zieh das nicht an, wenn du nachts unterwegs bist.“ (Warum? Weil die Idioten ihre Finger nicht im Griff haben?) „Du kannst deine Tätowierung nicht offen tragen, wenn du im Job ernst genommen werden willst.“ (Ja, sorry. Aber mit solchen Leuten habe ich eh keine Lust, zusammenzuarbeiten.)

Und natürlich gibt es auch die Selbsttexte, die Frauen aus Erfahrung lernen: Wenn ich ein Kleid anziehe und die Haare offen trage,  steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich auf der Straße von Fremden belästigt wurde, ins Unermessliche. (Anekdote am Rande: Als ich meine Haare ganz kurz schnitt, wurde ich kaum noch belästigt.) Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass KEINE Art der Kleidung Frauen vor Belästigung oder Übergriffen schützt. Gewaltbereite und übergriffige Menschen suchen sich diejenigen aus, die ihnen als Opfer gerade passen. Egal ob sie hübsch oder weniger attraktiv sind, egal ob sie jung oder sehr alt sind, Behinderungen haben oder ein Kopftuch tragen. Keine Kleidung der Welt schützt davor.

Geht’s hier um Frauen oder um diffuse Angst?

In Deutschland und Frankreich toben gerade im Sommerloch Debatten um Verschleierung und Bekleidung von Frauen, bei denen es nur am Rande um Kleidung geht – und schon gar nicht um die Freiheit der Frau. Dass „Burkas“ (in der Debatte im Prinzip als Synonym für alle Arten der muslimischen Bekleidungscodes verwendet, denn die Debatte wird bei der in Deutschland nahezu nicht auffindbaren Burka nicht aufhören. Und dass „Burkinis“ (Ganzkörperbekleidung fürs Baden und den Strand) verboten werden sollen, oder – wie in Frankreich gestern geschehen – eine Frau von einem Polizisten dazu gezwungen wurde, Kleidung abzulegen – steht vor allem für antimuslimische Ressentiments und Angst vor Dingen, die der Scheuklappen tragende Europäer nicht näher kennenlernen möchte. Fehlt noch, dass der Innenminister sagt, mit weniger Verschleierung sinke die Terrorgefahr.

Ob Andreas Scheuer, Generalsekretär und Chef-Einpeitscher der CSU, schon mal mit einer Frau gesprochen hat, die Niqab trägt?

Ich erinnere mich gut, als ich vor einigen Jahren Reem traf, eine junge alleinerziehende Mutter, die in Riad lebte und damals ihren Master in Computerwissenschaften machte. Sie trug Niqab, und ja, ich hatte eine gewisse Scheu davor, mit ihr zu reden. Dieser Vorbehalt verflog jedoch innerhalb weniger Minuten mit ihr im Gespräch, ihre Verschleierung wurde unsichtbar, ich nahm den Niqab nicht mehr wahr, denn ihre Augen transportierten ein Ausmaß an Mimik, das ihre Gefühle sehr klar zeigte – und absolut nicht verschleierte. Der Niqab stellte keine Barriere für unser Gespräch dar, vielleicht machte sie es sogar intensiver, weil ich mich voll und ganz darauf einließ und Reem sehr viel in die Augen schaute. 

Das Kopftuch, und jede andere Art der muslimischen Bekleidung, verhindert nicht die Integration. Eine partielle Verschleierung verhindert nicht, dass sich Frauen, die diese tragen und Menschen in Deutschland oder Frankreich, die ihr Haar offen tragen, näher kommen und Freundschaften schließen. Was Integration verhindert sind Vorurteile, Angst und die eigene Entscheidung, nicht offen zu sein. Das sind die Dinge, die ausgrenzen.

Alles wie immer: Frauen, passt euch an!

Die Sache, die mich am meisten stört, ist die Entmenschlichung, die in den aktuellen Debatten deutlich wird. Die Meinungsführer im Streit um die Burka sehen nicht die Persönlichkeiten, die sich anders als sie kleiden, sie verwechseln sie mit einem Symbol in einem Kulturkampf, der für sie nur einen möglichen Ausgang haben darf: Anpassung an ihre Werte. Also Assimilation, nicht das Zusammenwachsen von unterschiedlichen Kulturen. Diejenigen, die sich gern als Befreier der muslimischen Frau gerieren, bewirken das Gegenteil von dem, das sie vorgeben: Sie wollen keine freien Frauen, sie wollen Frauen, die sich ihren Ideen unterwerfen. Sie wissen, was gut sein soll für andere, ohne sie überhaupt zu kennen – und zu wissen, was sie sich gerade wünschen. Elsa Koester fasst es für Neues Deutschland so zusammen:

„Eine zentrale Rolle spielen dabei patriarchale Strukturen und Dominanzgebaren auch der westlich sozialisierten Männer. Um die burkatragenden Frauen und ihre Perspektive geht es dabei am wenigsten. Es geht darum, wer hier über die Frauen bestimmt: das westlich-patriarchale Kulturmodell oder das muslimisch-patriarchale. Ein Revierkampf.“

Eine Frau zu sein mit einem eigenen Willen und einer Persönlichkeit, die sich vom Mainstream abhebt, ist auch 2016 in Deutschland noch eine Provokation. Wir können andere herausfordern und Angst hervorrufen, mit nichts Banalerem als unserer Kleidung. Mit einem Tuch, einer Bluse und Leoparden-Pumps fordern wir die Regeln heraus, die verbohrte Menschen für ihr geistiges Kleingartenparadies gemacht haben. 

Wir sollten diese Grenzen, von dem, was tragbar ist, nicht akzeptieren und so lange unbequem bleiben, bis es endlich egal ist, wie wir uns kleiden– und es die neue Selbstverständlichkeit wird, immer mehr von anderen wissen zu wollen, als nur woher ihr umwerfend schönes Kopftuch stammt oder die Jeans, das ihr so gut steht. Bis diese Männer (und Frauen: Hallo, Alice!) soweit sind, sollten sie sie frei nehmen, Modemagazine studieren und sich inspirieren lassen. Wir kümmern uns so lang gern um die wirklich wichtigen Dinge: Zusammenleben in Vielfalt.


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