Foto: Jez Timms | unsplash

Alltag als Paar: der Blick auf die kleinen Fehler des anderen

In langjährigen Paarbeziehungen schleicht sich Gewohnheit ein. Sieht der andere mich noch? Unsere Kolumnistin Nathalie Weidenfeld schreibt in dieser Woche über Unsichtbarkeit und Umgang mit Fehlern.

 

Gleichsam verpackt und unsichtbar

Es ist spät. Wir waren im Kino, dann in einem Restaurant. Ein schöner Abend. Jetzt sind wir zu Hause. Wir gehen ins Bad. Ich beginne, mich abzuschminken. Dann sehe ich es. Ein schwarzer Strich, direkt unter dem Auge. Jetzt weiß ich, warum die Leute mich die ganze Zeit so intensiv angesehen haben. Bestimmt ist sie Alkoholikerin, haben sie gedacht, kann halt nur mit zittrigen Händen ihren Lidstrich auftragen. Arme Frau. Vielleicht hat sie sowieso keinen Spiegel, weil sie unter der Brücke lebt. Wetten, dass der Mann an ihrer Seite nur jemand ist, der sie aus Erbarmen in ein Restaurant geführt hat, damit sie sich einmal satt essen kann. Ich drehe mich zu Heinrich um und werfe ihm einen bösen Blick zu.

„Du hättest mir ruhig etwas sagen können!“, sage ich.

„Was sagen?“, fragt mein Mann.

„Na was wohl?“, sage ich, aber Heinrich sieht mich nur mit großen Augen an. Könnte es sein, dass er mir deshalb nichts gesagt hat, weil er sich insgeheim freut, dass seine Frau aussieht wie eine Alkoholikerin, die unter einer Brücke lebt? Vielleicht, weil andere ihn dann bemitleiden? Oder andere Frauen sich trauen, mit ihm zu flirten, weil sie sich denken, dass die Sache mit der komischen Frau neben ihm sowieso nicht von Dauer sein kann?

„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst“, sagt Heinrich.

Ich sehe Heinrich fassungslos an. Bin ich für ihn etwa in Teilen unsichtbar geworden? Vielleicht passiert das mit Paaren, die schon einige Zeit zusammengelebt haben. So wie mit Alltagsgegenständen, mit denen man schon seit langem lebt und die seit Jahrzehnten am gleichen Ort stehen. Stühlen, Abfalleimer, Zahnbürsten … irgendwann ist der Umgang mit ihnen schon so automatisiert, dass man sie gar nicht mehr richtig wahrnimmt. Und irgendwann ist auch der andere, geliebte Mensch nichts weiter als eine unsichtbare Zahnbürste.

„Das ist schrecklich!“, rufe ich.

„Was ist denn?“, fragt Heinrich.

Wie Heinrich nicht mitbekommen kann, dass wir uns auf dem Weg in eine unwiederbringliche Unsichtbarkeit befinden, verstehe ich nicht.

„Siehst du denn nicht?“, frage ich verzweifelt.

„Aber was denn?“

Ich schweige und deute theatralisch auf den Lidstrich.

Heinrich kneift die Augen zusammen, geht einen Schritt vor und dann wieder zurück. Dann erhellt sich sein Blick.

„Ach, das da“ sagt er.  

Dann zuckt er mit den Schultern.

„Lächerlich, so ein Zirkus wegen ein bisschen schwarzer Farbe!“, murmelt er.

Ich sehe Heinrich versteinert an. Da sind wir nun, zwei Menschen auf dem besten Weg in die metaphysische Bedeutungslosigkeit und alles was er dazu zu sagen hat, ist „so ein Zirkus“?

Es besteht kein Zweifel, dass unbedingt etwas geschehen muss, die Frage ist nur: Was?

In der Literaturtheorie gibt es die These, Kunst habe die Aufgabe, Dinge, die – wie Viktor Shlovksy 1917 schrieb, „gleichsam verpackt an uns vorübergehen“ – wieder sichtbar zu machen. So gesehen liegt die Lösung eigentlich auf der Hand. Um für Heinrich wieder sichtbar zu werden, muss ich mich selbst zum Kunstwerk machen. So wie Marina Abramovic. In ihren Performances hat sie sich etwa stundenlang nackt auf Eisblöcke gesetzt, sich in die Haut geritzt bis sie fast daran verblutet wäre und ist gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten nackt gegen bewegliche Betonsäulen gelaufen. Hunderte, Tausende Menschen kamen, um sie anzusehen und jede ihrer Bewegungen zu verfolgen. Wetten, dass wenn Abramovic einen verrutschten Lidstrich gehabt hätte, die Menschen es sofort bemerkt hätten?

Viele Performances später trennte sich Abramovic übrigens von ihrem Lebensgefährten. Er verklagte sie und sie wurde tibetanische Buddhistin. Irgendwie deprimierend.

„Kommst du ins Bett?“ fragt mein Mann.

Immerhin redet er noch mit mir. Vielleicht muss ich doch nicht gegen bewegliche Betonsäulen rennen.

„Hast du dich abgeschminkt?“ fragt mich mein Mann. „Da unter dem rechten Auge ist noch was!“

Ich atme auf. Ich bin wieder ein Mensch, denke ich. Weder eingepackt, noch unsichtbar. In gewisser Weise könnte man auch sagen: Eigentlich ist nur mein Lidschatten ist verrutscht. Lächerlich, so ein Zirkus wegen ein bisschen schwarzer Farbe!

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