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Welche Arbeitskultur Mitarbeiter brauchen, um kreativ zu sein

Wie entsteht Kreativität? Und was können wir tun, um kreativer zu werden? Der Psychologe und Kreativitätsforscher Siegfried Preiser erklärt im Interview, warum Konventionen unkreativ machen und wie man auch am Arbeitsplatz auf gute Ideen kommt.

 

„Kreativität ist angeboren“

Professor Siegfried Preiser ist Inhaber der Professur für Lebenslanges Lernen und Rektor an der  Psychologischen Hochschule Berlin. Mit Kreativität befasst sich Preiser bereits seit seinem Studium. Seine Forschungsarbeiten zum Thema führten ihn in Kindergärten, Schulen, Kliniken, Behörden und Betriebe, aber auch nach Senegal, Ägypten und China. 

Das Interview führte Peter Neitzsch für unseren neuen Kooperationspartner XING spielraum. Dort schreibt ein Autorenteam über die neue Arbeitswelt.

Herr Professor Preiser, um das Thema Kreativität ist eine ganze Coaching-Industrie entstanden. Sind wir zu langweilig, um ohne Hilfe kreativ zu sein?

Siegfried Preiser: „In unserer sozialen Umwelt und in der Arbeitswelt sind viele Hemmnisse vorhanden, die uns daran hindern, kreativ zu sein. Da gibt es gesellschaftliche Konventionen oder den vorauseilenden Gehorsam gegenüber dem Chef. Oft bestehen auch Vorannahmen darüber, was der Kunde will, ohne dass der Kunde überhaupt gefragt wurde.“

Lässt sich Kreativität erlernen oder ist das vielmehr eine Gabe?

„Kreativität ist angeboren. Jedes Kind entwickelt Hypothesen über die Welt und testet diese. Da wird einfach ausprobiert und manchmal klappt es und ein anderes Mal nicht, weil zum Beispiel der Turm aus Bauklötzen schief ist und umfällt. Aber ein Kind erfährt auch normative Grenzen seiner Kreativität: Wenn es die Tapete bemalt, werden die Eltern einschreiten.“

Wir werden also in unserer Kreativität eingeengt?

„Der größte Knick in der Kreativitätsentwicklung kommt mit der Einschulung. Dann wird die Spielfreude und Fantasie begrenzt, was zum Teil auch notwendig ist: Nur weil wir alle die gleichen Schriftzeichen benutzen, können wir uns verständigen. In China verleihen schon kleine Unterschiede in der Schreibweise einem Wort eine ganz neue Bedeutung, deshalb sind Schulkinder dort beim Zeichnen sehr viel weniger kreativ als bei sprachlichen Aufgaben. Da wird der Einfluss von Normen sichtbar.“

Wie entstehen denn neue und originelle Ideen im Gehirn?

„Kreativität ist dadurch gekennzeichnet, dass das Gehirn breiter als gewöhnlich aktiviert wird. Dabei werden Verknüpfungen genutzt, die bei einer Routine-Tätigkeit nicht zum Einsatz kommen. So werden beispielsweise visuelle, sprachliche und mathematisch-logische Vorstellungen gleichzeitig aktiviert.

Lässt sich Einfallsreichtum gezielt fördern?

„Kreativität wird vor allem durch Freiräume gefördert. Das ist in Kindergärten und Schulen genauso wie im Betrieb. Auch im Job sollte es die Möglichkeit geben, zu experimentieren und Neues auszuprobieren. Dafür braucht es aber eine offene Fehlerkultur: Unternehmen müssen verstehen, dass Fehler keine Katastrophe sind, sondern eine exzellente Lerngelegenheit.“

Was macht ein kreatives Arbeitsumfeld aus?

„Studien zum Kreativitätsklima zeigen, dass es vor allem auf vier Faktoren ankommt. Neben den erwähnten Punkten, Freiräume und Fehlerkultur, ist auch der Anregungsgehalt der Arbeit wichtig. Wie abwechslungsreich ist eine Tätigkeit? Sind Diskussion und Austausch möglich? Der vierte Punkt ist die zielorientierte oder intrinsische Motivation: Um kreativ eine Aufgabe zu lösen, muss man das Ziel sinnvoll finden und Freude am Weg dorthin haben.“

Was können Arbeitgeber konkret tun, um das Kreativitätsklima zu verbessern?

„Wer eine Weile die Farbe Grün ansieht, hat hinterher oft mehr Einfälle. Deshalb alle Büros grün zu streichen, wäre aber naiv – so etwas nutzt sich ab. Statt auf pauschale Ratschläge kommt es vielmehr auf eine Grundhaltung an, die es den Mitarbeitern erlaubt, neue Wege auszuprobieren, ihnen also ,grünes Licht‘ gibt.“

Wie wichtig ist der Einfluss der Arbeitsumgebung? Schaden Großraumbüros der Kreativität?

„Wichtiger als der Unterschied zwischen Großraum und Einzelbüro sind Variationsmöglichkeiten, also dass der Arbeitsplatz auch mal gewechselt werden kann. Ein Mitarbeiter muss sich zurückzuziehen können, um in Ruhe nachzudenken. Genauso braucht es einen Raum zum Austausch unter Kollegen. Auf diese Weise kann je nach Arbeitsphase die passende Umgebung gewählt werden.“

Brauchen wir gelegentlich Druck, um kreativ zu sein?

„Druck kann zum Handeln aktivieren, wenn wir einen Anstoß brauchen. Aber generell ist Druck und Stress allein aus physiologischen Gründen für die Kreativität eher hinderlich. Eine Wettbewerbssituation ist nur dann kreativitätsfördernd, wenn die Wettbewerber auch aus einer inneren Motivation heraus antreten.“

Was kann man tun, wenn sich gar kein Einfall einstellt?

„Kreativitätstechniken können helfen, Einfälle zu generieren. Am Anfang muss das Blickfeld erweitert werden. Eine Frage könnte sein: Wie würde ich das Problem einem kleinen Jungen erklären? Und welche Fragen würde er stellen? Laien können Fachprobleme oft nicht lösen, aber sie bringen einen frischen Blick auf die Dinge mit. Die Gefahr beim klassischen Brainstorming ist, dass die Ideen schnell wieder in genormte Bahnen gelenkt werden – vor allem wenn der Chef anwesend ist. Da greift der Konformitätsdruck der Gruppe.“

Welche Kreativitätstechniken können Sie empfehlen?

„Bei dem von mir entwickelten ,Brainwalking‘ werden Flipcharts im Raum verteilt, auf diese Weise können mehrere Fragestellungen gleichzeitig bearbeitet werden. Beim ,Brainwriting‘ werden Ideen notiert und dann von anderen weiter entwickelt. Das funktioniert auch als E-Mail-Kette. Und wer gar keine Einfälle hat, dem wird beim kreativen Schreiben geraten, genau das aufzuschreiben: ,Ich habe eine Schreibhemmung.‘ Allein dieser Vorgang regt schon bestimmte Partien im Gehirn an.“

Die besten Einfälle kommen doch ohnehin unter der Dusche oder beim Rauchen?

„Wenn wir uns für einen Moment nicht mit dem Problem befassen, können wir eine Denkblockade auflösen. Oft löst dann schon der Blick aus dem Fenster eine spontane Assoziation aus. Beim Grübeln wiederholen wir dagegen immer wieder dieselben Gedanken. In so einer Situation sollte man den Arbeitsplatz einfach kurz verlassen.“

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