Foto: Natasha Masharova I Flickr I CC BY 2.0

„Kunst ist keine Ware“

Ein Gespräch mit Cartier-Urgestein Alain Dominique Perrin und Regisseur David Lynch über Käuflichkeit und Blasen am Kunstmarkt.

„Arbeiten unter guten Bedingungen ist mein Luxus“

Was rettet die Welt, Luxus oder Kunst? Wenn das jemand beantworten kann, dann diese beiden Männer: Alain Dominique Perrin und David Lynch.

Monsieur Perrin, Sie gelten als knallharter Geschäftsmann. Wenn es um Kunst geht, werden Sie aber auf einmal ganz weich. Warum?

Alain Dominique Perrin: „Ganz einfach – weil ich sie brauche. Ich kann mir ein Leben ohne Kunst und ohne die Gesellschaft von Künstlern nicht vorstellen. Die Kunst gehört zum Leben wie die Luft zum Atmen.“

Was genau macht Kunst so lebensnotwendig?

Perrin: „Künstler sind heute die letzten freien Menschen, sie haben das Privileg, kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen.“

David Lynch: „Ich bin absolut seiner Meinung. In Frankreich schätzt man die Kunst wenigstens noch und behandelt auch die Künstler gut. Anderswo wird die Kunst doch sofort weggespart, wenn es am Geld fehlt. An Schulen ist Kunstunterricht immer das erste Fach, das zusammengestrichen wird.“

Perrin: „In Frankreich springt dann der Privatsektor ein. Die Cartier-Stiftung hat sich dem Zweck verschrieben, die Kunst zu feiern. Als Mäzen wohlgemerkt, wir erlauben keinem Künstler, dass er im Gegenzug etwas für das Unternehmen Cartier entwirft.“

David Lynch hätte keine Chance, seine düsteren Fantasien für Sie in Goldketten zu legen?

Perrin: „Nein, auch nicht in Handtaschen.“

Lynch: „Dabei gäbe das sicherlich tolle Honorare.“

Die Luxusindustrie versteht sich immer auch als Kunsthandwerk. Was ist so verwerflich daran, wenn sich ein Künstler für ein Haute-Couture-Label einspannen lässt?

Perrin: „Die Kunst ist in ihrem Wesen keine Ware. Leider ist sie mittlerweile dazu gemacht worden. Die Investoren fürchten sich vor dem Platzen der Kunstblase, weil sie nur ihre Spekulationen im Sinn haben. Genau damit aber haben sie diese fatale Entwicklung überhaupt erst losgetreten. Die Blase ist verdammt groß, und sie wird platzen, warten Sie’s ab. Sie greift ja schon auf alles über, selbst auf Bordeaux-Weine.“

Lynch: „Die sind auch unerhört gut.“

Perrin: „Aber viel zu teuer. Die Preise spielen komplett verrückt, es ist doch nur Wein.“

Mit Verlaub, Monsieur, Ihre Branche lebt doch gerade vom Hype um solchen Luxus.

Perrin: „Ich kann die Vokabel Luxus gar nicht ausstehen. Sündhaft teure Champagner, Weine, Mode, Teppiche, Autos, das ist doch alles kein Luxus, das ist nur teurer Krempel. Ich definiere Luxus über Kreativität und Werte, die überleben. Auf diesem Terrain sind wir erfolgreich. Unser Schmuck überdauert den Tag und wird von einer Generation zur nächsten weitervererbt. Im heutigen Sprachgebrauch ist Luxus zu einem Synonym für einen Haufen Geld geworden. Für einen Mann wie mich, der ständig reist, bedeutet Luxus etwas ganz anderes: nach Hause kommen, mit meiner Familie sein.“

Lynch: „Ich definiere Luxus niemals materiell. Arbeiten unter guten Bedingungen, das ist mein Luxus.“

Monsieur Perrin, Sie sind für die Gründung der Fondation Cartier fast verprügelt worden, für die Sie die Filme und Fotografien von David Lynch nach Paris gebracht haben. Warum?

Perrin: „Das war die Ära der Sozialisten unter François Mitterrand. Der damalige Kulturminister François Léotard warnte mich eindringlich, er sagte: „Passen Sie gut auf: Was Kunst ist in Frankreich, wird noch immer von den Kulturklerikern bestimmt.“

David Lynchs Filme sind verstörend und voller Gewalt. Passt das zum Image einer Luxusmarke wie Cartier?

Perrin: „David ist inzwischen eine nationale Ikone in Frankreich!“

Lynch: „Ich habe sogar den Orden des „Officier de la Légion d’Honneur“.“

Wenn man so will, verführen Sie beide Ihre Kunden – nur auf eine andere Art. Der eine mit funkelndem Geschmeide, der andere mit seiner Düsternismasche. Wie kommen Sie auf Ihre Ideen, Mister Lynch?

Lynch: „Durch transzendentale Meditation. Seit 41 Jahren ist kein einziger Tag vergangen, an dem ich nicht zweimal täglich für 20 bis 30 Minuten meditiert habe. Das ist so, als würde man bares Geld auf ein Bankkonto einzahlen.“

Monsieur Perrin, Sie meditieren nicht, aber Sie angeln leidenschaftlich gern. Kommt das aufs Gleiche raus?

Perrin: „Ich bin auch Segler. Nachts auf dem Boot erlebe ich die beste Zeit, wenn die anderen unter Deck schlafen. Das ist die perfekte Gelegenheit für mich, abzuschalten und endlich ungestört nachzudenken. Vom Meer geht eine ganz spezielle Energie aus, und es lässt sich von niemandem herausfordern.“

mm: Energiegeladen wie Sie sind, kann man sich kaum vorstellen, wie Sie da stundenlang ruhig sitzen und einfach nur das Ruder halten?

Lynch: „Er kann.“

Perrin: „Die größte Stärke ist auch im Business die Geduld. Man muss warten können …“

bis der Fisch am Haken zappelt. Und dann?

Perrin: „Dann braucht man ein Team. Ich bin Rugbyspieler, und der Teamgeist hat mir mein ganzes Businessleben geholfen, Erfolge einzufahren.“

Lynch: „Das ist beim Film genauso. Ohne die richtige Besetzung funktioniert es nicht. Gib ein und dieselbe Geschichte zehn unterschiedlichen Regisseuren, und das Ergebnis sind zehn Filme sehr unterschiedlicher Qualität.“

Und wer als Künstler scheitert, ist dann ähnlich geächtet wie in der Businesswelt?

Lynch: „Ich glaube an die Gemeinsamkeit im Scheitern.“ (lächelt)

Perrin: (schaut verdutzt).

Lynch: „Das war ein Witz.“ (Gelächter beider Herren)

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